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WIE MAN BOTSCHAFTEN UNTERS VOLK BRINGT

Soll eine Gesundheitskampagne bei den Menschen ankommen, gelte es, komplexe Themen auf einfache Tipps herunterzubrechen, sagt Kerstin Jüngling, Dozentin im Studiengang Gesundheitsförderung und Prävention. Doch für eine erfolgreiche Kampagne braucht es noch diverse andere Massnahmen.

VON ANDREA SÖLDI

Es ist das Sinnbild für Entspannung schlechthin: eine Hängematte im Grünen. Die Sonne scheint und zwei Frauen sitzen sich sichtlich vertraut gegenüber. «Wir reden über alles. Auch über psychische Gesundheit und Krankheiten», so der Slogan auf dem Plakat. Die Kampagne «Wie geht’s dir?» wurde 2014 von mehreren Kantonen und Organisationen gemeinsam lanciert und läuft immer noch.

«Mit der Kampagne wollen wir die gesamte Bevölkerung erreichen», sagt Norina Schwendener, Kommunikationsfachfrau bei der Stiftung Pro Mente Sana und Kampagnenleiterin. «Denn das Thema geht alle etwas an.» Gemäss einer breit angelegten Umfrage vom letzten Jahr hat jede zweite Person bereits eigene Erfahrungen mit psychischen Problemen gemacht; die meisten anderen Menschen kennen Betroffene im näheren Umfeld. Arbeitsausfälle wegen Depressionen, Burnout-Zuständen, Angststörungen und anderen psychischen Erkrankungen nehmen dramatisch zu. Prävention sei deshalb dringend nötig, sagt Norina Schwendener. «Die Psyche kann man pflegen. Sich jemandem anzuvertrauen, ist oft der erste Schritt zur Besserung oder um gar nicht erst krank zu werden.»

Obwohl seelische Erkrankungen viel Leid und hohe Kosten verursachen, seien sie immer noch stark stigmatisiert, stellt Schwendener fest. «Es ist ziemlich normal geworden, über Themen wie körperliche Beschwerden oder Sexualität zu sprechen. Aber nicht darüber, wie wir uns fühlen. Nur über unseren Lohn sprechen wir noch weniger.» Auf der Kampagnen-Website erhalten Ratsuchende einfache Hilfestellungen. Sie erfahren zum Beispiel, wie man am besten mit einem Freund ein Gespräch über Belastungen beginnt oder eine Arbeitskollegin auf Burnout-Symptome anspricht.

TIPPS IM STIL VON BACKREZEPTEN

Kerstin Jüngling, Dozentin und Fachbereichsleiterin für Kommunikation und Transformation im Studiengang Gesundheitsförderung und Prävention, findet «Wie geht’s dir?» hervorragend gemacht. Ihr gefallen vor allem der kurze, knackige Claim, der in Alltagssprache daherkommt, sowie die Bilder, die zum Dialog einladen. Sehr gelungen findet sie zudem, wie eine komplexe Thematik auf gut verdauliche Häppchen heruntergebrochen wurde. «Die Tipps auf der Website sind im Stil von Backrezepten gehalten. Dies impliziert, dass es sich um etwas ganz Normales und Alltägliches handelt.» Die Kampagne wird im Studiengang Gesundheitsförderung und Prävention als Anschauungsbeispiel herangezogen.

Als Kommunikationskanäle für «Wie geht’s dir?» dienen grossformatige Plakate, die an Bahnhöfen und anderen öffentlichen Orten zum Austausch motivieren. Neben den Frauen in der Hängematte gab es 2017 auch Bilder aus dem Arbeitsumfeld, von Vater und Sohn oder älteren Männern unter Obstbäumen. Die aktuellen Plakate stellen die Frage «Wie geht’s dir?» gross in die wichtigsten Räume: Schule, Arbeitsplatz und Wohnzimmer. Beratungsstellen, Arztpraxen oder Firmen können nun auch Kleinplakate und Broschüren bestellen und zur ländlichen Bevölkerung gelangt die Botschaft über die Bildschirme in den Postautos. Um die Jugend besser zu erreichen, wollen die Verantwortlichen in einer nächsten Phase auch auf den sozialen Medien aktiv werden. Aber auch in den Bereichen Alter und Arbeitswelt sind weitere Anstrengungen vorgesehen. Für die gesamte Deutschschweiz steht dieses Jahr ein Budget von 1,25 Millionen Franken zur Verfügung.

AKTIONEN MÜSSEN DIE BOTSCHAFTEN BEGLEITEN

Viele Gemeinden und Organisationen planen ergänzende Aktionen zur Förderung der psychischen Gesundheit. Die Verwaltung des Kantons Uri zum Beispiel stellt für ihre Angestellten ein Glücksrad auf, das nach dem Drehen zu ganz einfachen Aktionen auffordert: sich drei Dinge überlegen, für die man dankbar ist, ein Stück Schokolade geniessen oder die nächsten fünf Menschen, die einem begegnen, anlächeln. An Messen und Veranstaltungen werden entsprechende Tipps in Form eines Parcours vermittelt.

Die breite Vernetzung mit diversen Trägerschaften ermögliche eine Tiefenwirkung, sagt Kerstin Jüngling. Denn neben den verbalen Botschaften brauche es stets auch begleitende Aktionen. «Es gilt, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen zu verbessern, besonders für benachteiligte Bevölkerungsgruppen.» Die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz unterstützt begleitende Projekte zur Resilienzförderung finanziell. Dazu gehören zum Beispiel Netzwerke für Nachbarschaftshilfe oder Besuchsdienste in Spitälern und Altersinstitutionen. «Von solchen Ansätzen profitieren beide Seiten», erklärt Jüngling. Die Hilfeempfänger erhalten Zuwendung und die Helfenden erfahren sich selber als wirksam. Aktiv und eingebunden sein senke das Risiko für Einsamkeits- und Entwertungsgefühle.

«OHNE DINGS KEIN BUMS» WAR UMSTRITTEN – UND PRÄGTE SICH EIN

Ein Paradebeispiel für erfolgreiche Präventionsarbeit ist auch die Stop-Aids-Kampagne des Bundes. Als Mitte der 1980er-Jahre das Schreckgespenst Aids umging, galt es schnell zu handeln und klar zu kommunizieren. Obwohl Sexualität, Homosexualität und Drogenmissbrauch damals noch Tabuthemen waren, kam die Schweizer Kampagne in einem direkten und frechen Stil daher: Das Bild von Tagesschau-Sprecher Charles Clerc, der ein Kondom über eine Banane stülpt, der griffige Slogan «Ohne Dings kein Bums» oder der Polo-Hofer-Ohrwurm «Bim Sitesprung im Minimum en Gummi drum» prägten sich ein. Die Neuansteckungen mit dem HI-Virus gingen in der Schweiz darauf über Jahre zurück. Die Kampagne stiess auch international auf grosse Beachtung – in konservativen Kreisen aber auch auf Empörung und Kritik.

Seit der Lancierung im Jahr 1987 wurde das Pub-lic-Health-Programm stetig den gesellschaftlichen und medizinischen Entwicklungen angepasst. Seit 2005 läuft es unter dem Namen LOVE LIFE und thematisiert neben HIV auch andere Geschlechtskrankheiten.

Ganz andere Kommunikationstechniken und -kanäle kommen zum Zug, wenn man eine stark eingegrenzte Zielgruppe ansprechen will. Ein Beispiel dafür ist die Sensibilisierung von rauchenden Eltern im Umgang mit Kindern. «Bereits kleine Nikotinresten können für Babys gefährlich sein», erklärt Kerstin Jüngling. Deshalb müsse man die Eltern darüber informieren, dass sie sich vor dem Kontakt mit ihrem Kind unbedingt die Hände waschen. Bei diesem Thema zählen die Fachleute vor allem auf die Mütter- und Väterberatungen, um gezielt betroffene Eltern anzusprechen.

CHANCEN FÜR BENACHTEILIGTE MENSCHEN VERBESSERN

Doch können solche Informationskampagnen das Verhalten der Menschen überhaupt beeinflussen? Freiheitlich denkende Politiker zweifeln dies häufig an. Sie nehmen die Bemühungen als Bevormundung wahr und halten die Kosten für zu hoch. Tatsächlich ist es meist unmöglich, die Wirkung genau zu messen. Dies gilt noch mehr für Kampagnen mit wenig konkreten Handlungsanweisungen. Während für die Aids-Prävention die Verwendung von Kondomen ausschlaggebend ist, spielen bei der psychischen Gesundheit zahlreiche Faktoren eine Rolle.

Um Hinweise auf den Bekanntheitsgrad und die Beachtung zu erhalten, haben die Verantwortlichen von «Wie geht’s dir?» dieses Jahr rund 1000 Personen befragt. Etwa jede fünfte davon gab an, die Plakate gesehen zu haben. 80 Prozent sagten, die Kampagne rege zum Nachdenken über psychische Probleme an. Mit jährlich weit über 200 000 Klicks auf die Website seien die Erwartungen zudem übertroffen worden, so Kampagnenleiterin Norina Schwendener.

Kerstin Jüngling findet die Frage nach der Wirkung von Prävention etwas müssig. Die Dozentin unterrichtet seit 2018 an der ZHAW und hat zuvor viele Jahre Erfahrung in der Präventionsarbeit gesammelt; unter anderem hat sie eine Suchtpräventionsstelle in Berlin aufgebaut. Niemand stelle den Nutzen des Zähneputzens infrage, obwohl es kaum wissenschaftliche Studien dazu gebe, zieht Jüngling einen Vergleich. Trotzdem werde die Mundhygiene weiterhin überall empfohlen. Information über gesunde Ernährung und Vermeiden von Risiken sei vor allem für benachteiligte und wenig gebildete Bevölkerungsgruppen nötig, betont sie. «Es geht um Chancengleichheit.» Und auch wenn man den Effekt nicht genau messen könne, koste Prävention nachweislich weniger als die Behandlung der Krankheiten, die sie verhindert. //

Vitamin G», Seite 17-19


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