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UNTERWEGS FÜR PSYCHISCH KRANKE MENSCHEN

In Wohnheimen leben vermehrt Menschen, die psychisch erkrankt sind. Der Mobile Dienst für Wohnversorgung der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich hilft dabei, sie optimal zu behandeln. «Wir sind fachlich breit aufgestellt, arbeiten niederschwellig und flexibel», sagt Co-Leiterin Rahel Fröbel. Die Advanced Practice Nurse gibt ihr Wissen auch an Pflegestudierende am Departement Gesundheit weiter.

VON EVELINE RUTZ

Rahel Fröbel ist unterwegs. Von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK), wo sie ihr Büro hat, geht sie den Hang hinunter in Richtung Zollikon. Im Rucksack trägt sie ihren Laptop, Unterlagen und eine Flasche Wasser mit. «Einen typischen Arbeitstag kenne ich nicht», sagt die Co-Leiterin des Mobilen Dienstes für Wohnversorgung (MDW). Am frühen Morgen erledige sie meist administrative Aufgaben, danach nehme sie Termine ausser Haus wahr. Gerate ein Klient in eine Krise, könne sich der geplante Ablauf jedoch rasch ändern. Je nachdem sei ihre Einschätzung dann per Telefon oder vor Ort gefragt. «Ein Notfalldienst sind wir aber nicht», sagt die 31-Jährige. «Wir arbeiten zu Bürozeiten.»

Heute wird sie für eine Fallbesprechung im Wohnhaus Lengg erwartet, das Menschen mit kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen ein Zuhause bietet und von der Schweizerischen Epilepsie-Stiftung betrieben wird. Im Gemeinschaftsraum steht ein Flip-Chart bereit, am grossen Holztisch nehmen nach und nach Pflegende, Sozialpädagogen, Fachangestellte Betreuung sowie der Wohnhausleiter Platz. Rahel Fröbel und eine Sonderpädagogin leiten das Gespräch, das einem 48-jährigen Bewohner gilt. Er hat Epilepsie, leidet unter Schlafstörungen und neigt zu aggressivem Verhalten. Detailliert tauschen sich die Fachpersonen über seinen Zustand aus.

Warnsignale erkennen

«Reagiert er aufbrausend, wenn er überfordert ist?», will Rahel Fröbel wissen und rät dazu, auf seine Körpersprache zu achten. «Einige Menschen drehen ihre Gliedmassen leicht nach innen, wenn ihnen etwas zu schnell geht – wenn sie kognitiv nicht folgen können.» Auch beim fehlenden Schlaf hakt sie nach. «Ist er am Abend überhaupt müde? Würde ihm allenfalls mehr Bewegung guttun?» Das Team überlegt, was es dazu beitragen kann, den häufig frustrierten Mann zu aktivieren. Und es nimmt sich vor, mit ihm zu erarbeiten, was für ihn ein gutes Leben ausmacht und wie er sich einem solchen annähern könnte.

Einen Zugang zum Einzelgänger zu finden, scheint allerdings schwierig. Bisherige Bemühungen hat er meist abgeblockt. «Ich höre oft von Patienten, dass wir sie nicht psychologisieren sollen», gibt Rahel Fröbel zu bedenken. «Sie möchten über alltägliche Dinge sprechen können, ohne gleich analysiert zu werden.» Die Runde ist sich einig, dass das Gespräch sensibel aufgegleist werden muss. Abschliessend legt sie fest, bis wann die vereinbarten Massnahmen umgesetzt werden sollen.

Inputs aus einer AUssensicht

«Ich bringe meine pflegerische und psychiatrische Sicht ein», sagt Rahel Fröbel, die an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und an der Berner Fachhochschule Pflege studiert hat. Sie arbeite kreativ und rege gerne zu Diskussionen an. «Sie gibt uns aus einer Aussenperspektive wertvolle Hinweise», ergänzt Markus Bai, Leiter des Wohnhauses. «Sie kann ihre fundierten theoretischen und praktischen Kenntnisse gut mit einer konkreten Situation verbinden.» Wohnheime hätten zunehmend mit Menschen zu tun, die psychisch beeinträchtigt seien, so Bai. Sie stünden unter Druck, auch anspruchsvollere Klienten aufzunehmen, da es
nicht genügend speziell auf sie ausgerichtete Plätze gebe. «Wir versuchen, damit einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.» Dank der Unterstützung des mobilen Dienstes der PUK könne das Team die gestiegenen fachlichen Anforderungen erfüllen.

Markus Bai bemüht sich daneben, das psychiatrische Wissen innerhalb des Betriebs auszubauen. Pflegefachleute und Sozialpädagogen mit entsprechenden Erfahrungen zu finden, ist allerdings schwierig. «Der Markt ist ausgetrocknet.»

Seit 2017 im Einsatz

Der aufsuchende Dienst der PUK hat seine Arbeit vor drei Jahren aufgenommen. «Wir sind mit einem Papier gestartet», erinnert sich Rahel Fröbel, die davor auf der Akutstation der PUK tätig war. Sie hat zwar nicht an der Konzeptionierung mitgewirkt, ist jedoch seit Beginn als Co-Leiterin tätig. Als solche hat sie die neuen Angebote in der Praxis umgesetzt und weiterentwickelt, Prozesse definiert und das interprofessionell zusammengesetzte Team geführt. «Die bestehende Versorgung ist fragmentiert», stellt die Advanced Practice Nurse fest. Viele Wohnheime seien gar nicht auf Menschen mit komplexen und schweren psychischen Erkrankungen ausgerichtet; selbstständig lebende Personen seien mit mehreren Fachpersonen konfrontiert. «Wir bieten alles aus einer Hand», sagt sie. «Wir sind fachlich breit aufgestellt, arbeiten niederschwellig und flexibel.»

Der Platz soll erhalten bleiben

Zurzeit sind die Mitarbeitenden des MDW im Rahmen eines Konsiliar- und Liaisondienstes in sieben Einrichtungen präsent. Sie machen ambulante Abklärungen, beraten, triagieren und supervisieren. Drei Psychiater halten regelmässig Visiten ab. Wenn nötig, führen sie vor Ort eine intensivierte medizinische Behandlung durch. Dadurch soll verhindert werden, dass Bewohner in schwierigen Phasen in die Klinik eingewiesen werden müssen und ihren Wohnplatz verlieren. Auch nach einer stationären Therapie oder wenn jemand erstmals in ein Heim zieht, kommt der mobile Dienst zum Einsatz. «Übertritte sind fragile Situationen», sagt Rahel Fröbel. «Wir begleiten sie und schaffen so Kontinuität.»

Zur ihren Aufgaben zählen auch Schulungen. Im Wohnhaus Lengg hat die Masterabsolventin unter anderem über Schizophrenie, affektive Störungen sowie Suchterkrankungen referiert. «Mitarbeitende, die keine Vorkenntnisse mitbringen, sind im Umgang mit psychisch Erkrankten manchmal unsicher», sagt Markus Bai. Derartige Weiterbildungen würden dabei helfen, Vorbehalte abzubauen. Der Wohnhausleiter begrüsst die Vernetzung und die interprofessionelle Zusammenarbeit, die mit dem mobilen Dienst ausgebaut werden. «Im Interesse unserer Klienten muss es zwingend weiter in diese Richtung gehen.»

Relativ früh in einer eigenen Wohnung

Zur Angebotspalette des MDW gehört zudem das Wohn- Coaching. Vier Mitarbeitende unterstützen einerseits psychisch erkrankte Personen, die in einer eigenen Wohnung leben. «Wir können Symptome einer psychischen Erkrankung auffangen», sagt Rahel Fröbel und erzählt von einem schizophrenen Mann, der sich vom Vermieter verfolgt fühlte, was Konflikte auslöste. Und sie beraten andererseits Menschen, die nach einem Heimaufenthalt wieder selbstständig wohnen möchten. Dabei lassen sie sich vom Ansatz «first place, then train» leiten. Das heisst, Betroffene wechseln im Vergleich zu anderen Konzepten relativ früh in eine eigene Bleibe und werden dabei begleitet. «Das bringt in vielen Fällen eine psychische Stabilisierung», sagt die Advanced Practice Nurse und verweist auf die soziale Inklusion, die damit ebenfalls angestrebt wird.

Kontakt zu den Patienten

Rahel Fröbel arbeitet an einer Evaluation des Wohncoachings mit, die vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert wird. Zusammen mit dem Co-Leiter schreibt sie zudem gerade einen Bericht für die kantonale Gesundheitsdirektion, welche die Finanzierung des Modellprojekts MDW jeweils für zwei Jahre festlegt. «Ich habe auch mit den politischen Prozessen, den rechtlichen Grundlagen und dem Marketing zu tun», sagt Fröbel. Sie schätzt die Vielseitigkeit ihres Berufsalltags. Obwohl die Wahl-Winterthurerin eine Leitungsfunktion ausübt und als Supervisorin, Coach und Dozentin tätig ist, hat sie nach wie vor Kontakt mit Patienten. «Das ist für das Ausüben einer APN-Rolle zentral», sagt sie. «So habe ich weiterhin einen Praxisbezug und kann die anderen Tätigkeiten glaubwürdig ausführen.»

Seit Herbst 2019 gibt Rahel Fröbel ihr Wissen als Dozentin und seit Anfang Jahr als Modulverantwortliche an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) weiter (siehe Zweittext). Sie pendelt daher nicht nur zwischen ihrem Büro im einstigen Burghölzli, den Wohnheimen und privaten Wohnungen, sondern auch zwischen der Zürcher Klinik und der Hochschule in Winterthur hin und her. Sie sieht dies als Bereicherung: «Ich nehme von jeder Arbeitsstelle für die andere etwas mit.» //


STUDIERENDE SOLLEN SICH WERTSCHÄTZENDE HALTUNG ANEIGNEN

Pflegestudierende am Departement Gesundheit werden in einem Pflichtmodul auf den Umgang mit psychisch kranken Menschen vorbereitet. Sie sollen sich nicht nur Fachwissen und praktische Fähigkeiten, sondern auch eine wertschätzende Haltung aneignen.

Eine Frau, die unter Panikattacken leidet, entbindet ein Kind; ein depressiver Mann wird auf eine Operation vorbereitet: Nicht nur in der Psychiatrie haben Pflegefachpersonen mit Menschen zu tun, die psychisch erkrankt sind. Auch auf somatischen Abteilungen treffen sie Betroffene an. «Viele Fachpersonen in der Pflege haben Berührungsängste», sagt Rahel Fröbel, die an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) tätig ist. Sie spricht von einer «grossen Verunsicherung» und «gewissen Vorurteilen».

Seit Anfang Jahr leitet die Advanced Practice Nurse am Departement Gesundheit das Bachelormodul «Pflege von psychisch kranken Menschen». Darin gibt sie viel Fachwissen weiter. Die Studierenden lernen etwa die psychiatrische Diagnostik, rechtliche Aspekte sowie häufige Störungen, Behandlungsmethoden und pflegerische Interventionen kennen. Sie befassen sich zudem mit zentralen Konzepten, psychotherapeutischen Ansätzen und Clinical Assessments. Hinzu kommen praktische Übungen, beispielsweise zur patientenzentrierten Kommunikation, oder der Besuch einer psychiatrischen Klinik.

Vorbehalte abbauen

«Besonders wichtig ist es mir, eine wertschätzende Haltung zu vermitteln», sagt Rahel Fröbel. Pflegende sollen Betroffenen unvoreingenommen begegnen. Fabian Gautschi, stellvertretender Modulleiter, teilt dieses Anliegen. «Wir möchten Vorbehalte abbauen und das Interesse für psychische Beschwerden wecken.» Das Pflegepersonal sei zunehmend mit Mehrfacherkrankungen konfrontiert, sagt der 30-Jährige, der bei der psychiatrischen Spitex Limmat Aare Reuss arbeitet. Es sei wichtig, sich über den eigenen Fachbereich hinaus auszutauschen. «Man muss über das eigene Gärtchen hinausdenken.» Auch wer nicht in der Psychiatrie tätig sei, benötige psychiatrisches Basiswissen. So könne zum Beispiel Multiple Sklerose mit Antriebs- oder Schlaflosigkeit einhergehen.

Das zweiwöchige Blockmodul findet im dritten Semester statt und ist für die Studierenden obligatorisch. Im Verlauf des Studiums können sie ihre Fachkenntnisse in der Pflege psychisch kranker Menschen noch weiter vertiefen – je nach Praktikumsort, Fallbearbeitungen in anderen Modulen und Thema der Bachelorarbeit. Bis zu 55 ETCS-Punkte, also fast ein Drittel der Studiumsleistung, sind für diese Vertiefung möglich.

Vitamin G, Seite 21-23


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