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STILLES STUDIUM

Laura Setz ist gehörlos. Dies hält die 27-Jährige allerdings nicht davon ab, eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Sie studiert im dritten Semester Physiotherapie. «Es ist für mich und für die Hochschule eine grosse Herausforderung», sagt sie.

Der Praxisunterricht der Physiotherapiestudierenden im dritten Semester ist in vollem Gange. Auf dem Stundenplan steht die urogenitale Inkontinenz, das heisst der unwillkürliche Verlust von Harn oder Stuhl. Die Studierenden wissen: Mit gezieltem Beckenbodentraining kann oftmals eine Besserung oder Heilung erreicht werden. Entsprechende praktische Übungen werden an diesem Morgen gelernt. Es ist warm im Unterrichtsraum und laut. Die jungen Frauen und Männer haben sich in Gruppen um die Therapieliegen verteilt. Es werden Übungen zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur ausprobiert, Notizen gemacht und Fragen beantwortet.

Mittendrin ist Laura Setz. Von den Diskussionen um sie herum bekommt die 27-Jährige nichts mit. Sie ist gehörlos, liest hauptsächlich von den Lippen ab. Ihre beiden Gruppengspänli wissen das. Sie schauen ihr direkt ins Gesicht, wenn sie mit ihr reden. Sie sprechen langsam und deutlich. Laura Setz nickt oft, doch manchmal ist sie ratlos, legt ihre Stirn in Falten. Dann springt der Gebärdensprachdolmetscher, der immer im Blickfeld der jungen Frau steht, ein. Obwohl sie nichts hört, spricht sie, auch als Übung für den Patientenkontakt im Berufsleben. Ihre Lautsprache ist durch jahrelanges Training sehr gut verständlich. So braucht sie niemanden, der das, was sie sagen will, übersetzt.

«ICH BIN GUT INTEGRIERT»

Laura Setz ist die erste gehörlose Physiotherapiestudentin am Departement Gesundheit. «Sowohl für mich als auch für die ZHAW ist es eine grosse Herausforderung», sagt sie. «Von allen wird viel Flexibilität verlangt.» Das erste Jahr hat sie auf zwei Jahre aufgeteilt. Das zweite versucht sie nun in einem Jahr zu schaffen – so wie ihre hörenden Kommilitonen. «Ich fühle mich sehr wohl in der Klasse und bin gut integriert. Alle wissen von meiner Beeinträchtigung. Ich möchte gerne in dieser Klasse bleiben.» Einfach werde es aber bestimmt nicht, fügt sie hinzu. Die grösste Schwierigkeit beim Vollzeitstudium sei das tägliche Präsentsein, das eine hohe Konzentration und viel Aufnahmefähigkeit erfordere. «Es ist sehr anstrengend. Beim Praxisunterricht beispielsweise muss ich mich nicht nur auf die Dozierenden und die Patienten konzentrieren, sondern auch immer noch auf den Dolmetscher.» So kann sie sich während des Unterrichts auch keine Notizen machen, da sie die Dozierenden oder den Dolmetscher nie aus den Augen lassen darf. Diesbezüglich hat sie aber eine gute Lösung gefunden. «Eine studentische Hilfskraft schickt mir ihre Notizen.»

Auch die Vorlesungen sind für Laura Setz mit viel Aufwand und grosser Anstrengung verbunden. Meistens sitzt sie in der vordersten Reihe, die Dolmetscher direkt neben den Dozierenden, so dass sie sie gut sehen kann. Bei Lehrveranstaltungen, die länger als zwei Stunden dauern, kommen die Übersetzer zu zweit und wechseln sich regelmässig ab. Für die gehörlose junge Frau ist es jedoch praktisch unmöglich, gleichzeitig den Gebärden der Dolmetscher zu folgen, die Folien an der Wand zu lesen und sich Notizen zu machen. Sie braucht ihre Augen fürs Lesen und visuelle Zuhören. Deshalb nutzt sie für Vorlesungen zusätzlich den Dienst von Swisstxt, bei dem eine Schriftdolmetscherin über ein Mikrofon mithört und alles Gesprochene niederschreibt, das dann auf einer Onlineplattform aufgeschaltet wird.

«Leider fehlt mir nach dem Unterricht oft die Energie für soziale Kontakte mit Kommilitonen», sagt Laura Setz. Meistens hat sie aber auch gar keine Zeit dafür. Während ihre Mitstudierenden nach Hause gehen oder dem Studentenleben ausserhalb der Hochschule frönen, steht bei ihr der Kompensationsunterricht an. Dort bekommt sie in den verschiedensten Fächern Unterstützung. Eine Physiotherapeutin erklärt ihr beispielsweise das, was sie im Praxisunterricht nicht verstanden hat. «Das ist natürlich super, aber es erfordert auch nach einem langen Studientag nochmals meine vollste Konzentration.»

VOLLGAS AUF UND NEBEN DER PISTE

Laura Setz ist seit ihrer Geburt gehörlos. Allerdings wurde die Beeinträchtigung erst entdeckt, als sie bereits zweieinhalb Jahre alt war. «Bis dahin dachten alle, ich sei ein Lausmädchen, das nicht hören will», sagt sie und schmunzelt. Die aufgeweckte Frau mit den blonden Haaren und dem fröhlichen Lachen ist im aargauischen Dintikon aufgewachsen, ihre Schwester und ihre Eltern sind hörend. Sie hingegen bekam auf beiden Seiten Hörgeräte. Die halfen ihr aber nur bedingt. «Ich konnte zwar Geräusche wahrnehmen, aber nicht verstehen, wenn jemand mit mir sprach.» So fing sie an, Lippen zu lesen, von einer Gebärdensprache wusste sie damals nichts. «Mit etwa 14 Jahren bin ich das erste Mal in Kontakt gekommen mit dieser Sprache, richtig gelernt habe ich sie dann nach dem Abitur.»

Den Kindergarten und die ersten beiden Primarschuljahre besuchte Laura Setz in der Regelschule im Dorf, wo sie aufwuchs. «Da der Unterricht eher auf das Spielerische ausgerichtet war, ging es noch recht gut», sagt sie. «Ich hatte eine sehr engagierte Lehrerin und bekam Nachhilfe und Einzelunterricht.» In der dritten Klasse wurde es dann aber schwieriger. «Wir waren 35 Kinder in einer Klasse und der Unterrichtsstoff wurde anspruchsvoller.» So wechselte sie an eine Schule für Schwerhörige und zog nach der obligatorischen Schulzeit nach Deutschland, wo sie an einem Gymnasium für Schwerhörige das Abitur machte. Ihr Ziel war es, Sport zu studieren und danach als Sportlehrerin zu arbeiten – und das kam nicht von ungefähr. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr war die Powerfrau eine erfolgreiche Leichtathletin und gewann mehrere Medaillen bei den Hörenden. Auch im Boardercross, wo sie danach während acht Jahren mitfuhr, konnte sie einige Erfolge feiern. Unter anderem durfte sie regelmässig an den FIS-Rennen der Hörenden teilnehmen. Heute ist sie auf der Piste nur noch hobbymässig unterwegs.

UNTERSTÜTZUNG DURCH DIE ZHAW

Das Sportstudium an der Universität Basel brach sie nach dem ersten Jahr ab. «Die Herausforderungen wurden zu gross», sagt sie. «Die Beteiligten waren zu wenig sensibilisiert und ich wusste nicht richtig, wo ich mir Unterstützung holen konnte.» Sie habe schon «etwas mit Sport» studieren wollen, aber nicht in einem Bereich, wo sie mit vielen Menschen in einer Gruppe kommunizieren müsse. Nach einem Vorpraktikum im Paraplegiker-Zentrum in Nottwil entschied sie sich für Physiotherapie. «Das passt besser zu mir mit meiner Hörbehinderung. Es geht um Bewegung und soziale Kontakte und – das Wichtigste – ich kann mich auf eine Person konzentrieren.» Später möchte sie unter anderem auch hörgeschädigte und gehörlose Menschen physiotherapeutisch behandeln.

Zunächst aber fokussiert Laura Setz auf ihr zweites Studienjahr. «Die ZHAW unterstützt mich in allen Bereichen sehr.» So bekommt sie als Nachteilsausgleich beispielsweise mehr Zeit bei schriftlichen Prüfungen oder eine studentische Hilfskraft. Sie weiss aus eigener Erfahrung, dass das nicht selbstverständlich ist. «Leider ist für Gehörlose der Zugang zum Studium immer noch sehr schwierig.» Das soll sich ändern, dafür will sie sich einsetzen. Sie möchte jungen Gehörlosen und Hörgeschädigten Mut machen, etwas zu wagen, auch wenn es auf den ersten Blick nicht einfach erscheint – und dafür ist sie das beste Beispiel. //

Vitamin G», Seiten 26-28


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