Zum Inhalt springen

DAMIT ALLE KINDER ZUGANG ZUM SPIELEN HABEN

Spielen ist ein Grundbedürfnis, doch nicht alle Kinder haben die Möglichkeit, sich im öffentlichen Raum auszutoben und erste soziale Kontakte zu knüpfen. Ines Wenger und Thomas Morgenthaler sind zwei von acht Doktorierenden, die im Rahmen des europäischen Doktoratprogramms P4Play am Institut für Ergotherapie zum Spiel von Kindern forschen.

VON MARION LOHER

Ob drinnen oder draussen, mit Bauklötzen oder beim «Fangis», allein oder mit anderen: Spielen ist für Kinder und ihre Entwicklung elementar. Insbesondere das freie Spiel, jenes also, bei dem die Erwachsenen nicht mitbestimmen, wird als zentrale Beschäftigung im Alltag eines Kindes verstanden. Dabei können die Kinder ihren Bewegungsdrang ausleben und verschiedene Fähigkeiten wie Geschicklichkeit, Kraft und Koordination erproben. Gleichzeitig werden in der Interaktion mit anderen Kindern wichtige soziale Kompetenzen erworben: Sie lernen zu teilen, zu streiten und sich wieder zu versöhnen. Die Sinneseindrücke und Erlebnisse, die durch das Spielen entstehen, fördern die Entwicklung des kindlichen Gehirns. Spielen ist ein Grundbedürfnis, die UN Kinderrechtskonvention hält deshalb in ihrem Regelwerk das Recht des Kindes auf Spiel und altersgerechte Freizeitbeschäftigung fest.

Trotzdem haben nicht alle Kinder die Möglichkeit, zu spielen. Zum einen, weil ihnen aufgrund einer körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung oder wegen ihrer Herkunft oder ihres Geschlechts der Zugang zum Spiel erschwert ist, und zum andern, weil es im öffentlichen Raum an geeigneten Plätzen fehlt oder diese nicht genutzt werden können. Dazu kommt, dass der Ruf des kindlichen Spiels in den vergangenen Jahren gelitten hat. Von vielen Erziehungsberechtigten wird es vielmehr als banaler Zeitvertreib gesehen und weniger als pädagogisch wertvolle Frühförderung. Damit sich dies ändert, muss in der Gesellschaft das Verständnis für das Spiel verbessert werden: Man muss wissen, was genau es ist und welche Faktoren es unterschützen oder einschränken können.

Wissen generieren, Barrieren abbauen

Hier leistet das transeuropäische Doktoratsprogramm P4Play, das als Marie-Skłodowska-Curie-Massnahme von der EU finanziert wird (siehe Zweittext nächste Seite), einen wichtigen Beitrag. Beteiligt an diesem Forschungsprogramm ist ein Konsortium aus Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten von vier verschiedenen Universitäten und Hochschulen. Eine davon ist die ZHAW mit ihrem Institut für Ergotherapie. Daneben arbeiten fünfzehn Partnerorganisationen mit – unter anderen NGOs und öffentliche Institutionen. Das übergeordnete Ziel der Forscherinnen und Forschern ist es, neues Wissen über das kindliche Spiel und die Konsequenzen mangelnder Spielmöglichkeiten zu generieren. Daraus sollen kreative und innovative Lösungen entwickelt und Barrieren abgebaut werden, damit alle Kinder ihr Recht auf Spiel ausleben können.

Das kindliche Spiel fördern

Christina Schulze, Professorin am Institut für Ergotherapie, hat das P4Play-Programm mitentwickelt und gemeinsam mit den Institutspartnerinnen und -partnern in Irland, Schweden und Schottland acht Doktoratsstellen für Nachwuchsforschende geschaffen. Die acht Studierenden sind an den vier Universitäten und Hochschulen angestellt und widmen sich mit ihren Projekten der Untersuchung und Förderung des kindlichen Spiels. Jeweils zwei Studierende forschen während rund 36 Monaten in einem der vier Bereiche People, Place, Policy und Practice, mit denen sich das P4Play-Programm befasst. Dabei müssen die Doktorierenden an zwei
Universitäten oder Hochschulen jeweils mindestens ein Jahr sowie rund vier Monate bei einer Partnerinstitution verbringen. Christina Schulze betreut als Supervisorin die Doktorierenden, die an der ZHAW arbeiten. Innerhalb von People, Place, Policy und Practice werden Aspekte wie die Spielcharakteristiken armutsbetroffener Kinder, das Spiel von Kindern mit Migrationshintergrund im schulischen Umfeld, die Auswirkungen der Genderdebatte oder die Nutzung von Spielplätzen aus Sicht von Kindern mit Beeinträchtigung untersucht. Das Programm ist im März 2021 gestartet und wird voraussichtlich bis 2024 dauern. Die Idee für das P4Play-Programm ist aus einem früheren Projekt, dem «Play for Children with Disabilities» heraus entstanden, bei dem bereits einige Ergotherapeutinnen und -therapeuten aus dem europäischen Konsortium mitgearbeitet haben. «Schon damals haben wir uns mit dem Thema Kind, Spiel und möglichen Barrieren für Kinder mit Beeinträchtigung auseinandergesetzt und realisiert, dass das Gebiet sehr fragmentiert ist und die verschiedenen Disziplinen, die es betrifft, nicht wirklich gut zusammenarbeiten», sagt Christina Schulze.

Daraufhin beantragten die Forschenden die Unterstützung durch die Marie-Skłodowska- Curie-Massnahmen, damit ein entsprechendes Doktorat aufgebaut werden kann. P4Play ist demnach nicht nur ein Forschungs-, sondern auch ein Bildungsprogramm. «Die individuellen Forschungsprojekte zum Thema Spiel sind nur ein Teil des Doktorats. Für die Studierenden geht es auch darum, sich in der Betätigungswissenschaft, der sogenannten Occupational Science, weiterzuentwickeln», so die Professorin. Grundsätzlich soll ein nachhaltiges Programm erarbeitet werden, das Doktorierende dazu bringt, innovative Forschung und Praxis in der Ergotherapie voranzutreiben.

Recht auf Spiel wahrnehmen

Ines Wenger und Thomas Morgenthaler sind zwei der acht Doktorierenden, die am P4Play-Programm teilnehmen. Beide haben in ihrem Beruf als Ergotherapeutin respektive Ergotherapeut während mehreren Jahren mit Kindern gearbeitet. Und beiden ist es ein grosses Anliegen, dass alle Kinder ihr Recht auf Spiel wahrnehmen können. Morgenthaler hat vergangenes Jahr den Europäischen Master of Science in Ergotherapie abgeschlossen. In seinem P4Play-Projekt geht es um die Evaluation des Spiels von Kindern auf öffentlichen Spielplätzen. «Mich beschäftigt vor allem die Frage, was ein Spielplatz bieten muss, damit er für die Kinder einen hohen Spielwert hat», sagt der Doktorand.

Um diese Frage beantworten zu können, will Morgenthaler ein praktikables und valides Messinstrument entwickeln. Hierfür untersucht er zunächst bereits bestehende Instrumente und eruiert in einer systematischen Literaturrecherche Faktoren der Umwelt, die sich auf den Spielwert öffentlicher Spielplätze beziehen. Der Fokus liegt dabei auf Kindern mit Beeinträchtigung. Thomas Morgenthaler durchforstet aber nicht nur die Literatur, sondern geht auch selbst in die Praxis hinaus. «Ich möchte mir vor Ort ein Bild von den Spielplätzen machen», sagt er. Die Erkenntnisse aus dem ersten Teil seiner Untersuchung dienen als Basis für ein Pilot-Assessment, das seine Arbeit schliesslich komplettiert. Bei den hierfür benötigten Daten wird ihn seine Partnerinstitution, eine niederländische Non-Profit-Organisation, unterstützen.

Soziale Barrieren als grosses Hindernis

Um inklusive Spielplätze geht es auch in Ines Wengers P4Play-Projekt. Die Absolventin des Europäischen Masters of Science in Ergotherapie untersucht die Gestaltung von Spielplätzen (Universal Design) und deren Einfluss auf Spielwert und Inklusion. Wenger beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit diesem Thema. Bereits in einer früheren Studie hat sie zu den Erfahrungen von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung auf hindernisfreien Spielplätzen in der Schweiz geforscht. Eine wichtige Erkenntnis daraus ist für sie: «Die soziale Barriere ist ein grosses Hindernis für Kinder mit Beeinträchtigung.» In einer weiteren Studie hat die Doktorandin Personen befragt, welche die Spielplätze bauen, und auch jene, die täglich mit Kindern mit Beeinträchtigung zu
tun haben. Im aktuellen Forschungsprojekt nutzt Ines Wenger einmal mehr partizipative Methoden, um herauszufinden, welche Faktoren positiv und welche hinderlich sind für Kinder mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen. Die Erkenntnisse werden mit Best-Practice-Modellen aus Schweden, Irland und der Schweiz illustriert und in einem «Good Practice»-Leitfaden zusammengefasst.

«Alle Kinder, egal ob mit oder ohne Beeinträchtigung, sollten Zugang zum Spiel haben», sagt sie. «Doch das ist heute leider nicht der Fall.» Ines Wenger und Thomas Morgenthaler wünschen sich, dass die Richtlinien und Messinstrumente, die sie in ihren Forschungsprojekten erarbeiten, künftig bei der Gestaltung und Nutzung von öffentlichen Spielplätzen berücksichtigt werden. Ihre Supervisorin Christina Schulze sagt: «Das freie Spiel ist die wichtigste Beschäftigung im frühkindlichen Alter. Da dürfen keine Unterschiede zwischen den Kindern gemacht werden.» //


Talente entwickeln, forschung vorantreiben

Die Marie-Skłodowska-Curie-Massnahmen (engl.: Marie Skłodowska-Curie Actions, MSCA) sind das Referenzprogramm der Europäischen Union für die Ausbildung von Doktoranden und Postdoktoranden. Damit will die EU die internationale und sektorübergreifende Karriere von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern fördern. Gleichzeitig soll der Forschungsstandort Europa interessanter gestaltet und ein starker Pool von europäischen Forschenden geschaffen werden. Die Massnahmen sind Teil des europäischen Rahmenprogramms für Forschung und Innovation. Benannt wurden sie nach der zweifachen Nobelpreisträgerin Marie Skłodowska Curie.

Bei den MSCA gibt es keine vorgegebenen wissenschaftlichen Disziplinen oder Gebiete. Die Forschenden sind bei der Antragstellung frei in der Wahl ihres Forschungsthemas. Die Massnahmen lassen sich in fünf Bereiche unterteilen. Jeder der Bereiche adressiert unterschiedliche Aspekte innerhalb der Gesamtzielsetzung:

  • Ausbildung von Doktorandinnen und Doktoranden
    (MSCA Doctoral Networks)
  • Individualförderung von Postdocs
    (MSCA Postdoctoral Fellowships)
  • Kofinanzierung für Mobilitätsprogramme (MSCA Cofund)
  • Personalaustausch (MSCA Staff Exchanges)
  • Europäische Nacht der Wissenschaften (MSCA and Citizens)

Nebst dieser Gliederung wird auch zwischen institutionellen und individuellen Massnahmen unterschieden, je nachdem also, ob der Antrag durch eine respektive mehrere Einrichtungen oder durch individuelle Forschende in Kooperation mit der Gasteinrichtung gestellt wird. Die Zielgruppen der MSCA sind Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und andere sozioökonomische Akteure mit ihren Nachwuchsforscherinnen und -forschern, Doktoranden, aber auch erfahrenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie dem Personal aus Technik und Management.

Vitamin G, S. 23-25


WEITERE INFORMATIONEN


Magazin «Vitamin G – für Health Professionals mit Weitblick»

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.