Das Leben danach

Von Andreas Küttel, Skispring-Weltmeister

Es ist nun ziemlich genau sechs Jahre her, seit ich meine Karriere als Spitzensportler beendet habe. Zu diesem Zeitpunkt war ich knapp 32 Jahre alt und hatte die letzten 16 Jahre auf der Weltcuptour der Skispringer verbracht. Obwohl sich Skispringen im In- und Ausland grosser Medienaufmerksamkeit erfreut, war es in jeder Phase meiner Karriere klar, dass der Sport nicht mein einziges Standbein sein kann, und ich war mir bewusst, dass meine Karriere auch viel früher hätte enden können.

Andreas Küttel hält sein Publikum in Atem – bis zur sicheren Landung.

Das Sportlehrerstudium welches ich 2006 an der ETH abgeschlossen habe half mir nicht nur, einen geistigen Ausgleich zum kopflastigen und mental fordernden Skispringsport zu finden, ich konnte auch viel Wissen in unseren Trainingsalltag einbringen und somit das gesamte System Skisprung Schweiz voranbringen. Skispringen hat sich durch das Training auf den Mattenschanzen mittlerweile zu einem Ganzjahressport entwickelt. Viele Jahre war ich mehr als 150 Tage unterwegs an Wettkämpfen und in Trainingslagern. Es ist nicht verwunderlich, dass solch ein Lebensstil auch Auswirkungen hat auf Freundschaften und die Beziehung zum Partner. Daher überrascht es auch nicht, dass sich der Lebensstil mit dem Ende der Sportkarriere (zwangsläufig) ändert und eine Anpassung in verschiedensten Lebensbereichen nötig ist.

Glücklich: World Cup in Engelberg am 23. Dezember 2007

Da meine letzte Saison nicht von sportlichem Erfolg gekrönt war, war gerade die Periode des Karriereendes ein Strudel der Gefühle. Einerseits empfand ich ein Gefühl der Erleichterung und die Vorfreude auf neue Aufgaben, andererseits entstand auch die Ungewissheit über die nahe und ferne Zukunft, und über allem stand der fade Nachgeschmack der verpatzten Saison. Ich hatte bereits vor meiner letzten Saison geplant, im Frühling mit meiner Familie nach Dänemark auszuwandern. Das war natürlich eine mutige Entscheidung, welche nicht nur mit einer geographischen Umstellung verbunden war, sondern auch mit einer Veränderung meines nächsten sozialen Umfeldes einherging.

In Balance bleiben ist alles…..

Bevor wir unsere Siebensachen in den Zügelwagen packten, organisierte ich eine Abschiedsfeier bei der ich Verwandte, ehemalige Weggefährten, frühere Trainer und Leute, welche mich auf andere Weise unterstützt und begleitet hatten, einlud. Es war mir wichtig, danke zu sagen und das Karriereende würdig zu feiern. So was würde ich eigentlich jedem Athleten und jeder Athletin empfehlen, wenn der Abschied vom Spitzensport ansteht!

Extrameile vor dem Wettkampf-Sprung: Aufstieg über die Treppe, weil der Lift nicht funktionierte.

Weiterhin hat mir die Entstehung des gemeinsamen Buches mit Simon Amman «Die ungleichen Zwillinge» geholfen, meine Laufbahn als Ganzes zu betrachten, die Spitzensportkarriere als abgeschlossenes Kapitel zu akzeptieren und somit den Fokus auf neue Aufgaben zu lenken. Während der ausgedehnten Interviews mit dem Buchautor wurde mir erst wieder bewusst, wie viel wir eigentlich in den letzten Jahren erlebt hatten, wie wir den Skispringsport national und international mitgeprägt haben und wie viele wertvolle Erfahrungen ich machen durfte durch meinen Sport. Somit war das Buchprojekt eine Art «Psycho-Hygiene», ohne dass ich jedoch das Gefühl hatte, jemandem mein Herz ausschütten zu müssen.

 

Andreas Küttel nimmt Abschied vom Spitzensport im Kreis der Freunde.

Die letzten drei Jahre habe ich mich dann auch forschungsmässig intensiv mit dem Thema Karriereübergang nach dem Spitzensport beschäftigt. Gerade habe ich meine Doktorarbeit «Kompetenzen im Übergang in die Berufswelt» an der Universität in Odense (Dänemark) abgeschlossen und werde anfangs Mai zur «Verteidigung» antreten. Bei dieser Doktorarbeit ging es darum herauszufinden, inwiefern der nationale Kontext, das Sportsystem und die Programme, welche den Spitzensportlern im jeweiligen Land zur Verfügung stehen, den Karriereübergang beeinflussen und welche Auswirkungen dies auf das «Leben danach» hat. Dazu habe ich in der Schweiz, Dänemark und Polen mit ehemaligen Spitzensportlern viele Daten gesammelt und ausserdem Interviews mit Experten geführt, welche im Karriere-Support der Athleten tätig sind. Die Resultate deuten darauf hin, dass das nationale Milieu einen wesentlichen Einfluss hat, gerade wenn es darum geht, Ausbildung und Spitzensport (die sogenannte «dual career») zu vereinen. Einige Resultate dieser komparativen Studie werde ich am 17. Mai 2017 an der IAP Fachtagung Laufbahnen im Sport – «Übergänge ins Leben nach dem Leistungssport» präsentieren.

Ich würde mich freuen, wenn viele Interessierte an dieser Tagung teilnehmen, um dieses wichtige und aktuelle Thema zu diskutieren.


IAP Fachtagung Laufbahnen im Sport am 17. Mai 2017 
Sollen junge Sport-Talente einseitig auf den Sport setzen oder parallel eine schulische und zweite berufliche Laufbahn verfolgen? Die Fachtagung widmet sich dem Thema «Übergänge ins Leben nach dem Leistungssport». Referenten/-innen sind der Skispring-Weltmeister Andreas Küttel, die ehemalige Synchronschwimmerin Daniela Torre von Swiss Olympic sowie der frühere Tischtennis-Nationalspieler und heutige Berufs-, Studien- & Laufbahnberater Marc Schreiber vom IAP. Die Tagung wird in Zusammenarbeit mit Swiss Olympic durchgeführt. Weitere Informationen unter www.zhaw.ch/iap/sportlaufbahn


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