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MEINUNG: PHYSIO OHNE UMWEG

Von ASTRID SCHÄMANN, Leiterin Institut für Physiotherapie.

Sollen Patientinnen und Patienten ohne ärztliche Überweisung physiotherapeutische Leistungen beanspruchen können, die von der Grundversicherung bezahlt werden? Was in anderen Ländern längst praktiziert wird, ist in der Schweiz ein heisses politisches Eisen. Die Gegner eines sogenannten Direktzugangs führen vor allem die Kostenfrage ins Feld. Sie argumentieren, bei den ambulanten Gesundheitskostenseien die Ausgaben für Physiotherapie ohnehin schon überproportional gestiegen, und bei einem Direktzugang werde dieser Trend voraussichtlich noch verstärkt – «ohne gesundheitlichen Mehrwert», wie etwa der Bundesrat behauptet. Wir sagen: Irrtum! Nichts spricht gegen einen Direktzugang zur Physiotherapie.

Erstens wird die Kostenfrage oft irreführend dargestellt. Fakt ist: Der Anteil der Physiotherapie an den totalen Gesundheitskosten ist zwischen 1996 und 2014 stabil bei 1,4 Prozent geblieben.Zwar haben sich nach Einführung des Fallpauschalensystems SwissDRG die physiotherapeutischen Leistungen in den ambulanten Bereich verschoben,aber insgesamt hat es keine von der Physiotherapie induzierte Mengenausweitung gegeben.

Zweitens bin ich sehr wohl der Meinung,dass der Direktzugang einen gesundheitlichen Mehrwert hat. Das zeigen die Erfahrungen aus Skandinavien, den Niederlanden und Australien: In diesen Ländern ist es um die muskuloskelettale Gesundheit der Bevölkerung insgesamt besser bestellt als hierzulande. Den Direktzugang zuzulassen, würde bedeuten, die Wahlfreiheit von Patienten und deren Selbstmanagement zu stärken. In der Schweiz wird bei Knie-, Schulter- oder Rückenbeschwerden noch immer zu oft und zu schnell operiert. Dabei gibt es eine hohe Evidenz, dass Physiotherapie häufig besser hilft als ein invasiver Eingriff – und zudem sehr viel kostengünstiger ist.

Drittens ist die ärztliche Verordnung schlicht nicht nötig. Physiotherapeutinnen und -therapeuten verbringen etwa im Masterstudiengang über 1000 Stunden damit, klinische Assessments zu üben. Sie sind also bestens in der Lage, Patienten adäquat zu untersuchen. //

«Vitamin G», Seite 5


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