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WENN DER PFLEGEFACHMANN ZWEIMAL KLINGELT

Früher betreute Fabian Meier seine Patienten auf der Station. Heute besucht er sie zu Hause und kann so eine nähere Beziehung zu ihnen aufbauen. Möglich macht dies das Home-Treatment-Angebot der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

VON RITA ZIEGLER

Kurz vor acht Uhr, draussen bricht eben erst der neue Tag an. Doch Pflegefachmann Fabian Meier wirkt hellwach. Er überfliegt seinen Einsatzplan, liest Akten, kontrolliert vorbereitete Medikamente, besorgt ein Alkoholmessgerät und macht sich in ein winziges Büchlein Notizen zu den heute anstehenden Patientenbesuchen. Der 28-Jährige absolviert zurzeit den Bachelorstudiengang für diplomierte Pflegende an der ZHAW und ist im Berufsalltag Teil des Home-Treatment-Teams der PUK, der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.
Das Angebot wurde im April 2016 ins Leben gerufen. Aktuell betreuen zehn Pflegefachpersonen, drei Ärzte, eine Sozialarbeiterin, eine Ergotherapeutin und ein Psychologe 18 Patientinnen und Patienten. Täglich findet mindestens ein Hausbesuch statt, das Team ist 24 Stunden erreichbar. Zugeschnitten ist das Home Treatment für Personen, die an einer akuten psychiatrischen Erkrankung leiden und auf eine intensive Betreuung angewiesen sind; Menschen, die beispielsweise mit einer schweren Depression, einer Angststörung oder Schizophrenie kämpfen. Als Begleitsymptom kommt bisweilen eine Suchtproblematik hinzu. Für Abhängige auf Entzug sei die Betreuung zu Hause jedoch nicht die richtige Massnahme, stellt Fabian Meier klar. Ebenso wenig bei akuter Suizidgefahr oder wenn Angehörige Teil des Problems sind.
Bevor Meier sich im weissen VW auf den Weg zu seinen Patienten macht, steht der Morgenrapport in der Zentrale an. Das Team setzt sich über die Ereignisse der letzten Nacht in Kenntnis: Zur Sprache kommen etwa die zahlreichen Anrufe von Ruth Frank, die im richtigen Leben anders heisst. Bei ihr wird Fabian Meier heute als Erstes vorbeischauen. Sie war am Vorabend offenbar stark alkoholisiert. Das Angebot eines kurzfristigen Besuchs bei ihr zu Hause nahm sie zuerst an. Später – als die diensthabende Pflegefachfrau bereits im Auto sass – sagte sie den Termin plötzlich wieder ab. Zudem kündigte sie am Telefon bereits an, dass sie sich nicht im Stande fühle, zur Oberarztvisite zu kommen, die für heute an der PUK vorgesehen wäre.

Alltag in Scherben

Eine halbe Stunde später klingelt Fabian Meier an ihrer Wohnungstür. Einmal, zweimal – nichts. Er zückt sein Handy, wählt ihre Nummer, wieder und wieder. Vergeblich. Doch den Pflegefachmann bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Dass Haustüren von Patienten auch mal verschlossen bleiben, gehört zu seinem Berufsalltag. Er wartet fünf Minuten, drückt dann nochmals die Klingel – und: Plötzlich signalisiert ein Knacken in der Tür, dass diese entriegelt wurde.
Frau Frank steht etwas verloren in ihrer Wohnung. Sie wirkt verwirrt. Leere Kartonschachteln stapeln sich im Eingangsbereich, die Küchenzeile ist mit Geschirr überstellt. Auf dem Wohnzimmerboden liegen die Scherben eines Wasserglases. «Die Katze», sagt sie und lächelt hilfesuchend. Fabian Meier wischt mit ihr die Glassplitter auf. Dann setzen sich die beiden an den Tisch. «Ich gehe heute nicht raus», stellt Frau Frank gleich als Erstes klar. «Auch nicht zur Oberarztvisite. Ich fühle mich so elend und die Männer da machen mir Angst.» Sie weist auf das Baugerüst am Nachbarhaus, auf dem Bauarbeiter auf- und abklettern. Meier bleibt gefasst. Dank dem Morgenrapport ist er auf die Situation vorbereitet. Er beruhigt die Patientin und schlägt ihr vor, dass für heute ein Assistenzarzt vorbeischaut, der gerade in der Nähe unterwegs ist.
Dieser ist bereits vorgewarnt und sitzt zehn Minuten später im Wohnzimmer. Im Gespräch mit Ruth Frank versucht er, herauszufinden, ob ihr momentaner Alkoholkonsum einen stationären Aufenthalt erfordert. Denn der Atemtest spricht eine deutliche Sprache: 2,8 Promille. Doch ein Klinikaufenthalt kommt für die Mittfünfzigerin nicht in Frage: «Da bin ich so oft gewesen, das ist mein absoluter Horror.» Schliesslich willigt sie ein, sich um 14 Uhr nochmals telefonisch bei Fabian Meier zu melden und in der kommenden Woche den Termin beim Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen wahrzunehmen. Bisher konnte sie sich für die Idee, die dortige Tagesklinik zu besuchen, nicht erwärmen. Doch heute gibt sie sich einsichtig: «Ich will das jetzt auch.»

Behandlung zu Hause dient als Eisbrecher

«Das Home Treatment kann einen stationären Klinikaufenthalt verkürzen, es kann aber auch ein Türöffner sein  für Patienten, die sich sonst nicht psychiatrisch behandeln lassen würden», sagt Fabian Meier, als er wieder im Auto sitzt. «Viele sind nicht bereit, freiwillig in eine Klinik einzutreten.» Gleichzeitig widerspiegle das Angebot die generelle Öffnung der Psychiatrie und die heutige Tendenz, Menschen mit gesundheitlichen Problemen nach  Möglichkeit dort zu behandeln, wo sie leben; sie also in den Alltag und die Gesellschaft einzubinden, anstatt sie wegzusperren und auszugrenzen. Als positiver Nebeneffekt kommt hinzu, dass die Behandlung zu Hause rund 20 Prozent günstiger ausfällt als ein stationärer Klinikaufenthalt. Bezahlt wird sie bisher allerdings bloss von gewissen Krankenkassen und zwar über eine Tagespauschale. Die entsprechenden Beträge hat die PUK mit den Versicherungen individuell ausgehandelt.
An seiner Arbeit schätzt Meier, dass er Verantwortung übernehmen muss – «ich kann mich bei einer Unsicherheit nicht einfach mal kurz mit dem Kollegen im Nebenzimmer austauschen» – und er für die einzelnen Patienten mehr Zeit hat als früher auf der Station: «Es entstehen viel intensivere Beziehungen.» In der Regel sind es 45 Minuten, die er je nach Zielsetzung individuell gestalten kann: «Mal gehe ich mit einem Patienten einkaufen; mal helfe ich jemandem, die Wohnung aufzuräumen, und mal planen wir am Küchentisch den weiteren Tag.»
Dass man beim Home Treatment näher an den Patienten sei, betont auch Sozialarbeiterin Myrtha Guggenbühl. Sie unterstützt Frau Frank momentan bei der IV-Anmeldung. Bei anderen Patienten stehen die Kontakte zum Sozialamt, zur KESB oder zum Arbeitgeber im Zentrum und manchmal hilft sie auch, die Wohnsituation neu zu  regeln. Dank der interprofessionellen Zusammenarbeit funktioniere das Home Treatment wie eine mobile Klinik, sagt sie. Doch dafür brauche es gute Absprachen und eine fundierte Vorbereitung auf jeden Termin. «Wir müssen versuchen, abzuschätzen, was uns beim Patienten erwartet, und gleichzeitig flexibel reagieren. Denn die Realität sieht oft ganz anders aus.»
Eben dieser klare Realitätsbezug gefällt Maria Schütz, der Ergotherapeutin im Team, an der Arbeit bei den Patienten zu Hause so gut: «Die Patienten sind extrem ehrlich. Eine verwahrloste Wohnung etwa lässt sich im Home Treatment nicht schönreden. So haben wir aber auch schnell konkrete Anknüpfungspunkte für die Therapie.» Bei Ruth Frank ging es zum Beispiel darum, Freizeit- und Vernetzungsmöglichkeiten im Quartier zu finden. Sie besucht nun eine Gymnastikgruppe im Gemeinschaftszentrum und geht zu Jasstreffen, wenn es ihr Zustand erlaubt.

Der Angst vor der Angst begegnen

Der letzte Patient auf Fabian Meiers heutiger Tour, nennen wir ihn Dominik Gerber, erwartet den Pflegefachmann bereits. Er wirkt sehr zuvorkommend und willigt sofort ein, einen Spaziergang durchs Quartier zu machen. Der junge Mann leidet an einer paranoiden Schizophrenie. Vor ein paar Wochen war er eines Morgens nicht mehr in der Lage, den Weg zu seinem geschützten Arbeitsplatz zu bewältigen. Plötzlich war da diese Angst. Und mit ihr kam die Angst vor der Angst. Nach einem stationären Klinikaufenthalt wird Dominik Gerber nun seit knapp zwei Wochen vom Home-Treatment-Team betreut. Zudem geht er viermal die Woche zur Arbeitstherapie an die PUK. Ziel ist es, dass er seine Stelle demnächst wieder antreten kann. Am Vortag hat er erstmals den Weg dorthin gewagt. «Ich habe es zwar geschafft. Doch als ich da ankam, haben mich die Ängste eingeholt», erzählt er zerknirscht. Er habe dann ein Beruhigungsmittel nehmen müssen. Fabian Meier geht mit ihm seine verschiedenen Medikamente durch und weist ihn auch auf andere Strategien gegen die Angst und Anspannung hin: Entspannungsübungen, Riechstifte oder Tabletten auf pflanzlicher Basis. Sein Patient zeigt sich interessiert. Allerdings wird nicht ganz klar, ob er dies aus Höflichkeit tut oder weil er ernsthaft motiviert ist, Alternativen auszuprobieren. Doch Fabian Meier ist sehr zufrieden mit seinem Zustand. Denn was Gerber trotz grosser Symptomlast und hochdosierter Medikamente mit starken Nebenwirkungen im Alltag leiste, sei absolut erstaunlich.
Das Home Treatment wird bei ihm wohl noch für eine bis zwei Wochen weitergeführt. «Wir können die Behandlung abschliessen, wenn die Akutphase vorüber ist und wir eine tragfähige Weiterbetreuung organisiert haben», erklärt Meier, «in der Regel etwa nach drei Wochen.» Bei Dominik Gerber wird nebst der ambulanten Therapie voraussichtlich die psychosoziale Spitex helfen, den Therapieerfolg langfristig zu sichern. Heute blickt er zuversichtlich in die Zukunft. Doch schon morgen kann die Welt ganz anders aussehen. //

«Vitamin G», Seite 12


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