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PHYSIOTHERAPIE HAT BEI ARTHROSE KAUM NEBENWIRKUNGEN

Durch gezieltes Training kann der Krankheits- verlauf von Knie- oder Hüftarthrose verlangsamt oder sogar gestoppt werden. In Dänemark wurde dazu das Programm «Good Life with Osteoarthritis in Denmark» (GLA:D) entwickelt: In kleinen Gruppen machen Betroffene gemeinsam Übungen, um trotz Arthrose in Bewegung zu bleiben. Und das mit Erfolg. Nun können sich auch Physiotherapeuten in der Schweiz für GLA:D zertifizieren.

VON URSINA HULMANN

Reto Moser fühlt sich oft wie eingerostet. Er ist 60 Jahre alt und hat früher viel Sport gemacht. Doch heute hat er nach langem Sitzen oder Liegen Mühe mit Aufstehen, die ersten Schritte schmerzen ihn. Reto Moser hat Kniearthrose. Und er ist mit seinen Beschwerden nicht allein: In der Schweiz leidet jede fünfte Person über 50 Jahren an Hüft- oder Kniearthrose (siehe Kasten «Schmerzhafte Abnutzung der Knorpel»). Die Gelenkserkrankung ist aufgrund der höheren Lebenserwartung und der intensiveren Beanspruchung der Gelenke durch vermehrte Freizeitaktivitäten in den letzten Jahrzehnten häufiger geworden.

Häufig gibt es nur Medikamente

Allerdings hinkt die Behandlung dieser Entwicklung hinterher. «Während Patienten mit Bluthochdruck regelmässig ärztlich überwacht werden, sind Arthrosepatientinnen oft mit ihrer Diagnose alleine», sagt Omega E. Huber, Leiterin Weiterbildung Physiotherapie am Departement Gesundheit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Laut Huber erhalten die meisten Betroffenen gegen ihre Beschwerden lediglich Schmerzmittel. Das Problem an den Medikamenten, die bei Arthrose normalerweise zum Einsatz kämen: Paracetamol wirke kaum und Antirheumatika hätten oft starke Nebenwirkungen.
«Obwohl man aus der Forschung seit längerem weiss, dass aktive Übungen helfen, die Koordination und die Kraft aufzubauen, werden Arthrosepatienten leider noch viel zu häufig nur mit Medikamenten behandelt», führt Omega E. Huber aus. Sie vermutet, dass die Behandlung mit Medikamenten im ersten Moment einfacher erscheint als regelmässiges Training. Und sie fügt an: «Oftmals wird auch zu früh operiert.» Operationen seien jedoch mit Risiken und Komplikationen verbunden, wie zum Beispiel mit Embolien oder Infektionen. Zudem sei das Ergebnis nicht immer befriedigend.
Mit dem dänischen Programm «Good Life with Osteoarthritis in Denmark» (GLA:D) hat Omega E. Huber nun zusammen mit Kolleginnen aus Forschung und Lehre einen physiotherapeutischen Ansatz zur Behandlung von Arthrose in die Schweiz gebracht, der weder Nebenwirkungen noch Risiken mit sich bringt. Zum ersten Mal von GLA:D gehört hat Huber 2013, im Rahmen ihrer Doktorarbeit zum Thema Kniearthrose. Ihre dänische Doktormutter erzählte ihr vom damals neuen Programm, das inzwischen in verschiedenen Ländern eingesetzt wird, unter anderen in Kanada, Australien und China.

Angepasste Dosierung der Übungen

«In Dänemark gab es viele Patienten, die aktiv etwas gegen ihre Arthrose machen wollten. So ist 2013 GLA:D entstanden», berichtet Omega E. Huber. Ein wichtiger Teil des Programms sind die Auswertungen der Daten, die von GLA:D-Therapeuten standardmässig erhoben werden. Diese zeigen: Die Schmerzen können reduziert, die Gelenksfunktion kann längerfristig verbessert werden. Patientinnen und Patienten, die an GLA:D teilnehmen, brauchen weniger Schmerzmittel und werden seltener wegen ihrer Arthrose krankgeschrieben. Auch Begleiterkrankungen und das allgemeine Wohlbefinden können positiv beeinflusst werden.
Das Programm für Patienten mit Hüftund Kniearthrose beinhaltet standardisierte Übungen, die auf aktuellen Forschungsergebnissen basieren. «Die Übungen sind zwar vorgegeben. Die Physiotherapeutinnen haben aber die wichtige Aufgabe, die Intensität des Trainings zu steuern», so Huber. Die Dosierung sei sehr individuell, vergleichbar mit der Einnahme von Medikamenten: Zu intensive Übungen führen zu Schmerzen, während sie bei einer zu tiefen Intensität kaum einen Effekt haben. Das Programm erfordere von den Therapeuten deshalb ein vertieftes medizinisches und therapeutisches Hintergrundwissen. Wichtig sei auch, dass sich die Therapeutin oder der Therapeut für jeden Patienten genügend Zeit nehmen könne, erklärt Huber: «Das Training findet deshalb in kleinen Gruppen mit höchstens sechs Personen statt.» Ein Vorteil des Gruppentrainings sei, dass sich die Betroffenen gegenseitig austauschen und motivieren können.
Durch die Standardisierung ist das Programm stets gleich aufgebaut: Es beginnt mit drei Einzelsitzungen zur Anamnese und der Einführung in die Übungen. Danach absolvieren die Patientinnen und Patienten zwei Gruppensitzungen mit Beratung und Instruktion sowie zwölf Gruppensitzungen mit neuromuskulärem Übungsprogramm. Zu diesem gehören neben den eigentlichen Übungen wie Rumpfbeugen, Ausfallschritten oder Beckenheben eine Aufwärmphase auf dem Ergometer sowie ein abschliessendes Dehnen. Jede Übung gibt es in vier Schwierigkeitsgraden, die bei jedem Patienten individuell gesteigert werden können. Zum Abschluss des Programms steht eine Einzelsitzung mit Austrittsuntersuch an.

Guter Muskelaufbau entlastet Gelenke

Nach dem Austrittsgespräch verfügen die Patientinnen und Patienten über ausreichende Kompetenzen, um das Training weiterzuführen und ihre Knie- oder Hüftarthrose selbständig zu managen. «Es ist zwar zeitaufwändig und erfordert eine gewisse Selbstdisziplin. Aber es empfiehlt sich, die Übungen zuhause weiterzuführen», rät Omega E. Huber. Auch andere körperliche Aktivitäten, wie lange Spaziergänge, Schwimmen oder Fahrradfahren, würden den Betroffenen helfen, länger mobil zu bleiben. Denn durch Bewegung werde Gelenkschmiere produziert, die reibungsmindernd wirke. «Ein guter Muskelaufbau entlastet zudem die Gelenke und schützt sie vor Über- und Fehlbelastungen», sagt Omega E. Huber. //

Vitamin G, Seite 32-33


ARTHROSE: SCHMERZHAFTE ABNUTZUNG DER KNORPEL

Gelenkflächen sind von einer dünnen Knorpelschicht überzogen. Die Abnutzung des Knorpels durch krankhaften Verschleiss wird Arthrose genannt. Im schlimmsten Fall reiben Knochen auf Knochen, was sehr schmerzhaft sein kann. Der Knorpelschaden kann nicht rückgängig gemacht werden. Aber durch gezieltes Training mit adäquater Belastung wird der noch bestehende Knorpel gestärkt – der Krankheitsverlauf kann damit verlangsamt oder sogar unterbrochen werden. Zu viel, aber auch zu wenig Belastung kann Ursache für Arthrose sein. Auch eine Fehlstellung der Gelenke, Übergewicht oder altersbedingte Abnutzung können die Krankheit auslösen.


IN ZWEI TAGEN ZUM GLA:D-ZERTIFIKAT

Physiotherapeutinnen und -therapeuten, die das Programm in ihrer Praxis anbieten wollen, können in einem zweitägigen Kurs das «GLA:D Schweiz» Zertifikat erwerben. Im praktischen Teil lernen die Teilnehmenden die Übungen mit den verschiedenen Dosierungsmöglichkeiten kennen. Arthrose und der neuste Forschungstand dazu sind Schwerpunkte im theoretischen Teil. Zudem werden den Kursteilnehmenden die Grundlagen für die organisatorische Umsetzung des Programms sowie für die Datenerhebung zur Qualitätskontrolle und für die Forschung vermittelt. Das Programm wird bei ärztlicher Verordnung von der Krankenkasse bezahlt. Die nächsten Kursdaten Der Kurs «GLA:D Schweiz» findet voraussichtlich an folgenden Daten statt:

  1. und 28. November 2020
  2. und 30. Januar 2021

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