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MEDIZIN ODER LIFESTYLE?

Mit der Selbstvermessung über Sensoren und Apps lassen sich eine Menge gesundheitsrelevanter Daten sammeln. Doch wer interpretiert und nutzt diese? Wer verdient daran? Und werden wir dadurch gesünder? Eine TA-Swiss-Studie unter Leitung des ZHAW-Instituts für Ergotherapie untersucht Chancen und Risiken des Trends.

VON JOSÉ SANTOS

In Sachen gesundheitliche Selbstvermessung bin ich ein Spätzünder. Gerade mal zwei Monate ist es her, dass ich meinen ersten Selbstversuch startete und eine Schrittzähler-App, auch Pedometer genannt, auf mein Smartphone lud. Kurz darauf kam eine Kalorienzähler-App hinzu. Ob ich seither gesünder lebe? Wohl eher nicht. Auf die von der Krankenkasse CSS geforderten 10 000 Schritte pro Tag für eine Prämienverbilligung komme ich jedenfalls nicht. Allerdings hat sich schon nach kurzer Zeit mein Verhalten verändert. Ich schaue noch öfter als vorher auf mein Smartphone und ertappe mich plötzlich bei neuen Frust- und Bestätigungsgefühlen.Zitat: «Quantified Self widerspiegelt unsere Leistungsgesellschaft. »

Und Sie? Sind Sie schon Teil der Quantified-Self-Bewegung? Leben Sie dank Apps gesünder und bewusster? Oder bekommen Sie beim Blick auf den Schritt- und Kalorienzähler eher Magenkrämpfe? Zahlen Sie bald weniger Krankenkassenprämien? Wissen Sie, wo Ihre Daten überall landen und was beispielsweise Ihre Lebensversicherungsgesellschaft dazu denkt?Bleiben wir für den Moment auf demBoden der Tatsachen. Erstens: Der Mensch ist neugierig und will mehr über sich und seine Umwelt erfahren. Zweitens: Bewegung und eine ausgewogene Ernährung sind gesund. Drittens: Die Digitalisierung schreitet voran und erfasst laufend neue Lebensbereiche des Menschen. Daraus resultiert Quantified Self, die Vermessung der eigenen Gesundheit mittels Sensoren und Apps – ein Trend, der sich in den letzten Jahren stark verbreitet hat.

NEUGIER ALS TRIEBFEDER
«Quantified Self ist keine Spielerei, sondern widerspiegelt unseren Drang nach Selbstoptimierung und unsere Leistungsgesellschaft», sagt Ursula Meidert. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle Ergotherapie an der ZHAW und untersucht den jungen Trend. Laut der Studie «Gesundheitskompetenz in der Schweiz» der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften scheint Quantified Self (QS) das zu schaffen, was bereits viele Präventionskampagnen versucht haben: den Sprung vom  «Eigentlich weiss ich das» hin zur Verhaltensänderung. Die eigene Gesundheit in Zahlen, Grafiken und Bildern abzulesen, dürfte dabei ein wichtiger Anreiz sein. «QS kann sehr motivierend wirken, vor allem bei Menschen mit chronischen Krankheiten, denen mehr Bewegung gut täte», sagt Ursula Meidert. Zudem unterstütze es die Betroffenen dabei, ihre Krankheit zu managen. «Sie können zum Beispiel Blutdruck und Puls aufzeichnen, statistisch auswerten und bei Bedarf übermitteln.» Der eigenverantwortliche Umgang mit der Gesundheit ist nur einer der Vorteile von QS. Daneben entstehen neue Möglichkeiten für Dienstleistungen im Gesundheitssystem. Auch Daten für die personalisierte Medizin können mit QS-Technologien gesammelt und mittels Algorithmen, die auf Big Data beruhen, ausgewertet werden.

VOM POTENZIAL ZU DEN TÜCKEN
Hier beginnen aber auch Grauzonen, dieden Einsatz von QS im medizinischen Kontext bedenklich erscheinen lassen. «Der Datenschutz ist ein kritischer Punkt: Die Daten von Trackern werden oft unverschlüsselt über Bluetooth übermittelt. Es besteht die Gefahr, dass sie von Dritten abgefangen werden», sagt Ursula Meidert. Da sie zudem meist nicht auf einem Schweizer Server liegen, ist unklar, ob Schweizer Datenschutzgesetze gelten. Ausserdem ist laut Meidert die Datenqualität von vielen Trackern noch nicht sehr gut. Diverse Geräte sind fehleranfällig oder messen ungenau.

Gesundheitsdaten sind sensitiv, vor allem wenn sie mit anderen Daten einer Person verknüpft werden. Der Trend birgt zudem das Risiko, dass Krankenkassen, Versicherungen und Arbeitgeber den Druck, solche Tracker zu verwenden, erhöhen. Wer sich gesund verhält, bekommt zum Beispiel Prämienrabatte wie bei der CSS. «Es ist denkbar, dass vermehrt auch Druck auf Personen ausgeübt wird, die nicht in der Lage sind, gewisse Normen zu erfüllen, oder dies nicht wünschen», gibt Meidert zu bedenken. «Noch ist ungeklärt, wie QS in den medizinischen Alltag integriert werden kann.»

Typologie der Parameter, die mit Self-Tracking-Apps erfasst werden können:Sieben Typologien nach Barcena, Wueest & Lau, 2014: 1. Komsum, 2. Physische Aktivität, 3. Körperfunktionen, 4. Krankheitssymptome, 5. Psychische Parameter, 6. Physiologische Parameter, 7. Mobilität

GELD VERDIENEN ODER KOSTEN SPAREN
Mit QS lässt sich viel Geld verdienen. Das Angebot von Self-Tracking-Geräten und den dazugehörigen Dienstleistungen ist bereits gross und nimmt weiter zu. Die Geräte sind erschwinglich und werden von immer mehr Schweizerinnen und Schweizern genutzt. Der globale Markt an Gesundheits- und Fitness-Apps wurde vom Beratungs- und Marktforschungsunternehmen Research2Guidance für 2017 auf 26 Milliarden US-Dollar prognostiziert. Das Geschäftsmodell ist einfach: Jede entwickelte QS-App kann relativ einfach ins Netz gestellt werden. Ausnahmen gelten für Apps, die als Medizinprodukte bewertet werden: Wenn eine Software der Erkennung, Überwachung oder Behandlung von Krankheiten dient, muss sie gewisse Standards erfüllen.

In der Schweiz werden viele QS-Apps entwickelt und auch die Uhrenindustrie ist auf den Zug aufgesprungen. Die Smartwatch «Connected» von TAG Heuer beispielsweise ist laut Firmenchef Jean-Claude Biver der bisher grösste Erfolg der Firmengeschichte. Bleibt die Frage nach dem Mehrwert: Macht uns QS gesünder und lassen sich damit Gesundheitskosten sparen? Zusammen mit den zahlreichen ethischen und gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technischen Fragestellungen, die sich rund um das Thema stellen, liegt ein breites Forschungsfeld vor.

STUDIE SOLL KLARHEIT SCHAFFEN
Eine interdisziplinäre Studie im Auftrag von TA-Swiss unter der Leitung des ZHAW-Instituts für Ergotherapie soll nun Licht ins Dunkel bringen und bis Herbst 2017 Grundlagen für Entscheidungsträger aus Politik, Gesundheitswesen, Wirtschaft und Gesellschaft erarbeiten. Ziel des Projekts ist es, möglichst umfassend über die direkten und indirekten Folgen von Quantified Self zu informieren.

Bereits heute ist Forscherin Ursula Meidert überzeugt, dass QS einen Rattenschwanz von Entwicklungen und Veränderungen mit sich bringen wird. «QS-Anwendungen werden uns und das Gesundheitswesen verändern, vor allem, wenn sie mit spielerischen und motivierenden Elementen kombiniert werden», sagt sie und liefert dazu gleich ein Müsterchen: «Pokémon Go hat die Gesellschaft schon heute zu mehr Bewegung motiviert als alle Pedometer und Gesundheitsförderungskampagnen zusammen.»


PROJEKT QUANTIFIED SELF

  • Projektpartner:
    ZHAW-Departement Gesundheit, ZHAW School of Engineering, ZHAW School of Management and Law, Winterthur
    Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, Berlin
  • Projektfinanzierung:
    TA-Swiss
  • Projektdauer:
    April 2016 – August 2017

zhaw.ch/gesundheit/quantified-self


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