Da blühen Flüchtlingskinder auf

Durch Kriege, Angst und schlimme Erlebnisse während der Reise sind viele Flüchtlingskinder traumatisiert. In einer Zürcher Schule erhalten sie Unterstützung von Ergotherapeutinnen.

VON ANDREA SÖLDI

Lachend hält Hasan (Name geändert) seinen Slime in die Höhe, zieht die glibbrige Masse auseinander und lässt sie durch die Finger gleiten. Der Viertklässler des Schulhauses Falletsche in Zürich-Leimbach ist stolz auf sein neues Spielzeug, das er selber hergestellt hat. Die Gelegenheit dazu erhielt der Junge im Rahmen eines Projekts für Kinder mit Fluchterfahrung, das Ergotherapeutinnen der ZHAW im Jahr 2019 durchgeführt hatten. Sie wollten herausfinden, ob ergotherapeutische Massnahmen die Partizipation im Unterricht sowie die Lebensqualität dieser Gruppe verbessern können. An den insgesamt neun Interventionen nahmen 15 Kinder der ersten bis vierten Primarklasse teil.

«Viele dieser Mädchen und Jungen sind traumatisiert», sagt Kim Roos, stellvertretende Projektleiterin und Dozentin am Institut für Ergotherapie. «Die Folgen der Kriegs- und Fluchterfahrungen schränken ihre Handlungsfähigkeit ein.» Häufig seien zum Beispiel das Vertrauen in die Mitmenschen sowie das Selbstwertgefühl und die Konzentrationsfähigkeit reduziert. Zudem benötige die Angewöhnung an die neue Kultur viel Energie.

Lernen, sich etwas zu wünschen

Am Anfang der Therapiestunden, die während der regulären Schulzeit stattfanden, stand die Suche nach Ideen. Die Kinder konnten selber wünschen, womit sie sich beschäftigen wollten. Doch schon dies sei für viele schwierig, erklärt Roos: «Kinder mit Fluchterfahrung sind sich kaum gewohnt, selber etwas auszusuchen. Sie mussten sich immer anpassen und ihre Bedürfnisse zurückstellen.» Zudem würden viele aus sogenannten kollektivistischen Kulturen stammen, in denen die Gemeinschaft mehr gilt als das Individuum. Die meisten Familien stammen aus Ländern wie Afghanistan, Syrien, Eritrea oder Somalia. Um die Kinder bei der Ideenfindung zu unterstützen, liessen die Therapeutinnen sie eine Collage mit Fotos aus Zeitschriften anfertigen. Darauf aufbauend erstellten sie eine Liste, anschliessend wurde demokratisch abgestimmt.

Wichtig war den Therapeutinnen auch, die Kinder von Anfang bis Schluss selbstständig arbeiten zu lassen. Bei der Herstellung des Slime zum Beispiel mussten sie selber nach Anleitungen suchen und die Materialien organisieren – unter anderem Kontaktlinsenlösung, Leim und Natron. Sämtliche Bestandteile wurden auf einem Tisch bereitgestellt und die verschiedenen Gruppen durften sich bedienen. Dabei sei ein kleines Chaos entstanden, erzählt Roos: «Die Kinder stürzten sich auf das Material, weil sie Angst hatten, nicht genug zu bekommen.» Roos erklärt sich das Verhalten mit dem Erfahrungshintergrund der Kinder. Sie hätten wohl öfters für ihre Interessen kämpfen müssen als Kinder, die in der Schweiz aufgewachsen sind.

Wegen der chaotischen Materialsammlung gelang die Herstellung der Slime nicht bei allen auf Anhieb. «Durch diese Erfahrung erhielten die Kinder ein direktes, nonverbales Feedback zu ihrem Vorgehen», erklärt Roos. Gemeinsam wurde entschieden, einen zweiten Versuch zu starten. Diesmal standen die Kinder geduldig an und wählten die Zutaten Gruppe für Gruppe in Ruhe aus. Sie hielten sich genau an die Rezepte und konnten am Schluss alle eine Portion perfekten Slime mit nach Hause nehmen.

Spielen ungewohnt

In weiteren Therapiestunden durften sie Guetsli backen, einen Kurzfilm produzieren oder einfach frei spielen. «Es sind sehr lebendige Kinder, die auch mal Dampf ablassen müssen», sagt Kim Roos. Einmal erhielten sie zum Beispiel mehrere grosse Kisten Kapla-Holzstäbe, mit denen sie in der Turnhalle Türme und andere Konstruktionen bauten. «Wir wollten ihre Leidenschaft wecken und sie gross denken lassen», erklärt Roos. Gleichzeitig wurde die Feinmotorik gefördert. Weil viele Kinder in ihrem Heimatland sowie auf der Flucht nur wenig Schulbildung genossen und auch kaum über pädagogisch wertvolle Spielsachen verfügten, wiesen sie in diversen Bereichen Defizite auf. Fertigkeiten wie etwa das Schneiden mit einer Schere oder der Umgang mit Leim waren bei einigen nicht altersgemäss entwickelt.

Um die Eltern über das Ziel der Interventionen aufzuklären, organisierten die Therapeutinnen einen speziellen Elternabend, zu dem sie alle per Telefon einzeln einluden. Am Abend selber wurde eine Übersetzung in die arabische Sprache angeboten. «Die Eltern standen stark unter Druck», weiss Kim Roos. «Sie sorgten sich darum, dass ihre Kinder sich gut benehmen, weil sie glaubten, dies beeinflusse das Asylverfahren.» Die Ergotherapeutinnen erklärten ihnen, dass die Kinder mit den Therapiestunden einen Raum für ihre persönliche Entfaltung erhielten. Sie versuchten den Eltern zudem zu vermitteln, wie sie ihre Kinder auch in prekären Wohnverhältnissen unterstützen und fördern könnten – etwa durch Zuwendung und Interesse.

Zum Abschluss des Projekts organisierten die Flüchtlingskinder eine Art Markstand auf dem Pausenplatz. Dort zeigten sie ihren Schulkameradinnen und -kameraden, was sie in den separaten Stunden geschaffen hatten. So konnten sie quasi einmal in die Rolle von Experten schlüpfen.

Im Anschluss an die Interventionen führten die Projektverantwortlichen Gespräche mit den Lehrpersonen und den Eltern durch. Die Rückmeldungen seien sehr positiv gewesen, sagt Kim Roos. Und die Kinder seien immer sehr gern gekommen. Die Dozentin plant, ihre Doktorarbeit über das Thema zu schreiben, und hat diesbezüglich mit der Universität Zürich Kontakt aufgenommen.

Prävention wird nicht bezahlt

Das Projekt wurde von der Ergo-Stiftung unterstützt. Denn präventive Projekte seien im Schweizer Gesundheitssystem nicht vorgesehen, sagt Projektleiterin Brigitte Gantschnig. «Bei Kindern mit Fluchterfahrung handelt es sich um eine vulnerable Gruppe. Doch eine Diagnose haben sie nicht, weshalb die Krankenkasse nichts bezahlt.» Das sei schade, findet die Leiterin der Forschungsstelle Ergotherapie an der ZHAW. «Wir könnten sehr nützliche Interventionen anbieten.» In anderen Ländern – etwa Grossbritannien, Neuseeland oder in den skandinavischen Ländern – werde auch Prävention finanziert, weiss Gantschnig. Angesichts der Ukraine-Krise findet sie es wichtig, das Problem in der Schweiz auf politischer Ebene anzugehen. Die Berufsverbände sind diesbezüglich bereits aktiv.

Schule schätzt Ergotherapie

In Zürich-Leimbach gibt es wegen der nahen Asylwohnsiedlung relativ viele Kinder mit Fluchterfahrung. Weil die Schule vom Ansatz überzeugt ist, hat sie sich mittlerweile dazu entschieden, aus eigenem Budget ein Folgeprojekt zu finanzieren. Dieses wird seit drei Jahren vom Verein Ergotherapie für Menschen mit Fluchterfahrung (ems) durchgeführt. Jedes betroffene Kind hat Anrecht auf ein Semester Ergotherapie in der Gruppe. «Die Bedürfnisse dieser Kinder unterscheiden sich von denjenigen anderer Schülerinnen und Schüler», sagt Schulleiterin Esen Kul. Für die Klassenlehrpersonen sei es sehr herausfordernd, allen gerecht zu werden. In der Ergotherapie dagegen liege der Fokus ganz auf diesen Kindern. «Sie kommen ruhiger und zufrieden zurück in den Unterricht.» Zudem erhalten die geflüchteten Kinder integrative Förderung und intensiven Deutschunterricht. Weiter werden sie in kleineren Lerngruppen unterrichtet und häufig ist die Schulsozialarbeit involviert.

«Wir sind der Schule Falletsche Leimbach dankbar, dass sie sich für Kinder und Jugendliche mit Fluchthintergrund einsetzt und das innovative Projekt ermöglicht», sagt Nadine Geckert vom Verein Ergotherapie für Menschen mit Fluchterfahrung. Zusammen mit ihrer Kollegin Rahel Sowe bietet sie jede Woche je eine Gruppe für die Primarschule und die Oberstufe an. Beide haben sich kürzlich mit dem Thema Döner befasst. Während die jüngeren Kinder die türkische Mahlzeit von A bis Z selber herstellten, hatten sich die älteren gewünscht, in einem Dönerladen zu schnuppern. Die Therapeutinnen halfen ihnen beim Organisieren des Kurzpraktikums und übten mit ihnen unter anderem das Telefonieren in deutscher Sprache. «Die Kinder befinden sich in einer anspruchsvollen Lebenssituation und profitieren von besonderer Unterstützung», betont Geckert. Sie hofft, dass sich Wege finden, um die Pionierarbeit demnächst auf weitere Schulen auszuweiten. //


VORBEUGEN MIT ERGOTHERAPIE

Damit Ergotherapie von der Grundversicherung bezahlt wird, braucht es eine Diagnose und eine ärztliche Verordnung. In vielen gesellschaftlichen Bereichen wäre es aber sinnvoll, die Menschen in ihren Handlungen zu unterstützen, bevor Probleme entstehen. Profitieren könnten unter anderem ältere Menschen, die zu Hause leben. Mit einer präventiven Anpassung des Wohnraums können zum Beispiel Stürze vermieden werden. Menschen aus anderen Kulturen könnten bei Schwierigkeiten mit alltäglichen Aufgaben wie Lösen eines Trambilletts oder Ausfüllen von Anträgen unterstützt werden. Umgesetzt werden ergotherapeutische Interventionen bereits bei Menschen mit Fluchterfahrung, im Strafvollzug oder bei Studierenden mit Schreibblockaden.

Vitamin G, S. 17-19


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