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WESHALB WIR VERGESSEN MÜSSEN

Erinnerungen bestimmen den grössten Teil unserer Persönlichkeit, sagt Neuropsychologe Lutz Jäncke. Im Interview erklärt er, weshalb wir ihnen trotzdem nicht trauen können. Und weshalb es gut ist, dass unser Gehirn nicht jede Information speichert.

VON MALOLO KESSLER

Lutz Jäncke, wie gut erinnern Sie sich an Ihren allerersten Kuss?
Lutz Jäncke: Eigentlich erinnere ich mich ganz gut. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es wirklich der erste Kuss war, an den ich mich erinnere. Auf jeden Fall war es einer, der für mich sehr bleibend gewesen ist.

Wovon hängt es ab, ob etwas als Erinnerung im Gedächtnis bleibt oder nicht?
Ist ein Ereignis sehr stark mit Emotionen verbunden, können wir es besser im Gehirn ablegen. Erstmalige Ereignisse bleiben uns auch gut. Und Ereignisse, die wir in bestimmten Konstellationen erleben. Ein Beispiel ist der Urlaub: Während wir uns im Alltag sehr automatisch durch unsere Städte bewegen, ohne Einzelheiten wahrzunehmen, sind wir im Urlaub befreit. Der Stress fällt von uns ab, wir können uns auf das vermeintlich Nebensächliche konzentrieren. In solchen Momenten ist das Gehirn willens und auch in der Lage, detaillierte Informationen wahrzunehmen. Wir verweben diese Informationen – Gerüche, Farben, Einzelheiten – zu einer detaillierten Geschichte. Und das ist das Stichwort: Das Gehirn speichert Geschichten am besten.

Welche Bedeutung haben Erinnerungen für uns?
Sie sind essenziell. Wir sind das, was wir über uns erinnern. Der grösste Teil unserer Persönlichkeit entsteht durch Erinnerungen.

Was heisst das für Menschen, die unter Amnesie leiden oder an einer Demenz?
Das verändert die Persönlichkeit. Zwar bleibt das Temperament, also ob jemand extrovertiert oder introvertiert ist. Aber die Person weiss nicht mehr, wann sie sich wo wie verhalten hat oder wie andere Personen auf sie reagiert haben. Menschen mit einer Demenz fehlt der Zugang zu diesen Erinnerungen, die relevant für die Persönlichkeit sind.

Wie weit erinnert sich ein gesunder Mensch zurück?
An die ersten vier Jahre unseres Lebens erinnern wir uns gar nicht. Dennoch sind sie wichtig, denn wir haben ein bewusstes und ein unbewusstes Gedächtnis. Im Unbewussten werden in den ersten vier Jahren Erfahrungen abgespeichert, von denen wir gar nicht wissen, dass sie da sind. Diese Erfahrungen beziehen sich vor allem auf Sicherheit und Bindung und bestimmen den Grossteil der späteren emotionalen Persönlichkeit.

Sie waren bei der Erinnerung an den ersten Kuss unsicher. Können wir unseren Erinnerungen trauen?
Nein, auf keinen Fall! Wir sind Weltmeister im Interpretieren. Wir speichern Informationen aus der Vergangenheit nicht ab wie ein Computer. Wir rekonstruieren sie jedes Mal, wenn wir uns erinnern. Dabei passiert Folgendes: Wir holen ganz wenige Informationen hervor, die wir wirklich abgespeichert haben. Diese werden von anderen und neuen Informationen beeinflusst, geraten unter Beschuss, werden verändert. Wir denken immer, wir wären gute Erinnerer, aber das sind wir nicht. Das ist ein Riesenproblem bei Zeugenaussagen. Da sind Menschen überzeugt davon, etwas gesehen zu haben, obwohl sie es gar nicht gesehen haben können. Es gibt sogar Fälle, in denen Menschen zugeben und glauben, eine Straftat begangen zu haben, die sie nicht begangen haben. Kurz: Dem menschlichen Gedächtnis würde ich im Hinblick auf die Erinnerung nicht viel zutrauen.

Das ist ernüchternd.
Da bin ich mir nicht sicher. Vielleicht für unsere Gesellschaft, ja. Aber ich bin der Meinung, wir sollten nicht zu sehr über die Vergangenheit nachdenken. Das kann dazu führen, dass man Dinge erinnert, die man nicht erlebt hat, was wiederum Probleme verursachen kann.

Wieso ist das Vergessen wichtig?
Es ist nicht nur wichtig – ich sage manchmal sogar, dass das Vergessen wichtiger ist als das Erinnern. Nur schon, wenn man sich vorstellt, man müsste sich an alles erinnern, was man im Leben erlebt hat, das wäre eine Katastrophe! Das würde die Kapazität des Gehirns masslos überschreiten. Auch unser Verhalten würde inadäquat. Denn das Gehirn ist dafür konstruiert, das abzuspeichern, was es wiederholt und mit hoher Wichtigkeit präsentiert bekommen hat. Damit wir wissen, wie wir uns verhalten müssen, darf das Gehirn nur das erinnern, was in unserem sozialen Kontext von überlebenswichtiger Bedeutung ist. Nicht den ganzen anderen Schrott. Würde es den auch speichern, wüssten wir gar nicht, wie wir uns verhalten sollen.

Durch die Digitalisierung sind wir heute mit viel mehr Informationen konfrontiert als früher. Wie beeinflusst das unser Gehirn?
Das ist ein spannendes Thema. Ich bin momentan auf der Schiene, zu glauben, dass die moderne Welt für uns gar nicht gut ist. Unser Gehirn ist auf die Digitalisierung nicht vorbereitet. Es kann nicht so viele Informationen aufnehmen, wie heute auf uns einprasseln. Es kann nicht filtern und es speichert einfach, was am lautesten gegackert wird. Das ist gefährlich.

Kann es sich nicht anpassen und lernen, das zu speichern, was wirklich wichtig ist?
Sie würden jetzt vielleicht gerne hören, dass wir einen Bullshit-Detektor entwickeln werden. Das wäre schön, aber das glaube ich nicht. Weil wir eigentlich, um es einmal salopp auszudrücken, «blöd» sind. Das Gehirn ist so konstruiert, dass es nicht weiss, was gut und was schlecht ist. Wären wir wirklich schlau, hätten wir keine Umweltverschmutzung, keine Kriege, keine Hungersnöte. Wir machen auch gerne das, was wir besonders gut können. Was mehr Mühe kostet, das meiden wir wie der Teufel das Weihwasser. Das Gehirn ist eigentlich recht unvernünftig und bequem.

Aber es gibt ja durchaus Menschen, die einen inneren Drang verspüren, sich weiterzuentwickeln, zu lernen.
Richtig, die gibt es. Aber sie sind nicht in der Mehrheit. Zwar steckt die Neugierde in allen Menschen drin, aber auch die Bequemlichkeit. Die beiden führen einen steten Kampf. Leider Gottes ist es so, dass viele der Bequemlichkeit erliegen und die fantastische Kraft der Neugierde nicht nutzen.

Wird die Gehirnleistung automatisch schlechter, je älter man wird?
Sie muss nicht per se schlechter werden, nein. Auch im Alter kann man noch eine ganze Menge aus dem Gehirn rausholen. Selbst dann, wenn anatomische Degenerationen eintreten. Wir stellen fest, dass das Gehirn das kompensiert. Die älteren Leute heutzutage sind fit. Aber es hängt davon ab, was man tut. Man muss das Gehirn fordern, ein Musikinstrument oder eine Sprache lernen. Use it or lose it. Sie sind jetzt 61 Jahre alt, was machen Sie für Ihr Gehirn? Ich arbeite. Und bin momentan froh, wenn ich überhaupt einmal vernünftig schlafen kann. //

«Vitamin G», Seite 22-23


Lutz Jäncke ist Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich. Er beschäftigt sich insbesondere mit der Plastizität des menschlichen Gehirns und gehört zu den weltweit meistzitierten Wissenschaftlern. Der 61-Jährige ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt in Zürich.

 

 


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