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PFLEGEN BIS ZUR ERSCHÖPFUNG

Die psychische Belastung ist im Gesundheitswesen deutlich höher als in vielen anderen Branchen. Das liegt einerseits in der Natur der Arbeit, anderseits an strukturellen Problemen. Während Letztere auf politischer Ebene gelöst werden müssen, haben Health Professionals auf individueller Ebene Möglichkeiten, mit psychisch belastenden Situationen umzugehen. Am Departement Gesundheit lernen Studierende, wie sie ihre eigene Psyche gesund halten.

VON TOBIAS HÄNNI

Elena Pagliarini ist vor Erschöpfung an ihrem Schreibtisch zusammengebrochen. Mundschutz, Haarnetz und Schutzanzug hat sie nicht einmal abgezogen, bevor sie – mit dem Kopf auf der Tischplatte – nach einer langen Schicht um sechs Uhr morgens eingeschlafen ist. Das Bild der italienischen Pflegefachfrau, die in einem Spital in der Stadt Cremona arbeitet, ging im März um die Welt – als Symbol für den Kampf gegen das Coronavirus. Für Gesundheitsfachleute rund um die Welt war und ist dieser Kampf eine immense Belastung – auch für die Psyche. Sie fühle sich nicht körperlich müde, sagte Elena Pagliarini dem «Corriere della Sera»: «Was mich fertig macht, ist die Angst.» Sie und ihre Kollegen kämpften «gegen einen Feind, den ich nicht kenne.» Und dieser Feind hat in den letzten Monaten ein Problem verschärft, das im Gesundheitswesen bereits bei «Normalbetrieb» besonders ausgeprägt ist: die psychische Belastung. Wie Studien zeigen, treten psychische Erkrankungen bei Angehörigen des Gesundheitswesens im Vergleich zu anderen Branchen gehäuft auf. So stellten zwei amerikanische Gesundheitsbehörden, das National Institute for Occupational Safety and Health und das Center for Disease Control and Prevention, bei Gesundheitsberufen eine erhöhte Rate an Stressfolgeerkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Burn-out fest. Zudem zeigten sich bei Angehörigen dieser Berufe ein erhöhter Suchtmittelmissbrauch und vergleichsweise mehr Suizide.

In der Schweiz kam der Bericht «Gesundheit von Beschäftigten in Gesundheitsberufen» 2018 für den Kanton Zürich zu ähnlichen Ergebnissen. So gab bei den Beschäftigten im kantonalen Gesundheitswesen über die Hälfte an, unter Schwäche, Müdigkeit und Energielosigkeit zu leiden – fast zwölf Prozent mehr als der Durchschnitt aller Erwerbstätigen im Kanton. Die Symptome, die gemäss Bericht «Ausdruck oder Folge von Stress und/oder psychischer Belastung» beziehungsweise «Frühwarnsignale für eine psychische Erkrankung sein können», waren besonders ausgeprägt bei den Pflegefachkräften (61 %). Auch der Anteil der Befragten mit Schlafstörungen oder Anzeichen von Depressivität ist bei den Gesundheitsberufen deutlich höher als beim Total der Erwerbstätigen.

Risikofaktoren prägen die Arbeit

Dass die Arbeit im Gesundheitswesen von der Psyche einiges abverlangt, liegt zu einem Teil in ihrer Natur: Fachkräfte sind mit Schicksalsschlägen konfrontiert, mit der ganzen Bandbreite menschlicher Emotionen, mit Lebenskrisen und Tod. Für Tobias Spiller vom Universitätsspital Zürich (USZ) ist die Arbeit ausserdem durch jene «Hochrisikofaktoren» geprägt, die grundsätzlich ein Burn-out begünstigen können. «Erstens ist bei Gesundheitsberufen ein überdurchschnittlicher Einsatz bei der Arbeit typisch. Da es um Menschenleben geht, leisten Fachleute häufig einen Extraeffort; das verlangt auch das Berufsethos», sagt der Wissenschaftler, der an der Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik des USZ das Phänomen Burn-out im Gesundheitswesen genauer untersucht. Zweitens seien die Anforderungen hoch, die Handlungsspielräume gleichzeitig tief. «Die meisten Tätigkeiten sind klar vorgeschrieben. Die Autonomie des Einzelnen ist also häufig eingeschränkt.» Zu guter Letzt seien die gesellschaftliche und betriebliche Wertschätzung sowie die Belohnung für die Arbeit vergleichsweise gering.

Neben den berufsspezifischen können strukturelle Faktoren im Gesundheitswesen den psychischen Druck weiter erhöhen. «So zeigte beispielsweise eine amerikanische Studie, dass die Burn-out-Rate bei Pflegefachpersonen in Spitälern eng mit der Anzahl Patientinnen und Patienten zusammenhängt», erklärt Spiller. Will heissen: Je höher die Patientenzahl pro Kopf, desto höher ist auch der Anteil an Pflegemitarbeitenden mit Burn-out.

Frust, Ohnmacht und Selbstzweifel

Für den Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und -fachmänner (SBK) ist der psychische Druck ebenfalls eng mit strukturellen Problemen verknüpft. «Es ist absolut klar, weshalb die psychische Belastung im Gesundheitswesen so hoch ist», sagt Pierre-André Wagner von der Geschäftsstelle in Bern. Der Personal- und damit der Zeitmangel führe zu einem «Moral Distress»: «Pflegefachpersonen sind aufgrund fehlender Ressourcen nicht in der Lage, ihre Arbeit nach ihren Ansprüchen zu erledigen – sprich, sich genügend um die Patienten zu kümmern», sagt Wagner, der beim SBK den Rechtsdienst leitet und in der Berufspolitik tätig ist. Das führe zu Frust, Ohnmacht und Selbstzweifeln – und irgendwann zu einer psychischen Erkrankung.

Verschärft werde diese Problematik teils noch dadurch, dass sich Mitarbeitende vorwerfen lassen müssten, nicht genügend resilient und flexibel zu sein. «Da werden masslose Ansprüche an die Flexibilität des Personals gestellt – etwa indem Schichtpläne kurzfristig umgestellt werden», sagt Wagner. «Doch wie sollen sich so Beruf und Privatleben vereinbaren lassen?» Um den Druck und damit auch die psychische Belastung von Gesundheitsfachpersonen zu verringern, brauche es deshalb zwingend Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen. «Genau das will der SBK mit der Pflegeinitiative erreichen», so Wagner.

Vorlesungen zu Stress und Traumata

Während sie auf die strukturellen Probleme des Gesundheitswesens kaum Einfluss haben, können sich Gesundheitsfachleute auf individueller Ebene einen hilfreichen und konstruktiven Umgang mit psychisch belastenden Situationen aneignen. Deshalb erhalten die Studierenden am Departement Gesundheit im Verlauf ihrer Ausbildung entsprechendes Wissen und Werkzeuge an die Hand. So werden beispielsweise im Bachelor Pflege bereits im ersten Studienjahr herausfordernde Situationen thematisiert, um die Studierenden darauf vorzubereiten. «Wir besprechen Themen wie Nähe und Distanz, Umgang mit Aggressionen oder sexuelle Übergriffe», sagt Studiengangleiterin Irène Ris. Für die Burn-out-Prophylaxe vermittelt der Pflegebachelor in diversen Modulen, dass «das Maximum nicht immer das Optimum bedeutet», wie Ris sagt. Studierende sollen lernen, in der Praxis Ziele zu definieren, die sie unter den gegebenen Bedingungen auch erreichen können.

Auch im interprofessionellen Teil des Bachelorstudiums wird die psychische Gesundheit thematisiert. Etwa im studiengangübergreifenden Modul «Herausfordernde Berufspraxis und Kooperation», in dem die Studierenden sich für verschiedene Themenwochen entscheiden. So geht die Themenwoche «Krisen und Coping» vertieft auf Krisensituationen und psychische Belastungen ein, mit denen Gesundheitsfachleute konfrontiert sind. Auf dem Stundenplan stehen beispielsweise Vorlesungen zu Stress und Traumata oder Workshops zu Burn-out sowie Angst und Panik. «Die Studierenden lernen dabei, wie sie mit Krisen bei ihren Patientinnen und Klienten, aber auch bei sich selbst umgehen können», erläutert Anita Manser Bonnard, die für diese Themenwoche verantwortlich ist. Dazu lernten sie konkrete Instrumente und Übungen kennen, beispielsweise um selbstsicher aufzutreten, sich zu entspannen oder sich abzugrenzen.

Mitfühlen, aber nicht mitleiden

Das Abgrenzen wird auch in der Themenwoche «Beratung» vertieft behandelt. «Es geht darum, eine gesunde Distanz zu finden, um sich selbst nicht zu stark zu belasten», erklärt Stephanie Rösner, Verantwortliche der Themenwoche. Das heisse nicht, keine Empathie zu zeigen. «Wir wollen den Studierenden aber vermitteln, dass Empathie bedeutet, mitzufühlen, ohne selbst zu leiden.» Zentral sei, zwischen den Gefühlen des Gegenübers und den eigenen zu unterscheiden. «Fehlt diese Unterscheidung, besteht die Gefahr der emotionalen Überforderung», sagt Rösner. In der Themenwoche vermitteln sie und andere Dozierende auch gängige Interventionen, die in der Praxis zur Psychohygiene zum Einsatz kommen: beispielsweise die kollegiale Beratung (Intervision) oder die Supervision. «Solche Gefässe helfen, das eigene Fühlen, Denken und Handeln in Gesprächen zu reflektieren und damit eine gewisse Distanz einzunehmen.»

Von ihren Patienten Abstand nehmen – allerdings physisch – musste Elena Pagliarini zwei Tage, nachdem sie schlafend am Schreibtisch fotografiert wurde. Die italienische Pflegefachfrau wurde positiv auf das Coronavirus getestet. Sie begab sich Mitte März in Selbstisolation. Anfang April war sie wieder genesen und sagte zu den Medien: «Ich kann es kaum erwarten, wieder arbeiten zu gehen.» //

Vitamin G, Seite 10-11


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