Die Resonanz von Bildern im Coaching

Menschen denken in Bildern. Daher sollten Erkenntnisprozesse vermehrt über Bilder gelenkt werden. Volker Kiel ist Coach und Berater in Change Management Prozessen. Er arbeitet seit Jahren erfolgreich mit Teams in Unternehmen und setzt dabei auch bildhafte Verfahren ein. Die bisher noch wenig bekannte Resonanzbild-Methode fasziniert ihn besonders.

Interview von Joy Bolli, Redaktorin Angewandte Psychologie

Volker, was ist der Unterschied zwischen Coaching mit bildhaften Verfahren und klassischem Coaching?
In herkömmlichen Coaching-Situationen steht das Gespräch mit den Klienten im Mittelpunkt. Der Coach ermutigt die Klienten mittels Fragen, über bestimmte Themen zu sprechen und zu reflektieren. Der Prozess findet also vorwiegend über Sprache statt, indem wir diskursiv über das Denken die Situation zu erfassen versuchen. Auf die Arbeit mit Bildern bin ich vor 20 Jahren in meiner gestalttherapeutischen Ausbildung gekommen. Dort war ich sehr beeindruckt, wie ich selbst aus Bildern viele Einsichten über mich gewinnen konnte. Vor allem Einsichten, die ich über das Gespräch mit einem Coach nicht gewinnen konnte. Das hat mich so inspiriert, dass ich früh begann, den Klientinnen und Klienten in Workshops, in Seminaren und auch in Einzelgesprächen auch Bilder zur Verfügung zu stellen.

Es gibt viele verschiedene Formen von Bildern, wie zum Beispiel Fotos, gedruckte Bilder in Magazinen oder Plakate. Wenn du von «Bildern» sprichst und von der Arbeit mit Bildern, was meinst du dann genau?
Es gibt bei der Arbeit mit Bildern zwei Möglichkeiten. Wir können Klienten Bilder zur Verfügung stellen, aus denen heraus sie Parallelen für sich erkennen können, wie zum Beispiel Postkarten oder Kalenderblätter. Oder die Klienten können selbst über die Situation ein Bild anfertigen und malen.

Die Resonanzbild-Methode hat dich besonders fasziniert. Wie funktioniert diese Methode?
Zunächst einmal geht es darum, dass die Klienten ein Bild malen über die Situation, die sie beschäftigt. Das ist das sogenannte «Initialbild». Das würde also zum Beispiel bedeuten, dass die Teilnehmenden einer Gruppe eine bestimmte Situation, eine berufliche oder Führungssituation oder eine Veränderungssituation über ein Bild zum Ausdruck bringen. In der Gruppe würden diese verschiedenen Initialbilder dann betrachtet. Dabei geht es um die Resonanz von anderen Teilnehmenden der Gruppe. Es stellt sich die Frage: Welches Bild von einer anderen Person löst bei mir eine besonders starke Resonanz aus? Welches Bild klingt bei mir am stärksten nach? Diese Resonanz fangen die Teilnehmenden in einem Bild ein. Das ist das «Resonanzbild».

Also, machen wir ein konkretes Beispiel: Ich bin in einer Gruppe bei dir im Coaching und zurzeit gerade in einer Change Situation an der Arbeitsstelle. Ich fühle mich unsicher am Arbeitsplatz und male zum Beispiel ein Bild von einem Floss, das im bewegten Meer herumschaukelt. Wie gehe ich dann in der Gruppe weiter?
Also, wenn in der Gruppe mehrere Leute sind, würde das bedeuten, dass jeder sein Bild kurz mit wenigen Worten vorstellt. Und die anderen Teilnehmenden betrachten die Bilder von einander. Und dann ist jeder gefragt: Welches Bild von einer anderen Person in dieser Gruppe spricht mich am meisten an? Und dazu fertigt jeder wiederum eine Skizze an. Das kann sein, dass ein bestimmtes Element aus dem Bild einer anderen Person mich besonders anspricht. Das kann aber auch noch etwas Anderes sein, was ich aus diesem Bild heraus für mich erkenne, was dann auf meinem «Resonanzbild» zum Ausdruck gebracht wird, durch ein Zeichen, durch ein Symbol oder durch ein kleines Bild.

Also, wenn ich ein Floss gemalt habe und mir auf dem Bild einer anderen Person ein Baum besonders ins Auge sticht, dann würde ich als nächstes diesen Baum malen?
Ja, du würdest durch diesen Baum auf dem Bild einer anderen Person angesprochen sein. Das würde bei dir besonders eine Resonanz auslösen, also anklingen. Dann wäre es wichtig, dieses Symbol, deine Abbildung von diesem Baum, auf ein separates Blatt zu skizzieren, sodass du deine eigene Vorstellung von diesem Baum zu Papier bringst.

Und was hat das Symbol des Baums dann mit meinem Floss zu tun?
Zunächst einmal haben die Klienten noch nicht die Ahnung, dass diese Resonanz aufgrund eines Bildes einer anderen Person, etwas mit ihrer eigenen Situation zu tun haben könnte. Sie denken zuerst, es wäre eine Rückmeldung für eine andere Person. Also wenn jemand den Baum auf dem Bild einer anderen Person skizziert, hat er oder sie erst den Eindruck, das sei eine Rückmeldung für diese andere Person. Im zweiten Schritt werden die Teilnehmenden aufgefordert, sich selbst zu fragen, welche Bedeutung dieses Resonanzbild, dieses Symbol, dieses Zeichen oder diese Skizze für ihre eigene Situation hat. Und da geschieht erst einmal eine Irritation, weil das eine Überraschung ist, weil sie den Zusammenhang für sich – zum Beispiel schaukelndes Floss und fest verankerter Baum – auch noch nicht gesehen haben. Danach ist die Aufgabe, für sich selbst einen Sinn, einen Zusammenhang zu erschliessen. Welche Bedeutung könnte dieser Baum für meine derzeitige Situation haben? Das führt oft zu überraschenden Einsichten und Erkenntnissen bei den Teilnehmenden.

Mit Bildern zu arbeiten ist also ein anderer Ansatz, in die eigene Erkenntniswelt zu kommen?
Ja, über Bilder zu arbeiten öffnet noch eine zusätzliche Dimension des Denkens. Die Arbeit mit Bildern führt dazu, das bildhafte Denken eines Menschen anzuregen und dieses auch stärker für eigene Herausforderungen, bzw. für das Einsehen möglicher Lösungen zu nutzen. Ich sehe häufig, dass Kursteilnehmer rein über Sprache nicht zu den Einsichten kommen, die sie über Bilder für sich gewinnen. Wichtig ist, dass die Teilnehmer die Zusammenhänge, wie beispielsweise «Floss» und «Baum», für sich selbst sprachlich entwickeln und es nicht von aussen bereits angedeutet wird. Die Sinnzusammenhänge sollten von den Teilnehmenden selbst erschlossen werden. Das sind dann oft nochmals ganz andere Erkenntnisse als über rein sprachliche Zugänge.

Vergisst man Bilder, die man selbst gemalt hat, weniger schnell als Worte, die man nur gehört hat?
Also, generell können wir mehr und mehr davon ausgehen, dass Menschen über Bilder denken. Gerald Hüther hat vor vielen Jahren schon ein Buch herausgebracht «Die Macht der inneren Bilder». Wenn wir über bestimmte Situationen nachdenken und uns bestimmte Situationen vorstellen, machen wir uns automatisch Bilder. Diese Bilder sind uns nicht unbedingt bewusst, sondern sie sind unterschwellig vorhanden. Wenn wir uns dieser Bilder bewusster werden und sie dann auch noch zum Ausdruck bringen über ein äusseres Bild, bleiben diese Bilder verstärkt auch im Gedächtnis verankert. Sie verdichten die Situation auf die wesentlichen Aspekte und wirken nach meiner Erfahrung viel länger nach als Worte, die ausgetauscht werden.

Bild 1: Initialbild einer Teilnehmerin zu einer organisationalen Veränderungssituation.

Du hast einmal geschrieben: Eigentlich reden wir eh viel zu viel und überdecken indessen viel zu viel, nämlich das, was zwischen den Worten geschieht. Das Wesentliche, ja das Wahrhafte, können wir das aushalten? Warum ist das Sehen so wichtig?
Aus der Gestaltberatung gehen wir davon aus, dass alles analog irgendwo da ist. Grundstimmungen, also das, was die Menschen erleben, ist durch den Menschen präsent im Raum. Vieles wird aber – gerade auch in Organisationen – mit Worten überdeckt und durch das Reden nicht aufgenommen und nicht aufgegriffen. Wenn wir genau hinschauen, präsent sind und den anderen betrachten, also nicht nur «durchschauen», sondern «anschauen», dann ist es möglich zu erkennen, wo die andere Person jetzt gerade steht, was die andere Person jetzt gerade beschäftigt. Ich habe häufig in Prozessen und in Coaching-Situationen den Eindruck: Wenn die Menschen sich gesehen fühlen, kommt es dazu, dass sie es entweder aushalten und dann auch berührt sind durch das Gesehen-werden. Oder sie versuchen diesen Moment des «Gesehen-werdens» so schnell wie möglich durch Worte wieder wegzureden, weil sie es eben nicht aushalten. Anscheinend ist es aber so, dass die Menschen wieder mehr das Bedürfnis danach haben, in ihrem Wesen – was es auch sein mag – gesehen zu werden. Sie wollen wieder mehr geachtet werden und haben auch mehr das Bedürfnis nach einem ehrlichen echten Kontakt und Austausch.

Bild 2: Das Resonanzbild von Teilnehmerin A als Resonanz auf das Initialbild einer anderen Teilnehmerin.
Bild 3: Rückseite von Bild 2. Die Teilnehmerin schreibt einen Satz zum Resonanzbild.

Kann ein Klient über Bilder ehrlicher und echter sein als eben über Worte?
Ich habe den Eindruck, dass Klienten über Bilder unmittelbar das zum Ausdruck bringen, was sie betrifft. Ohne dass sie es wissen, während sie das Bild anfertigen. Und dann ist es oft überraschend wenn wir gemeinsam das Bild im Einzelcoaching betrachten, der Klientin oder dem Klienten auch bewusster wird, was sie oder ihn gerade betrifft.

Bild 4: Die Integration von Initialbild und Resonanzbild durch Teilnehmerin A (auf Transparentpapier skizziert).

Gab es Fälle, in denen ein Klient das nicht wollte, oder dachte, dass er das nicht konnte?
Also eher «ich kann es nicht». Oder generell «ich kann nicht malen». Doch es geht nicht darum, sich auf hohem Niveau künstlerisch auszudrücken oder bestimmte Grundprinzipien zu beherrschen. Es geht darum, sich über Bilder, Farben, Symbole oder Zeichnungen auszudrücken.

Das kann also jeder machen?
Gewöhnlich kann jeder Mensch malen. Manche Klienten glauben, sie können es nicht. Es geht aber vor allem darum, es einfach zu tun, und nicht zuviel darüber nachzudenken. Es ist sehr interessant, dass jedes Bild eine Aussagekraft hat. Wenn die Klienten sich auf diesen Prozess eingelassen haben, wird selten nochmal über die Methode gesprochen. Sie erkennen sofort, welchen Wert das für sie hat, was für Einsichten sie aus diesem Bild für sich selbst gewinnen können.

Dr. Volker Kiel ist Spezialist für Change-Prozesse und arbeitet als Dozent und Berater am IAP Institut für Angewandte Psychologie. Unter anderem konzipiert er internationale Entwicklungsprogramme für Führungskräfte, begleitet Einzelpersonen und Teams in Veränderungsprozessen und führt Weiterbildungen in ganzheitlichem Coaching durch. Neu leitet er den CAS Integrative Verfahren im Coaching, der im September 2017 startet.


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