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OHNE DIE FAMILIE GEHT’S NICHT

Schulerfolg, berufliche Karriere, physische und psychische Gesundheit: In welchen familiären Verhältnissen ein Mensch seine frühe Kindheit verbringt, wirkt sich auf sein ganzes Leben aus. Frühkindliche Gesundheitsförderung und Prävention ist damit eine gesell­schaftlich wichtige Aufgabe. Und eine, die über das Familiensystem stattfinden muss. Die Herausforderung dabei: die richtigen Kanäle finden, um die Familien überhaupt zu erreichen. 

VON TOBIAS HÄNNI

In der Fachliteratur wird sie manchmal als «hidden health care system», als verstecktes Gesundheitssystem, bezeichnet. Und sie gilt, was die Entwicklung eines Kindes in den ersten Lebensjahren angeht, als wichtigstes soziales System: die Familie. Das familiäre Umfeld spielt in der Bewältigung gesundheitlicher Herausforderungen häufig eine zentrale Rolle; geschätzt wird, dass bis zu drei Viertel aller Gesundheitsprobleme im Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis bewältigt werden. Das Familiensystem ist jedoch vor allem auch entscheidend im Hinblick auf einen gesunden Lebensstil und auf Verhaltensweisen, die solchen Problemen vorbeugen. Eine an sich banale, doch umso wichtigere Erkenntnis, wenn es um Gesundheitsförderung und Prävention in der frühen Kindheit geht. So schrieb das Bundesamt für Gesundheit (BAG) 2018 in einem Bericht zu dem Thema: «Da die Familie für ein Kind in den ersten Lebensjahren das entscheidende soziale Bezugssystem bildet, ist frühkindliche Gesundheitsförderung und Prävention vor allem darauf ausgerichtet, Familien im Rahmen des Gesundheits-, des Bildungs- und des Sozialwesens interdisziplinär zu unterstützen.»

Dieser primär settingorientierte Ansatz richtet den Fokus mehrheitlich nicht auf das Kind selbst, sondern auf seine relevante soziale und räumliche Umwelt aus, heisst es im Bericht. «Das ist in erster Linie die Familie des Kindes mit ihren primären Bezugspersonen sowie die Wohnumgebung.» Gelinge es, diese sozialen Systeme so zu beeinflussen, dass die direkte Umwelt des Kindes gesundheitsförderlicher werde, «dann können die Massnahmen ihre präventive Wirkung entfalten», schreibt das BAG. Und hebt dabei hervor, wie wichtig die frühkindliche Prävention für die weitere Entwicklung eines Menschen bis ins Erwachsenenalter ist. «Am umfassendsten belegt ist wohl der Zusammenhang von frühkindlicher Prävention, Schulerfolg und Erfolg auf dem Arbeitsmarkt.» Dieser Zusammenhang sei auch aus gesundheit­licher Sicht entscheidend, so das BAG. Denn zwischen Schulerfolg, sozioökonomischem Status und dem Auftreten nichtübertragbarer Krankheiten – wie Diabetes, Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen – bestehe eine starke Korrelation. Kurzum: Die familiären Bedingungen, in die ein Mensch geboren wird und in denen er die ersten Jahre aufwächst, sind ausschlaggebend dafür, ob er später ein gesundes sowie sozial und beruflich erfolgreiches Leben führt.

Risikofaktoren verringern, Schutzfaktoren stärken

Um sicherzustellen, dass sich Kinder in den ersten Lebensjahren gesund entwickeln, muss Gesundheitsförderung und Prävention so früh wie möglich ansetzen. Das heisst, eigentlich schon vor der Geburt, wie Annina Zysset, wissenschaftliche Mit­arbeiterin an der ZHAW-Forschungsstelle Gesundheitswissenschaften, hervorhebt: «Ne­ben negativen Folgen für das ungeborene Kind kann ein ungesundes Verhalten während der Schwangerschaft über epigenetische Mechanismen das Genmaterial nachhaltig verändern – und sich so auch bei nachfolgenden Generationen noch bemerkbar machen.» So schlägt sich beispielsweise eine ungesunde Ernährung oder Alkoholkonsum dauerhaft und an verschiedenen Stellen im Erbgut nieder.

«Das System Familie ist sehr privat, da lässt man nicht jeden rein.»

Zusammen mit anderen Forschenden des Departements Gesundheit hat Zysset im Auftrag des BAG eine Übersichtsstudie zu Gesundheitsförderung und Prävention in der frühen Kindheit – definiert als Lebensphase zwischen null und vier Jahren – verfasst. «In dieser Zeit lernen Kinder Verhaltensweisen grossmehrheitlich von ihren Eltern – diese sind damit vielfach der einzige Kanal, um die Kinder zu erreichen», sagt die Forscherin. Präventive und gesundheitsfördernde Massnahmen müssten deshalb primär bei den Eltern ansetzen und diese zu einem gesundheitsförderlichen Verhalten anregen. «Darüber hinaus sollten Familien darin unterstützt werden, Risikofaktoren wie Gewalt, Sucht oder Armut zu verringern und Schutzfaktoren – etwa ein positives Familienklima oder zusätzliche, verlässliche Bezugspersonen – zu stärken», sagt Zysset. Gelinge es zudem, bei einem Kind die internen Schutzfaktoren zu fördern, unter anderem ein positives Selbstbild, Problemlösefähigkeit oder Optimismus, dann könne sich dieses auch in einem widrigen Umfeld gut entwickeln. Doch wie stärkt man diese Schutzfaktoren, wenn Eltern zum Beispiel aufgrund einer Suchterkrankung oder eines Lebens in Armut keine Kraft oder Zeit haben, sich um die Gesundheit ihrer Kinder zu kümmern? «In solchen Fällen können neben speziellen Programmen für belastete Familien auch Kindertagesstätten ein Weg sein, um die Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern», so Zysset. Insbesondere Kinder aus vulnerablen Familien profitierten am meisten von Ausflügen, einer gesunden Ernährung oder der sozialen Interaktion in Kitas.

Dürftige Datenlage

Auf solche vulnerablen Familien legten die Forschenden des Departements Gesundheit in ihrer Übersichtsarbeit für den Bund ein be­sonderes Augenmerk. Dazu zählen Familien mit Migrationshintergrund, einem erhöhten Armutsrisiko, Gewalterfahrungen, einer Suchtproblematik oder einer psychischen Erkrankung mindestens eines Elternteils. Bei betroffenen Familien besteht häufig eine Kombination dieser Faktoren. «Studien zeigen, dass Kinder aus solchen Familien oft bei schlechterer Gesundheit sind. Gleichzeitig nehmen die Familien gesundheitsfördernde und präventive Angebote weniger stark in Anspruch oder werden von diesen nicht erreicht», sagt Zysset. Die Forscherin hat im Rahmen der BAG-Studie diese Problematik genauer unter die Lupe genommen. Die Schwierigkeit dabei: Die Datenlage zur Gesundheit von Kindern zwischen null und vier Jahren ist in der Schweiz eher dürftig. Und Daten zu Vulnerabilitäts- und Risikofaktoren werden bei Erwachsenen zwar erhoben, lassen sich jedoch ohne Angaben zur Elternschaft nicht einfach so auf Kinder übertragen. «Diese lückenhafte Daten­lage macht es schwierig, herauszufinden, bei welchen Gruppen vulnerabler Familien der grösste Handlungsbedarf besteht», sagt Annina Zysset.

Flickenteppich an Angeboten

Bei ihrer Recherche hat sich die Wissenschaftlerin auf bestehende Angebote zu Gesundheitsförderung und Prävention bei vulnerablen Familien konzentriert. Insgesamt 65 Projekte aus der ganzen Schweiz hat sie zusammengetragen, darunter Angebote und Anlaufstellen zur psychischen Gesundheit, zur Elternedukation, zur Ernährung oder zur Frühförderung. «Insgesamt gibt es ein breites Angebot für vulnerable Familien – von Kanton zu Kanton bestehen aber auch sehr grosse Unterschiede», sagt Zysset. So gebe es in grösseren und städtischen Kantonen meist ein weitaus grösseres Angebot an Projekten. Lücken zu identifizieren sei schwierig, da die Projekte weder national noch auf kantonaler Ebene von einer zentralen Stelle erfasst würden. «Es ist ein Flickenteppich an Angeboten von unterschiedlichsten Organisationen und staatlichen Stellen.» Eine der Empfehlungen der Forscherin ist deshalb der Aufbau einer nationalen Projektdatenbank oder von kantonalen Plattformen. «Das würde die Koordination unter den Anbietern verbessern und dabei helfen, Familien die passenden Angebote vermitteln zu können», so Annina Zysset.

Ihre Untersuchung der Angebote zeigte auch die Erfolgsfaktoren bezüglich Erreichbarkeit und nachhaltiger Unterstützung vulnerabler Familien auf: Dazu gehören unter anderem ein professioneller und möglichst niederschwelliger Aufbau des Angebots sowie Personen, die als Multiplikatoren agieren. «Damit sind beispielsweise bei Familien mit Migrationshintergrund Personen gemeint, die denselben Hintergrund haben und im Projekt mitarbeiten», erläutert Zysset. Ein erfolgreiches Beispiel diesbezüglich seien die Femmes- und Hommes-Tische, bei denen in moderierten Runden unter anderem Fragen zum Schweizer Gesundheitssystem diskutiert werden. Die Moderatorin oder der Moderator stammt dabei häufig aus demselben Kulturkreis oder derselben Sprachregion wie die Teilnehmenden. «So können Inhalte kulturspezifisch aufbereitet werden. Und die Sprachbarriere, die ein häufiges Hindernis beim Zugang zu Angeboten darstellt, kann überwunden werden.»

Unkonventionelle Kanäle finden

Wie sich Angebote für Familien – insbesondere für vulnerable – so entwickeln lassen, dass sie tatsächlich genutzt werden, ist auch im Bachelorstudiengang Gesundheitsförderung und Prävention ein wichtiges Thema. «Die Familie als kleinste soziale Einheit ist in der Arbeit von Gesundheitsförderinnen und Gesundheitsförderern eine der zentralen Zielgruppen», sagt Kerstin Jüngling, Dozentin und Fachbereichsleiterin Kommunikation und Transformation im Studiengang. Themen der Gesundheitsförderung und Prävention, die einen direkten Bezug zum Familiensystem haben, gebe es zahlreiche, zum Beispiel die Ernährung von Kleinkindern, die Mediennutzung und Digitalisierung oder die psychische Gesundheit der Eltern. «Die Studierenden lernen, die Relevanz eines Handlungsfelds einzuschätzen – und herauszufinden, was die Bedürfnisse der Familien in diesem sein könnten», erläutert Kerstin Jüngling. Danach ginge es um die entscheidende Frage: «Wie bekommen wir Zugang zu den Familien?» Diesen Zugang zu finden, sei nicht immer einfach, sagt die Sozialpädagogin. «Das System Familie ist sehr privat, da lässt man nicht jeden rein.»

Den künftigen Gesundheitsförderinnen und -förderern werde im Studiengang deshalb vermittelt, bei der Planung von Projekten an Stakeholder zu denken, die den Kontakt zu den Familien ermöglichen könnten. «Bei einem Projekt in der türkischen Community Berlins wollte ich die Väter miteinbeziehen. Direkten Zugang zu diesen zu erhalten, war aber schwierig», veranschaulicht Kerstin Jüngling, die in Deutschlands Hauptstadt eine Fachstelle für Suchtprävention leitet. «Deshalb habe ich eine Moschee angefragt, ob ich während des Freitaggebets das Projekt vorstellen darf.» Die Moschee gab ihr die Erlaubnis – und Jüngling erreichte mit ihrem Projekt die türkischen Väter. 

Will Gesundheitsförderung und Prävention, dass die Botschaften bei den Familien tatsächlich ankommen und eine Wirkung erzielen, ist die Wahl der passenden Kommunikationskanäle deshalb zentral – und laut Kersting Jüngling keine einfache Aufgabe. «Welche Kanäle gewählt werden sollten, hängt von vielen Aspekten ab.» So gebe es Kulturen, in denen das Reden im Mittelpunkt stehe, das Lesen jedoch einen geringen Stellenwert habe. «Familien mit einem solchen kulturellen Hintergrund erreicht man nicht mit einer 20-seitigen Informationsbroschüre.» Gelingt es Gesundheitsförderinnen und -förderern jedoch, durch den richtigen Kanal Zugang zu den Familien zu finden und ihr Vertrauen zu gewinnen, «dann können sie über diesen Zugang Botschaften zu weiteren Handlungsfeldern vermitteln – und erreichen über die Familie zahlreiche weitere Settings.»  //


Mit digitalen Angeboten sprachliche Hürden abbauen

Rund ein Fünftel der Schweizer Bevöl­kerung hat einen Migrationshintergrund. Während Migrantinnen und Migranten in ihren Herkunftsländern meist zu den ge­sündesten Individuen gehören und bei ihrer Ankunft in der Schweiz einen ähnlich guten oder besseren Gesundheitszustand aufweisen als die einheimische Bevölkerung, verliert sich dieser Vorteil häufig im Laufe der Zeit. Zur Verschlechterung der Gesundheit trägt neben anderen Faktoren oft auch die sprachliche Barriere bei. Sie ist eine hohe Hürde im Bereich der Gesundheitsversorgung, da sie einerseits den Zugang zu dieser Versorgung und zu Gesundheitsinforma­tionen, andererseits auch eine informierte Einwilligung zu Therapien und Behand­lungen erschwert. Im inter­professionellen Projekt «Digital Health für Eltern mit Migrationserfahrung» ent­wickeln Forschende der fünf Institute am Departement Gesundheit deshalb verschiedene digital gestützte Gesundheitsversorgungsange­bote für werdende Eltern und Eltern mit Kleinkindern, die aufgrund kultureller und sprachlicher Barrieren beim  Zugang zur Geburts­hilfe, Pflege, Ergotherapie, Physiothera­pie und Pädiatrie benachteiligt sind. Die Angebote sollen diesen Zugang verein­fachen und die Kompetenzen der Ziel­gruppe im Umgang mit dem Gesundheitswesen erhöhen. Für das Projekt, das vom ZHAW-Forschungsschwer­punkt «Gesellschaftliche Integration» finanziert wird, arbeiten die Forschenden eng mit den Departementen Angewandte Lin­guistik, Angewandte Psychologie und Soziale Arbeit zusammen.

Vitamin G, Seite 14-16


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