Der feine Unterschied

Reisebericht der interkulturellen Studienreise nach Mannheim und Berlin

von Stefan Spiegelberg, Student MAS Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung

OK, ich gebe zu: Ein Grund dafür, dass meine Städtewahl für die Studienreise auf Mannheim/Berlin gefallen ist – und nicht auf Boston oder Aix-en-Provence – war sicher mein Antitalent für Fremdsprachen. Auf Englisch kann ich mich ja noch mehr oder weniger verständlich ausdrücken, aber mit meinem Französisch komme ich schon lange nicht mehr über die Essensbestellung hinaus. Beides reichte nicht aus für vertiefte Diskussionsrunden im Gastland. Also: Deutschland. Natürlich war dies nicht der einzige Grund, warum ich mich für dieses Land entschieden habe. Da wir im Zentrum für Berufs-, Studien- & Laufbahnberatung am IAP immer wieder auch deutsche Klientinnen und Klienten beraten, war ich auch neugierig darauf, etwas tiefer in das Bildungs- und Sozialsystem des Landes einzutauchen.

Erste Vorurteile?
Bereits bei der Reise nach Mannheim wurden wir mit dem ersten Klischee konfrontiert: Wir waren keine halbe Stunde über der Grenze, als die Deutsche Bahn uns darüber informierte, dass wir mit einer längeren Zugsverspätung rechnen müssten. Wir machten das Beste daraus und nutzten die verlängerte Reisezeit, um uns gegenseitig kennenzulernen. Insgesamt waren die Teilnehmenden aus drei verschiedenen Weiterbildungsstudiengängen zusammengewürfelt; eine spannende Ausgangslage also, um auch die (kulturellen) Unterschiede zwischen den Studiengängen zu beleuchten. Und schneller als erwartet kamen wir dann beim Bahnhof Mannheim an.

Mannheim – die Industriestadt
In Mannheim besuchten wir die Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA). In einem Vortrag erfuhren wir mehr über das deutsche Bildungssystem, was mich als angehender Berufs-, Studien- und Laufbahnberater natürlich besonders interessierte. Beeindruckt hat mich auch unser Besuch bei der BASF in Ludwigshafen. An diesem Standort befindet sich auf einer Fläche von mehr als zehn Quadratkilometern das grösste zusammenhängende Chemieareal der Welt. Wir starteten im „BASF Visitor Center“.

Eine Fläche von rund 64.000 Quadratmetern - das entspricht 13 Fußballfeldern - umfasst der Steamcracker II, die größte einzelne Anlage am Standort Ludwigs­hafen der BASF. Der Cracker ist auch das "Herzstück" der Verbundproduktion. Seit 1981 ist dieser Gigant in Betrieb und spaltet unter Zusatz von Wasserdampf bei etwa 850 Grad Celsius Rohbenzin auf. Dabei entstehen im wesentlichen Ethylen und Propylen, beides unverzichtbare Grundstoffe für die Herstellung vieler Produkte in Ludwigshafen. Abdruck honorarfrei. Copyright by BASF. Steam cracker II, the largest individual plant at BASF's Ludwigshafen site, covers a surface area of about 64,000 square meters, which is about the size of 13 soccer fields. The steam cracker is also the heart of BASF's Verbund production strategy. This giant plant has been operating since 1981 and uses steam to crack naphtha at about 850°C [1,562°F]. This process leads primarily to ethylene and propylene, both indispensable feedstocks for manufacturing numerous products in Ludwigshafen.Print free of charge. Copyright by BASF.
Eine Fläche von rund 64’000 Quadratmetern – das entspricht 13 Fussballfeldern – umfasst der Steamcracker II, die grösste einzelne Anlage am Standort Ludwigs­hafen der BASF. Copyright by BASF.
Auf 2’000 Quadratmetern Ausstellungsfläche konnten wir anhand vieler kleiner Experimente entdecken, welchen grossen Einfluss die Chemie in unserem Alltag hat. Ich fühlte mich hier in meine Kindheit zurückversetzt, in der ich öfters das Technorama in Winterthur besucht hatte und dort experimentierte. Publikumsmagnet im Visitor Center war sicher der „Selfie-Fotokasten“, mit dem man verschiedene Frisuren über das eigene Bild legen und sich diese kreativen Passbilder dann ausdrucken lassen konnte – wie früher beim Fotokasten im Einkaufszentrum. Im Anschluss machten wir mit einem Car eine Werkrundfahrt durch das riesige BASF-Gelände. Erst jetzt wurde mir die Grösse dieses Chemieareals wirklich bewusst. Auf dem ganzen Gelände ragten riesige Fabrikgebäude in die Luft. Über der Strasse hielten starke Stahlträger duzende von Rohrleitungen zusammen, welche die verschiedenen Flüssigkeiten zu den einzelnen Fabrikgebäuden leiten. Die Gesamtlänge der Leitungen beträgt unglaubliche 2‘800 Kilometer. Teilweise liegen sie so dicht bei einander, dass die Sonnenstrahlen nicht durchkommen und die Strasse darunter im Schatten liegt. Während wir ganz nahe an grossen Chemiespeichern vorbeifuhren, in denen gefährliche Stoffe wie Ammoniak gelagert werden, wurde uns allen etwas mulmig. Welche Auswirkungen hat ein Unfall in diesen Gefahrenbereichen? Wie schützt sich die BASF vor Terroranschlägen? Unser Guide versicherte uns, dass das ganze Gelände extrem gut gesichert sei. Hoffen wir, dass die Terroristen das auch wissen…. Am Abend ging es dann mit dem Zug weiter nach Berlin. Natürlich mit einer grösseren Verspätung. Irgendwie hatten wir es ja bereits geahnt.

Berlin – die Stadt mit den vielen Gesichtern
Auf Berlin freute ich mich besonders. Ich hatte diese Stadt bereits vor einem Jahr für ein verlängertes Wochenende besucht und verliebte mich sofort in sie. Jedes Mal, wenn ich damals aus der U-Bahn oder aus dem Zug stieg, hatte ich das Gefühl, ein neues Gesicht dieser Stadt zu sehen: Die modernen Hochhäuser am Potsdamer Platz, die Plattenbauten im ehemaligen Osten, die grüne Parkanlage Tiergarten, die Museumsinsel mit ihren eindrücklichen Gebäuden – diese Gegensätze fand ich spannend, und ich wollte sie noch einmal neu entdecken. In Berlin besuchten wir die BSP Business School Berlin, den Deutschen Bundestag, das Verwaltungsgebäude der Firma Siemens sowie den Deutschen Gewerkschaftsbund. Ausserdem konnten wir uns für eine Besichtigungstour nach Neukölln oder Kreuzberg entscheiden.

Putzrunde im Bundestag
Speziell freute ich mich auf den Besuch des Reichstagsgebäudes, insbesondere auf die Besichtigung der gläsernen Kuppel. Leider wurde sie zu diesem Zeitpunkt gerade gereinigt und der Zugang blieb uns verwehrt. Aufgrund der Reinigungsarbeiten waren auch die Stühle und Tische im Plenarsaal mit Plastikfolie überdeckt.

Bundestag
Der Bundestag mit plastikbezogenen Stühlen und Reinigungsvorrichtung für die grosse Glaskuppel

So brauchte es etwas mehr Fantasie, um sich die heftigen Debatten der Abgeordneten vorzustellen. Einzige Akteurin im Saal war eine Putzfrau, die – von uns beobachtet – ihre Putzrunde drehte. Trotz allem war der Saal aber sehr beeindruckend und als wir dann auf das Dach des Reichstagsgebäudes durften, wurden wir für die verpasste Kuppel mit einer einmaligen Aussicht über Berlin entschädigt.

Werner von Siemens
Werner von Siemens (1816-1892)

Stete Anpassung bei Siemens
Spannend war auch der Firmenbesuch bei Siemens. Die Begrüssung war allerdings etwas gewöhnungsbedürftig: Im Eingangsbereich blickte uns grimmig die steinerne Büste des Firmengründers Werner von Siemens entgegen. Ich fragte mich, ob man damit wohl Einbrecher abwehren oder die Konkurrenz einschüchtern wollte. Ich wollte aber nicht schon zu Beginn mit skurrilen Fragen auffallen, und so liess ich meine Frage unausgesprochen. Nach der Begrüssung erkundeten wir das Verwaltungsgebäude. Es wurde in den letzten Jahrzehnten nach und nach modernisiert. Am Beispiel des „Eichensaals“, dem grossen Sitzungszimmer der Geschäftsleitung, war dies besonders gut zu erkennen: Die dunklen Möbel und Teppiche sowie der schwere Kronleuchter mussten einem hellen Tisch, cremefarbenen Ledersesseln und einem weissen Teppich weichen; und an der dunklen Eichenwand prangt nun ein riesiger moderner Flachbildschirm. Nach der Führung nahmen wir an einem spannenden Vortrag mit anschliessender Diskussionsrunde zum Thema Energy Management teil. Im Vortrag wurde klar, dass sich auch ein grosses Unternehmen wie Siemens immer wieder der neusten Entwicklung anpassen muss, um den Anschluss nicht zu verlieren. Vor Anpassung kann also auch eine lange und erfolgreiche Firmengeschichte nicht bewahren.

Der Eichensaal
Der Eichensaal. Sitzungszimmer der Geschäftsleitung von Siemens


Berliner Nachtleben
Natürlich planten wir, nach den Firmenbesuchen das Nachleben von Berlin zu erleben. Den einen oder anderen Abend hatten wir zur freien Verfügung, und wir hatten grosse Pläne. Die Gruppe, die rund einen Monat vor uns ihre Studienreise nach Berlin gemacht hatte, hatte fleissig Ausgangsfotos in der WhatsApp-Gruppe der MAS-Klasse gepostet. Diese Eindrücke wollten wir natürlich auf jeden Fall übertreffen. Leider mussten wir sehr schnell feststellen, dass es nach einem langen Tag unterwegs in der Stadt, den verschiedenen Vorträgen und intensiven Fachdiskussionen gar nicht so einfach war, noch die Energie für den Ausgang zu finden. Besonders da wir wussten, dass der Tag am nächsten Morgen wieder früh starten und ebenso intensiv werden würde. Die kalten Temperaturen in Berlin machten es uns nicht einfacher. Und so blieb es oft nur bei einem feinem Abendessen und einem anschliessenden „Schlummi“ in einer der tollen Bars. Während wir müde an unserem Drink nippten, überlegten wir kurz, ob wir ein Foto schiessen und dieses anschliessend posten sollten. Zur Umsetzung kam es dann aber jeweils doch nicht… dafür waren wir einfach zu müde!

Und wo ist jetzt der feine Unterschied?
Bei den vielen Eindrücken, welche die beiden Städte zu bieten hatten, vergass ich manchmal fast, mich mit der Frage nach den Unterschieden zu befassen. Im Vergleich zu den anderen Studienreisen nach Boston oder Aix-en-Provence sind diese sicher nicht ganz so offensichtlich. Mir persönlich sind natürlich die Unterschiede im Bildungssystem besonders ins Auge gestochen. In Deutschland liegt z.B. die Verantwortung für die Berufsbildung stärker bei den Bundesländern, während in der Schweiz der Bund die Führungsrolle hat. Interessant ist auch, dass in Deutschland duale Studiengänge (Studium plus Berufspraxis) auch an der Universität angeboten werden und nicht nur an Fachhochschulen. Auch bei den Firmenbesuchen und beim Besuch des Deutschen Gewerkschaftsbunds kamen Unterschiede zu Tage: Die unterschiedlichen Arbeitsbedingungen (kürzere Wochenarbeitszeit in Deutschland und oft mehr Ferientage als in der Schweiz) sind sicher naheliegend. Aber auch die Stärke der Gewerkschaften in Deutschland ist klar erkennbar. Sie sind in vielen Unternehmen verankert und treten auch viel stärker in den Vordergrund als in der Schweiz. Dies sind nur einige Unterschiede, dir mir auf dieser Studienreise aufgefallen sind. Im Reflexionsnachweis habe ich nun in den kommenden Wochen die Möglichkeit, mich vertiefter mit diesen Themen auseinanderzusetzen.


Stefan_Spiegelberg
Stefan Spiegelberg ist Student im MAS Berufs-, Studien- & Laufbahnberatung und Mitarbeiter am IAP Institut für Angewandte Psychologie.

Interkulturelle Kompetenz
Das IAP hat vor rund einem Jahr das neue Modul „Interkulturelle Kompetenz“ in die Weiterbildungs-Curricula eingebaut. Ziel der Studienreise ist, dass sich die Studierenden über Einblicke in Unternehmen und Institutionen mit den kulturellen Gegebenheiten des Landes auseinandersetzen. Im September und Oktober 2015 reisten zwei Gruppen mit je 26 Studierenden nach Mannheim und Berlin.


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