Ob bei der Auswertung von Daten, beim Schreiben von Berichten oder beim Lernen: Künstliche Intelligenz verändert das Gesundheitswesen spürbar. Auch an der ZHAW ist sie längst Teil des Alltags. Doch mit den neuen Möglichkeiten wachsen auch die Fragen – etwa danach, wie viel Verantwortung KI übernehmen soll und was künftige Fachpersonen im Umgang mit ihr lernen müssen.
von Jessica Prinz
Künstliche Intelligenz (KI) wirkt im Gesundheitswesen längst an Entscheidungen mit. Was sie dabei tatsächlich verändert, ist jedoch oft unklar. Wird Arbeit wirklich weniger oder verschiebt sie sich nur? Und was bedeutet es für den Berufsalltag, wenn zunehmend Algorithmen mitentscheiden? An der ZHAW wird darüber nicht nur theoretisch diskutiert: In der Lehre wird KI bereits konkret eingesetzt, gleichzeitig
wird intensiv darüber nach gedacht, wo ihre Grenzen liegen, welche Kompetenzen künftig nötig sind – und welche ethischen Fragen sie aufwirft.
Für Katja Geiger, E-Learning-Spezialistin am Institut für Hebammenwissenschaft und reproduktive Gesundheit, ist KI längst Teil des Alltags geworden. «Es gibt kaum noch Aufgaben, die ich ganz ohne KI löse», sagt sie. Gerade in ihrem Arbeitsbereich zeigt sich sehr direkt, wo KI heute bereits entlasten kann: beim Strukturieren von Inhalten, beim Präzisieren von Prüfungsfragen oder beim Erschliessen wissenschaftlicher Literatur. Für Geiger ist aber klar, dass diese Effizienz nur dann ein Gewinn ist, wenn die inhaltliche Kontrolle beim Menschen bleibt. «KI selbst arbeitet nicht – aber sie macht mich bei manchen Prozessen schneller und besser», sagt sie. Der entscheidende Punkt ist für Katja Geiger nicht, ob KI etwas produziert, sondern ob man selbst noch versteht, was man damit tut.
KI agiert im Hintergrund
Diese Problematik beschäftigt nicht nur die Lehre, sondern das Gesundheitswesen insgesamt. KI-gestützte Dokumentationstools können Gespräche mitschneiden, strukturieren und in Berichte übersetzen. In der Diagnostik helfen Systeme bei der Auswertung medizinischer Bilder. Auch in der Patientenüberwachung und der Telemedizin kommen KI-basierte Anwendungen zunehmend zum Einsatz. Vieles passiert im Hintergrund und deshalb oft fast unmerklich. Für die Gesundheitsversorgung zeichnen sich sowohl Möglichkeiten wie Herausforderungen ab. In administrativen Aufgaben etwa kann der Einsatz von KI entlasten, in Entscheidungsprozessen unterstützen. Doch was bedeutet dies hinsichtlich der Verantwortung und neuer Arbeitsweisen?
An diesem Punkt setzt Karin Nordström an. Als Studiengangleiterin des Bachelors Gesundheitsförderung und Prävention und als Ethikerin beschäftigt sie sich weniger mit der Technik selbst als mit ihren Folgen. Ihr Blick richtet sich darauf, was passiert, wenn sich medizinische Entscheidungen zunehmend auf Systeme stützen, die zwar leistungsfähig, aber nicht immer transparent sind. «Das Zwischenmenschliche muss man bewahren», sagt sie. Gerade dort, wo situatives Fingerspitzengefühl und professionelles Bauchgefühl gefragt sei, müsse der Mensch Handlungsspielraum behalten. KI könne vieles sehr gut – aber nicht alles, was in Gesundheitsberufen zählt.
Sprachlich überzeugend, inhaltlich falsch
Am Departement Gesundheit geht es deswegen nicht nur darum, KI zu nutzen. Sondern auch darum, den Umgang mit ihr zu lernen, also deren Ergebnisse einzuordnen. Was ist hilfreich? Wo ist Vorsicht geboten? Und wann ersetzt Bequemlichkeit die eigene Auseinandersetzung mit einem Thema? Nordström sieht Potenzial in der Verwendung von KI als «Sparringpartner» – aber sie entbinde niemanden davon, selbst mitzudenken. Das sei deshalb wichtig, weil viele Systeme sprachlich überzeugen würden, selbst dann, wenn sie inhaltlich falsch lägen.
Hinzu kommt der Umgang mit sensiblen Daten, ein Punkt, der im Gesundheitswesen besonders heikel ist. Medizinische Informationen sind nicht nur persönlich, sondern auch gesellschaftlich relevant. Karin Nordström gibt zu bedenken: Wer hat Zugang zu diesen Daten? Welche Interessen sind damit verbunden? Und wie lässt sich verhindern, dass aus medizinischer Innovation eine Form von Kontrolle oder Abhängigkeit entsteht? Da KI im Gesundheitsbereich auf grosse Datenmengen angewiesen ist, braucht es aus Sicht der Ethikerin klare gesetzliche und institutionelle
Leitplanken.
Wie sich solche Fragen konkret in der Ausbildung niederschlagen, zeigt auch der KI-Tutor «Brian», den die ZHAW in der Lehre einsetzt (siehe Box). Das System begleitet Studierende individuell, stellt Fragen, gibt Hinweise und passt sich ihrem Wissensstand an. Für Katja Geiger liegt darin ein grosser didaktischer Vorteil: «Die Studierenden werden dort abgeholt, wo sie stehen.» Gleichzeitig zeigt sich hier ein Grundproblem: Je individueller das Lernen wird, desto wichtiger wird die Frage, was gemeinsames Wissen künftig überhaupt noch bedeutet. Wenn jede Person anders durch ein Thema geführt wird, braucht es umso mehr Orientierung darüber, welche Kompetenzen zentral bleiben und was man ohne technologische Unterstützung beherrschen muss.
Je selbstverständlicher KI wird, desto weniger geht es nur um Technologie, sondern um Haltung. Was bleibt menschliche Aufgabe? Was darf delegiert werden? Und was muss deshalb neu gelernt werden? Wer Fachpersonen für die Zukunft ausbildet, muss nicht nur mit neuen Werkzeugen arbeiten, sondern auch mit den Unsicherheiten, die diese mitbringen. //
- Prof. Dr. Karin Nordström, Studiengangleitung BSc Gesundheitsförderung und Prävention
- Katja Geiger, eLearning Specialist
KI-Tutor «Brian»
«Brian» ist ein KI-gestützter Lernassistent, der an der ZHAW in der Ausbildung eingesetzt wird. Dozierende können Inhalte hochladen, auf deren Basis das System Fragen generiert oder Lernsequenzen entwickelt. Statt Lösungen direkt vorzugeben, arbeitet «Brian» mit gezielten Rückfragen und passt sich dem individuellen Wissensstand an. Gleichzeitig zeigt das System auf, bei welchen Themen besonders häufig Schwierigkeiten auftreten.
Meilensteine
2023 – Digitale Helfer für Praxis und Lehre
Die Digitalisierung im Gesundheitswesen schreitet rasant voran: Das Departement entwickelt digitale Lernmittel für das klinische Assessment. Pflege- und Hebammenstudierende können diese künftig orts- und zeitunabhängig nutzen.
Forschende der ZHAW und der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK erarbeiten gemeinsam mit einem Praxispartner das Game «ExerUp», das die Physiotherapie bei der Rehabilitation von Kreuzbandrissen ergänzt.
2024 – Gesundheit global und lokal gedacht
Die Masterstudiengänge in Pflege und Hebammenwissenschaft der ZHAW integrieren als erste im deutschsprachigen Raum ein interdisziplinäres Pflichtmodul zu «Global Health». Themen wie Planetare Gesundheit und Nachhaltigkeit werden darin aus unterschiedlichen Perspektiven behandelt und diskutiert. Die curriculare Verankerung dieser Themen stösst national und international auf grosses Interesse.