Zum Inhalt springen

NUR NOCH KURZ DIE MAILS CHECKEN

Viele Menschen können ihre Arbeit am Feierabend oder in den Ferien nicht vergessen. Das liegt insbesondere an der ständigen Erreichbarkeit durch die E-Mail-Kommunikation. Doch die Festplatte Hirn muss zwischendurch geleert werden, um produktiv zu sein.

VON TOBIAS HÄNNI

Der Ausflug in den Kletterpark könnte Spass machen. Die Brätelpause während dem Wandern und das Wasserskifahren auch. Doch irgendwie ist ständig dieser Schreibtisch im Weg. Die Protagonisten in den Kurzfilmen und auf den Plakaten der Präventionskampagne «ausschalten – auftanken» können ihre Freizeit nicht recht geniessen. Sie sind in Gedanken ständig bei der Arbeit – versinnbildlicht durch den Bürotisch, den sie um die Hüfte tragen. «Freizeit ist besser ohne Büro» lautet die Botschaft der Kampagne, die der Schweizerische Versicherungsverband (SVV) seit diesem Sommer im Web und auf Plakatwänden vermittelt. Doch Freizeit sei immer mehr Arbeit, schreibt der Verband auf der Kampagnen-Website. Er möchte mit seinem Engagement primär auf die Unfallgefahr hinweisen, wenn man «mit dem Kopf immer ein bisschen im Büro ist».

Wer nicht abschalten kann, ist erschöpfter

Doch haben berufstätige Menschen tatsächlich immer mehr Mühe damit, am Feierabend abzuschalten und die Arbeit für ein paar Stunden zu vergessen? Diese Frage wurde in den vergangenen Jahren immer wieder untersucht. Zuletzt veröffentlichte etwa diesen September die deutsche Akad Hochschule die Studie «Arbeitswelten im Wandel 2018», für die rund 1200 berufstätige Personen an einer Online-Umfrage teilgenommen haben. Zwei Drittel der Studienteilnehmer gaben an, geschäftliche Mails schon mal am Sonntag, am Abend oder in den Ferien bearbeitet zu haben. Die Ergebnisse der Studie ähneln denen anderer Untersuchungen. So zeigte 2016 eine vom deutschen Meinungsforschungsinstitut YouGov durchgeführte Umfrage, dass rund drei Viertel der Befragten in der Freizeit berufliche Telefonate oder E-Mails beantworten. Die Verschmelzung von Arbeits- und Freizeit kann sich gemäss einer im letzten Dezember von der Universität Zürich im «Journal of Business and Psychology» publizierten Studie negativ auf das Wohlbefinden auswirken. Eine dafür unter der Leitung der Psychologin Ariane Wepfer durchgeführte Befragung von knapp 2000 Personen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigte: Teilnehmende, die keine klare Grenze zwischen Beruf und Privatleben ziehen, berichteten öfters über Erschöpfung und hatten grössere Mühe, sich im Alltag zu entspannen. Psychologin Wepfer kommt in einer Medienmitteilung zur Studie zum Schluss, dass die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit so gezogen werden muss, dass das Wohlbefinden – und damit auch die Produktivität und Kreativität im Arbeitsalltag – nicht negativ beeinträchtigt wird. Ein entsprechender Wandel der Unternehmenspolitik und -kultur könne den Angestellten dabei helfen, diese Grenze zu ziehen.

Mails fressen einen Fünftel der Arbeitszeit

Wie die Unternehmenskultur und -politik die «Grenzziehung» fördern kann, zeigt sich am Beispiel der E-Mail-Kommunikation, die als ein wichtiger Treiber der Verschmelzung von Arbeit und Freizeit gilt. So gibt es inzwischen Unternehmen, die den E-Mail-Verkehr regulieren: Die Angestellten von VW beispielsweise können zwischen 18 und 6 Uhr sowie am Wochenende keine Mails mehr versenden oder empfangen – ausgenommen von dieser Sperre sind Führungskräfte. Die Kommunikation via E-Mail kann aber nicht nur ausserhalb des, sondern auch im Büro zur Belastung werden. So zeigte die Umfrage der Akad Hochschule, dass die Teilnehmenden durchschnittlich 17,4 Prozent ihrer Arbeitszeit für die Bearbeitung von E-Mails verwenden. Mehr als die Hälfte fühlte sich von der permanenten Erreichbarkeit per Mail belastet – bei der letzten Durchführung der Studie 2013 waren es noch rund 40 Prozent. Auch am Departement Gesundheit der ZHAW ergab die Mitarbeitendenbefragung 2016, dass E-Mails eine Last sein können. Die Fachstelle Betriebliches Gesundheitsmanagement hat deshalb mit der Kommunikationstelle und unter Einbezug interner Fokusgruppen einen Leitfaden mit Empfehlungen für den zweckdienlichen Einsatz von E-Mails entwickelt. So soll zum Beispiel die CC-Funktion so wenig wie möglich eingesetzt oder die automatische Abwesenheitsmeldung eingerichtet werden. Und für die Beantwortung von Mails ohne Deadline sollen sich die Empfänger bis zu zwei Tage Zeit nehmen können. Arbeitstage, wohlgemerkt. //

«Vitamin G», Seite 26


WEITERE INFORMATIONEN




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.