The Power of Voice

Titelbild für Blog_v2An ihrem TEDx-Talk sprach Nadine Bienefeld über die Möglichkeit, Dinge zu verändern und Kommunikation und Teamarbeit zu verbessern, indem man sich auf seine eigene Stimme verlässt und sie für das Erreichen eines höheren Ziels einsetzt. Im Interview erzählt sie über ihre TEDx-Erfahrung.

Hattest du Angst, eine so persönliche Geschichte zu erzählen?
Ich hatte Respekt davor, wie ich selbst darauf reagieren würde. Einerseits, weil gewisse Teile des Vortrags sehr persönlich sind und die Erinnerung sofort auch Gefühle hochkommen lässt, wenn man darüber spricht. Andererseits, weil ich schwanger bin. Da ist man noch ein ganzes Stück emotionaler, ohne es zu wollen.

Und war das dann so am Auftritt?
Ja, natürlich. Es kam einfach vieles in mir hoch. Das hat man auch an meiner Stimme gemerkt. Es geht ja beim TEDx-Talk nicht nur um Erlebnisse, sondern auch um Überzeugungen und Nähe. Ich habe dann aber von vielen Leuten die Rückmeldung bekommen, dass gerade die Nähe sie sehr berührt hat.

Wie muss man sich die Vorbereitung vor Ort kurz vor dem Auftritt vorstellen?
Alle Speaker der ersten Session waren sehr früh dort und gingen noch ihre Notizen durch. Ich habe das ganz bewusst nicht mehr gemacht. Das hätte mich wahrscheinlich noch nervöser gemacht. Ich wusste, es sind Freunde dabei, Kollegen und Kolleginnen aus dem Team – und mein Mann.

Du hast dich vorher gar nicht mehr vorbereitet?
Nein, ich habe mit den Leuten geredet, einen Kaffee getrunken und versucht, mich zu entspannen. Aber ich war natürlich extrem nervös. Ich glaube, ich war noch nie zuvor so nervös. Dann kam das Make-up. Das war total entspannend. Wie Wellness vor dem Auftritt. Da konnte ich mich einfach hinsetzen und die anderen machen lassen. Nach dem Make-up wird man von einer Mitarbeiterin des Fernsehens zur Bühne begleitet. Und dort kommt die Nervosität so richtig hoch: Man steht da auf der Seite der Bühne, hinter dem Vorhang und hört die letzten Momente des Speakers, der vor einem dran ist. Da war ich dann so nervös, dass ich gar nichts mehr mitbekommen habe, von dem, was er gerade auf der Bühne erzählte. Ich nahm das Publikum wahr und ich spürte in diesem Moment: Da ist einfach ein richtig guter “Vibe”. Es war eine echt gute Stimmung im Publikum, das ja quasi die TEDx-Community ist, also ein sehr wertschätzendes Publikum. Alle waren sehr offen und interessiert. Diese Stimmung hat man über den ganzen Tag hinweg gespürt. Es war eine faszinierende Erfahrung, mit so vielen interessanten, cleveren, offenen, unvoreingenommenen Menschen einen Tag verbringen zu können. Das hat mich total beflügelt. Die Dankbarkeit half mir über die Nervosität hinweg. Ich empfand es als absolute Ehre, überhaupt vor diesem Publikum reden zu dürfen. Es war für mich ein Privileg und dadurch habe ich verstanden: Ich konnte einfach nur geniessen, dass ich vor solch interessanten Menschen meine Geschichte erzählen durfte.

Gab es auch schwierige Momente auf der Bühne?
Es war vieles sehr neu für mich. Sonst, wenn ich doziere oder eine Rede halte, sehe ich das Publikum. Ich kann mir immer mindestens zwei bis drei Fixpunkte nehmen, Leute, die mir non-verbal Feedback geben. Das hilft einem, denn man merkt, dass man verstanden wird. Beim TEDx -Talk war das anders. Es war dunkel im Saal. Ich habe niemanden gesehen. Dazu kamen die Scheinwerfer. Das hat mich doch hin und wieder irritiert. Man weiss ja, dass da Menschen sind. Und man will zu ihnen sprechen, in Kontakt zu ihnen treten. Aber man sieht sie nicht. Mann steht da und hat nichts, keine Notizen, keinen Prompter, kein sichtbares Publikum. Man erkennt nur die Leute, die sich um einen herum bewegen, weil sie dich filmen oder die Blitze von Fotoapparaten und man hat eine Uhr vor sich, die die Zeit zurück zählt. Diese Situation kann einen schon aus dem Konzept werfen.

Was war das Speziellste an diesem Tag?
Dass meine Freunde und Team-Kollegen mich unterstützten und die vielen Leute, die mir zu verstehen gaben, dass meine Message rüber gekommen ist, das war unglaublich. Die hätten ja einfach nichts sagen oder auf den nächsten Vortrag warten können. Aber sie haben mir zum Teil sogar ihre eigenen Geschichten erzählt. Eine erfolgreiche Managerin aus einer Bank kam zum Beispiel auf mich zu und meinte: “Ich bekam von meinen Mitarbeitenden immer wieder Feedback, dass sie sich nicht äussern, weil ich die Bedingungen dafür nicht schaffe. Durch deine Erzählung und das Konzept, das du vorgestellt hast, ist mir ein Licht aufgegangen”. Eine andere Frau kam in der Pause zu mir und erzählte, dass sie seit ihrer Kindheit immer wieder damit kämpfte, ihre “Power of Voice” zu nutzen. Durch meinen Vortrag hätte sie verstanden, dass es Zeit für sie ist, ein altes Muster zu brechen. Es hat mich sehr berührt, dass so ein persönlicher Austausch stattfinden konnte. Ich habe nicht nur geben können, sondern bekam auch vieles zurück. Es half mir zu erkennen, dass ich meine Kernbotschaft wirklich vermitteln konnte.

Wie zufrieden bist du mit dir selbst nach diesem Auftritt?
Nun ja, zufrieden ist der falsche Ausdruck. Ich bin einfach froh, dass alles gut gelaufen ist und ich kein Blackout hatte, besonders mit einem “Pregnancy-Brain” (lacht).

War es schwierig, schwanger auf die Bühne zu gehen?
Ich habe die Stresshormone gespürt. Im Vorfeld und auch während dem Talk war meine Kleine im Bauch sehr aktiv und hat sozusagen “mitgemacht”. Das habe ich natürlich gespürt. Einerseits tat es mir leid, dass sie so viel Aufregung bekam. Andererseits war es eine positive Aufregung und ihre Aktivität hat mich abgelenkt von meiner eigenen Nervosität. Ich dachte bei mir, dass ich eine der wenigen bin, die nicht alleine auf diese Bühne müssen. Wir waren ja zu zweit. Das hat mich beruhigt.

Deine andere Tochter ist 2-jährig. War sie dabei?
In meinen Gedanken. Aber mein Partner war dabei. Er hatte das ganze ja initiiert….

Warum das?
Mein Mann und ich sind seit Jahren begeisterte TED-Fans. Wir wollten das einmal live erleben und waren 2014 als Zuschauer dabei. Es war total inspirierend und interessant, aber ich sass damals in diesem Raum voller inspirierender Menschen und fühlte mich selbst wie ein kleines Würmchen. Ich hatte so viel Zeit „nur“ als Mutter zuhause verbracht und hatte das Gefühl, gar nicht in diesen Kreis zu gehören. Da meinte mein Mann: “Du gehörst eigentlich wirklich nicht in die Zuschauerreihen. Du solltest eigentlich da auf der Bühne stehen”. Für mich war das mehr ein Scherz. Aber er nahm Kontakt mit den Verantwortlichen der Speaker-Selektion auf und erzählte ihnen von meiner Forschung. Ich wurde dann eingeladen, meine Idee einzureichen und wurde so selektioniert.

Warst du deinem Mann nicht böse, dass er dich angemeldet hat?
Nein, natürlich nicht. Ich bin dankbar und habe die Chance gesehen, die ich dadurch bekam, mein Thema einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Das Problem mit einer Dissertation ist, dass sie nur von einer kleinen akademischen Gruppe gelesen wird. Durch den TEDx-Talk hatte ich die Möglichkeit, das Thema der Welt zu erzählen. Mein Mann hat verstanden, wie sehr mir das helfen würde, mich selbst wieder als wichtigen Teil des grossen Ganzen wahrzunehmen. Ich glaube, dieser Auftritt wird mir auch in Zukunft helfen, zu erkennen, dass ich – egal ob als Mutter oder als Schwangere oder in irgendeiner anderen Rolle – in der Welt da draussen immer gleichzeitig auch meine Frau stehen kann.

 


Dr. Nadine BienefeldDr. Nadine Bienefeld ist am IAP als Beraterin und Dozentin im Bereich Entscheidungsfindung, Fehler, Speaking up und Sicherheitskultur tätig. Sie hat über 15 Jahre Erfahrung in den Bereichen Aviatik und Gesundheitswesen. Unter anderem war Nadine Bienefeld Head of Human Factors & Systems bei SWISS Int. Airlines und forschte an der ETH. Zudem war sie Visiting Researcher bei der NASA. Sie hat an der Universität Zürich Psychologie studiert und an der ETH doktoriert.


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