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EINE FRAGE DER HALTUNG

Junge überdurchschnittlich begabte und engagierte Menschen fördern – dieses Ziel hat die Schweizerische Studienstiftung. Unter den Geförderten ist auch die 21-jährige ZHAW-Studentin Vera Maria Probst, eine angehende Hebamme mit vielen Träumen und grossen Zielen.

VON KATHARINA FLIEGER

Lebhaft, ehrgeizig, vor Ideen sprudelnd: Die in Rotkreuz aufgewachsene Hebammenstudierende Vera Maria Probst fällt auf. Sie studiert im vierten Semester des Bachelorstudiums an der ZHAW und arbeitet derzeit als Praktikantin auf der Gebärabteilung des Paracelsus-Spitals Richterswil. Die Energie der jungen Studentin scheint unerschöpflich zu sein. Seit Kurzem spielt sie in der Freizeit Eishockey und erfüllte sich damit einen Kindheitstraum. Was sie macht, will sie gut machen, egal ob beim Sport, im Studium oder im Beruf. Ihren Interessen sind kaum Grenzen gesetzt, ihr Blick ist stets auf grössere Zusammenhänge gerichtet. Damit passt sie perfekt ins Profil der Schweizerischen Studienstiftung, die es besonders begabten Studierenden mit ihrem Angebot ermöglicht, ihren Horizont zu erweitern. Unterstützt werden keine Fachidioten, sondern wissensdurstige, junge Menschen. Emmanuel Baierlé, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Studienstiftung, betont: «Interessierte müssen nicht nur überdurchschnittlich gut in ihrem Fach sein, sondern auch offen, begeisterungsfähig und gesellschaftlich engagiert.»

Von Rhetorik bis Teilchenphysik
Doch wie lässt sich derartiges Engagement und grenzübergreifendes Denken fördern? Die Studienstiftung gibt jungen Menschen das Rüstzeug für eine positive Entwicklung mit. In interdisziplinären Workshops, Lesegruppen, Seminaren und auf Studienreisen werden vielfältige Inhalte vermittelt. Von Statistik, Rhetorik und philosophischen Gedankenexperimenten über Big Data bis Teilchenphysik findet sich alles im Angebot. Je breiter die Interessen einer Person, desto mehr vermag diese von den Inputs zu profitieren.

Die Hürde, um in den Genuss dieser Förderangebote zu kommen, ist hoch – doch Vera Maria Probst hat sie mit Bravour gemeistert. Die Tochter einer Kindergärtnerin und eines Eishockeyspielers musste ein Dossier mit Notennachweis, Empfehlungsschreiben und einem Essay einreichen, den sie zum vorgegebenen Thema «Wahrheit in der Wissenschaft» verfasste. Darin kritisierte sie ökonomische Kriterien, die heute immer stärker die Interessen der Forschung diktieren würden. Daraufhin wurde sie zu einem eintägigem Auswahlseminar eingeladen, an dem sie in Einzelgesprächen, Gruppenarbeiten und einem Vortrag ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen musste. Beurteilt wurden gemäss Baierlé Exzellenz und persönliche Reife. Rund die Hälfte der Bewerber und Bewerberinnen wird aufgenommen.

Gebärsaal statt ETH-Labor
In den ersten Schuljahren in der Steinerschule genoss Probst viele Freiheiten und wurde in ihrer Selbständigkeit und Kreativität gefördert. Der Übertritt in die Regelschule und später ins Gymnasium gelang ihr ohne Mühe. Ihre schulischen Leistungen lagen stets über dem Durchschnitt. Doch sie blieb bescheiden. Bis heute stellt sie ihre Person nicht in den Vordergrund. Die für das Förderprogramm verlangten Referenzen erhielt die angehende Hebamme problemlos – obschon ihr Umfeld von dem Berufswunsch anfänglich überrascht war. Denn lange schien für Vera Maria Probst ein anderer Weg vorbestimmt zu sein. «Eigentlich wollte ich an der ETH Umweltnaturwissenschaften studieren.» Doch nun begleitet sie werdende Eltern beim Geburtsprozess, statt im Labor zu forschen. «Nach einem Gespräch mit einer erfahrenen Hebamme fragte mich mein Vater überraschend, ob ich nicht Hebamme werden wolle. Nach anfänglicher Irritation begeisterte mich dieser Gedanke immer mehr. So folgte ich meinem Herzen und schrieb mich an der ZHAW ein. Ein Entscheid, den ich bis heute nie bereut habe.»

In der Minderheit
Noch ist Probst als Hebamme und Praktikerin in der Minderheit unter den Kollegen und Kolleginnen, von denen die meisten geistes- oder naturwissenschaftliche Fächer an Universitäten studieren. Doch wie Emmanuel Baierlé betont, will die Studienstiftung verstärkt auch an Fachhochschulen präsent sein. Relevant sei nicht, ob jemand in einem praktischen Beruf oder in der Forschung arbeitet. «Alle bringen ihren eigenen Hintergrund und ihre Person mit ein und bereichern damit den Austausch.» Diese Ansicht teilt Vera Maria Probst: «Es geht nicht nur darum, zu konsumieren und zu profitieren. Sondern auch darum, etwas beizutragen.»

Als einzige Hebamme in der Schweizerischen Studienstiftung fällt Vera Maria Probst auf.

Nennt Probst ihren Beruf, reagieren ihre Gegenüber oft überrascht. «Als einzige Hebamme falle ich auf, doch stösst meine Tätigkeit durchaus auf Interesse. So kommt man rasch ins Gespräch, vor allem mit Menschen, die im medizinischen Bereich arbeiten.» Da kommt es schon mal vor, dass in der gemeinsamen Mittagspause Fragen zu Themen wie Pränataldiagnostik, Kaiserschnitt oder Strategien zur Schmerzbewältigung diskutiert werden. «Wir tauschen uns aus und erhalten Einblick in andere Haltungen und Zugänge. Es ist wichtig, zu verstehen, wie andere denken. So entwickelt man gegenseitiges Verständnis und kann bewusster argumentieren.» Damit geschieht genau das, worauf bei der Studienstiftung – nebst der Förderung von Persönlichkeiten – Wert gelegt wird: «Wir unterstützen Entscheidungsträger von morgen. Dabei ist zentral, dass diese in gewichtigen Fragen für breite Themenzugänge sensibilisiert sind», so Baierlé.

Das Wohl der Frau im Blick
Und was soll nach dieser Förderung, nach dem Studium folgen? Vera Maria Probst zeigt sich offen, möchte Erfahrungen sammeln. «Träume hab ich viele. So viele, dass ich kaum weiss, wie sie in nur einem Leben zu verwirklichen wären.» Sie kann sich vorstellen, ein Geburtshaus zu gründen. Einsätze für Ärzte ohne Grenzen möchte sie leisten, dozieren oder in die Forschung gehen. «Es gibt viel zu tun!» Probst möchte sich interprofessionell einbringen. Immer mit im Blick: das Wohl der Frau. Erfüllung im Beruf ist für sie keine Frage der Anstellung, sondern der Haltung: «Wichtig ist nicht, was ich mache, sondern wie.» In den Mittelpunkt stellt sie dabei stets die Frage nach dem Allgemeinwohl: «Wie kann ich als Hebamme am meisten bewirken? Wo braucht es mich am meisten?» //


SCHWEIZERISCHE STUDIENSTIFTUNG
1991 wurde aus einer privaten Initiative der drei Naturwissenschaftler Anton Schärli, Elisabeth Stumm und Eric Kubli die Schweizerische Studienstiftung gegründet. Mit der Förderung talentierter Studierender möchte sie einen Beitrag zur Lösung komplexer und globaler Herausforderungen leisten. Finanziert wird sie durch projektbezogene Beiträge von Universitäten und Hochschulen, von anderen Stiftungen, vom Bund sowie von Unternehmen und Privaten.


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