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«KOMMUNIKATION IST WICHTIGER DENN JE»

Der Austausch zwischen Gesundheitsfachpersonen und Patienten ist ein zentraler Teil der Behandlung, sagt Sara Rubinelli, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Luzern. Ein Gespräch über aktives Zuhören, gemeinsame Entscheidungsfindung und darüber, wie Health Professionals den Einfluss von Dr. Google in Schach halten können.

VON TOBIAS HÄNNI

Sara Rubinelli, Sie sind Präsidentin des Internationalen Verbands für Kommunikation im Gesundheitswesen EACH. Weshalb braucht es diese Organisation?

Wir versuchen, die Kommunikation im Gesundheitswesen zu verbessern. Da gibt es noch viel Potenzial. Über lange Zeit fand das Thema keine Beachtung. Es hiess dann: Wir sind in der Gesundheitsversorgung tätig, nicht in der Kommunikation. Diese lief nebenbei ab, ohne dass sich jemand gross Gedanken darüber machte. Oft hing die Qualität der Kommunikation von den Fähigkeiten der einzelnen Fachperson ab.

Und heute?

Inzwischen ist durch den noch jungen Wissenschaftszweig Gesundheitskommunikation belegt: Der Austausch zwischen Gesundheitsfachpersonen und Patienten ist ein wichtiger Teil der Behandlung. Wenn die Fachpersonen nicht richtig kommunizieren, kann sich das negativ auf die Patientin oder den Patienten auswirken. Diese Erkenntnis hat sich in den letzten Jahren auch in der Praxis durchgesetzt.

Wird dem Thema heutzutage also genügend Aufmerksamkeit geschenkt?

In der Schweiz würde ich sagen: ja. Hier setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass gute Gesundheitsfachleute auch gut kommunizieren können müssen. Und die Tatsache, dass es hier Professuren für Gesundheitskommunikation gibt, zeigt, dass auch Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, um das Thema besser zu erforschen. In Italien, meinem Heimatland, sieht das ganz anders aus: Da gibt es keine einzige Professur in diesem Bereich.

Und wie sieht es in der Ausbildung von Gesundheitsfachpersonen in der Schweiz aus, erhält da die Kommunikation genug Gewicht?

Insbesondere in Pflege und Medizin wird der Kommunikation in der Ausbildung und im Studium inzwischen viel Beachtung geschenkt. Oftmals wird das Thema jedoch punktuell und nicht systematisch unterrichtet – da gibt es Raum für Verbesserungen. Kommunikationsskills sollten während des gesamten Studiums vermittelt und gestärkt werden. Es werden auch zahlreiche Weiterbildungen in diesem Bereich angeboten. Bloss: In einem ein­ oder zweiwöchigen Kurs lernt man nicht, wie man kommuniziert. Das gilt besonders für die Kommunikation mit Patienten.

Weshalb?

Nehmen wir das Beispiel Palliative Care – ein sehr spezielles und heikles Setting. Patienten sind mit dem unumkehrbaren Zerfall ihrer Gesundheit konfrontiert. Die Kommunikation ist für die Unterstützung der Patienten und ihrer Angehörigen zentral, vor allem auch, damit diese ihre Bedürfnisse in dieser wichtigen Phase ihres Lebens ausdrücken können. Das braucht viel Empathie und gute kommunikative Fähigkeiten. Vielen Gesundheitsfachpersonen fällt dies schwer.

Wie hat sich die Kommunikation im Gesundheitswesen in den letzten Jahren verändert?

Wie erwähnt, hat ihr Stellenwert in den vergangenen Jahren zugenommen. Mit gutem Grund, denn die heutigen Herausforderungen im Gesundheitswesen sind mehr als noch früher auch kommunikative Herausforderungen. Das liegt unter anderem an der Zunahme chronischer Erkrankungen. Betroffene müssen diese zeitlebens managen – die Beziehung zur Ärztin, zum Pfleger oder zur Therapeutin wird damit viel wichtiger als bei akuten Erkrankungen. Um eine solche Beziehung aufzubauen, braucht es jedoch Vertrauen – was wiederum eine funktionierende Kommunikation vor­aussetzt. Ausserdem wird mehr und mehr auf die gemeinsame Entscheidungsfindung gesetzt; das ist heutzutage der Goldstandard: Health Professionals entscheiden nicht mehr im Alleingang, was die richtige Behandlung oder Therapie ist. Stattdessen tauschen sie sich mit dem Patienten über die bestehenden Optionen aus. Der Patient wird dann darin unterstützt, die Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen und sich für eine zu entscheiden. Dies bedingt, dass er über genügend Wissen verfügt – die Fachperson muss ihm die verschiedenen Optionen richtig vermitteln.

Was sind die wichtigsten Kriterien, damit eine solche gemeinsame Entscheidungsfindung gelingt?

Im Zentrum sollte das aktive Zuhören stehen. Das ist essenziell, aber auch schwierig umzusetzen im hektischen Alltag, in dem es oft an Zeit mangelt. Dann braucht es eine klare und einfache Sprache und die Bereitschaft, abweichende Meinungen des Gesprächspartners zu akzeptieren und ernst zu nehmen.

Und was sollte verhindert werden?

Kommunikation von oben herab. Dazu gehört auch die falsche Annahme, dass die menschliche Gesundheit ein Feld ist, bei dem einzig die Experten wissen, was richtig ist. Klar, sie haben das Fachwissen. Aber die Betroffenen haben die Krankheit, sie wissen also oft sehr genau, was es heisst, mit dieser zu leben. Die Erfahrungswelten von Gesundheitsfachperson und Patient müssen deshalb zusammengeführt werden, damit eine Lösung gefunden werden kann, die für beide stimmt.

Im Austausch mit dem Patienten verändert sich also auch die Rolle der Gesundheitsfachpersonen?

Weniger die Rolle selbst als deren Wahrnehmung. Health Professionals sind nach wie vor die Experten – sie verfügen über das Wissen und den Erfahrungsschatz auf ihrem Gebiet. Sie müssen allerdings damit rechnen, dass ihre Expertise hinterfragt wird. Vor 40 Jahren wäre dies noch keinem Patienten in den Sinn gekommen, heute ist das der Normalfall. Die Patienten sind besser informiert, viele wollen über die Diagnose und die Behandlungsoptionen diskutieren. Das liegt in erster Linie an der Fülle an Informationen, die im Internet zur Verfügung steht. Häufig ist das Erste, was die Leute bei irgendwelchen Symptomen tun: Google konsultieren. Das ist eine der grössten Herausforderungen und ein weiterer Grund, weshalb kommunikative Fähigkeiten in der Arbeit von Gesundheitsfachpersonen heute wichtiger sind denn je.

Weshalb?

Wenn die Fachperson im Gespräch das Vorwissen, die Befürchtungen und Erwartungen des Gegenübers ignoriert, kann das problematisch sein. Die verschwinden ja nicht einfach aus dem Kopf des Patienten. Und wenn dieser dann nicht von wissenschaftlich fundierten Behandlungen überzeugt werden kann und im Internet nach fragwürdigen Alternativen sucht, kann es gefährlich werden.

Dr. Google unterminiert also das Vertrauen in Gesundheitsfachpersonen?

Ja, wobei es auch hier wieder Unterschiede zwischen den Ländern gibt. In der Schweiz wird die Expertise von Fachpersonen noch geschätzt. In anderen Ländern haben Expertinnen und Wissenschaftler derzeit jedoch ganz allgemein einen schweren Stand. Das liegt auch daran, dass sie in der Öffentlichkeit zu wenig präsent sind, insbesondere in den sozialen Medien. Sie überlassen das Feld damit Quellen, hinter denen kommerzielle oder ideologische Interessen stecken. Beispielsweise Elterngruppen, die das Impfen verteufeln. Institutionen wie die World Health Organisation müssten deshalb mittels Kampagnen viel stärker mit der Bevölkerung kommunizieren, um evidenzbasiertes Wissen zu vermitteln und die Gesundheitskompetenzen der Menschen zu verbessern.

Was sind die Kriterien, damit solche Gesundheitskampagnen in der Bevölkerung eine Wirkung erzielen?

Auch hier gilt es wieder, nicht von oben herab zu kommunizieren. Leider verfolgen viele Public-Health-Kampagnen einen Top-Down-Ansatz – das funktioniert nicht. Ebenso wenig wie die Abschreckung, beispielsweise mit Gruselbildern auf den Zigarettenpackungen. Der Effekt davon geht gegen null. Jeder weiss, dass Rauchen schädlich ist. Doch die Leute haben einen Grund, weshalb sie zur Zigarette greifen: Sie sind gestresst, tun es aus Gewohnheit. Hier muss man ansetzen. Besonders vielversprechend sind Interventionen in kleinen Gruppen, in denen sich die Betroffenen gegenseitig unterstützen, ihr Verhalten zu ändern.

Sie haben vorhin den Zeitdruck im Gesundheitswesen erwähnt. Wie können sich Gesundheitsfachpersonen trotzdem Zeit für einen ausreichenden Austausch mit ihren Patientinnen und Klienten nehmen?

Die zeitliche Beschränkung einer Konsultation ist tatsächlich eine Hürde. Bei einer Grippe reichen 15 Minuten zwar aus, bei einer chronischen Krankheit wie Diabetes ist eine Beratung insbesondere am Anfang viel zeitintensiver. Das Problem ist strukturell bedingt – das Gesundheitswesen ist nach wie vor zu stark auf akute Gesundheitsprobleme ausgerichtet. Das passt nicht mit chronischen Erkrankungen zusammen.

Und wie liesse sich dieses strukturelle Problem lösen?

Dass sich eine Gesundheitsfachperson für jeden Patienten zwei Stunden Zeit nehmen kann, lässt sich nicht umsetzen. Es braucht deshalb zusätzliche Gefässe, die genau das anbieten: Beratung und Unterstützung ohne Zeitdruck. Beispielsweise in Form eines Beratungsdienstes im Spital. Was zunehmend ebenfalls gemacht wird, um insbesondere die Ärzteschaft zu entlasten: Die Pflege übernimmt den Grossteil der Kommunikation. Diese Form der Zusammenarbeit muss aber strukturiert sein.

Dann ist die interprofessionelle Zusammenarbeit eine Möglichkeit, um der Kommunikation mit Patientinnen und Patienten mehr Raum zu geben und sie zu verbessern?

Durchaus. Aber nur, wenn es in geordneten Bahnen verläuft. Die Kommunikation aller Beteiligten muss konsistent sein. Es darf keine Widersprüche geben zwischen dem, was eine Thera peutin dem Patienten kommuniziert, und jenem, was ein Pfleger sagt.

Die Zusammenarbeit zwischen Berufsgruppen birgt angesichts der Hierarchien und der verschiedenen Fachsprachen wohl das Risiko von Missverständnissen und Konflikten.

Das ist menschlich und gibt es auch innerhalb der Berufsgruppen. Auch meine Kollegen und ich geraten uns gelegentlich in die Haare – dabei wüssten wir es ja eigentlich besser. In der interprofessionellen Zusammenarbeit ist es die Aufgabe des Managements, Konflikten vorzubeugen. Dazu braucht es Prozesse und Gefässe, in denen die Zusammenarbeit ermöglicht und strukturiert wird. Das Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil, wo ich als Forscherin tätig bin, ist ein gutes Beispiel für den interprofessionellen Austausch: Ärztinnen, Physio- und Ergotherapeuten, Neurologinnen, Pflegefachpersonen und Psychologen arbeiten gemeinsam an einem Fall und tauschen sich dafür in regelmässigen gemeinsamen Meetings aus. Das Zentrum stellt den interprofessionellen Teams für den Austausch genügend Zeit zur Verfügung. //

Vitamin G, Seite 10-12


Sara Rubinelli studierte Klassik und Philosophie an der katholischen Universität in Mailand und hat einen Doktortitel der Universität Leeds in den Bereichen Argumentationstheorie, Überzeugung und Rhetorik. Am Departement Gesundheitswissen schaften und Medizin der Universität Luzern ist sie Professorin für Gesundheitskommunikation. Als Scientific Coordinator leitet sie am Schweizer Paraplegiker­Zentrum in Nottwil die Forschungsgruppe Personenzentrierte Gesundheitsversorgung. Sara Rubinelli ist seit 2018 ausserdem Präsidentin der International Association for Communication in Health care (EACH).


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