So lässt es sich länger autonom zu Hause leben

Mit der richtigen Beratung und einfachen präventiven Massnahmen lassen sich Wohnungen altersgerecht umgestalten. Ein Forschungsprojekt der ZHAW in Zusammenarbeit mit der Spitex Kriens und dem Zentrum für Ergotherapie Luzern zeigt auf, wie ältere Menschen, die sich früh Gedanken machen, später profitieren.

Nina Kobelt

Ausgerutscht ist sie noch nie. «Aber wahrscheinlich wäre genau das passiert», sagt Alice Kaufmann und schaut auf den Teppich vor dem Kochbereich. Der Teppich passt perfekt zum Rest der stilsicher eingerichteten Alterswohnung. Die 79-Jährige mit dem verschmitzten Lächeln findet ihn wunderschön. Praktisch ist er auch: Ausgestattet mit einer rutschfesten Fläche verhindert er unnötige Stürze und andere Unfälle.

Alice Kaufmann lebt in einer Wohnung im Lindenpark in Kriens. Die Genossenschaft «Wohnen im Alter in Kriens» bietet dort Wohnungen für Senior:innen mitten im Stadtzentrum an. Im gleichen Haus befindet sich auch die Spitex Kriens, die das Pilotprojekt zu «Präventiver Wohnraumanpassung» durchgeführt hat. Das Konzept dafür hat eine Projektgruppe am Departement Gesundheit der ZHAW entwickelt.

Einen Teppich vor den Herd zu legen, damit man auf dem Parkett trittsicher kochen kann, ist eine einfache präventive Massnahme. Dasselbe gilt für Griffe in Badezimmern, auf die man sich stützen kann, helleres Licht, um besser zu sehen, oder für Griff-Verdickungen an Zahnbürsten. Einfach, nur: Oftmals denkt man gar nicht daran, frühzeitig etwas zu verändern. Wohnraumanpassungen werden erst als Folge eines Sturzes, eines anderen Unfalls oder einer Krankheit vorgenommen. Würden aber etwa Ergotherapeut:innen und die Spitex solche Anpassungen präventiv vornehmen, könnten Unfälle vermieden werden. Mehr noch: «Präventive Wohnraumanpassungen haben das Potenzial, Autonomie, Lebensqualität und soziale Partizipation dieser Menschen zu fördern», wie es in der Beschreibung der ZHAW Forschungsstelle heisst. Zumal die Anzahl älterer Menschen mit chronischen Erkrankungen in den nächsten Jahren stark steigen wird. Viele möchten zu Hause wohnen bleiben. Aber nur wenige Privatwohnungen wurden nach den Bedürfnissen einer älter werdenden Bevölkerung gebaut.

Basis für das Forschungsprojekt «Präventive Wohnraumanpassung» waren Fokusgruppen mit Betroffenen sowie Gesundheitsfachpersonen, Politiker:innen, Altersorgansisationen, Hausverwaltungen oder Wohnbaugenossenschaften. Das Ziel: Herauszufinden, wie Menschen mithilfe von Ergotherapie länger selbständig zu Hause leben können. Wie müssen solche Prozesse gestaltet werden? Und wie sieht die finanzielle Umsetzung aus? In einem ersten Schritt führte das Projektteam Gruppeninterviews mit Fachpersonen, Spitex-Klient:innen und deren Angehörigen durch. Bei vielen Spitex-Klient:innen stellte sich schnell heraus, dass ihre Wohnungen nicht altersgerecht eingerichtet sind.

Ein Hochbeet als präventive Massnahme

Das will Hannes Koch ändern. Der Leiter der Spitex Kriens initiierte das Pilotprojekt. Denn: Ein Ansatz, der das sogenannt «autonome Altern am richtigen Ort» ermöglicht, sei im System nicht vorgesehen gewesen. Er zeigt auf ein Hochbeet, das man auch als «präventive Anpassung» anschauen könnte. Die Dachterrasse an der Schachenstrasse 9, wo sich auch die Spitex-Büros befinden, dient Mitarbeitenden wie Bewohner:innen als kleine Oase. Hier blüht einiges, Blumen, Sträucher, sogar Bäume. Und Kräuter – in besagten Hochbeeten. Der Vorteil: Man kann gut mit dem Rollstuhl oder einer Gehhilfe hinfahren, jäten und gärtnern, weil es viel Platz für die Beine gibt. Für Koch ist klar: «Mit fachkundiger Beratung und kleinen Anpassungen könnten unsere Klient:innen länger selbstständig wohnen.»

Die interprofessionelle Intervention – also der praktische Teil des Projekts – startete im Frühling 2021 mit fünf SpitexKlient:innen in Kriens. Eine Ergotherapeutin besuchte die Interessierten, schaute sich mit ihnen Barrieren und Ressourcen an, begutachtete Böden und Wände, man suchte gemeinsam nach Lösungen. So kann zum Beispiel Spitex Klientin Susanne Büchler dank dem Pilotprojekt trotz chronischer Erkrankung weitgehend autonom in ihrer Wohnung leben. Nach Gesprächen mit der Spitex-Angestellten wurde bei ihr ein sogenannter WC-Arm installiert. Sie kann ihren rechten Arm nach einem Unfall nicht mehr belasten – das Lavabo, an dem sie sich hätte aufstützen können, befindet sich aber genau auf dieser «falschen» Seite. Bei ihrer Wohnungstür wurde ein Theraband angebracht. Damit kann sie die Tür selbstständig schliessen.

Viel Arbeit floss in die Beratung: Ein Klient traute sich nicht mehr aus dem Haus, weil er seine demente Frau nicht allein lassen wollte. Ihm wurden Möglichkeiten aufgezeigt, was man unternehmen könnte. In einem anderen Fall ging es darum, eine Türschwelle anzupassen. In einem Keller wurden – für bessere Lichtverhältnisse – die Lampen ausgewechselt. «Es gibt zwei Arten von Klient:innen: Jene, die etwas unternehmen, wenn es ihnen schlecht geht. Und die anderen, die sich vorher auf eine Beratung und im besten Falle eine Veränderung einlassen», sagt Hannes Koch. Das Bewusstsein, wie wichtig eine Beratung ist, sei zwar da, aber oft hapere es am Informationsfluss.

Zusammenarbeit hat sich bewährt

«Das Pilotprojekt hat Nutzen gebracht», findet Koch. Sein Ziel: Das Potenzial des Spitex-Teams «Hauswirtschaft und Betreuung» mit dem Know-how von Ergotherapeut:innen besser zu verbinden. Vom sperrigen Begriff «präventive Wohnraumanpassung» will man allerdings wegkommen: Die Spitex Kriens und das Zentrum für Ergotherapie Luzern wollen das Angebot nun unter dem Namen «Programm zur Förderung von Autonomie und Partizipation älterer Menschen am richtigen Ort» in den regulären Betrieb überführen.

Auch Projektleiterin Brigitte Gantschnig, Professorin und Forschungsleiterin am Institut für Ergotherapie der ZHAW, ist erfreut: «Die interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Spitex und Ergotherapie hat sich bewährt, es entstand ein klarer Mehrwert.» Das Wissen der Mitarbeitenden über die jeweils andere Profession habe sich durch den intensiven Austausch verbessert. Damit das Modell der interprofessionellen Zusammenarbeit möglichst einfach von anderen Organisationen der Spitex und weiteren Ergotherapeut:innen übernommen werden kann, wurden im Rahmen des Projekts bereits ein Prozess definiert und entsprechende Materialien erarbeitet.

Das Konzept scheint gut anzukommen: Vertreter von Pro Senectute, Architektur und Ergotherapie hätten bereits Interesse angemeldet. Und Gantschnig weist auf eine weitere Erkenntnis hin: «Nicht alle älteren Menschen mit chronischen Erkrankungen benötigen ein solches Angebot. Vor allem Personen, die nicht über genügend persönliche, soziale und finanzielle Ressourcen verfügen, scheinen davon zu profitieren. Daher ist eine gezielte Auswahl der Personen nötig, denen eine präventive Wohnraumanpassung angeboten wird.»

Vorbild Skandinavien

Die Beratung und Erkennung von Hindernissen ist also zentral. Nur – wie kommen ältere Personen zu den entsprechenden Informationen? Ein Blick nach Skandinavien zeigt, wie es funktionieren könnte. In Ländern wie Dänemark oder Schweden seien präventive Hausbesuche bereits etabliert, sagt die Professorin. Das Gesundheitswesen hierzulande ist jedoch anders strukturiert. «Ein Problem in der Schweiz ist die Finanzierung von Massnahmen, die über die klassischen gesundheitsbezogenen Leistungen wie Ergotherapie und Pflege hinausgehen. Anders in Skandinavien: Dort werden jährliche präventive Hausbesuche von Ergotherapeut:innen bei älteren Personen von den Gemeinden finanziert.»

Bessere Koordination

Und genau solche Hausbesuche, zeigen Studien, fördern nicht nur die Autonomie von älteren Personen, sondern reduzieren auch die Kosten für die Gesellschaft, da ältere Personen länger selbständig leben können. Mit der Förderung von Projekten wie jenem der ZHAW würde also am Ende die Gesellschaft sparen. «Da in der Schweiz jedoch Krankheits­, Sozial­, und Pflegeleistungen aus unterschiedlichen Töpfen finanziert sind, fehlt häufig das Interesse der Krankenkassen, etwas zu finanzieren, was Gemeinden oder der AHV zugutekommt», so Gantschnig. Sie wünscht sich deshalb eine bessere Koordination bei der Finanzierung von Gesundheitsund Sozialleistungen. Denn: Die Forschungsleiterin und ein interprofessionelles Team aus Ergotherpeut:innen, Physiotherapeut:innen, Pflegefachpersonen, Sozalarbeiter:innen und Jurist:innen planen bereits Nachfolgeprojekte, die das «autonome Altern am richtigen Ort» fördern. //

Vitamin G, S. 17-19


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