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DIE AUFKLÄRERIN

Aus der Sommer-Serie «Know-How in die Welt hinaustragen»: Mit einfachen Übungen lässt sich Inkontinenz bei Frauen meist verhindern. Wie das geht, zeigt die ZHAW-Dozentin Barbara Köhler kambodschanischen Hebammen und Pflegefachfrauen.

VON ANDREA SÖLDI

Der Beckenboden ist Barbara Köhlers Spezialthema. Am Departement Gesundheit unterrichtet die Physiotherapie-Professorin angehende Pflegefachpersonen und Physiotherapeuten auf diesem Gebiet. Denn besonders im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt ist Beckenbodentraining wichtig. «Mit gezieltem Anspannen der Muskulatur können Frauen Inkontinenz nach der Geburt häufig vermeiden», sagt die ZHAW-Dozentin, die das Beckenbodenzentrum am Stadtspital Triemli mitaufgebaut hat und im April dieses Jahres eine eigene Praxis für Beckenbodengesundheit in Zürich eröffnete.

Die Übungen sind in der Schweiz wichtiger Bestandteil der Geburtsvorbereitung und der Rückbildung. In Kambodscha dagegen gibt es solche Kurse nicht. Inkontinenz ist deshalb ein häufiges Problem. Besonders auf dem Land, weil dort die meisten Frauen zu Hause gebären. Dabei komme es regelmässig zu Verletzungen wie etwa einem Dammriss, weiss Köhler. Ein Drama für die Betroffenen, sagt die 58-Jährige: «Wenn Frauen Urin verlieren, werden sie oft aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen.»

Ursprünglich reiste Köhler nach Kambodscha, um eine Freundin zu besuchen, die im Süden des Landes ein kleines Spital leitet. «Doch irgendwann hatte ich genügend Tempel gesehen und wollte mich nützlich machen», erzählt sie. In den letzten 15 Jahren bot sie fast jeden Winter eine Weiterbildung für kambodschanische Hebammen und Pflegefachfrauen an. Auf den Fotos, die dabei entstanden, sind junge Frauen in türkisfarbenen Blusen zu sehen, die aufmerksam zuhören. Schüchtern lächelnd tasten sie das plastische Modell eines weiblichen Beckens ab, das Köhler ihnen mitgebracht hat. Solch explizite Darstellungen des Intimbereichs ist man in dieser Kultur nicht gewohnt. Eine Herausforderung für die Dozentin aus der Schweiz: «Ich merkte jeweils am Kichern, wenn ich eine Hemmschwelle überschritten hatte.»

Ursprünglich arbeitete sie mit denselben Unterlagen wie in Winterthur und übersetzte sie einfach ins Englische. Unterdessen hat sie die Skripte überarbeitet. Die anatomischen Darstellungen sind nun abstrakter: die Muskeln zum Beispiel blau eingefärbt, die Geschlechtsorgane nicht mehr sichtbar. Auch Übungen mit Kolleginnen, bei denen man sich berühren muss, sind den Kambodschanerinnen fremd. Mit Unterstützung ihrer Übersetzerin lernte Köhler allmählich, sie behutsam daran heranzuführen. Zudem vereinfachte sie ihre Botschaften und verzichtet nun darauf, Forschungslücken zu erwähnen. Dies habe die Asiatinnen nur verwirrt, hat sie erkannt.

Als Hilfe für ihre Schülerinnen in Kambodscha hat Köhler Merkblätter entworfen, die diese ihren Patientinnen abgeben können. Darauf werden die Übungen anhand von Bildern erklärt. Das Anspannen und Lösen der Beckenbodenmuskeln sei eigentlich eine relativ einfache Sache, wenn man es einmal gelernt habe, erklärt die Expertin. Man könne sie unbemerkt während der meisten Tätigkeiten ausführen: beim Busfahren, Fernsehen oder Anstehen vor einer Kasse. Oder auf asiatische Verhältnisse übertragen: während man an der Feuerstelle oder hinter einem Marktstand kauert. Besonders wichtig sei ein starker Beckenboden für Frauen, die schwere Lasten tragen oder lange gebückt in Reisfeldern arbeiten, sagt Barbara Köhler. Sie hofft nun, dass die kambodschanischen Hebammen und Pflegenden das Gelernte bis in die entlegenen Dörfer tragen und es den Frauen dort weitergeben. //

«Vitamin G», Seite 20


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