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GEWUSST WIE: BRÜLLATTACKEN MIT ÜBERFORDERUNGS-POTENZIAL

Weint ein Neugeborenes ohne Unterbruch, treibt dies Eltern schnell in die totale Erschöpfung. Doch den Säugling einfach schreien zu lassen, ist selten die richtige Reaktion, weiss Hebammenwissenschaftlerin Monique Maute*.

Neugeborene weinen. Ein bis drei Stunden täglich. Das ist zunächst einmal völlig normal und evolutionär gesehen eine Überlebensstrategie. Bis zur sechsten Woche nach der Geburt steigt das Schreien der Kleinen in der Regel sogar an und klingt dann bis zum Ende des dritten Lebensmonats immer mehr ab.
Doch ab wann brüllt ein Baby exzessiv? Laut der Dreierregel von Moritz Wessel, wenn es mindestens drei Stunden am Tag mindestens drei Tage in der Woche über mindestens drei Wochen weint. Diese sogenannten Schreibabys weinen vor allem in den Abendstunden und lassen sich trotz Müdigkeit kaum beruhigen. Häufig leiden sie an der Flut von Reizen, die sie nicht zur Ruhe kommen lässt. Selten liegt ein medizinisches Problem vor, etwa eine Nahrungsmittelunverträglichkeit. Doch relevant ist im Alltag der Eltern nicht die Definition, sondern der subjektiv empfundene Stress. Und der ist oft gross.

Prompte Reaktion und viel Nähe
Unabhängig davon, ob es sich bei einem Kind um ein exzessiv schreiendes handelt oder nicht: Es hilft, wenn Bezugspersonen das Baby vor Überstimulation schützen und auf seine Signale sofort reagieren, etwa indem sie es füttern, mit sich herumtragen oder mit ihm kuscheln. Studien zeigen, dass sich Berührungen nicht nur auf das Schreiverhalten und das Stressempfinden des Kindes positiv auswirken, sondern auch auf die kognitive und soziale Entwicklung. Entgegen früherer Annahmen führt Nähe nicht zu mehr Abhängigkeit, sondern zu mehr Selbständigkeit und Sicherheit.

Hilfe in Anspruch nehmen
Das Weinen des Säuglings zu ignorieren, wie es Schlaftrainings vor allem in den USA propagieren, kann zwar vorübergehend ebenfalls dazu führen, dass das Kind weniger schreit. Allerdings lassen sich bei diesen Säuglingen erhöhte Cortisolwerte im Speichel messen, was auf Stress hinweist. Nicht bekannt ist zudem, welche Langzeitfolgen das Schreienlassen für die emotionale Entwicklung hat. Es ist deshalb höchstens als Notfallprogramm sinnvoll – wenn alle anderen Strategien, für Entlastung zu sorgen, nicht mehr helfen.
Tatsächlich kommt es vor, dass Eltern am Weinen ihres Kindes fast verzweifeln. Wir haben auch hohe Erwartungen an unsere Babys: Sie müssen möglichst schnell systemkonform sein und nach unserem Zeitplan «funktionieren». Traditionelle Völker betreuen ihre Kinder intuitiver und bedürfnisorientierter. Dafür fehlen uns in der westlichen Welt oft geeignete soziale Unterstützungsmodelle.
Doch gerade die soziale Unterstützung ist enorm wichtig: Wer ein Baby betreut, sollte sich täglich Freiräume schaffen, um Kraft zu tanken. Reicht das persönliche Netzwerk dafür nicht aus oder lassen die Überforderungsgefühle trotzdem nicht nach, ist professionelle Hilfe angezeigt. Und die gibt es: In der Schweiz bieten diverse Institutionen Spezialsprechstunden zum Thema an. //

* Monique Maute ist Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Hebammen mit Schwerpunkt bindungsorientierte Erziehung. Sie hat bis 2015 die interne Sprechstunde für Säuglinge und Kleinkinder mit Regulationsstörungen am Sozialpädiatrischen Zentrum in Konstanz geleitet und untersucht das Schreienlassen in ihrer Doktorarbeit.

«Vitamin G», Seite 34


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