Hilfe – ich bin in meinem eigenen Business Case gelandet – und das als Patient

Eigene Aufnahme Florian Liberatore

Von Dr. Florian Liberatore

Neulich kam der Moment, den ich insgeheim immer gefürchtet hatte: Ich wurde erstmals selbst zum Patienten – ein operativer Eingriff in einem Spital. 😱 Und plötzlich war ich mittendrin in meinen Business Cases, die ich regelmässig unterrichte. Kneifen hat nicht geholfen, war leider kein Traum.  

Was folgte, war eine Journey durch meine Business Cases mit, Spoiler-Alarm, einem guten Ende. 🙏 Lohnt sich trotzdem weiterzulesen. Hier mal die acht spannendsten Blitzlichter:

🎬Blitzlicht 1: Die informierte Spitalwahl – ich hab es streberhaft gelöst

Ich tat erstmal das, was ich mit meinen Studierenden immer kritisch diskutiere. Es ist, glaube ich, die Phase 3 in meinem Modell für das Konsumverhalten im Gesundheitswesen aus dem Unterricht: Ich schaute mir auf verschiedenen Informations-Plattformen Eingriffszahlen, Komplikationsraten, Wiederaufnahmen an, um die optimale Spitalwahl zu treffen.

Am Ende entschied ich mich – wie die meisten Patient:innen – dafür, der Empfehlung meiner Hausärztin zu folgen. Ich, als Gesundheitsökonom und Qualitätsexperte, echt jetzt?

🎬 Blitzlicht 2: Sprechstunde mit dem Chefarzt – was das mit Autofahren zu tun hat

Das Gespräch dauerte schätzungsweise fünf Minuten. Als ich konkrete Fragen zu seinem Qualitätsausweis stellte – Fallzahlen, Komplikationsraten, Vergleich mit anderen Häusern – erhielt ich folgende Antwort: «Ich stehe jeden Tag im OP-Saal. Bei dieser Operation etwas falsch zu machen, wäre für mich so, als würde ich beim Autofahren aus Versehen das Gaspedal mit dem Bremspedal verwechseln.» Ok, den Spruch muss ich mir merken, der ist überzeugend, dachte ich mir.

Mein Aufenthalt war stationär geplant – lieber eine Nacht zur Überwachung bleiben. Hier die Satzergänzung von mir, fast hätte ich es laut ausgesprochen: «Stationäre Fälle sind ja auch lukrativer.» Und da wurde mir klar: Ich bin richtig tief drin in meinen Business Cases.

🎬 Blitzlicht 3: OP-Termin – was wohl das liebe Kapa-Management dazu sagt

Den Operationstermin durfte ich natürlich ganz klassisch nach eigenen Wünschen und Verfügbarkeit mit der Chefarztsekretärin aussuchen. «Wie wohl das Kapazitätsmanagement des Spitals, falls sie überhaupt eines haben, dazu steht?», dachte ich mir grinsend. Aber hätte ich auch einen vom Kapazitätsmanagement festgelegten OP-Termin akzeptiert, der einen optimalen Patientenfluss ermöglicht? Never ever.

Mir wurde die genaue Uhrzeit der OP erst am Vortag mitgeteilt, abhängig vom finalen OP-Programm. Immerhin, da steckt ja doch etwas System dahinter.

🎬 Blitzlicht 4: Ambulante Vorabuntersuchungen – jetzt kommt der Auftritt meines Kollegen Alfred Angerer

OP-Aufklärung, Anästhesie-Aufklärung, Blutabnahme – alles wurde ambulant vor dem Eingriff erledigt – und einzeln abgerechnet. Und dann kam der Lieblings-Business Case von meinem Kollegen Alfred Angerer – das nicht vorhandene Lean Management. Wie im Lehrbuch: Mehrfache Unterbrechungen der Ärztin durch Kolleg:innen, die reinkommen und sagen: «Kannst Du bitte mal kurz…».

🎬 Blitzlicht 5: Aufnahme auf Station – wenn das Essen und die Mitpatienten die Hauptrolle bekommen

Am Morgen vor der OP Aufnahme auf der Station. Ein Einbettzimmer war nicht frei. Ich dachte kurz: gute Bettenauslastung, aus Kapazitätssicht verständlich. Dann merkte ich, verdammt, ich bin hier im Business Case aus Patienten-Perspektive. Ein schönes Zweitbettzimmer mit einem gesprächigen Bettnachbar wartete also auf mich.

Der erzählte mir dann direkt, dass er eine Revisionsoperation hinter sich hatte – nach demselben Eingriff, der mir bevorstand. Ich erinnerte mich sofort an eine meiner Lieblingsfolien im Unterricht zu Patient Co-Creation, nämlich zum Einfluss von Mitpatient:innen auf die eigene Patient Experience.

Meine OP sollte lediglich 30 Minuten zu spät beginnn. Das OP-Programm schien zu laufen. Vielleicht war für einmal alles nach Plan und pünktlich gestartet. Aus einer Masterarbeit, die ich gerade betreue, weiss ich: das ist eher die Ausnahme als die Regel.

Kurz vor der OP. Eine freundliche Person vom Hotellerie-Dienst fragte mich nach meinen Essenswünschen für den Mittag und Abend. Ich dachte nur: ich hab jetzt eigentlich andere Sorgen, aber stellte mir dann doch ein leckeres Menü zusammen, denn ich war ja Patient und da bewertet man doch am liebsten die Qualität und Auswahl des Essens. 🥐🍕🍔🍟🍖

🎬Blitzlicht 6: After Care – immer noch dieser Bettnachbar

OP, Aufwachraum, Rückkehr auf die Station – wir spulen etwas vor. Jetzt erstmal erholen und dann das: mein Bettnachbar schnarchte, dass die Wände wackelten. 🙉 Ich verlangte energisch ein Einbettzimmer. Antwort aus dem Stationszimmer: «Wir sind ein Spital, kein Hotel.» 😮

Ich dachte mir: «Aber Schlafentzug verlangsamt die Wundheilung, erhöht Stressparameter und verlängert die Rekonvaleszenz.» Aber ich hab zum Glück die Klappe gehalten. 🤫  Hab mich eh schon als Patienttyp «Nörgler» aus meinem Unterricht gefühlt und wäre jetzt gern in den Business Case «Patientenhotel» gewechselt. Stattdessen gab es eine Schlaftablette für die Nacht – immerhin. 😴

🎬 Blitzlicht 7: Chefarztvisite – gäbe es den Fachkräftemangel ohne sie vielleicht nicht?

Am Morgen danach: die Visite. Ganz klassisch. Grosser Tross, Assistent:innen, Pflegende. 🤩»Wie viel Personalressourcen können wir sparen, wenn wir die Mitlauf-Kultur auf Visiten überdenken?», war mein erster Gedanke. Der Chefarzt warf einen kurzen Blick auf die Wunde. Mit einem «Sieht gut aus» war er weg.  Da wurde viel Prozesszeit gespart – I like. 👌

🎬 Blitzlicht 8: Entlassung – wo bleiben die PROMs?

Dann kam die Entlassung und ich als VBHC-Anhänger hätte so gern einen PROM-Fragebogen ausgefüllt, wenigstens einen kleinen – aber da war nur dieser Patientenzufriedenheitsbogen. Schade.

Fazit: Nach dem Besuch im Business Case ist vor dem nächsten Business Case im Unterricht

Wer jetzt schon die ganze Zeit insgeheim gedacht hat. «Gut, dass der Gesundheitsökonom jetzt auch mal einen Reality-Check bekommen hat und jetzt weiss, wie das als Patient ist» – Fair enough. Mal sehen, ob meine lieben Studierenden und Teilnehmenden aus der Weiterbildung demnächst einen Unterschied im Unterricht merken und ich noch mehr menschele als bisher 😉.

Ich fühle mich auf jeden Fall bestätigt, dass…
…erstens meine Business Cases ganz gut ausgesucht sind,
…zweitens mein aktuelles SNF-Projekt zu Co-Creation zwischen Patient:innen und Gesundheitsfachpersonen ein Thema trifft, das noch zu wenig beachtet ist,
…und drittens, was das Vorurteil wieder voll bestätigt: Ich bin doch lieber Gesundheitsökonom und rede über Business Cases als Teil von ihnen zu sein.  
Ihr hört wieder von mir. Bis zum nächsten Mal.

Euer Florian 🫶

Florian Liberatore ist Dozent, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Co-Leiter im Team Management im Gesundheitswesen am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie an der ZHAW.


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