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BALANCEAKT MIT BRETT UND BALL

Nach dem Physiotherapiestudium in die Selbständigkeit: Philipp Schombierski brachte kurz nach seinem Abschluss am Departement Gesundheit ein spezielles Balanceboard auf den Markt. Gleichzeitig arbeitet der 28 Jährige als Physiotherapeut. Beruflich das Gleichgewicht zu finden, ist für ihn derzeit nicht ganz einfach.

VON TOBIAS HÄNNI

Balancieren macht Philipp Schombierski sichtlich Spass. Mit breitem Lächeln steht er auf dem kurzen Holzbrett, das – weil es auf einem Ball liegt – gehörig wackelt und dessen Bewegungen er ständig ausgleichen muss. Schombierski gelingt dies mühelos; auch als er akrobatisch auf einem Bein und einem Arm das Gleichgewicht hält, weicht das Lächeln nicht einem angestrengten Gesichtsausdruck. Womöglich ist es die Vorstellung, in diesem Moment eine Welle zu reiten, die ihn zum Lächeln bringt. An diesem Frühlingstag muss der passionierte Surfer und Physiotherapeut allerdings mit der Sportanlage Deutweg in Winterthur vorliebnehmen. Und statt auf einem Surfbrett steht er auf einem Balanceboard, das er zusammen mit seinem Kollegen Pascal Kerker entwickelt hat und seit 2019 erfolgreich verkauft. Das Spezielle daran: Man balanciert nicht wie bei anderen Balanceboards auf einer Rolle, sondern auf einem Ball. Damit muss das Gleichgewicht nicht nur seitlich, sondern auch nach hinten und vorne gehalten werden.

Training im Keller der Eltern

«Hier am Deutweg nahm die Idee für das Brett ihren Anfang», erzählt Philipp Schombierski. Pascal Kerker und er spielten auf der Sportanlage bis vor einigen Jahren American Football. Um ihre Körper für den harten Sport zu stärken, trainierten sie im Keller von Philipps Eltern – mit selbstgebastelten Seilzügen und alten Geräten aus der Brockenstube. «Für Gleichgewichtsübungen haben wir ein Holzbrett auf eine alte Eisenstange gelegt und sind darauf balanciert», erinnert sich der Endzwanziger, der 2019 sein Bachelorstudium in Physiotherapie am Departement Gesundheit abgeschlossen hat. Das Balancieren auf der Eisenstange langweilte sie jedoch bald einmal. Die Freunde, die zusammen in Hettlingen in der Nähe von Winterthur aufgewachsen sind, ersetzten die Stange deshalb durch einen Basketball. «Dieser war allerdings zu gross, das hat mässig funktioniert», erzählt Schombierski.

Es folgte eine Phase des Tüftelns, in der sie kleinere Bälle ausprobierten und ein Control Rail an der Unterseite des Bretts montierten – eine Holzleiste, die verhindert, dass der Ball beim Balancieren unter dem Brett rausspringt. Die zunächst in kompletter Handarbeit produzierten Prototypen stiessen bei Freunden und Kollegen auf Interesse, vor allem bei Surferinnen und Surfer. «Die brauchten etwas, um die Zeit ohne Surfen in der Schweiz zu überbrücken.» Ermutigt durch das Interesse aus dem Kollegenkreis, wagten Schombierski und Kerker den nächsten Schritt. «Wir haben unser Erspartes investiert und eine Reihe von Brettern maschinell herstellen lassen», sagt Schombierski. Ausserdem liessen sie kleine, schwere Medizinbälle produzieren – 350 Stück. «Eine kleinere Stückzahl zu bestellen, war nicht möglich. Mein Vater hatte deshalb leise Zweifel, ob wir die Bälle loswerden würden», schildert Philipp Schombierski die riskante Investition. Nachdem sie jedoch unter dem Namen BalancePro Ende 2019 mit dem Verkauf der Bretter begannen, dauerte es knapp ein Jahr – und alle 350 Bälle waren weg.

Dass wenige Monate nach dem Schritt in die Selbständigkeit die Coronapandemie die Welt auf den Kopf stellte, hat womöglich zum schnellen Erfolg beigetragen. «Die Pandemie war sicher nicht hinderlich. Die Leute hatten mehr Zeit und Geld zur Verfügung», sagt der Jungunternehmer. Gekauft wurde das Balanceboard bislang hauptsächlich von Surferinnen und Surfern, aber auch von Wake­ und Snowboardern. Mit einer neuen Version, die weniger an ein Surfbrett erinnert, möchten die zwei Jungunternehmer nun auch Leute ansprechen, «die mit Brettsport wenig anfangen können».

Neue Version für den Therapieeinsatz

Das neue Brett ergänzten sie mit abnehmbaren Handgriffen, die auch als Wippen genutzt werden können und die Trainingsmöglichkeiten erweitern. «Der Fokus des neuen Bretts liegt auf Fitness und Therapie», erklärt Schombierski. Aus physiotherapeutischer Sicht bietet das Training auf einem Balanceboard verschiedene Vorteile: Die labile Unterlage fördert neben dem Gleichgewicht und der Koordination auch die Propriozeption, also die Körperwahrnehmung und das Zusammenspiel der einzelnen Gliedmassen und Muskeln – was zentral ist, um etwa Stürze und Verletzungen zu vermeiden. Auch die Muskulatur wird stärker gefordert. «Die Grundspannung der Muskeln ist bei Übungen wie zum Beispiel Kniebeugen deutlich höher. Das Training auf einem Balanceboard ist deshalb deutlich anstrengender, aber auch effektiver», erklärt Philipp Schombierski.

In der Physiotherapiepraxis in Winterthur Seen, in der er zurzeit 60 Prozent arbeitet, setzt er das Brett deshalb regelmässig ein. «Auch wenn das Training auf dem Brett anspruchsvoll ist, eignet es sich grundsätzlich für alle Altersgruppen», so Schombierski, der für das Balanceboard auch eine Anleitung mit zahlreichen Gleichgewichts­ und Kraftübungen entwickelt hat. «In der Physiotherapie sieht man immer wieder die gleichen Beschwerden, Verletzungen und Haltungsschäden. Diesen könnte mit den richtigen Übungen vorgebeugt werden – was wir auch mit unserem Produkt ermöglichen wollen.»

Keine Freude am Büroalltag

Wenn der ZHAW­Absolvent von seiner Arbeit als Physiotherapeut erzählt, merkt man ihm die Faszination für den menschlichen Körper und die Freude an Bewegung an. «Ich habe schon immer gerne Sport getrieben», sagt Schombierski. Je nach Jahreszeit fährt er Skateboard, spielt Basketball, geht biken, klettern oder snowboarden. Das Surfen hat ihn bei einem Sprachaufenthalt in San Diego 2013 gepackt – seither zieht es ihn zwei bis drei Mal im Jahr ans Meer. Er brauche die Bewegung, sagt er, «sonst werde ich unzufrieden».

Unzufrieden war er auch in seinem ersten Beruf als kaufmännischer Angestellter, die Arbeit vor dem Bildschirm machte dem Bewegungsmenschen keine Freude. So verabschiedete er sich ein Jahr nach dem Lehrabschluss aus dem Büroalltag. «Da stellte sich die Frage: Was jetzt?», blickt Schombierski zurück. Er entschied sich für das Physiotherapiestudium an der ZHAW. Zum Entscheid trug auch ein Unfall beim American Football bei, bei dem
er sich einen Wirbelbruch zuzog: In der anschliessenden Reha lernte er damals die Physiotherapie näher kennen. «Es ist ein spannender Beruf. Man arbeitet selbständig, muss seinen eigenen Stil finden und in der Arbeit mit den Patienten flexibel sein», sagt Schombierski.

Doppelbelastung nicht immer einfach

Wie seine berufliche Zukunft aussieht und ob er dereinst noch das Masterstudium oder eine Weiterbildung in Angriff nimmt, weiss Schombierski im Moment nicht. Denn während er auf dem Balanceboard keine Mühe hat, das Gleichgewicht zu halten, sieht es mit der Doppelbelastung durch das Start­up und die Arbeit als Physiotherapeut derzeit etwas anders aus. «Es ist nicht immer einfach, beruflich die Balance zu finden; gewisse Dinge bleiben zurzeit auf der Strecke.»

Ob sich dies in nächster Zeit ändern wird, ist fraglich. Denn Schombierski und sein Geschäftspartner planen bereits den nächsten Schritt: Sie möchten in den kommenden Monaten in den europäischen Markt expandieren und sind zuversichtlich, dass ihr Brett auch dort gefragt sein wird. «Falls wir langfristig Erfolg haben, muss ich mich wohl irgendwann zwischen der Arbeit als Physiotherapeut und dem Start­up entscheiden.» Bis es so weit ist, hält Philipp Schombierski so gut es geht auch beruflich das Gleichgewicht – mit einem breiten Lächeln im Gesicht. //

Vitamin G, Seite 6-7


PHILIPP SCHOMBIERSKI

ist Co-Geschäftsführer der 4thedream GmbH mit Sitz in Winterthur. Zusammen mit Geschäftspartner Pascal Kerker hat er spezielle Balanceboards entwickelt und unter der Marke BalancePro auf den Markt gebracht. Schombierski ist in Hettlingen nahe Winterthur aufgewachsen und hat 2019 den Bachelor in Physiotherapie am Departement Gesundheit abgeschlossen. Neben dem Start-up arbeitet er Teilzeit in einer Physiotherapiepraxis in Winterthur Seen.


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Magazin «Vitamin G – für Health Professionals mit Weitblick»

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