Willow Wau Wau in der Psychotherapie

Darf ich mich vorstellen? – Mein Name ist Sir Willow Wau Wau von Rechsteiner, ich bin dunkelhaarig, habe eine schlanke, sportliche Figur und bin knapp 3-jährig. Ich esse für mein Leben gern, genauso gern bin ich aber auch draussen in der Natur unterwegs. Dort liebe ich alles, was meine Nase erschnuppern und meine Zähne beissen können, besonders Holz in jeder Form. Seit Kurzem bin ich in meine neue WG gezogen. Ich habe eine ziemlich anstrengende Ausbildung hinter mir, übrigens mit Bravour absolviert, so meine ich, und bin nun als Führhund meiner Menschin immer ein paar Nasenlängen voraus. Wir sind ein echt gutes Team, und ich begleite sie, wohin sie geht – es sei denn, ich schlafe – was ich übrigens auch für mein Leben gern tue.

Es kommt selten vor, dass ich nach meiner Meinung gefragt werde. Und vielleicht findest du es ja auch total unspektakulär. Doch da ich nun die Gelegenheit habe, möchte ich dir erzählen, was ich erlebe, wenn ich mit meiner Menschin an den Ort gehe, wo es besonders viele Menschen, langweiligen Asphalt, aber immerhin ein paar spannende Duftspuren gibt. Und manchmal auch ein paar Hot-Dog-Resten am Boden, die ich mir schnappen kann.

 

Wenn wir an dem Ort ankommen, wo wir den Tag verbringen, bin ich meistens ziemlich schlapp, musste ich doch meine Menschin quer durchs Gewimmel lenken. Doch dann kommt ein Highlight: Meine Menschen-Freundin packt ihre Sachen aus, und ich schleiche ihr um die Beine, gucke in ihren Rucksack, wedle mit dem Schwanz und schlecke mir das Maul, bis sie nicht mehr widerstehen kann. Dann stellt sie mir einen Napf mit Futter hin. Während sie dann an eine Maschine sitzt, auf der sie ihre Finger tanzen lässt, oder Dinge im Raum herumträgt, fläze ich mich gemütlich auf mein Bett in der Ecke. Nun beginnt nämlich der gemütliche Teil für mich.

Irgendwann geht es dann los: Sie schliesst das Fenster, macht schön Licht und verschwindet aus dem Raum. Das nächste, was ich sehe, ist, dass sie in Begleitung eines anderen Menschen zurückkommt und beide Platz nehmen. Das geht dann mehr oder weniger den ganzen Tag so weiter: Jemand kommt. Jemand geht. Ein neuer Jemand kommt, ein neuer Jemand geht…… und dazwischen sitzen sie rum und reden immer viel.

Die Menschen, die zu uns kommen, bringen ganz unterschiedliche Düfte mit. Manchmal rieche ich einen Rudelführer, manchmal gleichzeitig auch Angst, manchmal viel Traurigkeit, manchmal ganz grosse Müdigkeit, so dass ich gern mein Bettchen teilen würde. Manche kommen gebückt von schweren Fragezeichen auf den Schultern, manche sprechen ganz leise und zögerlich. Und manche sitzen da und würden wohl am liebsten an den Revierbaum pinkeln, wenn es denn einen hätte.

Eigentlich macht meine Menschen-Freundin nicht viel. Weder streichelt sie ihre Besucher, noch gibt sie ihnen Futter, noch spielt sie mit ihnen oder wirft Stöcke – das wäre doch einfach supertoll! Und doch passiert es ganz oft, dass ich einen anderen Geruch rieche, wenn die Leute den Raum verlassen. Manchmal ist da mehr Freude, manchmal weniger Last. Und oft etwas weniger angespannte Gesichter und trockenere Hände. Ich weiss nicht, wie meine Menschin das macht, aber es scheint zu funktionieren.

Wie bitte? Du möchtest wissen, wie die Menschen, die zu uns kommen, auf mich reagieren? Ganz unterschiedlich. Manche sind total freudig und wollen gleich mit mir spielen – und ich natürlich auch mit ihnen! Doch meine Menschin sagt mir immer viel zu schnell, dass ich wieder auf meinen «Posto» gehen soll. Oft stelle ich mich dann absichtlich schlafend, damit sie ihre Arbeit machen kann. Manchmal schlafe ich aber auch tatsächlich ein, und dann kommt es vor, dass ich schnarche, da bin ich dann total entspannt. Auch schon habe ich dann beim Erwachen ganz genau gespürt, wie wohl sich die Leute fühlen, wie sicher dieser Ort ist, wie gemütlich. Manche Leute sind etwas abweisend mir gegenüber, aber das stört mich gar nicht. Ich bin sicher, dass sie früher oder später meinem ruhigen, besonnenen, freundlichen Charme nicht widerstehen können.

Zwischendurch gibt es für mich dann auch mal wieder was Spannendes, wenn wir zusammen raus gehen und ich die Wiese ums Eck genau inspizieren kann. Ich hätte jeweils noch viel mehr Geduld zum Herumschnuppern, aber meine Menschin möchte oft viel zu bald zurück. Sobald wir uns auf den Rückweg machen, pressiere ich aber sofort auch, denn ich weiss: Auf mich wartet nochmals eine leckere Belohnung. Und meistens sehe ich dann im Kaffeeraum noch das Rudel meiner Menschin. Das gefällt mir auch sehr gut. Einige davon sind nämlich ganz besonders verspielt, und so geniesse ich hin und wieder auch eine Tummelrunde mit ihnen. Oder ich werde so richtig ausgiebig gestreichelt. Oder ich bekomme wenigstens mal wieder gesagt, was für ein besonders Schöner ich bin. Was übrigens stimmt!

Irgendwann ist es Abend. Meine Menschen-Freundin packt die Sachen, und wir machen uns auf den Heimweg. Für mich gilt jetzt nochmals: Volle Konzentration durchs Gewimmel. Aber ich weiss, zuhause erwartet mich nochmals ein ausgiebiger Spaziergang, auf dem ich meine Energie und die vielen Eindrücke des Tages voll rauspowern kann – das tut übrigens auch meiner Menschin gut.

Wenn es dann Zeit fürs «Guetnacht-Guetzli» ist und ich mich anschliessend auf meiner Decke niederkuschle, gehen mir all die Momente des Tages durch den Kopf…. Ich sehe die Menschen, die heute da waren, die Tränen, die geflossen sind, das erleichterte Lachen und die vielen Momente des Schweigens. Ich sehe die Menschen, die mir verstohlen einen aufmunternden Blick zuwerfen, mich anschauen und in ihrer Erinnerung weit zurückgehen. Einige haben sogar mit mir geflirtet. Meine Menschin merkt das nicht immer, aber ich sehe es ganz genau und weiss: Eigentlich kommen die Leute wegen mir.

Über den Autor
Voller Name: Sir Willow Wau Wau von Rechsteiner
Haarfarbe: schwarz – noch ganz ohne grau
Idealgewicht: 29 Kilo, zurzeit leider noch etwas auf Diät
Traumberuf: Führhund oder Förster
Motto: Streichle mich, wer kann!
Schreibt Blogs seit: Das ist mein Allereinzigster. Aber wer weiss….


2 Kommentare

  • Dem schliesse ich mich gerne an, liebe Gabi.
    Sehr persönliche Befindlichkeiten mit den Begebenheiten des Tages so gekonnt zu verknüpfen, ist sehr erhellend und berührend. Ich denke, dass ich einiges über dich erfahren habe.
    Dies aus der Perspektive von Sir Willow zu erzählen, ist eine wunderbare Idee! Kompliment.
    Herzlich, Gérard


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