„Fratelli“ – Auf der Suche nach menschlicher Verbindung

Diesen Herbst verabschiedete das Junge Schauspielhaus nach 66 Aufführungen die atemberaubende Inszenierung von Regisseur Antonio Viganòs „Fratelli“. Im Anschluss an eine der letzten Vorstellungen wurde die Psychologin Anna Sieber-Ratti zur anschliessenden Diskussion mit den Schauspielern und dem Publikum eingeladen.

Text: Joy Bolli, Redaktion ZHAW Angewandte Psychologie
Bilder: Raphael Hadad, Fotograf

„Fratelli“ – Brüder. In diesen einfachen Titel hüllte Autor Carmelo Samonà in den 1970er-Jahren seine Erfahrungen als Vater eines autistischen Kindes. Im Stück beschreibt er das Zusammenleben zweier Brüder. Während der eine Bruder autistische Züge hat und in seiner eigenen Welt lebt, bemüht sich der andere Bruder darum, das Leben für beide zu meistern. Anfangs erlebt man ihn als einfühlsam. Er versucht nicht nur, den Alltag seines kranken Bruders zu erleichtern, sondern fordert sich selbst immer wieder heraus, den Bruder und dessen Welt zu verstehen, eine Logik in seinen Handlungen zu finden und kommunikativ zu ihm durchzudringen. Was zu Beginn herzerwärmend anmutet, entpuppt sich bald als herzzerreissender Konflikt. Ist es nur der Versuch, den Bruder zu verstehen oder geht es auch darum, ihm die eigene Sicht auf die Welt aufzuzwingen? Geht es nur darum, den anderen sprachlich zu erfassen, oder darum, ihn durch die eigene Sprache in neue Fesseln zu legen? Und ist die totale Fokussierung auf den kranken Bruder Aufopferung oder verbirgt sich dahinter Egoismus? Im Zuschauer keimt die Frage auf, wo die Liebe endet und die Unterdrückung beginnt.

Der autistische Bruder (Fabian Müller) auf der Bühne.
Fabian Müller in „Fratelli“ (Bild: Raphael Hadad)

Wenn Sprache an ihre Grenzen kommt

Antonio Viganòs Inszenierung des Stückes birgt eine tiefe Sensibilität für die menschliche Beziehung. Es geht nicht nur um das Leben mit Autismus. Es geht vielmehr um das Verständnis des Menschseins selbst, um Erwartungen an eine gewünschte „Norm“ und um die Erkenntnis der allgemeinen Andersartigkeit eines jeden. Um die emotionalen Aspekte genauer zu beleuchten, lud das Junge Schauspielhaus im Anschluss an eine der letzten Vorstellungen die Psychologin Anna Sieber-Ratti zu einer Diskussionsrunde mit den Schauspielern Silvan Kappeler und Fabian Müller, der Dramaturgin und Leiterin des Jungen Schauspielhauses Petra Fischer und dem Publikum ein. In ihrer Eröffnung spannte die Psychologin den Themenschirm weit auf und setzte die Problematik der erschwerten Kommunikation mit psychisch kranken Menschen in Relation zur Sprache zwischen Menschen allgemein: „Worte sind nur ein kleiner, wenn auch wichtiger, Teil unseres Sprachvermögens. Der grösste Teil unserer Kommunikation funktioniert jedoch über unsere Körpersprache“, erklärt sie. Und hier liegt die erste und vielleicht bedeutendste Diskrepanz zwischen dem „gesunden“ und dem „kranken“ Bruder. Bereits in der Eröffnung des Stücks, versucht der sorgende Bruder, die Gedanken des Autisten durch rein körperliche Nachahmung zu erfassen. Sein Körper, sein Blick, seine Gesten – in allem versucht er, die innere Logik seines Bruders nachzuvollziehen. Er sucht dessen gedankliche Sprachwelt zu erfassen, in Worte seiner eigenen Sprachnorm zu übersetzen. Er schreibt sie auf, ordnet sie. Doch so sehr er sich bemüht: Weder in der körperlichen noch in der verbalen Sprachwelt dringt er zum anderen durch.

Laut Anna Sieber-Ratti kennen wir alle Situationen von erschwerter oder missglückter Kommunikation. Wer hat sich nicht schon einmal mit einer Freundin oder einem Freund an einem Ort verabredet und wartete dann an der falschen Ecke? „In jeder Beziehung gehen wir davon aus, dass unser Gegenüber uns so versteht wie wir uns selbst“, erklärt die Psychologin. „Wenn wir nicht merken, dass es ein Missverständnis gibt, kann es zu Auseinandersetzungen und sogar zu handfesten Streitigkeiten kommen. In den meisten Fällen geht es dabei um ein Missverstehen, das wir selbst nicht als solches zu enttarnen vermögen“. Und oft, so bestätigen die Stimmen aus dem Publikum, kommt man mit Worten auch einfach an Grenzen. Speziell Kinder und ältere Leute kommen unter Druck, wenn sie den richtigen Ausdruck nicht finden oder bestimmte Gefühle nicht beschreiben können. Auch die missglückte Kommunikation zwischen Eltern und (pubertierenden) Kindern ist ein alltägliches Phänomen. Da kann eine unachtsame Bemerkung zu lebenslangen Narben führen. Und nicht zuletzt berichten einzelne Zuschauer im Publikum über ihre Erfahrungen mit Demenz-Patienten, wo die Kommunikation in ganz bestimmten Formen ablaufen muss, so sie denn überhaupt eine Chance haben soll, beim anderen anzukommen. «Die Kunst erlaubt es uns, auf unsere eigene Beschränktheit aufmerksam zu werden», meint Anna Sieber-Ratti. «Alle Wesen unterliegen bestimmten Beschränkungen und da, wo Sprache an ihre Grenzen kommt, wird sie oft mit Gewalt überwunden». So kommt es auch auf der Bühne zum Gewaltausbruch.

Szene auf der Bühne: Der autistische Bruder (Fabian Müller) hängt am Bein des gesunden Bruders (Silvan Kappeler).
Silvan Kappeler und Fabian Müller in „Fratelli“ nach Carmelo Samonà (Bild: Raphael Hadad)

Loslassen gehört zur Liebe

Während Regisseur Antonio Viganò die Zuschauer langsam in den Strudel der Emotionen hineinsaugt, wird klar, dass der Wunsch nach Verbindung an dem Punkt enden muss, an dem die Liebe die Freiheit in die Enge treibt. Das Spiel mit den Worten wird zur Jagd zwischen Holzkisten und Kronleuchtern, zur Zerreissprobe zwischen eingepferchten Denkmustern und Quellen des Lichts. Die Aufopferung des sorgenden Bruders weicht der Erschöpfung und die Grenzen zwischen Gesundheit und (selbstverschuldeter) Krankheit werden spürbar. So kann nicht ausbleiben, dass sich der Körper irgendwann gewaltsam Luft macht. Der unerwartete Gewaltausbruch des Fürsorgers gegen den autistischen Bruder ist einer der Glanzpunkte der Aufführung, der das zwischen Verständnis und Betroffenheit hin und her gerissene Publikum tief berührt. Die grausame Kraft, die aus dem Nichts zu kommen scheint, die Hilflosigkeit jenseits der Worte, die traurige Wahrheit der Unvollständigkeit des Seins und die Einsicht, dass in der Grenze des Machbaren unsere eigene Ohnmacht liegt. „Gefühle von Schuld, Scham, Angst, Wut, bis hin zur Gewalt; das ist ein Teufelskreis, den wir nicht nur in der Psychotherapie beobachten können“, erklärt Anns Sieber-Ratti. „Sie spiegelt sich auf allen Ebenen und in allen Dimensionen unserer Gesellschaft: im Kreis der Familie, in der Arbeitswelt und sogar in der Politik.“

Der gesunde Bruder (Silvan Kappeler) legt sich neben den kranken (Fabian Müller)
Silvan Kappeler und Fabian Müller in „Fratelli“ nach Carmelo Samonà (Bild: Raphael Hadad)

Nach einem komplexen Bogen um die Kommunikation zwischen zwei Menschen schliesst das Stück mit einer wortlosen Szene: Der gesunde Bruder bettet sich neben den kranken. Er misst den Körper seines ruhenden Bruders im Detail aus, positioniert seinen eigenen Körper exakt in dessen Position und schliesst – nachdem er sich in seelischer Einsamkeit isoliert und sein Denken über Jahre einer autistischen Welt angepasst hat – am Ende auch seinen Körper in die Form des Bruders ein. Ob es der Sieg des Verständnisses in wortloser Hingabe ist oder das letzte Opfer, das ein Mensch einem anderen bringen kann, bleibt offen. Das Publikum ist sich aber einig: Sowohl in der Liebe zu Partnern und Kindern, als auch in der Pflege von bedürftigen Menschen ist das Loslassen und sich selbst nähren ein wichtiger Bestandteil, um selbst gesund zu bleiben. Die konstante Aufopferung bringt weder dem Bedürftigen noch dem Sorgenden auf Dauer Erleichterung. „Erschwerte oder gar missglückte Kommunikation kann dazu führen, dass wir in Annahmen geraten, die uns emotional enttäuschen“, führt die Psychologin aus. „Das beste Beispiel ist wohl die Enttäuschung in der Liebe. Man dachte, man hätte die Liebe des Lebens gefunden und steht sich am Ende vor dem Scheidungsrichter gegenüber, wo die Anwälte das Reden übernehmen müssen“.

Die beiden Brüder sitzen auf der Bühne, Rücken an Rücken lehnend, in liebevollem Gespräch miteinander.
Silvan Kappeler und Fabian Müller in „Fratelli“ nach Carmelo Samonà (Bild: Raphael Hadad)

Suche mich – immer wieder aufs Neue!

Auch die beiden Schauspieler loten die Palette der verbalen und der körperlichen Kommunikation auf der Bühne aus. Die Brüder erschöpfen sich in Sprachspielen, in der wiederkehrenden Rekapitulation von Pinocchios Geschichte, auf der Suche nach gemeinsamen sprachlichen Nennern, dem gemeinsamen Verstehen der Kindergeschichte. Doch während die Spiele für den einen Bruder eine immer dringlichere Suche nach dem Kern seines Gegenübers werden, bleiben sie für den anderen einfach nur Spiele, deren Regeln sich nach seinen Impulsen richten. So erstaunt es nicht, dass der hoffnungsvollste Moment jener ist, in dem die beiden Brüder glauben, sich in sprachlichem Verständnis gefunden zu haben. Nach unzähligen Repetitionen von Pinocchios Abenteuern erreichen beide den springenden Punkt: Pinocchio wird ein Mensch. In dieser Erkenntnis bleiben sie kurze Zeit verbunden – überglücklich. Doch während sich im einen Bruder die Erwartung breit macht, dass nun endlich eine gemeinsame Kommunikation stattfinden kann, entsteht im autistischen Bruder ein eigener Gedanke: „Und dann – dann wird Geppetto zur Holzpuppe!“ Die Freude über diesen neuen Gedanken ist ihm übers Gesicht geschrieben. Ein neuer Anfang, ein neues, noch ungeschriebenes Kapitel, ein eigener, kreativer Schritt in der ewigen Repetition einer alten, vorgegebenen Geschichte. Für den einen ist es ein Erfolgserlebnis. Für den anderen bricht die Hoffnung zusammen. Verzweifelt versucht er, den Bruder auf den gemeinsamen Nenner zurück zu holen: „Pinocchio wird ein Mensch!“ ruft er im zu und will ihn dazu bringen, den neuen Gedanken zu vergessen. Doch der Unverstandene antwortet jedes Mal: „Und Geppetto wird eine Holzpuppe!“ Was soll daran falsch sein? Die Fassungslosigkeit seines Bruders versteht er nicht. „Ich hatte dich doch gefunden“, klagt dieser. Und der Autist antwortet: „Suche mich.“ Seine Stimme kommt aus einer unbewussten Tiefe. Ein Missverständnis? Oder vielleicht die eigentliche Erkenntnis des erfolgreichen Zusammenlebens: Suche mich, erkenne mich – immer wieder aufs Neue! „Wir alle haben eine ‚Blackbox‘ in uns“, erzählt Anna Sieber-Ratti. “Wir werden niemals alles im Anderen verstehen und umgekehrt. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir uns in gewissen (extremen) Situationen sogar selbst überraschen können, weil wir nicht wussten, dass das, was da aus uns herauskommt, überhaupt in uns steckte“. So gern sich der Mensch der Illusion hingibt, er könne sich selbst oder andere finden: Allein in dieser Erwartung muss er scheitern – im Stück genauso wie im alltäglichen Leben. Wie oft hören wir im eigenen Umfeld: „Er ist einfach nicht mehr der Mann, den ich vor 20 Jahren kennengelernt habe.“ Oder: „Wir haben uns einfach auseinander gelebt.“ Das bleibt ein Selbstbetrug. Wer denkt, er könne stehen bleiben in dem Moment, in dem er einen anderen gefunden zu haben glaubt, der wird am Ende einsam sein. Und so verlassen die Zuschauer das Theater an diesem Abend mit der Einsicht, dass eine glückliche Beziehung vom Freiraum abhängt, den man sich selbst und anderen gibt, dass Hingabe auch darin besteht, den anderen so zu akzeptieren wie er ist (auch wenn man ihn oder sie nicht versteht), und dass man sein Gegenüber immer wieder mit neuen Augen anschauen muss, um zu erkennen, wie er oder sie sich verändert hat. Denn nichts bleibt, wie es ist. Auch wir selbst nicht.

Video-Trailer der Erstaufführung von “Fratelli” nach Carmelo Samonà.


Anna Sieber-Ratti ist Dozentin, Supervisorin und Psychotherapeutin am IAP Institut für Angewandte Psychologie. Nach ihrem Studium der klinischen Psychologie an der Universität Zürich machte sie ein Postgraduales Studium in psychoanalytischen Kurztherapien und spezialisierte sich unter anderem in Katathym Imaginativer Psychotherapie (KIP), Psychodynamisch imaginativer Traumatherapie (PITT) und Neuropsychologie. Ihr besonderes Interesse gilt den Zusammenhängen zwischen Mentalisierung, Kunst, Kreativität und Neuropsychologie in den psychotherapeutischen Prozessen. Am IAP begleitet sie als Psychotherapeutin sowohl Einzelpersonen, wie auch Paare in Krisensituationen.

Fabian Müller, Anna Sieber-Ratti und Silvan Kappeler im Gespräch mit dem Publikum (Bilder: Joy Bolli)



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