Heute kommt die Praxis live in den Hörsaal

Grösserer Lerneffekt dank mehr Authentizität: Im Gesundheitszentrum Thetriz werden physiotherapeutische Sitzungen mit Kindern aufgezeichnet und den Studierenden gezeigt. So können sie Theorie und Praxis besser verknüpfen.

VON MARION LOHER

Julian Pfaff ist ein aufgeweckter Bub, der gerne Fussball spielt. Schmerzen in den Füssen hat der Zwölfjährige dabei heute kaum mehr, und auch beim Gehen von längeren Strecken treten die Beschwerden selten auf. Das war vor ein paar Monaten noch anders. Im Juni 2020 hatte er sich in Deutschland, wo er vor dem Umzug in die Schweiz mit seiner Mutter und der jüngeren Schwester lebte, einer Knicksenkfuss-Operation unterzogen. Die orthopädische Fehlstellung wurde auf beiden Seiten mit Schrauben korrigiert. Daraufhin verbesserte sich seine Fussstellung zwar und auch das Ermüdungsgefühl in den Füssen wurde weniger, doch nach ausgedehnten Fussmärschen traten Schmerzen im Bereich der Operationsnarbe auf.

Mittlerweile in der Schweiz angekommen, wurde dem Jungen nach einer ärztlichen Untersuchung Physiotherapie verordnet, und seine Mutter entschied sich für das Therapie-, Trainings- und Beratungszentrum Thetriz am Departement Gesundheit (siehe Box). «Eine Bekannte, die Physiotherapeutin ist, hat mich auf das Thetriz aufmerksam gemacht», sagt Gaby Pfaff. Sie schaute sich das Angebot im Internet an und machte einen Termin ab. Seither fahren Mutter und Sohn alle zwei Wochen für die physiotherapeutische Behandlung von ihrem Wohnort Kloten nach Winterthur.

Angebot noch im Aufbau

Das Thetriz hat Anfang 2021 seinen Betrieb aufgenommen, und Julian gehört zu den ersten Patienten in der Kinderphysiotherapie. Verantwortlich hierfür ist Silke Scheufele, die an der ZHAW auch doziert. Die pädiatrische Physiotherapeutin arbeitet in einem 20-Prozent-Pensum im Therapiezentrum. Immer am Mittwoch ist sie im Thetriz, an den anderen Arbeitstagen im Kantonsspital Winterthur, wo sie in der Pädiatrie Akutsomatik als klinische Spezialistin tätig ist. «Wir haben die Kinderphysiotherapie im Thetriz zurzeit nur an einem Tag in der Woche geöffnet, da wir noch mitten im Aufbau stecken», sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Physiotherapie. Aus diesem Grund können nur Patientinnen und Patienten aufgenommen werden, die keine hohe Behandlungsfrequenz benötigen. So wie Julian, bei dem eine physiotherapeutische Behandlung zweimal im Monat bis auf Weiteres genügt. «Würde aber ein Kind alle zwei bis drei Tage eine Therapie brauchen, müsste ich es an eine Kollegin oder einen Kollegen verweisen», sagt Silke Scheufele.

Komplexes Kamerasystem

Julian ist aber nicht nur deswegen für eine Behandlung im Thetriz prädestiniert. Die Praxis im Therapiezentrum ist auch eine Lehrpraxis, und der Zwölfjährige hat mit seinen Knicksenkfüssen, der Operation und den Beschwerden eine Diagnose, die ein häufiges Thema in der Praxis ist und auch zum Unterrichtsstoff des Physiotherapiestudiums gehört. Die Behandlungen finden in einem Therapieraum statt, der mit einem hochkomplexen Kamerasystem und mehreren Mikrofonen ausgestattet ist. Silke Scheufele hat einige der bisherigen Therapiestunden samt der für die Befundung und den Verlauf nötigen Assessments zur Behandlung der Knicksenkfüsse auf Video aufgenommen – selbstverständlich immer mit Einwilligung des Patienten. In diesem Fall mit jener der Mutter, da Julian noch minderjährig ist. Mit ihrer Unterschrift hat sich Gaby Pfaff einverstanden erklärt, die Daten ihres Sohnes für Forschungszwecke sowie für die Aus- und Weiterbildung freizugeben. «Für mich war dieses Hochschul-Setting mit ein Grund, weshalb ich mich für das Thetriz entschieden habe», sagt sie. «Die Therapeutinnen und Therapeuten sind nahe am aktuellen Wissenschaftsstand, wovon wir sicherlich nur profitieren können.»

Noch ist Silke Scheufele dabei, das Material der vergangenen Therapiesitzungen für den Unterricht zu sichten und zu bearbeiten, doch schon bald soll es für die Vorlesungen im dritten Semester des Bachelorstudiengangs zur Verfügung stehen. So können die Studierenden Silke Scheufele unmittelbar bei der Arbeit am Patienten beobachten, was ihnen die Möglichkeit gibt, Theorie und Praxis besser zu verknüpfen. Zudem ist es authentischer, wenn sie die Interventionen direkt an den jungen Patienten sehen und deren Reaktionen eins zu eins mitbekommen, als wenn sie die Behandlungen nur mit ihren Kommilitonen üben.

Es darf auch mal etwas schief laufen

Physiotherapeutische Massnahmen für Babys und Kinder sind wichtige Bausteine der Bewegungstherapie und bilden oft die Grundlage für andere Entwicklungsbereiche, wie die Sprache und die Gefühlswelt. Frühkindliche, nicht behandelte Störungen können Auswirkungen auf das spätere Leben haben. «Eine gezielte Intervention zur Bewegungsförderung kann dem Kind den Start ins Leben erleichtern», ist Silke Scheufele überzeugt.

Die Aufzeichnung der Behandlung ist aber auch für die erfahrene Therapeutin – sie arbeitet seit 15 Jahren in der Kinderphysiotherapie – nichts Alltägliches und immer wieder eine Herausforderung. Wichtig sind deshalb eine gute Vorbereitung und ein klar strukturierter Ablauf. «Während der Aufnahme achte ich darauf, die Anweisungen deutlich auszusprechen und die Tests, die ich mit den Patienten mache, korrekt auszuführen.» Nur so können die Untersuchungen Aussagen liefern, die sie benötigt, um die mit den Eltern oder dem Kind gemeinsam definierten Ziele zu erreichen und die dafür nötigen Massnahmen in der Therapie anzupassen. Dennoch dürfe auch einmal etwas schieflaufen, sagt sie und ergänzt mit einem Augenzwinkern, dass dies dann auch nicht herausgeschnitten werde. «Wichtig ist, dass bei den Aufnahmen die Realität gezeigt wird, und da kann eine kommunikative Anleitung, die beim Kind aus irgendwelchen Gründen nicht ankommt, einen bedeutenden Lerneffekt für die Studierenden haben.» Denn gerade in

der Pädiatrie muss man flexibel sein. Man kann nicht davon ausgehen, dass das, was man sagt, vom Kind auch gemacht wird. «Der durchdachteste Therapieplan und die besten Übungen nützen einem nichts, wenn das Kind an diesem Tag keine Lust hat, mitzumachen», sagt sie und schmunzelt.

Auch bei Julian lief nicht alles so, wie es sich die Kinderphysiotherapeutin vorgestellt hatte. Nach der dritten Therapiesitzung war es nicht mehr die verkürzte Wadenmuskulatur, die schmerzte, sondern der Kopf. Silke Scheufele unterbrach die Behandlung an den Beinen und kümmerte sich fortan um die Kopfschmerzen. Mittlerweile ist Julian schmerzfrei und auch die Wadenmuskulatur hat sich verbessert. Trotzdem: «Wir sind noch nicht am Ziel», sagt die Physiotherapeutin. Das eine oder andere Mal wird Julian noch ins Thetriz kommen müssen. «Ich bin sehr zufrieden mit dem Verlauf der Behandlung», sagt seine Mutter. «Die Schmerzen sind viel weniger geworden.» Bald schon sollen auch die Schrauben aus Julians Füssen entfernt werden. Darauf freut sich der Bub, auch weil er hofft, dann wieder komplett beschwerdefrei Fussball spielen zu können. //


Praxis, Lehre und Forschung an einem Ort

Das Therapie-, Trainings- und Beratungszentrum Thetriz befindet sich auf dem Campus des ZHAW-Departements Gesundheit, im Haus Adeline Favre. Auf einer Fläche von 400 Quadratmetern bietet das ambulante Gesundheitszentrum der Bevölkerung seit Anfang 2021 verschiedene Therapien und Behandlungen. Die Angebote erfolgen dabei in enger Absprache mit dem Winterthurer Versorgungssystem und sollen dieses nicht konkurrenzieren, sondern ergänzen.

Mit dem Thetriz verbindet die ZHAW Lehre, Praxis und Forschung an einem Ort. Beratung und Behandlung werden durch fachspezifische oder interdisziplinäre Expertenteams mit aktuellem, evidenzbasiertem Wissen sichergestellt. Gleichzeitig bekommen die Studierenden die Chance, schon zu Beginn ihrer Ausbildung Erfahrungen mit echten Patientinnen und Patienten zu sammeln. Im Therapiezentrum werden zudem neue Modelle und Leistungen für das Gesundheitswesen entwickelt.

Das Thetriz bietet ein umfassendes Angebot in den Bereichen Geburtsvorbereitung und Schwangerenvorsorge, Physiotherapie für Kinder und Erwachsene, Ergotherapie, Gesundheitsförderung, Prävention und Familienberatung der Pflege. Künftig sollen im Zentrum alle Institute des Departements Gesundheit ihre spezifischen Fachkenntnisse direkt anwenden können.


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