
Ein Cluster im Umfeld der Universität Kent mit mehreren schweren Meningokokken-Fällen und zwei Todesfällen hat in England und auch in der Schweiz für Aufsehen gesorgt. Die naheliegende Frage lautet: Hätte es dazu kommen müssen? Warum waren diese jungen Menschen nicht gegen Meningokokken B («MenB») geimpft? Die Antwort ist komplexer, als es zunächst scheint. Denn nationale Impfempfehlungen beruhen nicht nur auf medizinischen Fakten, sondern auch auf gesundheitsökonomischen Überlegungen – und insbesondere darauf, ob eine Impfung nur Einzelne schützt oder auch der Bevölkerung insgesamt nützt. Gerade hier unterscheidet sich das Impfprogramm von England mit dem von der Schweiz.
Meningokokken: häufig, aber selten gefährlich
Bei jungen Erwachsenen kommt eine Besiedelung mit Meningokokken noch häufig vor. Trotzdem ist die MenB-Impfung für Jugendliche in England nicht Teil des nationalen Impfprogramms. Das liegt nicht daran, dass das Risiko in England verkannt würde, sondern daran, dass der Nutzen eines breiten Impfprogramms anders bewertet wird als etwa bei den Impfungen gegen die Meningokokken-Gruppen ACWY «(MenACWY»).
Um diesen Unterschied zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Blick auf Krankheit und Impfung. Meningokokken sind Bakterien, die häufig den Nasen-Rachen-Raum besiedeln, ohne krank zu machen. Nur selten kommt es zu invasiven Erkrankungen wie Hirnhautentzündung oder Blutvergiftungen, dann aber oft mit sehr raschem und schwerem Verlauf. Die Serogruppe B ist in Europa eine wichtige Ursache solcher Erkrankungen (Abb. 1).

Quelle: Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin 44/2025, Abb. 2, Meldedaten gemäß IfSG, lizenziert unter CC BY 4.0.
Nicht jede Meningokokken-Impfung wirkt gleich
Für die Impfstrategie ist entscheidend, dass sich die Impfstoffe in ihrer Wirkung unterscheiden. Der Impfstoff gegen die Gruppen A, C, W und Y schützen nicht nur vor Erkrankung, sondern können auch die Übertragung reduzieren. Bei MenB ist dieser Effekt deutlich geringer: Die Impfung schützt in erster Linie die geimpfte Person selbst, trägt aber weit weniger zum indirekten Schutz der Bevölkerung bei als die MenACWY-Impfung, dazu hält der Impfschutz auch nur kurz an.
Impfentscheide in England
Genau hier setzt der Unterschied zwischen England und der Schweiz an. In England werden Impfungen stark danach beurteilt, ob ein Impfprogramm kosteneffektiv ist. Weil die MenB-Impfung die Übertragung nur begrenzt beeinflusst, wird das Kosten-Nutzen-Verhältnis einer breiten Impfung von Jugendlichen im Unterschied zur MenACWY-Impfung als ungenügend beurteilt.
Warum die Schweiz anders empfiehlt
Die Schweiz wählt hier einen anderen Weg als England. In der Schweiz steht weniger eine explizite gesundheitsökonomische Bewertung als die epidemiologische und strategische Einordnung einer Impfung. Die MenB-Impfung wird deshalb zwar für Jugendliche empfohlen, aber nicht als Basisimpfung eingeordnet. Denn für eine Basisimpfung wird zusätzlich ein relevanter Nutzen für die Bevölkerung erwartet, während bei MenB vor allem der individuelle Schutz im Vordergrund steht. Genau dafür kennt die Schweiz eine zusätzliche Kategorie: die ergänzenden Impfungen. Sie liegen zwischen den flächendeckend empfohlenen Basisimpfungen und rein individuellen Impfentscheiden. Die Meningokokken-Impfungen sind beide in dieser «Zwischenkategorie» angesiedelt.
In gewisser Weise lässt sich das als «Schweizer Mittelweg» verstehen: Impfungen werden empfohlen und ermöglicht (Kosten werden innerhalb der Empfehlungen von der Grundversicherung übernommen), ohne sie flächendeckend umzusetzen – und damit stärker in die Eigenverantwortung gelegt. Dass damit eine tiefere Durchimpfungsrate als bei Basisimpfungen in Kauf genommen wird, begrenzt auch die Kosten.
Was der Fall Kent sichtbar macht
Der Fall in Kent ist deshalb mehr als ein tragisches Einzelereignis. Er zeigt exemplarisch, dass nationale Impfprogramme nicht nur von der Schwere einer Krankheit abhängen. Entscheidend ist auch, ob eine Impfung vor allem individuell schützt oder zusätzlich einen breiteren Nutzen für die Bevölkerung entfaltet — und wie stark ein Land solche Unterschiede gesundheitsökonomisch gewichtet.
Link zum aktuellen Schweizer Impfplan.
(Inspiriert von einem Beitrag von Alasdair Munro: MenB or not MenB – that is the question – by Alasdair Munro)
Judith Lupatsch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team HTA und gesundheitsökonomische Evaluationen am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie an der ZHAW.