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EINE GEMEINSAME SPRACHE FINDEN

Konflikte mit Angehörigen, aggressive Klienten, Missverständnisse zwischen den Berufsgruppen: Kommunikative Herausforderungen lauern im Alltag von Health Professionals überall. Das A und O der Kommunikation wird in den Studiengängen am Departement Gesundheit deshalb schon ab dem ersten Semester unterrichtet.

VON TOBIAS HÄNNI

«Kannst du mir beim Transfer des Patienten helfen?» – «Nein, ich muss jetzt Medikamente verteilen. Organisiere dich das nächste Mal besser.» – «Ja gut, dann mache ich’s halt alleine. Aber wenn etwas passiert, bist du schuld!» Ein Dialog, wie er in einem Spital oder einer Rehaklinik stattfinden könnte. Hier wird er allerdings in einem Unterrichtsraum am Departement Gesundheit geführt. Ein Rollenspiel, das zwei Studentinnen ihren Kommilitonen vorführen, als Beispiel einer missglückten interprofessionellen Kommunikation zwischen einer Pflegefachfrau und einer Physiotherapeutin. «Wir wollen, dass die Studierenden ihre Kommunikation reflektieren und analysieren lernen. Beispielsweise in dem sie ein Bewusstsein dafür entwickeln, aus welchen Ich-Zuständen sie kommunizieren», erklärt Dozentin Stephanie Rösner, die eines der Vertiefungsseminare zum interprofessionellen Modul «Grundlagen der Kommunikation» leitet. In diesem eignen sich Studierende der Studiengänge Hebamme, Physio- und Ergotherapie sowie Pflege im ersten und zweiten Semester gemeinsam das kommunikative Rüstzeug für die Berufspraxis an. An diesem Nachmittag befassen sie sich in Gruppen mit der Transaktionsanalyse. Diese besagt im Kern, dass Menschen aus unterschiedlichen Ich-Zuständen kommunizieren: Beispielsweise aus dem trotzigen Kind-Ich, dem kritischen Eltern-Ich oder dem respektvollen Erwachsenen-Ich. Im erwähnten Rollenspiel kommuniziert die Pflegefachfrau auf der Ebene des trotzigen Kindes, die Physiotherapeutin im Stil kritischer Eltern. Die Gesprächspartner verharren in ihren Positionen, was in der Regel destruktiv und wenig zielführend wirkt. «Die Haltung in einer Kommunikation sollte zugewandt sein, damit sie auf Augenhöhe stattfinden kann», erklärt Stephanie Rösner den Studierenden. Das gelte für den inter- und intraprofessionellen Austausch genauso wie für das Gespräch mit Patienten, Klienten und Angehörigen.

Zentral bei jeder Handlung

Damit dieser Austausch insbesondere auch mit den Patienten und Klienten nicht von oben herab stattfindet, wird den künftigen Gesundheitsfachpersonen eine klientenzentrierte Grundhaltung vermittelt. «Eine solche Haltung ist elemen tar, damit dem Klienten oder Patienten auf Augenhöhe begegnet und ihm eine Expertise zugestanden wird», sagt Brigitta Spiegel-Steinmann. Was wiederum die Basis ist für eine gemeinsame Entscheidungsfindung, die in der Ausbildung von Health Professionals seit einigen Jahren als Best Practice gilt: «Weg vom patriarchalen, hierarchischen System hin zur Aufklärung und Partizipation des Patienten, der die Lösung kennt und sie mitträgt», so Spiegel-Steinmann. Für die Fachverantwortliche des Themenstrangs «Kommunikation und interprofessionelle Zusammenarbeit» in den Bachelorstudiengängen ist klar: Kommunikation ist zentraler Bestandteil jeder professionellen Handlung im Gesundheitswesen. «Oder um es mit Watzlawick zu sagen: Man kann nicht nicht kommunizieren.» Carl Rogers, Paul Watzlawick, Schultz von Thun oder Eric Berne, der Begründer der Transaktionsanalyse, liefern mit ihren etablierten Kommunikationsmodellen und sozialpsychologischen Konzepten das theoretische Fundament des Moduls. Dazu kommen weitere Theorien, etwa zu Konfliktlösung, Kooperation, Gruppendynamik oder nonverbaler Kommunikation. «Wichtig ist, dass die Theorien wissenschaftlich fundiert und für alle Berufsgruppen kompatibel sind», so Brigitta Spiegel-Steinmann.

Empathie, Offenheit, Respekt

Die theoretischen Grundlagen des Moduls verinnerlichen die Studierenden in praxisorientierten Vertiefungsseminaren. Mit Hilfe von Fallbeispielen, Rollenspielen und Video-Analysen üben sie, zielführend zu kommunizieren. Ein zentrales Element der Übungen ist dabei laut Spiegel-Steinmann immer auch die kritische Reflexionsfähigkeit. Die angehenden Health Professionals sollen lernen, ihr Kommunikationsverhalten theoriegeleitet zu reflektieren, Fehler zu erkennen und Verbesserungsmöglichkeiten abzuleiten. «Eine angemessene Kommunikation erfordert immer auch Reflexions- und Analysefähigkeiten.» Zentral seien ausserdem Empathie und die Fähigkeit, andere Perspektiven einzunehmen. Das gilt nicht nur für die Kommunikation mit Patienten und Klienten, sondern auch für den Austausch mit anderen Berufsgruppen. «Offenheit und Respekt für andere Berufskulturen, Einfühlungsvermögen und Perspektivenübernahme sind wichtige Voraussetzungen, damit die interprofessionelle Kommunikation ge lingt», sagt Spiegel-Steinmann. Im Modul «Grundlagen der Kommunikation» befassen sich die Studierenden zunächst mit alltäglichen, weniger komplexen Gesprächssituationen, die nahe an ihrem Ausbildungsstand und ihrer Lebenswelt sind. «Das kann ein Erstgespräch mit einem Patienten oder ein Feedbackgespräch mit der Praxisanleiterin sein», nennt Spiegel-Steinmann Beispiele. Später im Studium werden die Studierenden mit schwierigeren respektive komplexeren Situationen konfrontiert, wie in den Themenwochen «Beratung» oder «Krisen-Coping» des interprofessionellen Moduls «Herausfordernde Berufspraxis und Kooperation» im fünften Semester. «Mit Schauspielern wird dann etwa der Umgang mit Klienten geübt, die sehr belastet sind und daher entsprechend stark emotional reagieren. Oder die Gesprächsgestaltung bei Konflikten im Team.» Auch wenn sich die Studentinnen und Studenten mit praktischen Beispielen auf den Arbeitsalltag vorbereiten, «werden ihnen die kommunikativen Herausforderungen ihres Berufs erst mit zunehmendem Praxiskontakt bewusst», sagt Spiegel-Steinmann. Konflikte mit Angehörigen, die Tendenz, den Patienten mit Fachbegriffen und Ratschlägen zu bombardieren, starre Hierarchien, die einen interprofessionellen Austausch auf Augenhöhe verunmöglichen: «Kommunikative Stolpersteine lauern im Alltag überall.»

Interprofessionalität ins Zentrum rücken

Eine Revision der Curricula rückt die interprofessionelle Zusammenarbeit in den Bachelorstudiengängen ab nächstem Herbst noch stärker ins Zentrum. Im Themenstrang «Kommunikation und interprofessionelle Zusammenarbeit» werden entsprechende Themen ab dann in drei Modulen im zweiten, fünften und sechsten Semester aufgegriffen. Ausgebildet werden dabei diejenigen Kompetenzen, die für eine gelingende klientenzentrierte und interprofessionelle Kommunikation und Zusammenarbeit in der Praxis von Bedeutung sind. «Statt in Vorlesungen werden theoretische Inhalte neu ausschliesslich über E-Learning-Angebote vermittelt», erläutert Brigitta Spiegel-Steinmann. So könne im Unterricht mit Hilfe von Deeper-Learning-Methoden noch verstärkter mit-, von- und übereinander gelernt werden. Dabei sollen die Studierenden beispielsweise voneinander erfahren, wie in den jeweiligen Berufen Erstgespräche geführt werden, Gemeinsamkeiten und Unterschiede diskutieren und Schlussfolgerungen für die interprofessionelle Zusammenarbeit ziehen. «Ein Thema könnte etwa sein, wie verhindert werden kann, dass der Patient von mehreren Gesundheitsfachpersonen genau das Gleiche gefragt wird.» Des Weiteren werden die Studierenden laut Spiegel-Steinmann noch intensiver Fallbeispiele interprofessionell bearbeiten, dabei Empfehlungen gemeinsam ausarbeiten und diese dann der Patientin oder dem Klienten vermitteln. Entwickelt wurden und werden die Module unter Einbezug sämtlicher Bachelorstudiengänge. «Die Zusammenarbeit aller Professionen bei der Modulentwicklung ermöglicht es, interprofessionelle Zusammenarbeit unter den Lehrpersonen selber zu erfahren. Also genau das, was wir den Studierenden vermitteln wollen», sagt Brigitta Spiegel-Steinmann. Das Finden einer gemeinsamen Sprache habe sich auch hier – wie in der Praxis – als Herausforderung erwiesen. Als Folge wurde ein Leitfaden zur einheitlichen Verwendung der wichtigsten Begriffe erstellt.

In verschiedenen Rollen kommunizieren

Zusätzlich zu den interprofessionellen Modulen werden in den meisten Studiengängen zusätzliche, berufsspezifische Kommunikationsskills vermittelt. So entwickeln Pflegestudierende die erworbenen Kommunikationskompetenzen bezogen auf pflegerelevante Situationen weiter, wie Sara Häusermann, Leiterin Entwicklung und Pädagogik des Bachelors Pflege, sagt. Dies geschieht im Verlauf des Studiums in unterschiedlichen Modulen. Im Modul «Psychiatrie» lernen die Studierenden beispielsweise, in schwierigen Situa tionen in der Arbeit mit psychisch kranken Menschen zu kommunizieren: etwa bei Depressionen, Suizidalität oder verbaler Aggression. Im Modul «Pflegemanagement» werden unter anderem Peer-Feedback, Verhandlungstechniken und Gespräche über Fehler thematisiert. In Modulen wie «Kind, Jugendliche, Frau, Familie» oder «Pflege des alten Menschen» wiederum lernen die Studierenden die kommunikativen Herausforderungen im Umgang mit spezifischen Zielgruppen kennen. «Neben theoretischen Inputs im Plenum und Besprechungen in Kleingruppen kommen dabei praktische Übungssequenzen zum Einsatz», sagt Sara Häusermann. Im Bachelor Ergotherapie erweitern die Studierenden ihre Kommunikationsfähigkeiten im Hinblick auf verschiedene Settings in der Berufspraxis. «Je nach Setting nehmen Ergotherapeutinnen eine bestimmte Rolle ein – wobei sie auch unterschiedlich kommunizieren müssen», sagt Josef Adam, Mitglied des Leitungsteams. Dies könne etwa die Rolle einer Coachin, einer Koordinatorin oder einer Beraterin sein. Die Rollen werden in verschiedenen, praxisnahen Gefässen geübt. Dazu gehört das Skills-Labor mit Schauspielerinnen, echten Klienten und Rollenspielen. Aber auch Gruppensettings, in denen die Studierenden selbstständig ein Problem lösen müssen, kommen zum Einsatz. «In diesen Settings lernen die Studierenden zum Beispiel, ihre Meinung zu vertreten oder eine konstruktive Rückmeldung zu geben», erläutert Adam. Des Weiteren lernen die angehenden Ergotherapeutinnen und -therapeuten im Rahmen einer Projektarbeit, ergotherapeutische Angebote bei Organisationen oder Unternehmen bekannter zu machen. «Dies erfordert eine adressatengerechte Kommunikation, damit die Botschaften bei verschiedenen Zielgruppen wie Entscheidungsträgern, Sponsoren oder Klienten ankommen», sagt Adam.

Umgang mit kulturellen Besonderheiten

Im Bachelor Hebamme ist Kommunikation in jedem Modul ein zentrales Element, wie Katrin Oberndörfer sagt. Besonderes Gewicht in der Ausbildung habe das Beratungsgespräch, so die Verantwortliche für das Modul «Ethik und Beratung». In diesem verinnerlichen und üben die angehenden Hebammen im dritten Semester die klientenzentrierte und lösungsorientierte Beratung. «Die Studentinnen sollen ihre Klientinnen zu einer partizipativen Entscheidungsfindung befähigen respektive für eine Verhaltensänderung motivieren», so Oberndörfer. Zu den Kompetenzen, die sie dafür erwerben, gehören unter anderem die Fähigkeit zum Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung, eine situativ angemessene und verständliche Sprache sowie methodisch-didaktische Hilfsmittel zur Vermittlung von Informationen. «Wichtig ist auch die transkulturelle Kompetenz. Die Studentinnen lernen, mit sprachlichen Barrieren und kulturellen Besonderheiten umzugehen.» Im sechsten Semester wenden die angehenden Hebammen die Theorie dann auf komplexe Situationen an. In Kleingruppen werden Beratungssituationen geübt – beispielsweise in Rollenspielen oder mit Simulationsklientinnen. «Die Studentinnen werden mit herausfordernden Fällen konfrontiert», sagt Oberndörfer. Dies könne etwa der Fall einer Frau sein, die sehr gerne im Geburtshaus gebären möchte, bei der aber diverse Risiken bestehen, die das in Frage stellen. «Solche Situationen bergen Konfliktpotenzial und erfordern deshalb gute kommunikative Fähigkeiten.» //

«Vitamin G», Seite 13-15


DEN BERUF IN DER ÖFFENTLICHKEIT VERTRETEN

Auch in den Masterstudiengängen am Departement Gesundheit ist die Kommunikation fester Bestandteil der Ausbildung. So belegen beispielsweise Masterstudierende der Studiengänge Hebamme, Physiotherapie und Pflege gemeinsam das Modul «Kommunikation und Koordination», in dem sie sich die Kompetenzen für eine erweiterte Berufsrolle (Advanced Practice) aneignen. Dabei lernen sie, sowohl intern als auch gegen aussen angemessen zu kommunizieren. Für die externe Kommunikation werden ihnen unter anderem Kompetenzen in der Medienarbeit, in Rhetorik und für öffentliche Auftritte vermittelt. «Die Studierenden lernen, so zu kommunizieren, dass sie in der Öffentlichkeit Gehör finden», sagt André Fringer, CoLeiter des MSc Pflege und Verantwortlicher für den interprofessionellen Unterricht auf Masterstufe. Auch die Kommunikation mit der Öffentlichkeit bei Krisen und Konflikten werde thematisiert. Für die interne Kommunikation lernen die Studierenden laut Fringer beispielsweise, wie mit kommunikativen Mitteln ein Kulturwandel innerhalb einer Organisation unterstützt werden kann. Weitere Themen sind die Teamführung und entsprechende Instrumente wie Coaching, Mentoring oder Supervision sowie der Umgang mit Macht und Gewalt und deren Niederschlag in der Sprache. Für Health Professionals, die ihre Kom­munikationskompetenzen gezielt erweitern und vertiefen wollen, bietet das Departement Gesundheit ausserdem verschiedene Weiterbildungen an. So gibt es beispielsweise den Kurs «Coaching», in dem die Teilnehmenden lernen, ein strukturiertes Coaching-Gespräch zu führen, zu überprüfen und zu evaluieren. Der Kurs «Erfolgreich kommunizieren als Health Professionals» richtet sich an Ergo- und Physiotherapeuten sowie Pflegefachpersonen, die wirkungsvoll und glaubwürdig auftreten, ihre Sichtweisen adressatengerecht kommunizieren und überzeugend argumentieren wollen. Für Hebammen gibt es unter anderen das Current Clinical Topic «Gesprächsführung in schwierigen Situationen». Für solche Situationen werden entsprechende Gesprächsstrategien aufgezeigt. Zudem reflektieren Teilnehmerinnen ihr kommunikatives Verhalten und lernen, Konflikte zu benennen und diese lösungsorientiert anzugehen.


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