Manchmal erleben wir uns im Einklang mit uns selbst und der Welt. In anderen Momenten erleben wir genau das Gegenteil. Wir haben vielleicht auch bereits erkannt, dass uns Stille guttut. Auch die Idee der Meditation erscheint durchaus nachvollziehbar. Aber was hat das Ganze mit Führung zu tun? Im folgenden Beitrag wird die Bedeutung der Meditation in den Bereichen Führung in Veränderungsprozessen und Umgang mit Konflikten beleuchtet.

Von Thomas Klink, Dozent und Berater am IAP Institut für Angewandte Psychologie

Die Frage, wie ich die Meditation in meinen Führungsalltag integrieren kann, beschäftigt mich seit zirka 15 Jahren. Die Meditationspraxis half mir immer wieder, wichtige Fragestellungen mit Abstand und im Kontakt mit meinen Werten zu beantworten. Selbstverständlich habe ich dabei auch Fehler gemacht, und ich würde manche Führungssituation heute anders anpacken. Allerdings geht es bei der Meditation nicht darum, mit einem Dauerlächeln schwebend durch die Korridore zu gleiten, sondern um das Menschsein mit allen Ecken und Kanten. Mit der Zen-Meditation steht uns ein Instrument zur Verfügung, in der Dynamik des Alltags innezuhalten und aus der Stille unseren Lösungsraum zu erweitern. Dass wir im Trubel des Alltags hin und wieder die Ideallinie verlassen und uns selbst in Widersprüchen verlaufen, hindert uns nicht daran, bestehende Muster und Automatismen zu hinterfragen und diese aus der Perspektive der Stille und des Mitgefühls zu betrachten. Deshalb möchte ich hier zwei relevante Führungsthemen vorstellen, bei denen Meditation ihre Wirkung entfalten kann: Die Führung in Veränderungsprozessen und den Umgang mit Konflikten. Zudem stelle ich mit freundlicher Genehmigung der Zen-Meisterin Anna Gamma eine mögliche einfache Umsetzung der Meditationspraxis vor.

Führung in Veränderungsprozessen

Veränderungsprozesse sind im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung nicht mehr Ausnahmesituationen, sondern werden immer häufiger zu einem Dauerzustand. Oft erlebe ich, dass neue Veränderungsvorhaben angestossen werden, bevor die aktuelle Veränderung abgeschlossen ist. Im Austausch mit Führungskräften wird mir immer deutlicher, dass der bewusste Wechsel zwischen Beschleunigung und Entschleunigung eine Führungskompetenz darstellt, die in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen wird. 

CAS-Teilnehmende während der Sitzmeditation
Meditations-Workshop für Führungskräfte

Den Blick für das Wesentliche schärfen

Die ständig ändernden Rahmenbedingungen verlangen von Führungskräften ein erhöhtes Mass an Anpassungsleistung und Agilität. Während Zeiten des Wandels kommt zum Tagesgeschäft das Zukunftsgeschäft hinzu und viele Führungspersonen verspüren dadurch einen enormen Druck. Dazu kommen die Erwartungen der eigenen Vorgesetzten und die Bedürfnisse der zu führenden Mitarbeitenden. Dies verlangt Reflexion und den ehrlichen Kontakt zu verschiedensten Anspruchsgruppen. Auch wenn Führungskräfte eine Sicherheit in ihrem Handeln ausstrahlen sollten, ist das Hinterfragen der eigenen Prämissen dennoch permanent notwendig. Die eigene Art des Arbeitens steht dabei auf dem Prüfstand und wichtige persönliche Werte kommen zunehmend unter Druck. Die Zen-Meditation ermöglicht es, sich zu zentrieren und den Blick für das Wesentliche zu schärfen. Irritationen und Detailfragen werden durch die Konzentration auf den Atem bewusst losgelassen. Dadurch öffnet man sich für das grosse Bild und für die eigenen Werte.

Loslassen lernen

Eine besondere Herausforderung ist das Loslassen. Führungskräfte und Mitarbeitende stehen in Veränderungsprozessen immer wieder vor der Situation, jemanden oder etwas loszulassen, zum Beispiel ein Team, eine Funktion oder einzelne Mitarbeitende. Dies kann Trauer, Angst, Unsicherheit und Widerstand auslösen. Genau in diesen Situationen des unwiderruflichen Wandels ermöglicht uns das Loslassen eine erneute Zuwendung zur Zukunft. In der Meditation üben wir immer wieder dieses Loslassen und öffnen uns dadurch für den aktuellen Moment. So bleiben wir beweglich für die Zukunft.

Anna Gamma und die Schüler in der Sitzmeditation
Zen-Mediation mit Zen-Meisterin Anna Gamma

Kraft in der Stille finden

Die digitalisierte Arbeitswelt wartet mit einer Flut von Informationen auf. Führungspersonen müssen immer am Puls der Geschehnisse sein. Sie sollten immer erreichbar, immer auf dem neusten Stand und natürlich innovativ sein. Doch woher kommt die dafür nötige Rekreation? Die Zen-Meditation schafft inmitten dieser Spannungsfelder eine Vertiefung und Reflexionsmöglichkeit, die für eine erfolgreiche Veränderung entscheidend sein können. Das Innehalten hilft uns, die Stille zu finden und uns selbst erneut aus- und aufzurichten. Die Ausrichtung nach der eigenen Sinnhaftigkeit kann in einem Netz verschiedenster Erwartungen schnell verloren gehen. In Zeiten des permanenten Wandels benötigen Fach- und Führungskräfte immer stärker einen Gegenpol zur Betriebsamkeit. Der Zugang zur inneren Stille ist eine wertvolle Quelle, seine Mitte auch im Sturm der Ereignisse nicht zu verlieren.

Umgang mit Konflikten

In Konfliktsituationen werden vorgefallene Ereignisse häufig mit persönlichen Bildern und Gefühlen angereichert. Aus dieser (unserer) Perspektive interpretieren wir das Verhalten anderer, was wiederum die Wahrscheinlichkeit für eigenes, destruktives Handeln erhöht. Die Konfliktparteien befinden sich dann schnell in einer dynamischen Abwärtsspirale. Zen-Meditation unterstützt dabei, Distanz zu eigenen einengenden Emotionen zu gewinnen und so Konfliktsituationen nicht unbewusst zu verschärfen. Besonders wenn die Fronten bereits verhärtet sind, kann Abstand und ein frischer Blick auf die Dinge hilfreich sein: Was ist tatsächlich vorgefallen? Welchen Anteil verantworte ich selbst und welche eskalierenden Gedanken und Gefühle addiere ich zur Situation hinzu? Der feste Griff eines Konfliktes lockert sich durch das Loslassen von verhärtenden Gedanken und Gefühlen, und wir gewinnen wertvolle Freiheitsgrade zurück. Der Feind entsteht meist im Kopf, und es ist von Vorteil, wenn wir uns dessen vor einer Begegnung mit der Streitpartei bewusst sind.

Verständnis und Humor als «Entspannungsmittel»

Nun geht es in der Zen-Meditation aber nicht darum, völlig cool und abgeklärt zu sein. Emotionen sind natürlich, menschlich und deshalb wertvoll. Sie ermöglichen es unserem Gegenüber, die Wichtigkeit der Situation besser einzuschätzen. Daher geht es vielmehr um das Aufweichen destruktiver und eskalierender Gedanken und Emotionen, um so eine konstruktive Begegnung zu ermöglichen. In der Stille können wir unseren Geist sänftigen und für die entsprechende Person Verständnis entwickeln. Bereits das Aufbringen von Verständnis für sich selbst trägt zur Entspannung von blockierten Situationen bei. Entwicklung und Gelassenheit beginnen häufig mit der Akzeptanz der eigenen Schwächen. Die Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Verhaltens stellen eine notwendige Voraussetzung für einen konstruktiven Umgang mit Konflikten und die Versöhnung mit anderen Menschen dar. Wer seine Schwächen kennt, kann zudem lernen, mit diesen spielerischer umzugehen. Wenn dann wieder etwas Humor möglich wird, lösen sich manche Spannungen auf wundervolle Weise auf.

Umsetzung einer Meditationspraxis

Ich empfinde es immer wieder als herausfordernd, sich einfach hinzusetzen, nichts zu tun, und sich nur auf den Atem zu konzentrieren. Kaum sitze ich auf meinem Kissen, gewillt, die Stille aufzusuchen, begrüsst mich ein Wasserfall an Gedanken und Planungsabsichten. Die Stille unterscheidet sich diametral von gesellschaftlichen Riten der Betriebsamkeit und der Ablenkung. Deshalb stellt jedes Loslassen von Gedanken und Emotionen, sei es nur für wenige Atemzüge, ein Moment der inneren Meisterschaft dar. Eine Überforderung durch den eigenen «Gedanken-Wasserfall» ist zu Beginn ganz normal. Wahrscheinlich sind diese Gedanken sowieso da. In der Stille fällt uns das Durcheinander einfach stärker auf. Doch wie das Denken muss auch das «Nichtdenken» geübt werden. Wie geht dies nun mit der Zen-Meditation? Es gibt verschiedene Arten und Zeitformate der formalen Meditation. Auf einem Spektrum von mehrjährigen Retreats bis hin zu fünfminütigen Sitzmeditationen pro Tag gilt es, die persönliche „Dosis“ zu finden. Für alle, die es einfach einmal versuchen wollen, hier eine Kurzanleitung zur Sitzmeditation nach der Zen-Meisterin Dr. Anna Gamma:

Zen-Meisterin Anna Gamma
Zen-Meisterin Anna Gamma

Kurzanleitung zum Meditieren im Sitzen (Zazen)
Setzen Sie sich auf ein Kissen, einen Schemel oder einen Stuhl, am besten an einem ruhigen Ort. Achten Sie darauf, dass Sie im Becken gut aufgerichtet sind. Die Schultern sind locker. Die Hände ruhen schalenförmig im Schoss, die Linke in der Rechten, die Daumenspitzen berühren sich sanft. Die Augen bleiben in der Zen-Meditation offen. Der Blick ist leicht gesenkt. Richten Sie nun Ihre Aufmerksamkeit auf den Atem. Nehmen Sie wahr, wie er einströmt und ausströmt. Die aufsteigenden Gedanken, Bilder und Gefühle lassen Sie beim Ausatmen los. Werden Sie eins mit Ihrem Atem. Dann kommen Sie an in der einzigen Zeit, die Ihnen zur Verfügung steht: die Gegenwart.


CAS Leadership Excellence
Im CAS Leadership Excellence setzen sich die Teilnehmenden mit komplexen Fragestellungen der Führung auseinander und beleuchten systemische Zusammenhänge ihrer Organisation. Es werden Stärken und Herausforderungen der Diversität besprochen und die Teilnehmenden gewinnen mehr Sicherheit im Umgang mit interkulturellen Fragestellungen. Teil des CAS Leadership Excellence ist ein eintägiger Workshop zu “Zen in der Führung” mit Zen-Meisterin Anna Gamma. Der nächste CAS startet am 17. Mai 2018.

 


Über den Autor
Thomas Klink studierte Ingenieurwesen und Psychologie mit Vertiefung in Arbeits- und Organisationspsychologie. Seine Dissertation schrieb er auf dem Gebiet der Stressforschung. Er arbeitete in der internationalen Fertigungsoptimierung in Japan und den USA sowie im Produktmarketing und verfügt über langjährige Führungserfahrung im Bereich Human Resources. Heute ist Thomas Klink am IAP Institut für Angewandte Psychologie tätig, wo er als Dozent und Berater für Leadership, Coaching & Change Management sein Wissen an Weiterbildungsteilnehmende und Unternehmen weitergibt. Im CAS Leadership Excellence führt er zusammen mit der Zen-Meisterin Anna Gamma Führungskräfte in die Zen-Meditation ein.


 


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