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«SO MERKE ICH, DASS ICH NICHT NUTZLOS BIN»

Viele Flüchtlinge sind durch Krieg und Folter traumatisiert. Ergotherapie soll ihnen helfen, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren und wieder handlungsfähig zu werden. Ein Einblick in die Praxis Ergopunkt des Schweizerischen Roten Kreuzes in Bern.

VON SUSANNE WENGER

Helle, freundliche Atmosphäre, Regale voller Materialien und Werkzeug, mittendrin ein grosser Tisch: Das ist das Atelier der Praxis Ergopunkt unweit des Bahnhofs Bern. Hier behandelt das sechsköpfige Ergotherapie-Team in der Regel Menschen mit Handverletzungen, Rheuma oder nach einem Schlaganfall. An diesem Spätsommernachmittag jedoch sitzt Psychiatrie-Patientin Frau T. am Tisch. Die 31- jährige Asylbewerberin stammt aus dem Iran. Sie wirkt zart und stark zugleich. Vor ihr rattert eine «Bernina». Angeleitet von Praxisleiterin Irene Schmid, näht Frau T. an einer Stoffdecke, weich und schön. Das Muster hat sie selbst entworfen. «Ich kann die Decke später mit nach Hause nehmen», sagt sie in gutem Deutsch, «sie wird mir im Winter warm geben.»
Nach Hause: Das ist im Fall von Frau T. eine Asyl-Kollektivunterkunft, in der sie mit ihrem Vater ein Zimmer teilt. Die Tochter schaut zu ihm, er hat Operationen hinter sich. Vor sieben Jahren flüchteten die beiden in die Schweiz, «aus politischen Gründen», wie sie sagt. Ihre Asylgesuche wurden abgelehnt, sie leben jetzt von Nothilfe, rechtlich bleibt ein letzter Hoffnungsschimmer. Die Situation ist nicht einfach, umso mehr, als Frau T. mit gesundheitlichen Problemen kämpft. Bei ihr wurde eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert, zudem leidet sie an Depressionen. «Meine Gedanken drehen sich im Kreis», erzählt sie, «hundertmal lese ich im Buch die gleiche Seite.» Frau T. ist beim Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) in psychiatrischer Behandlung. Sie hat auch schon Klinikaufenthalte hinter sich.

Gegen das Grübeln

Vierzig bis fünfzig Prozent aller Asylsuchenden und Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten in der Schweiz weisen nach Schätzungen von Fachleuten Trauma-Folgeerkrankungen auf. «Die Menschen, die zu uns in die Therapie kommen, haben Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme oder andere vegetative Stressreaktionen wie Schwitzen, Unruhe oder Interesselosigkeit», sagt Praxisleiterin Schmid. Oft klagten sie über Schmerzen und neigten zu exzessivem Grübeln. Doch bis die Traumafolgen als solche erkannt werden, vergeht meist viel Zeit. Die Mehrheit der Betroffenen schweigt über das Unerträgliche. Manche spalten es gar ab, ein Vorgang, den die Medizin Dissoziation nennt.
Auch Frau T. will oder kann nicht über die Erlebnisse sprechen, die sie erschüttert haben. Für Irene Schmid ist  das gar nicht unbedingt nötig. «Ich muss nicht alles im Detail wissen», sagt die erfahrene Fachfrau. Seit zwei Jahren kommt die Iranerin zu ihr in die ärztlich verordnete Ergotherapie. Der wöchentliche Termin gibt der jungen Frau Struktur und ergänzt die Psychotherapie laut Schmid «auf praktische und handlungsorientierte Weise». Traumatisierte Menschen hätten Kontrollverlust und Ohnmacht erlebt: «Sie sollen wieder Vertrauen in ihre Handlungskompetenz erlangen.»

Wieder Freude spüren

Erreicht wird dies unter anderem durch gestalterische Tätigkeiten. Frau T. machte schon Collagen, häkelte wollene Schalen, wob einen Teppich und fertigte ein Etui an. «Es tut gut, mit den Händen etwas herzustellen», sagt sie, «so merke ich, dass ich kein nutzloser Mensch bin.» Sie arbeitet ausschliesslich mit Materialien, die sie taktil und optisch als angenehm empfindet. Dies herauszufinden, sei jeweils schon ein erster kleiner Erfolg, stellt Schmid fest: «Die Menschen lernen, im Hier und Jetzt zu sein, wieder Freude zu spüren.»
In der ersten Phase der Therapie geht es laut Schmid darum, Vertrauen und Stabilität zu erzeugen. In der nächsten Phase folgt der Bezug zum Alltag. Die Ergotherapeutin half beispielsweise einem Flüchtling in seiner Küche dabei, gesund kochen zu lernen. Er hatte ausgeprägte körperliche Schamgefühle, ebenfalls ein Symptom der Belastungsstörung.

«Verletzliche Gruppe»

Ergotherapie für traumatisierte Geflüchtete wird beim SRK Bern-Mittelland seit 2015 angeboten, mehr als 30  Personen aus der Türkei, Somalia, Afghanistan, Syrien und Iran haben sie seither in Anspruch genommen. Neben Einzeltherapien, wie Frau T. sie besucht, gibt es Gruppentherapien. Die Teilnehmenden sind – gemeinsam mit Schweizerinnen und Schweizern – gärtnerisch oder handwerklich tätig. Reichen die Deutschkenntnisse der Migranten nicht aus, wird ein Dolmetscher beigezogen. Irene Schmid arbeitet schon seit zwanzig Jahren als Ergotherapeutin. Die Erweiterung ihrer Klientel um Psychiatriepatienten entspricht ihr sehr: «Traumatisierte Flüchtlinge sind eine besonders verletzliche Gruppe, für die ich mich einsetzen will.» Je früher Traumafolgestörungen therapiert würden, desto eher träten Erfolge ein. Das schaffe eine Voraussetzung für Integration, unterstreicht Schmid.
Zusätzlich zum vorhandenen ergotherapeutischen Fachwissen eignet sich das Ergopunkt-Team mit SRK Materialien transkulturelle Kompetenz an. Irene Schmid sieht bei Frau T. Fortschritte, hält sie für stabiler als zu  Beginn der Therapie. Der Klientin selbst fällt es schwerer, die Wirkung einzuschätzen. Sie antwortet differenziert, sichtlich bemüht, dem Gegenstand gerecht zu werden. In der Ergotherapie komme sie zur Ruhe, sagt sie: «Für einen Moment vergesse ich die Sorgen.» Doch der unsichere Aufenthaltsstatus setzt ihr enorm zu. Sie möchte sich in der Schweiz ein Leben aufbauen. In Teheran, vor der Flucht, hatte sie Pläne, Zahnmedizin zu studieren. Nun vergehen die Jahre. Solange ihre Situation nicht geklärt sei, sagt Frau T., «werde ich nicht heil.» //


LERNEN, MIT ANGST UND STRESS UMZUGEHEN

«Ergo-Psycho-Edukationsgruppe»: Der etwas sperrige Begriff bezeichnet eine spezielle Form der Arbeit mit traumatisierten Migrantinnen und Migranten, wie sie vom Schweizerischen Roten Kreuz Bern-Mittelland angeboten wird. Die Teilnehmenden – alle in psychiatrischer Behandlung beim SRK-Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer – erhalten in dieser Gruppe Informationen zum Thema Gesundheit und zum Einfluss bestimmter Handlungen auf das eigene Befinden. Die ärztliche Psychotherapeutin Anna Hirschi vermittelt ihnen Wissen über die Posttraumatische Belastungsstörung sowie den Umgang mit Schmerzen, Angst und Stress. Gleichzeitig kommt an den Gruppensitzungen Chantal Sauvin zum Einsatz, Ergotherapeutin der Praxis Ergopunkt. «Wir bieten den Teilnehmenden an, das Wissen aktiv in Handlungen umzusetzen», sagt sie. Sauvin erwarb 2017 ihr Diplom und absolviert nun das CAS Best Practice in Ergotherapie – Psychiatrie an der ZHAW. Das gemeinsame Gestalten, Backen und Spielen wirke nicht nur entspannend, es verschaffe den Patienten auch Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und soziale Kontakte. Im Frühling wurde die Therapiegruppe zum ersten Mal durchgeführt, als Pilotprojekt mit acht Männern aus der Türkei. Als Herausforderung an den neun Sitzungen erwies sich, trotz Dolmetscher, die Sprache. Anfang 2019 soll, mit kleineren Anpassungen, eine zweite Gruppe starten. Chantal Sauvin ist vom ganzheitlichen Ansatz überzeugt. Auch die Rückmeldungen der Patienten seien mehrheitlich positiv ausgefallen, sagt sie. So berichtete ein Teilnehmer, bei der Arbeit mit Ton «geht alles Schlechte weg, wie in die Erde hinein».

«Vitamin G», Seite 16-17


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