Damals

Der Grundstein für das heutige Departement Gesundheit der ZHAW wurde 2004 mit dem Entscheid der Gesundheitsdirektorenkonferenz gelegt: Gesundheitsberufe werden künftig an Fachhochschulen angesiedelt. Zwei Jahre später werden Studierende in Winterthur in den Gesundheitsberufen Physiotherapie, Ergotherapie und Pflege ausgebildet.
Noch heute arbeitet ein Dutzend der damaligen Wegbereiter:innen am «G», wie das Departement intern genannt wird. Sie erinnern sich an Momente, die sie nie vergessen werden. Es waren Zeiten, in denen viel Kreativität und Pioniergeist gefragt war. Diese Erfahrungen haben sie zu einem Team zusammengeschweisst, das bis heute Bestand hat.


Von Wegbereitern und Pionierinnen

Sie waren von Beginn weg an Bord und haben das Departement Gesundheit mit aufgebaut: Fünf Mitarbeitende erinnern sich an die intensive Anfangszeit, die von grossen Freiheiten, viel Arbeit und hitzigen Diskussionen geprägt war.

von Tobias Hänni

Sommer 2006: Im Radio singt Shakira von ihren Hüften, die nicht lügen, in Deutschland ist die Fussball-WM in vollem Gange – und in Winterthur, da laufen die Vorbereitungen am neuen Departement Gesundheit der ZHAW, damals noch ZHW, auf Hochtouren. Es sind nur noch wenige Wochen bis zum Start des Herbstsemesters, ab dem an der Hochschule erstmals die Gesundheitsberufe Physiotherapie, Ergotherapie und Pflege ausgebildet werden. Die Grundlage dafür wurde 2004 durch die Gesundheitsdirektorenkonferenz mit dem Entscheid gelegt, die Gesundheitsberufe an den Fachhochschulen anzusiedeln. Das Tempo, mit dem das Departement Gesundheit in den Monaten nach seiner Gründung Anfang 2006 auf- und ausgebaut wird, ist hoch – und das bleibt es auch die kommenden Jahre: Ab 2008 bietet das Departement den Bachelor Hebamme an – im gleichen Jahr erfolgt der Umzug von verschiedenen Standorten in Winterthur in die «Eulachpassage». 2010 starten die Masterstudiengänge in Ergotherapie, Pflege und Physiotherapie, parallel zur Lehre werden erste Weiterbildungsangebote lanciert und Forschungsabteilungen aufgebaut.
Der Blick zurück zeigt: Das Departement Gesundheit entwickelte sich innert weniger Jahre zu einer respektierten und anerkannten Institution – sah sich in der Anfangszeit aber auch mit Kritik und Missmut konfrontiert. Andere Departemente der Fachhochschule witterten in der Akademisierung der Gesundheitsberufe ein Reputationsrisiko, die Vorgängerschulen fühlten sich zum Teil übergangen, in der Praxis gab es Skepsis, ob die «Gstudierten» im Berufsalltag bestehen würden.
Rund ein Dutzend aktuelle Mitarbeitende des Departements Gesundheit hat diese dynamische und turbulente Anfangszeit miterlebt. Auf den folgenden Seiten teilen fünf von ihnen ihre Erinnerungen daran.

Bildlegende von links oben nach rechts unten:
Blick in ein Büro an der Bankstrasse, 2006. / An der Eröffnungsfeier 2006 stimmt sich der ZHAW-Chor ein. / Schlüsselübergabe zum Neubau an der Eulachpassage, 2008. / Geburtstag: Fünf Jahre Departement Gesundheit. / Der lauschige Innenhof der Eulachpassage. / Das Wetter spielte mit am Tag der offenen Tür, 2021.

Cécile Ledergerber, Leiterin Bachelor Physiotherapie
«Diesen Moment werde ich nie vergessen»

Der Tag, an dem ihre Kollegin ihr von ihrer Schwangerschaft erzählte, ist Cécile Ledergerber noch lebhaft in Erinnerung. Erst zwei Monate davor, im Mai 2006, hatten die beiden am neu gegründeten Departement Gesundheit gemeinsam mit der Curriculumsentwicklung für den Bachelorstudiengang Physiotherapie losgelegt. «Diesen Moment werde ich nie vergessen», sagt die Leiterin des Bachelors Physiotherapie. Denn während der Mutterschaftsabwesenheit der Kollegin war die damals 35-Jährige allein in der Verantwortung, den Studienplan zu realisieren. Gleichzeitig befand sie sich mitten im Schlussspurt des Lizenziats in Erziehungswissenschaften an der Uni Zürich, das sie fünf Jahre zuvor neben ihrer Arbeit als Physiotherapeutin begonnen hatte. «Es war eine intensive Zeit. Rückblickend kann ich nicht mehr genau sagen, wie ich sie gemeistert habe.» Die Anfangszeit sei sehr spannend und energiegeladen gewesen, geprägt von einem Pioniergeist, erzählt Cécile Ledergerber. «Wir mussten den Studiengang für den ersten Jahrgang rollend planen und umsetzen. Das hat für einen unglaublichen Flow im Team gesorgt.»


Monika Schmid, Leiterin Support, Services und Projekte
«Wir konnten unsere Kreativität ausleben»

Monika Schmid legt leidenschaftlich gerne Puzzles. Es verwundert darum nicht, dass sie mit einem Lächeln an die Anfangszeit des Departements zurückdenkt. Denn als Sekretärin am Institut für Ergotherapie arbeitete sie damals an einem ganz grossen Puzzle mit. «Wir mussten viele Teile zu einem Ganzen zusammenfügen, Probleme von verschiedenen Seiten betrachten und kreative Lösungen finden», erinnert sich die heutige Leiterin Services, Support und Projekte des Departements. Am Institut für Ergotherapie und ab 2008 am Institut für Hebammen arbeitete sie an Pensenplänen oder Bewirtschaftungskonzepten für Praktikumsplätze und war als ausgebildete Hebamme auch in ein Projekt der Hebammenforschung involviert. Dazu kamen viele kleinere Aufgaben. So musste Monika Schmid kurz nach Stellenantritt Unterrichtsmaterial organisieren – zwei Wochen vor Semesterbeginn. Sie kaufte das Material kurzerhand im Manor, der sich im gleichen Gebäude wie ihr Arbeitsplatz befand. «Das Material habe ich dann im Handwägeli quer durch Winterthur zu den Unterrichtsräumen transportiert», erzählt sie und lacht. Sie habe dieses «handglismete» Vorgehen genossen. «Wir konnten unsere Kreativität ausleben.»


Stefan Jan, Dozent und Modulverantwortlicher Bachelor Physiotherapie
«Das hat uns zusammengeschweisst»

Die Diskussionen – an diese erinnert sich Stefan Jan, Dozent und Modulverantwortlicher im Bachelor Physiotherapie, noch ganz genau, wenn er an die ersten Wochen am Departement Gesundheit zurückdenkt. «Sie waren heftig, aber fair und konstruktiv.» Das Team, in dem der damals 43-Jährige arbeitete, war dafür zuständig, die Module zum Thema Störungen des Bewegungsapparats zu entwickeln. Dabei seien sehr unterschiedliche Ansichten und Konzepte aufeinandergeprallt, etwa in Bezug auf die manuelle Therapie, so Stefan Jan. «Wir sind aus ganz verschiedenen Richtungen gekommen und mussten Überzeugungen zusammenbringen, zwischen denen in der Physiotherapiewelt lange Zeit kein Konsens gefunden worden ist.» Das Team schaffte es, innerhalb weniger Wochen die Grabenkämpfe zu überwinden und für die Module tragfähige Lösungen zu finden. «Das hat uns stark zusammengeschweisst und eine Basis gelegt, die auch heute noch Bestand hat. Das war schlichtweg genial.»


Daniela Senn, Dozentin und Modulverantwortliche Bachelor Ergotherapie
«Wir hatten nur wenig Vorsprung auf die Studierenden»

Als Daniela Senn im August 2006 ihre Arbeit als Dozierende im Bachelor Ergotherapie aufnahm, waren es nur noch wenige Wochen bis zum Start des allerersten Semesters. «Wir mussten den Studiengang von Null auf aufbauen und hatten dabei nur wenig Vorsprung auf die Studierenden.» Die damals 32-Jährige hatte kurz zuvor als eine der ersten Ergotherapeutinnen in der Schweiz den Europäischen Master in Ergotherapie absolviert – musste sich für ihre neue Tätigkeit in kurzer Zeit aber noch zusätzliches Wissen aneignen. «Die Module sollten sich am Occupational Therapy Practice Framework orientieren, das für die meisten von uns neu war.» Vertraut machen mussten sich Daniela Senn und ihre Kolleg:innen innerhalb weniger Wochen unter anderem auch mit den Vorgaben der ZHW, dem ECTS-System oder den Kriterien einer Ausbildung auf Fachhochschulniveau. «Das war anspruchsvoll, aber auch sehr spannend. Wir hatten innerhalb der Vorgaben der Hochschule einen grossen Gestaltungsspielraum», blickt sie zurück.


Christiane Mentrup, Leiterin Institut für Ergotherapie
«Die Unruhe hat mich überrascht»

Mit dem Gegenwind, der ihr für die nächsten Monate entgegenblasen würde, machte Christiane Mentrup gleich in ihrer ersten Woche als Leiterin des Instituts für Ergotherapie Bekanntschaft. Bei einem Besuch der ehemaligen Ergotherapie-Schule in Biel wurde ihr ziemlich deutlich gesagt, «was ich machen soll und was ich auf keinen Fall machen darf». In Biel sei man sehr gekränkt gewesen, nicht den Standortzuschlag für die Hochschulausbildung erhalten zu haben. Die Akademisierung der Ergotherapie und der anderen Gesundheitsberufe löste auch andernorts Missmut aus: Laut Christiane Mentrup fühlten sich beispielsweise andere Departemente der ZHW mit Blick auf Ressourcen oder Themensetzung bedroht, in der Praxis ging die Angst um, der bisherige Bildungsabschluss würde an Wert verlieren. «Dass die Akademisierung für solche Unruhe sorgte, hat mich überrascht», sagt Christiane Mentrup. Doch trotz der damaligen Widerstände möchte sie die Erfahrung nicht missen, als Teil einer grossen Gruppe die Gesundheitsberufe in der Schweiz auf akademisches Niveau gebracht zu haben. «Das war ein grosses Privileg, für das ich sehr dankbar bin.»


Der Aufbau des Gesundheitsbereichs
Prof. Dr. Urs Brügger, Inhaber und Geschäftsführer von Methodix, und vormals Projektleiter «FH Gesundheit im Kanton Zürich»

Anfang 2003, noch kein halbes Jahr an der Hochschule, wurde ich zum damaligen Rektor der ZHW, Werner Inderbitzin, gerufen. Er sagte zu mir: «Wir müssen einen Gesundheitsbereich aufbauen. Könnten Sie das übernehmen?» So wurde ich Leiter des Projekts «FH Gesundheit im Kanton Zürich». Alle 26 bestehenden Gesundheitsschulen im Kanton wurden geschlossen und die Ausbildungen auf FH- und HF-Niveau aufgeteilt. Zunächst mussten wir dafür kämpfen, welche Studiengänge an die Hochschule kamen. Auch der Standort war nicht festgelegt. Wir konnten jedoch argumentieren, dass Winterthur geeignet dafür ist. Wir unterteilten das Projekt in vier Teilprojekte: Curriculum, Studierende, Angestellte sowie Finanzen und Infrastruktur. Für den Start im Herbst 2006 musste alles von Grund auf in kurzer Zeit aufgebaut werden, inklusive Provisorium an der Stadthausstrasse, da das neue Gebäude an der Technikumstrasse erst zwei Jahre später bezogen werden konnte. Im Frühling 2006 konnte ich meine Aufgaben an den ersten Departementsleiter Pit Meyer übergeben. Bis heute denke ich gerne und mit etwas Stolz an dieses Projekt zurück.//

Vitamin G, S. 6-11


Meilensteine
Intro
Tausende von kleinen Schritten führen zu Meilensteinen. Manchmal über unwegsames Gelände und Umwege, gelegentlich schnurstracks. Wir haben uns auf die Höhepunkte der letzten 20 Jahre konzentriert und diese zusammengestellt. Kommen Sie mit auf die Reise in die Gegenwart des Departements Gesundheit, das auch liebevoll und einfach «G» genannt wird.

2006 – Es geht los!
Im Januar wird das Departement Gesundheit der ZHAW – damals noch ZHW – gegründet. Im Herbst beginnen 217 Bachelorstudierende ihr Studium in Ergotherapie, Pflege und Physiotherapie. Das «G» erhält im Februar den Auftrag, eine Hebammenausbildung anzubieten

2007 – Gesundes Wachstum
Im zweiten Jahr wurde der Aufbau des Departements Gesundheit erfolgreich weitergeführt. Die Zahl der Studierenden in den drei Bachelorstudiengängen Ergotherapie, Physiotherapie und Pflege nahm von 217 auf 469 zu.

2008 – Startschuss für die Hebammen
Im Juli zieht das Departement in die Eulachpassage ein, ein Neubau in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Winterthur. Im Herbst startet der Bachelorstudiengang Hebammen mit 60 Studentinnen. Gleichzeitig wird im Institut der Bereich Forschung und Entwicklung aufgebaut. Die Zahl der Studierenden am «G» erhöht sich auf knapp 800 Personen. In Jahresfrist verdoppelt sich zudem die Zahl der mehrheitlich in Teilzeit arbeitenden Beschäftigten von 70 auf 140 Personen.


Magazin «Vitamin G – für Health Professionals mit Weitblick»


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