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HEBAMME UND NETZWERKERIN AUS LEIDENSCHAFT

Ob auf internationaler Mission oder in den Gängen der ZHAW, Andrea Stiefel, stellvertretende Leiterin des Bachelorstudiengangs Hebamme, ist stets mit leichtfüssiger Bodenhaftung und einem freundlichbestimmten Lächeln unterwegs. Sie mag es, mehrere Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten.

VON INGE CORTI

Den ersten Ball erhält Andrea Stiefel als Teenager von der Nachbarin zugeworfen: «Werde doch Hebamme!» Es ist gegen Ende der Schulzeit, sie unterhalten sich über die Zukunft. Andrea Stiefel ist unschlüssig, welcher Beruf zu ihr passt. Etwas mit den Händen sollte es sein und etwas mit Menschen. Die Nachbarin, selbst Hebamme, nimmt die 17-Jährige kurzerhand zu Hausbesuchen mit – und der gefällt es. Nach zwei Jahren Ausbildung an der Frauenklinik der Universität München ist sie selber Hebamme.

VON DER PIKE AUF
Die nächsten zehn Jahre arbeitet Andrea Stiefel im Gebärsaal des Martin-Luther Krankenhauses Berlin. Inzwischen selbst Mutter einer Tochter, bildet sie sich weiter und wird Lehrerin an der dortigen Hebammenschule. Es folgen Leitungsfunktionen in der Gebär- und später in der Wochenbettabteilung. Hier fällt ihr die Aufgabe zu, die integrierte Versorgung einzuführen. Die Domänen von Kinderkrankenschwestern und regulären Krankenschwestern zu vereinen, ist keine leichte Aufgabe. Denn bisher galt die klare Trennung: Die eine macht Baby und Busen, die andere alles vom Bauch an abwärts. «Die Kolleginnen wollten das nicht ändern, schon gar nicht mit einer Hebamme», erinnert sich Andrea Stiefel. «Doch wir ziehen alle an demselben Strang und betreuen die gleichen Frauen.» Statt sich einschüchtern zu lassen, entwickelt sie mit konstruktiver Hartnäckigkeit neue Arbeitsmodelle und veranstaltet Fortbildungen.

Um sich auf die Lehrtätigkeit zu konzentrieren, wechselt sie als Dozentin an die Hebammenschule in Berlin-Neukölln, deren Leitung sie später übernimmt. Daneben ist sie berufspolitisch engagiert. Sie vertritt den Deutschen Hebammenverband in der International Confederation of Midwives (ICM) sowie im European Forum of National Nursing and Midwifery Associations der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

BERUFSPOLITIK AUF INTERNATIONALER EBENE
Nebst dem Deutschen Hebammenverband repräsentiert sie bald auch die Hebammenverbände der Region Zentraleuropa, die sie in den ICM-Vorstand wählen. Es ist die Zeit nach dem Mauerfall, Europa öffnet sich gegen Osten. Es gilt, Kolleginnen in Tschechien, Polen, Slowenien oder Bosnien zu unterstützen, Berufsverbände aufzubauen, ihre Ausbildungen auf den Standard der EU-Richtlinien zu bringen und dem Berufsstand Akzeptanz zu verschaffen. In Tschechien etwa ist die Hausgeburt nach wie vor kriminalisiert und vielerorts besteht in der Geburtshilfe eine starke Ärztedominanz. In den Niederlanden sinkt die bisher hohe Hausgeburtsrate von fast 50 Prozent zunehmend ab, in Grossbritannien herrscht ein Mangel an Hebammen und überall steigt die Kaiserschnittrate steil an. Für diese Themen organisiert Andrea Stiefel den Austausch unter den Landesvertreterinnen – über Sprachgrenzen und kulturelle Grä- ben hinweg. Sie erarbeitet Agenden zu aktuellen Problemen und bringt die verabschiedeten Traktate in die Kommissionen des ICM-Zentralrats und der WHO. Über Delegierte wie sie finden brisante Themen aus allen Weltregionen Eingang in die beratenden und ausführenden Gremien. So entstehen etwa die Global Standards for Midwifery Education – «eine einzigartige Errungenschaft», wie Stiefel betont. Darin ist ein weltweit gültiger Minimalkonsens festgehalten, was eine Hebamme können muss.

ADVOKATIN FÜR FRAUEN UND KINDER
«Es sterben nach wie vor viel zu viele Frauen und Kinder in der Zeit von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Und immer noch werden Frauen marginalisiert», begründet Andrea Stiefel ihr ehrenamtliches Engagement auf internationaler Ebene. «Als Hebammen können wir etwas dagegen tun. Unser Beruf erfüllt keinen Selbstzweck: Wir sind Advokatinnen für Frauen und Kinder.» Stiefel geht es darum, das grosse Ganze zu sehen und zu realisieren, was auf der Welt vor sich geht. Das verändere auch den Blick auf die Dinge des täglichen Lebens.

Ende vierzig tritt sie beim ICM kürzer, als sie sich entschliesst, einen Master of Science zu machen. Hier trifft sie auf Mona Schwager, die Leiterin des ZHAWBachelorstudiengangs Hebamme, und nimmt nach kurzem Zögern deren Angebot an, nach Winterthur wechseln. Als Leiterin der Hebammenschule in BerlinNeukölln hat sie bereits versucht, zusammen mit Kolleginnen der Charité einen Hebammen-Bachelor zu lancieren. Doch in Deutschland scheint die Zeit dafür noch nicht reif. So packt sie die Chance, das Curriculum des neuen Studiengangs an der ZHAW mitzugestalten.

STANDARDWERK FÜR HEBAMMEN
Daneben hat Andrea Stiefel seit 1995 ein weiteres Projekt am Laufen: ein deutschsprachiges Standardwerk für die Hebammenausbildung. «Das Lehrbuch sollte nicht wie bis anhin von Ärzten geschrieben sein, sondern von Hebammen für Hebammen», erklärt sie. Zusammen mit zwei Kolleginnen trägt sie bei Hebammendozentinnen Wissen zusammen und vereint dieses als Herausgeberin in der «Hebammenkunde», einem 900 Seiten starken «Lehrbuch für Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Beruf». Inzwischen ist die fünfte Auflage erschienen, die sie derzeit mit den rund 40 Autorinnen aktualisiert. Wie sie es schafft, die verschiedenen Engagements aneinander vorbeizujonglieren? Die Antwort kommt umgehend: «Mein Beruf war immer auch mein Hobby und meine Leidenschaft.»

GENERATIONENWECHSEL EINLEITEN
Seit sieben Jahren ist die heute 57-Jährige nun an der ZHAW und wenn sie von ihren Amtszeiten in den Gremien des ICM erzählt, schwingt etwas Wehmut mit: Ab 2017 wird sie «nur» noch normales Mitglied sein. Umso mehr freut sie sich, dass ZHAW-Kollegin Karin Brendel als ihre Nachfolge ins Education Standing Committee gewählt wurde: «Mit ihrem Werdegang als Hebamme und Pflegepädagogin und ihrem Spezialgebiet transkulturelle Kompetenzen ist sie die Idealbesetzung, um den anstehenden Generationenwechsel im ICM mitzugestalten.» Für Stiefel selbst waren die Jahre im Board of Management eine Bereicherung. «Ich habe so viele beeindruckende Frauen kennengelernt.» Mit vielen dieser Pionierinnen verbinden sie jahrelange Freundschaften, die auch im ZHAW-Alltag zum Tragen kommen, etwa wenn es um den internationalen Austausch von Dozierenden oder Auslandpraktika für Studierende geht. In Zukunft möchte Andrea Stiefel ihre Erfahrung in andere Projekte einbringen, zum Beispiel in die Hebammenausbildung in Äthiopien. Daneben versucht sie, einen ihrer Bälle weiterzuspielen und in Workshops junge Studentinnen für das Engagement beim ICM zu gewinnen. «Das kann ich auch ohne offizielle Funktion», sagt sie und lächelt in ihrer freundlichbestimmten Art. //


ANDREA STIEFEL

Andrea Stiefel
Andrea Stiefel
  • Stellvertretende Studiengangleiterin und Verantwortliche Internationales am Institut für Hebammen
  • Diplomierte Hebamme und MSc Management im Gesundheitswesen
  • Dozentin, Stationsleiterin, Schulleiterin
  • Delegierte und Vorstandsmitglied im internationalen Hebammenverband
  • Delegierte im Europan Forum of National Nursing and Midwifery Associations der WHO
  • Mitherausgeberin des Lehrmittels «Hebammenkunde»

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