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ZWISCHEN STADION UND STUDIUM

Julia Stierli spielt Fussball, seit sie sich erinnern kann. Und das inzwischen auf Spitzenniveau: Die 22-Jährige ist Nationalspielerin und mehrfache Schweizermeisterin mit dem FC Zürich. Sie erzählt, wie sie den Sport und ihr Physiotherapie-Studium an der ZHAW unter einen Hut bringt.

VON MALOLO KESSLER

Muri im Kanton Aargau. Ein 7500-Seelen-Dorf, eingebettet in die sanfte Hügellandschaft des Mittellandes, irgendwo zwischen Zürich, Aarau und Luzern. Eine Gemeinde mit Kloster und Kino, einem Schwimmbad und Schulen, Industrie und Vereinen. Hier, im Garten ihres Elternhauses, hat Anfang der 2000er-Jahre die Karriere von Julia Stierli begonnen. Hier spielte sie täglich mit ihrem Bruder Fussball, bis sie mit acht Jahren – «endlich», wie sie sagt – in den FC durfte. Ganz zufällig war das Interesse der Stierli-Kinder am Ballsport nicht: «Ich wurde schon in eine fussballverrückte Familie hineingeboren, bereits mein Vater und mein Onkel spielten lange beim FC Muri», erzählt die 22-Jährige heute. Sie sitzt an diesem Samstagmorgen im Café Spitz beim Landesmuseum in Zürich, die langen Haare offen, vor sich eine heisse Schokolade, neben sich die Sporttasche. Mittlerweile gehören Fussballschuhe und Schienbeinschoner zu ihrem Alltag: Julia Stierli spielt bei den Frauen des FC Zürich und seit zwei Jahren für die Nationalmannschaft.

Mit den Buben trainiert

Den Plan, Profi zu werden, hatte Julia Stierli nicht. «Ich hatte und habe einfach Freude am Fussballspielen. Ich gebe gerne mein Bestes», erzählt sie. Und dieses Beste war gut: Kaum begann sie beim FC Muri zu spielen, wurde die Verteidigerin von den Trainern gefördert. «Ich konnte damals auch mit der Bubenmannschaft trainieren, davon habe ich sehr profitiert.» Später, als Jugendliche, schaffte Julia Stierli die Aufnahme ins Ausbildungszentrum Huttwil. Dort trainieren die begabtesten Fussballerinnen des Landes, parallel besuchen sie die Schule. Danach absolvierte sie das Sportgymnasium in Aarau und wechselte vom FC Muri zum FC Aarau. Auch dort spielte Julia Stierli in der U14- und der U15-Mannschaft mit den Jungs – nicht immer ganz einfach in jenem Alter, aber der Trainer habe sie sehr unterstützt, sagt die Fussballerin. Später wechselte sie zum Frauenteam des FC Aarau, seit 2014 spielt sie nun für den FC Zürich in der Nationalliga A. Drei Mal wurde sie mit ihrem Team bereits Schweizermeisterin, drei Mal Cupsiegerin. Auch auf einige Champions-League-Einsätze kann Julia Stierli zurückblicken: «Die Champions-League-Spiele finden im Letzigrund vor bis zu 6000 Zuschauerinnen und Zuschauern statt, das ist für mich immer ein Höhepunkt.» Für die Frauen-Nationalmannschaft stand Julia Stierli schon bei neun Länderspielen im Einsatz, Erfahrungen hierfür sammelte sie in den Juniorinnen-Nationalteams. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr der Erfolg mit der U19: «Wir haben uns 2016 für die Europameisterschaft in der Slowakei qualifiziert. Das Turnier dort zu erleben, war grossartig.» Weniger grossartige Momente in ihrer Karriere fallen ihr nicht gerade ein. «Aber unschöne Momente vergisst man tendenziell etwas einfacher», sagt sie und lacht, wie so oft an diesem Vormittag. So wenig sie den Plan hatte, Profi zu werden, so wenig hat sie ein konkretes Karriereziel. «Meine Hauptmotivation ist einfach die Freude am Spielen.»

Faszination für den Bewegungsapparat

Im Schweizer Frauenfussball ist Profispielerin zu sein keine Vollzeitbeschäftigung. Was sie studieren und dereinst arbeiten möchte, wusste Julia Stierli nach dem Gymnasium aber lange nicht. Sie liebäugelte zuerst mit einem Biologie-Studium. «Meine Faszination für den Bewegungsapparat brachte mich dann schliesslich zur Physiotherapie», sagt sie. «In diesem Beruf kann ich mit Menschen arbeiten und aktiv sein. Man hat zudem nie ausgelernt.» Mittlerweile studiert Julia Stierli im zweiten Semester an der ZHAW. Studium und Spitzensport gehen nur aneinander vorbei, weil ihr die Hochschule «eine Speziallösung anbietet», wie sie sagt. Die Fussballspielerin absolviert pro Semester jeweils nur die Hälfte aller Module. Denn: Julia Stierli trainiert fünf Mal pro Woche und hat an den Wochenenden jeweils Match. «So geht es im Moment gut, beides zu kombinieren. Wenn dann Praktika anstehen, könnte es organisatorisch schwieriger werden», sagt sie. «Aber das klappt dann schon, ich nehme alles Schritt für Schritt.» So hat die Aargauerin auch noch keine konkreten Pläne für die Zeit nach dem Studium. Dafür sei es auch noch zu früh: «Physiotherapie hat so viele Facetten, die ich erst kennenlernen möchte.» Zumindest das Aufgabengebiet von Physiotherapeutinnen im Spitzensport kennt sie schon gut, wenn auch von der Seite als Patientin. «Das ist für mich natürlich spannend: Die Physiotherapeuten bei uns wissen, was ich studiere. Deshalb tauschen wir uns manchmal aus», erzählt sie. «Ich beobachte sie gerne, dabei lerne ich auch.»

Schneesport und FCB

Bleibt zwischen Studium und Spitzensport noch Zeit, treibt Julia Stierli gerne Schneesport. Und sie schaut auch gerne anderen beim Fussballspielen zu, vor allem dem FC Basel. «Ich weiss zwar nicht, ob ich das so sagen darf.» Die FCZ-Spielerin lacht. «Aber ich mag einfach guten Fussball, ich schaue auch gerne von erfahrenen Spielern etwas ab.» Hätte sie irgendwann etwas mehr Zeit, würde Julia Stierli die Schweiz bereisen. «Dank des Fussballs war ich schon an allen möglichen Orten in ganz Europa, das ist toll. Aber es gibt sehr viele schöne Orte in der Schweiz, die ich noch nicht gesehen habe.» Was sie hingegen derzeit oft sieht, ist die Strecke zwischen Muri, Zürich und Winterthur: Julia Stierli wohnt noch immer, wo ihre Karriere einst begonnen hatte. An derselben Strasse, wo sie vor gut zwei Jahrzehnten mit ihrem Bruder Fussball zu spielen begonnen hatte. Er hat im Gegensatz zu ihr irgendwann mit dem Sport aufgehört. «Ich glaube, als ich besser wurde als er», sagt Julia Stierli. Noch ein Lachen, ernst ist es ihr nicht. «Auf jeden Fall spielt er jetzt Unihockey.» //

«Vitamin G», Seite 6-7



JULIA STIERLI

besuchte später das Sportgymnasium in Aarau. Nach einigen Saisons beim FC Aarau spielt sie seit 2014 bei den FC Zürich Frauen und ist seit zwei Jahren Kadermitglied der Nationalmannschaft. Die Spitzenfussballerin studiert im zweiten Semester Physiotherapie an der ZHAW.


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