Gamification – Spielend lernen

Roberto Siano spielte schon als Kind gerne. Brettspiele, Kartenspiele, aber auch Computerspiele. Aus der Liebe zu Spielen wurde eine berufliche Laufbahn. Heute gamifizert er seine Lehrgänge und Workshops.

Von Joy Bolli, Redaktion ZHAW Angewandte Psychologie

Jedes Kind spielt gerne. So auch Roberto. Mit seinem Bruder und seinem Vater spielte er oft stundenlang. Kartenspiele, Brettspiele und auch Computerspiele. Während die meisten Kinder als Erwachsene immer weniger spielen, fing Robertos Leidenschaft mit den Jahren mehr und mehr Feuer. Er begann, in der Studenten-WG Spielabende zu organisieren, die immer grössere Kreise zogen und schliesslich zu regelmässigen Spiel-Events im «Hive»-Club in Zürich wurden. «Spiele besitzen eine besondere Stärke», erklärt er mir. «Sie machen Spass und öffnen so die Türe zu unseren Emotionen. Dadurch wird Lernen nicht nur einfacher, sondern auch effektiver».

Spiele für Unternehmen

Dass Spiele den Lernprozess bei Kindern fördern, ist auch mir klar. Doch was können sie Erwachsenen beibringen? «Spiele lassen sich gut an die Gegebenheiten des Lebens anpassen», erklärt Roberto begeistert, und erinnert mich an eine längst vergessene Welt von Offenheit und Abenteuer. «Es gibt Spiele, die man nur mit den Händen spielt, wie zum Beispiel «Schere, Stein, Papier», oder nur mit Stühlen, wie die «Reise nach Jerusalem». Es gibt auch Seil-, Hüpf- und Ratespiele. Dazu kommen die verschiedenen Ziele, die mit Spielen verfolgt werden. Spiele haben grundsätzlich immer einen Lernfaktor, einen Sinn. Es gibt Spiele, die auf Logik setzen oder solche, in denen Kreativität oder Bewegung gefragt sind. Manche verlangen Kommunikations- und Interaktionsfähigkeiten, Schnelligkeit oder Wettbewerbsdenken. An unseren Spielabenden im «Hive», haben wir immer versucht, Spiele neu zu kombinieren und sie optimal für unser Publikum zusammenzustellen. Wir stimmten alles auf die Fähigkeiten und Präferenzen der eingeladenen Spieler ab. So wurden wir immer besser darin, den idealen Spiel-Event zu organisieren».

Irgendwann kam ein guter Freund zu Roberto und fragte ihn, ob er nicht einmal ein Spiel für ein Unternehmen konzipieren könne. Er arbeitete in einem Unternehmen, das laufend neue Leute einstellte, die geschult werden mussten. Der Schulungsaufwand war enorm, das Ergebnis eher ernüchternd. Für Roberto war das eine Herausforderung, ein Spiel auf einem neuen Level. Gemeinsam mit spielbegeisterten Freunden konzipierte er ein Brettspiel, dessen Verlauf speziell auf dieses Unternehmen zugeschnitten war. «Ein Spiel zu entwickeln braucht vor allem analytische Fähigkeiten», erklärt er mir. «Wenn das Ziel zum Beispiel ist, dass die neuen Mitarbeitenden den Betrieb so schnell wie möglich kennen lernen, dann ist die erste Frage: Was sind die wichtigsten Elemente, die die Leute mitnehmen müssen? Bei genauerer Betrachtung des Unternehmens kamen wir darauf, dass sich alle Projekte in diesem spezifischen Betrieb an einem vorgegebenen Jahreszyklus ausrichteten. Deshalb orientierten wir daran den gesamten Spielablauf».

Im Gegensatz zu gewöhnlichen Brettspielen war dieses Brett so gross, dass man einen Sitzungstisch brauchte, um es auszulegen. Das Konzept ist einfach: Die Spieler durchlaufen mit ihrer Figur ein firmenspezifisches Projekt. Dabei werden sie durch die Spielzüge individuell herausgefordert. Auf ihrem Weg über das Brett müssen sie jeweils Karten ziehen, auf denen ihnen Aufgaben gestellt werden, die dem Betriebsumfeld entsprechen. Doch Roberto ging es um mehr als nur die Lösung von Problemen und den schnellsten Weg ans Ziel: «Die Art deiner Spielzüge zeigt dir nicht nur, was wie im Unternehmen funktioniert. Du lernst auch viel über deine eigene Arbeitshaltung. Du kannst den anderen Spielern im Weg stehen oder auch nicht. Gleichzeitig hast du Aufgaben zu erledigen, die betriebsspezifisch aufgebaut sind. Es geht um Zeit, um Projekterfüllung und um Wettbewerbsdenken». Mein Blick fährt über das bunte Brett, und am liebsten hätte ich selbst gleich mit dem Spielen begonnen. Die bunten Spielsteine, die Sanduhr und die Karten, die in mir den Ruf der Neugier weckten: All das gehörte zu Robertos erstem «Serious Game». Darunter versteht man das Konzept von spielerischem Lernen, das auf einen bestimmten Lernprozess ausgerichtet wird. «So macht das Lernen nicht nur Spass», erklärt mir Roberto weiter. «Man kann vernetztes Denken fördern und das Verständnis für den Betrieb als Ganzes erhöhen».

«Development Games» für Führungskräfte

Dieses neu konzipierte Firmenspiel war für Roberto der Einstieg in ein neues Arbeitsfeld. Heute ist er Dozent und Berater am IAP Institut für Angewandte Psychologie. Und noch immer brennt ihn ihm das Feuer für spielerisches Lernen. Er interessierte sich immer stärker für «Gamification». Dabei geht es darum, mit den Augen eines Spielentwicklers die Spielmethoden und die Kraft der Spiele zu nutzen und so das Engagement der Teilnehmer zu steigern oder die Lernwirkung des Inhalts zu verstärken. Bei seiner Arbeit in der Führungsentwicklung erkannte er bald, welche Wirkung Spiele in der Aus- und Weiterbildung von Führungspersonen haben können. «Wir erhielten den Auftrag, für Sonova ein Development Center zu konzipieren», erinnert er sich. Dabei war ihm Innovation wichtig: «Ich erlebte Development Centers oft als losgelöste, aneinander gereihte Aufgabenstellungen, die keinen Zusammenhang haben, und in denen die Teilnehmenden meist von aussen bewertet werden». Deshalb nutzte Roberto den Grundgedanken der «Gamification» und konzipierte ein «Development Game Center». Die einzelnen Aufgaben wurden ähnlich aufgebaut wie in einem klassischen Development Center. Auch dort funktionieren die Aufgaben fast wie Spiele. Es geht zum Beispiel darum, miteinander Verhandlungssituationen nachzuspielen und gemeinsam Ziele zu erreichen. In Robertos «Development Game Center» wurden die Aufgaben speziell auf ihre spielerische Kraft hin kombiniert und zusätzlich in einen grösseren Spielkontext, eine Rahmengeschichte, eingebettet. Zudem wurde der Aspekt der gegenseitigen Bewertung hinzugefügt und Feedback in Echtzeit über ein einfaches Tool ermöglicht, was die Teilnehmenden stärker involvierte und motivierte. Roberto verdeutlicht mir das Konzept: «Du gehst auf diese Reise durch das Development Game Center und holst dir Punkte, wie in einem Computerspiel. Es geht wie in jedem Development Center um Kompetenzen. Doch bei uns gibt es zusätzlich eine Schlussabrechnung, in der man sehen kann, wer in welchen Kompetenzen wie gut abgeschnitten hat. Dadurch beteiligen sich die Kursteilnehmer viel aktiver über den ganzen Tagesprozess hinweg». Die Idee des Development Game Centers war so erfolgreich, dass das IAP dieses Konzept heute auch für andere Firmen einsetzt. Die Abläufe werden dabei immer wieder optimiert und auf die Anforderungen des jeweiligen Unternehmens angepasst. «Solche Development Game Centers haben etwas Faszinierendes», erklärt mir Roberto, und seine Augen funkeln vor Begeisterung. «Jeder ist der Held seiner eigenen Geschichte. Und jeder will im Spiel gut abschneiden».

Ein Strauss an Möglichkeiten

Inzwischen ist «Gamification» ein Trend, der bei vielen Ausbildnerinnen und Ausbildnern angekommen ist. Dennoch tun sich viele schwer damit, Spiele und Spielmethoden für ihr Ausbildungsprogramm zu nutzen. Für Roberto ist das eine neue Herausforderung. In seiner Arbeit sieht er manchmal, wie Spiele zur Selektion eingesetzt werden. Diesen Einsatz sieht er als Psychologe kritisch: «In meinen Augen missbraucht man ein Spiel, wenn man es zur Rekrutierung einsetzt», stellt er klar. «Spiele sollen Spass machen, positive Emotionen wecken und Lernprozesse fördern». Damit Ausbildner und Trainer lernen, Unternehmen und Prozesse daraufhin zu analysieren, wo «Gamification» Sinn macht, und entsprechende Konzepte entwickeln können, bietet Roberto nun einen Kurs an. Im WBK «Gamification und spielerische Lehr- und Lernmethoden» zeigt er den Teilnehmenden, wie sie Spiele und Spielmethoden in ihre Weiterbildungen und Lernprozesse integrieren können. «Zuerst lernen sie, eine Analyse für ihre Inhalte zu machen und sich zu überlegen, welche Dynamiken sie erzielen wollen», erklärt er mir. «Erst danach wird über die Spielmechaniken nachgedacht. Dabei darf man auch gerne etwas frech sein. Jeder muss für sich selber entscheiden, was für die eigenen Workshops am besten funktioniert». Die Analyse kann spielerisch erfolgen. So lernen auch erfahrene Ausbildner, ihr Unternehmen und die Prozesse neu anzuschauen. «Allein die Tatsache, dass man sich im Klaren sein muss, wie die einzelnen Elemente zusammenhängen und ineinander greifen, verlangt einen ganz neuen Blick auf das Unternehmen». Während mir Roberto die grundlegenden Fragen aufzählt, wird mir klar, wie innovativ man selbst denken muss, um ein «Serious Game» oder eine gamifizierte Lösung zu entwickeln: Will man ein Spiel machen oder einen Prozess gamifizieren? Was ist das Ziel des Spieles oder der Lösung? Betrachte ich das Unternehmen von aussen oder von innen? Wie sieht das aus Sicht des Spielers, resp. des Teilnehmers aus? Was könnte ihn oder sie motivieren? Wie erreicht man die gewünschte Spieldynamik und damit das Engagement? Welche Spielelemente könnten sinnvoll in diesem Kontext sein? Was für Wahlmöglichkeiten und Optionen hat eine Spielerin? Wie ist das Feedback geregelt? Wie sichert man ab, dass man die Motivation nachhaltig erhöht? «All diese Fragen sind wichtig, weil sie das Ergebnis beeinflussen», meint Roberto. Die komplexen Überlegungen machen klar, dass jedes Unternehmen für seine Lernziele eine ganz eigene Lösung braucht. Das Wichtige dabei sei aber, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was Gamification für den Lernprozess bedeuten kann und wie viel Unternehmen durch diese Methode gewinnen können. «In meinen Kursen geht es nicht darum, ein Weiterbildungs-Training in ein Spiel zu verwandeln», meint er abschliessend, und wieder ist da dieses Leuchten, das seine Liebe zu Spielen sichtbar macht. «Es geht lediglich darum, den Strauss an Möglichkeiten zu erweitern und zu sehen, wie Unternehmen Spiele, Spielmethoden, Design Thinking und Storytelling im Bereich Aus- und Weiterbildung einsetzen und nutzen können».


Roberto Siano studierte Psychologie, Betriebswirtschaft und Arbeitsrecht an der Universität Zürich. Bevor er als Berater und Dozent ans IAP Institut für Angewandte Psychologie kam, war er Partner in einem Beratungsunternehmen und unter anderem am Aufbau des Swiss Leadership Forums beteiligt. 2014 gründete er das «Spielbüro», ein Unternehmen, das Spiel-Anlässe für Firmen und Privatpersonen entwickelt. Seine Arbeitsschwerpunkte am IAP liegen im Bereich Eignungsdiagnostik, Personalselektion sowie Team- und Organisationsentwicklung. In seinem neuen Kurs «Gamification und spielerische Lehr- und Lernmethoden» zeigt er den Teilnehmenden, wie sie Spiele und Spielmethoden für ihr Unternehmen konzipieren und gewinnbringend einsetzen können.

Am 28.November 2017 hält Roberto Siano am IAP Kompakt ein Referat darüber, wie Gamification funktioniert und wie wir die Kraft von Spielen im privaten und beruflichen Alltag nutzen können.


4 Kommentare

    • Danke, das denke ich auch. Es ist auch in meinen Augen eine Methode mit viel Potenzial in der Offline und Online Weiterbildung. Das wird sicher ein Schwerpunkt in meinem Weiterbildungskurs.

  • Ich mag es auch zu spielen und spielend zu lernen ! Wie könnte man eine sinnvolle Verbindung zum Arbeitsalltag in der Koordination/Administration schaffen?

    • Das ist eine gute Frage und nicht so einfach allgemein zu beantworten. Sicher kann man einen spielerischen Ansatz für das Lernen bei neuen, veränderten Aufgaben nehmen oder mittels Spielen das Team stärken. Was ich aber noch viel spannender finde, wäre ein reiner Gamification Ansatz: Das bedeutet, man schaut die wichtigen oder die langweiligen oder die häufigen Prozesse an und versucht diese für den Menschen zu optimieren. Gamification heisst ja Spielmethoden in nicht-spielelerischen Kontexten einzusetzen. Dabei geht man häufig von Motivatoren wie Feedback, bedeutungsvolle Entscheidungen oder Bindung aus. Aber wir könnten doch einmal bei einem Mittagessen die Köpfe zusammenstrecken und ein paar Ideen austauschen.


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