Führungsrolle abgeben und Fachlaufbahn entwickeln

Das Zentrum Berufs-, Studien- & Laufbahnberatung am IAP durchläuft eine Reorganisation weg von der klassischen Führungsstruktur und hin zu mehr Selbstorganisation. Wir werden an dieser Stelle sporadisch über unsere Erfahrungen in diesem Prozess berichten. Den Auftakt macht Marc Schreiber, der Leiter des Zentrums für Berufs-, Studien- & Laufbahnberatung. Er berichtet über seine Entscheidung, die Führungsrolle aufzugeben und seine Fachlaufbahn weiterzuentwickeln.

Meine berufliche Identität innerhalb der ZHAW spielt sich seit 10 Jahren im Kontext von vier verschiedenen Rollen ab: Berufs-, Studien- und Laufbahnberater, Dozent, Zentrumsleiter und Forscher. Wenn mich jemand fragt, was ich beruflich mache, ist meine häufigste Antwort: Ich arbeite an der Fachhochschule, bin dort Laufbahnberater und wir bilden bei uns die zukünftigen Berufs-, Studien- und Laufbahnberatungspersonen aus. Meiner Antwort entnehme ich, dass die beiden Rollen als Berater und Dozent wesentlich sind für meine berufliche Identität. Auch wenn die Führungsrolle für meine Identität eher nicht zentral ist, so erfüllt sie mich dennoch mit Stolz.

Am IAP bieten wir Dienstleistungen und Weiterbildungen in einem anspruchsvollen Marktumfeld kostendeckend und zu Marktpreisen an. Um dies in hoher Qualität und marktattraktiv tun zu können, braucht es eine klare strategische Ausrichtung am Markt und die Bereitschaft aller Mitarbeitenden, sich an die strategischen, finanziellen und organisationalen Rahmenbedingungen zu halten. Als ich 2012 die Zentrumsleitung übernommen habe, war das Zentrum bereits gut aufgestellt. Ich war mir damals sehr bewusst, dass es in Zukunft in meiner Verantwortung liegen würde, gemeinsam mit dem Team die anspruchsvollen Ziele zu erreichen. Die Führungsaufgabe bringt Sonnenseiten mit sich, für mich insbesondere, wenn wir Inhalte, Themen und konkrete Methoden gemeinsam weiterentwickeln, wenn wir von aussen als Kompetenzzentrum für die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung wahrgenommen werden und natürlich auch wenn die Zahlen stimmen. Zudem hat mir die Führungsrolle die Möglichkeit gegeben, wichtige Themen im Bereich der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung unkompliziert vorantreiben zu können. Aber zur Führung gehört auch, Prozesse und Rahmenbedingungen zu etablieren und diese bei Bedarf auch zu kontrollieren oder durchzusetzen. Dabei ist das übergeordnete Ziel, den strategischen Fokus innerhalb des vorgesehenen Budgets im Focus zu halten.

Ressourcenintensive Führungsarbeit: Balance zwischen Bedürfnissen der Mitarbeitenden und dem Bedarf der Organisation

Ende 2018 habe ich mich entschieden, meine Führungsrolle am IAP per Ende Juli 2019 aufzugeben. Diese Entscheidung hat mich stark gefordert und wurde durch zwei wesentliche Anforderung und Ansprüche getrieben: zum einen ist dies mein Anspruch an eine durchaus aufwändige und einnehmende Führungsarbeit, und zum anderen mein Anspruch an meine kontinuierliche Profilierung als Experte im Bereich der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung. Der Anspruch beides gleichberechtigt zu verfolgen, führt in das klassische Spannungsfeld oder auch Dilemma zwischen Fach- und Führungsaufgaben, welches auch ein zentraler Inhalt in vielen meiner Laufbahnberatungen mit Klientinnen und Klienten ist.

Für den strategischen und finanziellen Erfolg der Organisationseinheit erachte ich es als zentral, dass die Strategie des IAP sowie die Vorgaben der ZHAW mit den Bedürfnissen der einzelnen Mitarbeitenden aktiv abgestimmt und synchronisiert werden. Das ist für mich selbstverständlich für eine geführte Hochschule, entsprechend dem Leitbild der ZHAW. Als Führungskraft habe ich diese Aufgabe als sehr zeitintensiv und bisweilen auch herausfordernd erlebt. Obwohl für mich die Führungsaufgabe eher nicht primär identitätsstiftend ist, konnte ich mich sehr gut damit identifizieren und ich habe die Aufgabe als sehr befriedigend erlebt. Befriedigend deshalb, weil ich von den Mitarbeitenden immer viel Verständnis erlebt habe, auch wenn ich ihre persönlichen Ideen und Bedürfnisse mit Blick auf die IAP-Strategie nicht immer unterstützen konnte und es Mitarbeitenden nicht immer möglich war, diese im Rahmen der Arbeitszeit umzusetzen.

Dazu kommt die Pflege der Führungskultur am IAP. Damit meine ich, im Führungsgremium Führungsthemen zu diskutieren und auszutarieren, z.B. wenn es um die Frage der richtigen Balance zwischen dem Schaffen von Freiräumen für die Mitarbeitenden und der konsequenten Umsetzung der strategischen Stossrichtungen geht. Beide Aspekte sind wichtig und müssen in einer Expertenorganisation auch nicht unbedingt auseinanderdriften. Dennoch nimmt die Abstimmung und Auseinandersetzung im Führungsgremium mit diversen Ansichten und Haltungen Zeit und Energie in Anspruch. Dabei liegt es im Sinne der Sache, dass Führungskräfte einen substanziellen Teil ihrer Arbeitszeit damit verbringen, Abstimmungsprozesse zu gestalten oder zu begleiten.

Bei der individuellen Auseinandersetzung mit meiner beruflichen Identität und meiner individuellen Ressourcenverteilung habe ich jedoch gemerkt, dass meine berufliche Identifikation stärker in Richtung Fach- als in Richtung Führungsfragen geht und dass ich meine Führungsrolle aufgeben möchte. Die Entscheidung war nicht einfach, denn ich habe die Führungsrolle, insbesondere die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen und mitgestalten zu können, sehr geschätzt. Aber die Aussicht auf mehr Raum, mich wieder auf den roten Faden meiner beruflichen Identität zu besinnen, hat obsiegt.

Perfekte Ausgangslage für fachliche Entwicklung am IAP

Ich bin zum Schluss gekommen, dass ich mich stärker fachlich mit den Themen Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung, Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik, die mir sehr am Herzen liegen, auseinandersetzen möchte. Dabei möchte ich neben der Dienstleistung und Weiterbildung vermehrt auch wieder angewandte Forschung betreiben, mit dem Ziel, den strategischen Fokus des IAP und die Vision, Leuchtturm zu sein, zu verfolgen. Das Spannungsfeld zwischen “Freiraum für Innovation” und “selbsttragenden Angeboten” wird mich weiterhin beschäftigen. Sowohl Beratungen als auch Weiterbildungsgefässe auf einem soliden theoretischen Fundament aufzubauen und evidenzbasiert weiterzuentwickeln, ohne dabei öffentliche Gelder in Anspruch zu nehmen, erlebe ich als möglich, aber auch als sehr herausfordernd.

Das IAP ist für mich der perfekte Ort dafür. Seit 10 Jahren erlebe ich das IAP als Mitarbeiter. In den 10 Jahren hat mir das IAP ermöglicht, mich fachlich weiterzuentwickeln, wie ich es mir an keinem andern Ort hätte denken können. Es ist absolut einzigartig, dass ich am IAP sowohl in der Praxis als Berufs-, Studien- und Laufbahnberater als auch als Dozent und Forscher in denselben Themen tätig sein kann. Meine fachliche Entwicklung, die mir auch den Titel Professor FH gebracht hat, führe ich im Wesentlich auf diese spannende Kombination von Theorie und Praxis zurück. Ich werde in Zukunft die zentralen Pfeiler meiner beruflichen Identität, für die ich während meiner Zeit als Zentrumsleiter nicht immer die nötige Zeit gefunden habe, wieder stärken können.

Mehr Selbstorganisation braucht auch mehr Struktur

Es freut mich sehr, dass mein Entscheid sowohl von der IAP-Leitung als auch von der Departementsleitung getragen wird. Ich bin überzeugt, dass wir als Team auch vermehrt selbstorganisiert sehr gut funktionieren können, wenn wir es schaffen, eine Struktur zu etablieren, die mit klaren und effizienten Prozessen und Entscheidungswegen verbunden ist. Schon heute arbeiten wir über weite Strecken selbstgesteuert, insbesondere in der Umsetzung unserer beiden Kerngeschäfte Beratung und Weiterbildung. In Zeiten von Holokratie, Soziokratie, Agilität und damit einhergehend Selbststeuerung wird sich uns aus meiner Sicht eine grosse Herausforderung stellen: Wie schaffen wir es, Selbstorganisation auf der einen Seite und Fokus auf die gemeinsame Vision auf der anderen zu vereinen? Wie schaffen wir es, Selbstorganisation nicht als Laissez-faire zu verstehen und bei der Umsetzung die entsprechenden Strukturen zu etablieren? Aus meiner Sicht erliegen Organisationen und Mitarbeitende einem grossen Missverständnis, wenn Selbstorganisation verwechselt wird mit einer Haltung, die keine Grenzen mehr setzt oder einer Haltung, die davon ausgeht, dass individuelle Verwirklichung zwangsläufig zum Unternehmenserfolg führen wird. Als jemand, der sich nur am Rande mit diesen neuen Konzepten auseinandergesetzt hat, stelle ich mir vor, dass Selbststeuerung einher gehen muss mit klaren Strukturen, Entscheidungswegen und damit auch mit einer klaren Hierarchie, auch wenn diese sehr flach sein kann. Nur so können die Mitarbeitenden mit ihren individuellen Bedürfnissen konsequent auf die Vision und Strategie der Organisation bezogen arbeiten.

Ich begrüsse es sehr, dass Christoph Negri als Leiter des IAP entschieden hat, das Zentrum für Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung neu zu organisieren und in Richtung eines selbstorganisierten Teams auszurichten. Ich freue mich auf meine neue Rolle und auf den gemeinsamen Weg hin zu mehr Selbstorganisation in meinem Team.


3 Kommentare

  • Hoi Marc. Danke für deine Gedanken. Ich kann deine Erwägungen gut nachvollziehen, viele unserer Klienten/innen ringen mit ähnlichen Entscheidungen. Dir und deinem Team wünsche ich weiterhin viel Befriedigung und Erfolg. Beste Grüsse aus Luzern.

  • Lieber Luc
    Vielen Dank für deine Reaktion auf meinen Blog. Das freut mich sehr!
    Lieber Gruss und auf ein ander Mal
    marc

  • Hallo Marc
    Tönt spannend und gespannt bin ich auch auf die Erfahrungen, die eine Wissensorganisation wie das Zentrum für BSLB mit der Selbstorganisation macht. Ich kann mir gut vorstellen, dass auch die öffentlichen BIZ von euren Erfahrungen profitieren können im Hinblick auf die kommenden Herausforderungen im Bereich der BSLB.
    Lieber Gruss, Thomas


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