Psychologisches Wissen für Führungskräfte

Das neue Handbuch Angewandte Psychologie für Führungskräfte ist in seiner 5. überarbeiteten Auflage erschienen. Neben den klassischen Führungsthemen, wurden die Kapitel um zahlreiche komplexe Führungssituationen erweitert, welche die VUCA-Welt mit sich bringt. Auch der Umgang mit psychischen Störungen am Arbeitsplatz wurde in dieser Neuauflage thematisiert.

Wie gebe ich meinem Team ein Gefühl von Sicherheit in Zeiten konstanter Restrukturierungen? Wie mache ich meine Mitarbeitenden fit für die neue Agile Organisation? Und wie kann ich Konflikte im Team erkennen, bevor sie für alle zum Problem werden?

So, oder ähnlich, lauten die Fragen, die Führungskräfte immer wieder stellen. Einfache Antworten auf diese Fragen gibt es nicht, denn Organisationen sind «lebendige Systeme». Sie sind – wie die Menschen selbst – individuellen Parametern unterworfen: ihrer Kultur, ihrer Diversität, ihren gelebten Werten und nicht zuletzt dem Umfeld, in dem sie sich behaupten müssen.

Das Handbuch Angewandte Psychologie für Führungskräfte ist aus diesen praktischen Fragen von Führungspersonen entstanden. Co-Herausgeber Urs Jörg erklärt: 

 

Kompaktes Wissen für den Führungsalltag

Erstmals erschienen ist dieses Handbuch Ende der 1990er-Jahre. Da sich das Verständnis von Führung seit dieser Zeit stark verändert hat, wurde auch das Werk über die Jahre konstant angepasst. Heute – genau 20 Jahre später – ist es in seiner 5. Auflage erschienen. Noch immer gilt es als das einzige Standardwerk, das alle Themen rund um die Psychologie im Führungsalltag behandelt. Aufgeteilt sind diese Themen in 4 übergeordnete Kapitel:

  • Grundlagen des Führungsverständnisses
  • Die aktive Gestaltung der eigenen Führungsrolle
  • Die Gestaltung von Rahmenbedingungen für die erfolgreiche Rollenübernahme der Mitarbeitenden
  • Das Management komplexer Führungssituationen

Unter diesen Hauptkapiteln gehen die Autorinnen und Autoren auf alle grundlegenden Situationen und Handlungsfelder von Führung ein. Der Fokus liegt dabei auf einem vertieften Blick auf die psychologischen Komponenten und die wissenschaftlich basierten Konzepte, die den jeweiligen Herausforderungen zugrunde liegen. Für Führungskräfte wird dieses Buch daher zum idealen Ratgeber, für alle Fälle. Natürlich heisst das nicht, dass damit alle Fälle gelöst werden können. Dafür ist das (Arbeits)leben dann doch zu vielfältig. Für einen schnellen Überblick, die wesentlichen Wissensgrundlagen und erste Ansätze zu einer proaktiven Lösung ist es jedoch ein wertvoller Begleiter.

Grundlagen des Führungsverständnisses

Wer nun denkt: «Führung ist doch ein Thema der letzten Generation», der irrt. Natürlich wollen jüngere Generationen mehr Selbstbestimmung und mehr Flexibilität in ihrem Arbeitsalltag. Und natürlich gibt es auch immer mehr Unternehmen, die «agil» aufgestellt sind, deren Teams also weitestgehend selbstständig Ziele verfolgen. Doch Führung braucht es trotzdem. Andres Pfister, Mitherausgeber des Kompendiums, berät Führungskräfte in diversen grossen Unternehmen. Seiner Meinung nach wird Führung nicht verschwinden, sondern lediglich die Bandbreite ihrer möglichen Formen erweitern.  

Andres Pfister

«Wir alle führen und werden geführt, ob wir wollen oder nicht. Wir alle nehmen Führungsrollen ein, auch wenn niemand sagt: Jetzt führst du! Hierbei werden wir von einer Vielzahl an Faktoren in unserem Führungsverhalten beeinflusst, und es gibt viele Wege, wirkungsvoll zu führen, um die wichtigen Führungsaufgaben zu erfüllen. Das Kapitel «Grundlagen des Führungsverständnisses» führt einerseits durch die Geschichte der Menschenbilder, welche unser Verständnis von Führung massgeblich geprägt haben. Es zeigt die Entwicklung der Führungslehre auf und beschreibt, welche Verhaltensweisen effektiv sind. Um die eigene Rolle jedoch ganzheitlich zu verstehen, hilft vor allem das Rollenmodell der Führung sowie das sozio-technische Organisationsmodell, das in diesem Buch beschrieben wird». (Andres Pfister, Co-Herausgeber)

Das Buch stellt Vorgesetzten in diesem Kapitel zudem einen Führungskompass zur Verfügung, der als Leitfaden für wirksame Führung dienen kann.  

Die aktive Gestaltung der eigenen Führungsrolle

Wie passt Führung ins Zeitalter der Agilität? Wie steht es um die selbstbestimmten Arbeitsformen einer Generation Z? Besonders aus dem Blickwinkel eines neuen Führungsverständnisses ist die Führung der eigenen Person mindestens so wichtig, wie die Führung von Mitarbeitenden. In einer immer individualisierteren Welt werden die Erwartungen automatisch erhöht. Bevor man jedoch hohe Erwartungen an seine Umwelt stellt, sollte man wissen, wie die Menschen in dieser Umwelt funktionieren. So geht es denn im Kapitel «Die aktive Gestaltung der eigenen Führungsrolle» um psychologische Grundlagen, neuro-systemische Betrachtungen, Emotionen, Wahrnehmung und nicht zuletzt um die Art und Weise, wie Informationen in unserem Gehirn verarbeitet werden. Es geht um die Identität von Menschen und deren Ausstauch mit anderen. 

Tamara Garcia«Im Kapitel Psychologische Grundlagen für Führungskräfte zeigen wir auf, wie Führungskräfte sich selbst und ihr Umfeld besser verstehen können. Dabei stehen Wahrnehmungsprozesse, Emotionen und nicht zuletzt aktuelle Erkenntnisse der Lernforschung im Zentrum. Herzstück des Kapitels ist aber das Neuropsychologische Modell. Die Neurowissenschaften geben einen spannenden Einblick in die Region des Körpers, wo die vermeintlichen Entscheidungen getroffen werden.» (Tamara Garcia, Co-Autorin)

 

Die Gestaltung von Rahmenbedingungen für die erfolgreiche Rollenübernahme der Mitarbeitenden

Die beratende und coachende Funktion von Leadership hat in den vergangenen Jahrzehnten einen immer wichtigeren Stellenwert eingenommen. Einerseits müssen Vorgesetzte ihre Mitarbeitenden entwickeln, ihnen beratend und coachend zur Seite stehen. Andererseits sind Führungskräfte angehalten, sich auch gegenseitig zu unterstützen, um gemeinsam die von der Organisation geforderten Ziele zu erreichen. Und dann sind da die Beratungssituationen, in denen Führungspersonen selbst beraten werden (müssen). Wer hat sich nicht schon geärgert über externe Berater, die die ganze Organisationsstruktur in Frage stellen, alles umkrempeln, neu aufstellen und sich dann verabschieden und bei den Mitarbeitenden Orientierungslosigkeit und Widerstand zurücklassen? Dem Hauptherausgeber und Initiator des Handbuches Angewandte Psychologie für Führungskräfte, Eric Lippmann, war es deshalb wichtig, ein umfassendes Bild von Beratung zu vermitteln.

Ob Experten-, Prozess- oder Komplementärberatung, ob Coaching oder Supervision: Nach diesem Kapitel wissen Führungskräfte, worauf es in welcher Beratungssituation ankommt.

Das Management komplexer Führungssituationen

Die Globalisierung hat inzwischen ihren Preis eingefordert und die Konsequenzen der Digitalisierung sind in vielen Unternehmen (teils schmerzhaft) spürbar. Führungskräfte finden sich zunehmend in Situationen, deren Komplexität die anstehenden Entscheidungen schwieriger macht. Wie Führung in komplexen, interkontinentalen Projekten gelingen kann, haben die Autorinnen und Autoren im letzten Kapitel zusammengefasst. 

Interkulturelle Kompetenzen, Diversity Management und Change-Prozesse sind klassische Themen, die immer wieder zu Fragen führen. Wie gehe ich zum Beispiel mit Mitarbeitenden um, die psychische Probleme haben, diese jedoch nicht selbst lösen können und dadurch langfristig in ihrer Arbeitsleistung beeinflusst werden? Darf ich Mitarbeitende als Führungskraft auf ihre persönlichen Probleme ansprechen? Oder ist das ein Übergriff, der eine Diversity-Fachperson auf den Plan ruft? Und was mache ich mit Mitarbeitenden, deren kulturelle Prägung sehr viel mehr Offenheit zu körperlicher Nähe beinhaltet als es die Firmenkultur vorsieht? Und was ist im umgekehrten Fall, wenn Zusammenarbeit aus gender-technischen Gründen boykottiert wird? 

 

In der Krise sollte man die Chancen sehen…. Das sagt sich sehr einfach. Die Krise betrifft eine Führungsperson aber meist ebenso wie die Mitarbeitenden. Und am Ende sind wir alle Menschen und reagieren auf Krisen eben menschlich. Darum ist es für Führungskräfte besonders wichtig, die eigenen Gefühle zu verstehen, die Reaktionen ihrer Mitarbeitenden einordnen zu können, und die Natur von Widerstand und Ablehnung richtig zu interpretieren. Change-Experte, Volker Kiel, erklärt in seinem Beitrag zum Thema Veränderungsprozesse, wie Führungsverantwortliche die Chancen im Bereich “Mensch” auch in der Krise erkennen und nutzen können.

In unserer VUCA-Welt ist also selbst der Widerstand von Mitarbeitenden eine Chance, die Führungskräfte zu nutzen wissen sollten. Voraussetzung dafür sind jedoch das Wissen um die psychologische Aspekte, der Mut, die Dinge anzusprechen und die Offenheit, jede Situation immer wieder aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.


Handbuch Angewandte Psychologie für FührungskräfteDas Handbuch Angewandte Psychologie für Führungskräfte ist 2019 in seiner 5. Auflage im Springer Verlag erschienen. Das kompakte Standardwerk dient Führungsverantwortlichen dabei, die psychologischen Aspekte von Führung besser zu verstehen und ihre Selbstwirksamkeit dadurch zu verbessern. Die kurzen Zusammenfassungen am Ende jedes Themen-Abschnittes sind besonders hilfreich für Schnell-Leserinnen.



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