Und täglich grüsst der Herr Bundespräsident…

Während ihres MAS in Berufs-, Studien- & Laufbahnberatung nahm Stephanie Stark an der Interkulturellen Bildungsreise nach Berlin und Mannheim teil. Ihre Beobachtungen zu den kulturellen Unterschieden in der Arbeitswelt der deutschen Nachbarn hielt sie in einem Blogbeitrag fest – selbstreflektiert und schmunzelnd.

Von: Stephanie Stark, Teilnehmerin des MAS Berufs- Studien & Laufbahnberatung

Zwei Tage Mannheim und drei Tage Berlin warteten auf eine bunt gemischte Gruppe Studierender vom Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW. Wir trafen aus den Lehrgängen MAS Arbeitsmanagement, DAS Personalpsychologie, CAS Leadership & Excellence und MAS Berufs-, Studien- & Laufbahnberatung aufeinander. Zu Beginn waren wir noch etwas zurückhaltend, begrüssten einander aber trotzdem freundlich. Ganz wie ich es von Schweizern erwartete. Und schon sind wir mitten im Thema. Denn gerade bei den Erwartungen an die Freundlichkeit fühlen sich Herr und Frau Schweizer in Gegenwart ihrer deutschen Nachbarn oftmals etwas im Stich gelassen. Der klassische Deutsche hat unfreundlich, kühl, arrogant und zackig zu sein – zumindest aus ganz plakativer Sicht der Schweizer. Ich beginne meinen Blog absichtlich mit diesen Vorurteilen, da solche im Alltag respektive im Aufeinandertreffen von Deutschen und Schweizern immer wieder anzutreffen sind. Deshalb war ich erstaunt darüber, als ich auf Geert Hofstedes Homepage die Kulturdimensionen der Schweiz mit denen Deutschlands verglichen habe und wir bei fast allen Dimensionen hohe Übereinstimmungen hatten (siehe Grafik). Einzig die ‘Indulgence’, also die Nachgiebigkeit, ist bei den Schweizern signifikant höher. Und obwohl wir gemäss der Grafik von Hofstede mit unseren deutschen Nachbarn viele Ähnlichkeiten haben, stellte ich in dieser Woche auch immer wieder Unterschiede fest.

Kulturelle Dimensionen im direkten Vergleich: Deutschland und die Schweiz. (Nach: Geert Hofstede)

Deutsche „Sie-Kultur“

Die Bedeutung von Hierarchie in deutschen Unternehmen ist und bleibt für mich ein zweischneidiges Schwert. Einerseits sind diese tatsächlich relativ flach, wie uns das unter anderem Dr. Bettina Rademacher-Bensing von der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit oder Herr Oelschläger von der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim aufgezeigt haben. Andererseits hatte ich das Gefühl, dass diese Art von Hierarchie nicht für alle gleich gut passt oder noch nicht so ganz in allen Köpfen und Herzen angekommen ist. Vielleicht wurde diese Irritation in mir durch das immer wieder anzutreffende, augenscheinliche Aufführen von erworbenen Titeln oder (für mich noch viel extremer) durch das aufgehängte Foto des Bundespräsidenten Joachim Gauck hervorgerufen, welches immer wieder in den Sitzungszimmern anzutreffen war. Diese beiden Punkte passten für mich deshalb nicht so richtig zur flachen Hierarchie, als dass diese Flachheit zwar für kurze Kommunikationswege stehen sollte, aber auch für eine gewisse Nähe von Vorgesetzten und Mitarbeitenden. Diese wurde meines Erachtens jedoch durch die Wichtigkeit und das Erwähnen der erworbenen Titel wieder (unnötig?) vergrössert. Und das Bild des Bundespräsidenten, Joachim Gauck, brachte mich (und auch weitere Mitglieder in der Gruppe) zum Grinsen, da es fast komisch befremdend wirkte.

Das Portrait des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck blickte uns in allen Büros entgegen.

Es rief in mir aber auch Gefühle von ‘Big Bundespräsident ist watching you’, ‘von oben gesteuert’ und patriarchischer Macht hervor. Zu einem eher distanzierten Verhalten trug für mich und wahrscheinlich allgemein für uns Schweizer auch die in deutschen Unternehmen vorhandene ‘Sie-Kultur’ bei. Die dazu befragten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfinden diese jedoch nicht als störend, sondern angenehm und als eine gewisse Voraussetzung für einen respektvollen Umgang bei der Arbeit. Gerade dieses Thema wurde häufiger in den Gruppen diskutiert, da in der Schweiz doch grösstenteils eine ‘Du-Kultur’ vorherrscht und wir trotzdem nicht das Gefühl haben, respektlos miteinander umzugehen. Man spürte jedoch, dass sich bezüglich Hierarchie oder allgemein der Nähe zu den Mitarbeitenden in den letzten Jahrzehnten einiges getan hat, und wie alles braucht auch die Umstellung solcher ‘Kulturen’ seine Zeit.

Aufgeschlossene und moderne Berufsberatung

Nebst diesen für mich nicht immer ganz nachvollziehbaren oder auch ambivalenten Erfahrungen, habe ich in Sachen Ausbildung, Berufsberatung, Unterstützung und Eingliederung jedoch viel Innovatives erfahren dürfen. Da ich im Berufsinformationszentrum (BIZ) Kreuzlingen arbeite, habe ich immer wieder auch mit deutschen Arbeitnehmenden zu tun. Und aus jenen Schilderungen war für mich das deutsche Bildungs- und Berufsberatungssystem weder modern, noch unterstützend. Was wir jedoch beim Besuch der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim, der Jugendarbeitsagentur in Berlin und dem Besuch im BIZ erfahren durften, hat mein Bild diesbezüglich total geändert. Was mir völlig unverhofft entgegenkam, war eine aufgeschlossene, moderne und breit abdeckende Berufsberatung – und das in Deutschland, dem Hartz 4-Land, dem Land mit einer Jugendarbeitslosigkeitsquote von bis zu 10 Prozent! Natürlich spiele ich absichtlich mit diesen Vorurteilen, da ich mir ganz sicher bin, dass dieses Bild von Deutschland in einigen Köpfen vorhanden ist. Und wenn ich ehrlich bin, ein wenig war es dies auch bei mir. Deshalb war ich absolut positiv überrascht zu sehen, wie modern, hell und schön die Räumlichkeiten des BIZ in Mannheim und Berlin sind. Die vielen Arbeitsplätze mit PC-Stationen sowie die Broschüren, welche nach Themen wie ‚Bewerbung‘, ‚Ausland‘ oder ‚Ausbildung und Beruf‘ aufgegliedert sind, machen Lust auf mehr. Aber nicht nur der Auftritt des BIZ, sondern auch die Philosophie der Jugendarbeitsagentur fand ich sehr gelungen und innovativ. Neuerdings findet man dort nämlich die Berufsberatung, das JobCenter und die Jugendberatung unter einem Dach, sprich in einem Haus, was den Austausch unter den verschiedenen Parteien gewährleistet. Die Arbeit in den Schulhäusern wird hier ebenso betrieben wie bei uns in der Schweiz. In der 7. und 8. Klasse wird ein Erlebnisparcours mit dem Titel ‚Komm auf Tour‘ angeboten, wobei Jugendliche ihre Stärken spielerisch entdecken können. Oder es gibt diverse Online-Plattformen, auf welchen die Schülerinnen und Schüler Berufe erkunden können, denn die grösste Herausforderung für Deutschland ist, möglichst wenige Schüler ohne Perspektive aus der Schule zu entlassen. Deshalb gibt es auch diverse weitere Möglichkeiten nach der Schule – auch ohne Lehre oder weiterführende Schule.

Austausch mit Berufsgruppen

Durch mein teils vorgegebenes, teils selbstgewähltes Programm, habe ich nicht viele Einblicke in deutsche Privatfirmen gewinnen können. Nebst dem Besuch bei BASF konnte ich keine Unternehmung mehr besuchen, was etwas schade war. Dafür empfand ich den Austausch mit den restlichen Studierenden aus den anderen Lehrgängen fast so spannend wie die Erlebnisse mit der deutschen Kultur. Zu hören, wer wo arbeitet, in welcher Ausbildung ist und welchen Werdegang hinter sich hat, hat mich sehr interessiert. Es sind viele tolle Gespräche entstanden, zum Beispiel während den Besichtigungen oder am Abend in einer etwas ausgelasseneren Umgebung. Dieser Austausch war in diesem Sinne nicht ‚interkulturell‘ zwischen verschiedenen Ländern, sondern eher ‚interkulturell‘ zwischen verschiedenen Berufsgruppen. Meines Erachtens war das aber ebenso wichtig und lehrreich, vor allem für die Arbeit in der Berufsberatung.

Doppelter interkultureller Austausch vor dem Deutschen Bundestag: Stephanie Stark (rechts) und Studienkollegin Martina Oesch (links) aus dem Studiengang Personalpsychologie.

Über die Autorin:
Stephanie Stark ist  Berufs- und Laufbahnberaterin im BIZ Kreuzlingen. Seit gut zwei Jahren arbeitet sie in der Berufsberatung Thurgau, wo sie zuerst als Testassistentin tätig war und später Berufs- und Laufbahnberaterin wurde. Unterdessen berät sie alle Altersgruppen, ist Leiterin des Übergang 2-Kurses und erarbeitet in einer Arbeitsgruppe ein neues Konzept für Elternkurse. Neben der vielfältigen Arbeit als Berufsberaterin ist sie aktuell noch mit vollem Einsatz im Endspurt des MAS Berufs-, Studien- & Laufbahnberatung am IAP, wo sie zurzeit ihre Masterarbeit schreibt. Die interkulturelle Bildungsreise fand im Sommer 2016 statt.

 


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