Menschen zu helfen, finde ich cool

Am Nationalen Zukunftstag bekommen Kinder einen Einblick in verschiedene Berufsbilder. Ziel ist es, die Mädchen und Jungen auch für Berufe zu öffnen, die nicht den starren Geschlechterrollen entsprechen. Dass in der Angewandten Psychologie der Anteil an weiblichen Studierenden wesentlich grösser ist, war am Zukunftstag 2015 nicht offensichtlich.

von Joy Bolli, Redaktorin, ZHAW Angewandte Psychologie

21 Kinder zwischen 10 und 13 Jahren tummeln sich im Unterrichtszimmer des Toni-Areals. 15 von ihnen sind Jungs und 9 von den Kindern wissen bereits genau, was sie beruflich machen wollen: Lebensmitteltechnologe, Biologin, Schönheitschirurg, Tierarzt, Autoingenieur – und Psychotherapeut.

Bachelors sind begehrt
Um ins Thema zu kommen, stellen Mitarbeitende aus den Departementen Angewandte Psychologie und Soziale Arbeit den Kindern erst einmal die akademische Laufbahn vor, die Studierende an der Hochschule absolvieren müssen. Was ein Bachelor ist, wissen die Kinder: „Das ist einer, der von Frauen begehrt wird. Darüber gibt es eine Serie im Fernsehen!“ Ja, auch das ist ein Bachelor. Aber mit unserem kann man langfristig Geld verdienen. Die Kinder lernen den Zusammenhang zwischen dem „Junggesellen“ und dem „(Jung)gesellenbrief“, der als Abschluss mindestens genauso begehrt ist wie der Frauenschwarm im Fernsehen. In der Psychologie, so erklären die Mitarbeitenden, kann man meist erst arbeiten, wenn man den Master-Abschluss gemacht hat. Die Stufen der Berufslaufbahn imponieren den Kindern. „Mein Vater hat den Doktor gemacht“, verkündet einer der Buben stolz. Dass man so viele Jahre für einen Doktortitel studieren muss, scheint vielen dann aber doch etwas zu mühsam.

Psychologie spielt überall mit
Zusammen erarbeiten die Kinder, in welchen Berufsbereichen das Wissen der Psychologie angewendet werden kann. Der Fussboden füllt sich mit Kärtchen: Bei der Polizei werden Psychologinnen und Psychologen gebraucht, in Spitälern, für Leute mit Spielsucht und Alkoholproblemen, sogar das Licht, der Geruch, die Musik und die Anordnung der Waren in den Läden wird von psychologischer Expertise beeinflusst. Auch die beratende Seite des Berufes kennen viele bereits. Aber selber Psychologie studieren? Katharina ist kritisch. Ihre Mutter arbeitet als Psychotherapeutin am IAP Institut für Angewandte Psychologie. Sie kennt sich auch schon ein bisschen aus mit dem Berufsalltag ihrer Mutter, doch ob sie diesen Weg selbst einmal einschlagen will, hält sie sich noch offen. „Ich weiss noch nicht, was ich werden will“, meint sie. Für Sebastian hingegen ist klar, dass er auf diesem Gebiet einmal arbeiten möchte: „Mein Vater ist Psychologe“, erklärt er mir. Auf meine Frage, ob er da nicht den ganzen Tag die Probleme anderer anhören muss, entgegnet er voller Selbstbewusstsein: „Nein, man kann Menschen bei ihren Problemen helfen. Das finde ich cool!“

Katharina schaut sich mit ihrer Mutter den Therapiekalender im Sekretariat an.IMG_3692IMG_3682

 

 

 

Schnitzeljagd durchs Toni-Areal
Cool dünken mich die jungen Menschen besonders in der Znüni-Pause. Da stehen sie mit ihren Gläsern und Gipfeli in der Hand und networken wie die Grossen. Woher kenne ich dich? Warst du schon mal da? Wie findest du es? Um 10 Uhr beginnt die grosse Schnitzeljagd durch das Gebäude. Katharina weiss bereits, dass hier vor langer Zeit das Toni Joghurt hergestellt wurde. Dass sich das grosse Gebäude vor gar nicht so langer Zeit noch am Rande der Stadt befand, können sich viele nicht vorstellen. Die Jungs und Mädchen werden in Gruppen eingeteilt. 10 Aufgaben gilt es zu lösen. Eine nach der Anderen. Für jede gelöste Aufgabe gibt es ein Puzzle-Teil. Der Gruppe, die das Puzzle als erstes zusammensetzen kann, winkt ein Preis. Ich begleite eine der Gruppen und merke, dass diese Aufgabe für mich selbst zur Herausforderung wird. Welche Journale liegen in der Bibliothek auf? Was gibt es heute in der Mensa zum Mittagessen? Wie viele Stufen hat die Treppe, unter der sich das Café Z befindet? Die Kinder rennen im Gebäude hoch und runter, kreuz und quer. Jede Sekunde zählt. Dass man sich auf die kleinen, langsamen Lifte im Areal nicht verlassen kann, merken sie schnell. Bereits bei der zweiten Aufgabe ist der grosse Vorsprung durch das Warten am Lift verloren. Die Strategie wird geändert: Wenn der Aufzug nicht sowieso da ist, ist die Treppe schneller. Die Gruppe ist bald ausser Atem, und auch mir wird heiss. Ich lache über den starken Wettkampfgeist der Jugendlichen und staune über die Preisverteilung. Eigentlich winkte dem Gewinner eine ganze Schüssel voller Schokolade, aber die Gruppen bedienen sich alle. Die Einen nehmen nur eine Schokokugel, die Anderen füllen ganzen Hände voll in ihr T-Shirt und nehmen sie mit, um sie später untereinander aufzuteilen.

In welchem Stockwerk ist die Bibliothek? Die Kinder prüfen die Übersichtstafel.IMG_3560IMG_3592

 

 

 

Medienpsychologie – da können alle mitreden
Beim anschliessenden Vortrag über Medienpsychologie können die Kinder – und ich – etwas verschnaufen. Doch die Geister sind wach, und bei diesem Thema können alle irgendwie mitreden. Die Kinder sind so interessiert, dass unsere Medienpsychologin Sarah Genner ihren Vortrag kaum zu Ende führen kann. Während sie von den Studien erzählt, welche die Hochschule im Bereich der Medienpsychologie regelmässig durchführt, kommen immer wieder dringende Fragen auf: Steht dieser rote Balken da für alle Leute, die in der Stadt mitgemacht haben? Wie viele mehr sind das als auf dem Land? Und was bedeutet die 100% genau? Wie viele Leute haben denn nun digitales Fernsehen, wenn da 81% steht? Sarah Genner erzählt von der Arbeit der Forscherinnen und Forscher, davon wie die Medien früher aussahen und welche Themen die Forschung bei Kindern und Jugendlichen und ihrem Medienumgang besonders interessierten. Bei den Infografiken zur meistgelesenen Lektüre von Jugendlichen wird kritisch kontrolliert und mit den persönlichen Präferenzen abgeglichen. Eragon. Klar. Herr der Ringe. Okay. Harry Potter als Favorit lässt man auch noch gelten. Aber der kleine Prinz – echt jetzt?! Bei den Präferenzen in den sozialen Netzwerken wird klar, dass die anwesenden Jungen und Mädchen ihre ganz eigene Expertise haben: Auf Facebook ist doch heute keiner mehr! Instagram ist viel interessanter und auf WhatsApp sind die meisten von ihnen. Dass Instagram und WhatsApp dem Facebook-Unternehmen gehören erstaunt deshalb alle.

Sarah Genner zeigt den Kindern, was die Forscher herausgefunden haben.IMG_3628IMG_3638

 

 

 

 

Am Ende des Vortrages, der doch mehr einer Diskussion glich als einem Referat, bekommen die Kinder einen Fragebogen. Wer alle Fragen zum Vortrag beantworten kann, der gewinnt einen USB-Stick. Mich erstaunt, wie viel sich die Kinder trotz der Zwischenfragen und bilateralen Gespräche merken konnten. Angeregt melden sie ihre Antworten. Wer einen Fehler macht, wird von den anderen konstruktiv korrigiert. Der Wettkampf ist dem Miteinander gewichen. Ich merke, wie jeder die richtige Antwort haben möchte, sich gleichzeitig aber eine unsichtbare Verbundenheit untereinander entwickelt hat. Bevor sie ihre Eltern in die Mittagspause und am Nachmittag bei der Arbeit begleiten, frage ich nach: Wie interessant ist denn nun dieser Beruf? „Es ist schon alles sehr interessant“, meint einer der Jungen. „Aber die vielen Treppen jeden Tag hoch und runter zu steigen, das muss ich mir noch gut überlegen“.

 


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