«BABYS SIND RESILIENT»

Bereits im Babyalter stellen sich die Weichen für eine gesunde psychische Entwicklung. Die Säuglings- und Kleinkindertherapeutin Margarete Bolten erklärt, warum sie bei Problemen vor allem mit den Eltern arbeitet.

VON CAROLE SCHEIDEGGER

Ein Baby liegt im Kinderwagen, blinzelt, fuchtelt mit seinen kleinen Händen. So «härzig». Aber Säuglinge können ihre Eltern auch an ihre Grenzen bringen. Das wissen Hebammen nur zu gut. «Sie haben frühzeitig einen Einblick in den Familienalltag und sehen Belastungen und Schwierigkeiten oft als Erste», sagt Margarete Bolten. Die Psychologin ist Co-Leiterin der Sprechstunde für Säuglinge und Kleinkinder am Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB) und unterrichtet in der Weiterbildung des ZHAW-Instituts für Hebammen.

Die 45-Jährige ist eine der wenigen Fachpersonen auf dem Gebiet der Säuglingspsychiatrie. Sie vermittelt alltagstaugliche Präventions- und Interventionsmassnahmen, die die Hebammen an die Familien weitergeben können, um allfällige Schwierigkeiten zu verhindern. Denn auch wenn die Psychologin grundsätzlich zur Gelassenheit rät: Eine Störung der Beziehung zwischen Eltern und Kind kann langfristige negative Entwicklungsverläufe zur Folge haben. Darum ist eine frühzeitige Behandlung wertvoll.

Verstehen ohne Worte

Es gab Zeiten, in denen Babys so etwas wie eine Psyche rundweg abgesprochen wurde. Heute kämpfen viele Eltern damit, dass sie ihr Neugeborenes nicht fragen können, wie es ihm geht. Aber es gibt andere Möglichkeiten: «Das Neugeborene kann sich zwar noch nicht sprachlich mit uns über seine Empfindungen austauschen. Aber wir können durch die Beobachtung seines Verhaltens auf sein Befinden schliessen», erklärt Bolten.

Bei Säuglingen fällt besonders ins Auge, wie viel sie schlafen, schreien und trinken. In diesen Bereichen liegen auch oft die Knacknüsse. «Essen und Schlafen sind wichtige Funktionen des Körpers, aber auch der Seele. In unserer Sprechstunde für Säuglings- und Kleinkind-Psychosomatik am UKBB sehen wir in erster Linie Kinder mit Schlafstörungen, gefolgt von den Kindern, die exzessiv schreien», sagt die Psychologin. Ein Beispiel: Das Baby wacht jede Stunde auf und schläft nur wieder ein, wenn es gestillt wird. «Das ist für das Kind wie für die Eltern auf Dauer extrem erschöpfend.»

Symbiose lockern

Ein aktuelles Schlagwort ist die «bedürfnisorientierte Erziehung». Auch Margarete Bolten findet: «Eltern sollen versuchen, sich von den Signalen ihres Kindes leiten zu lassen. Sie sollen dabei aber die eigenen Bedürfnisse nicht vollkommen ausser Acht lassen. Bedürfnisorientiertes Erziehen schliesst die Bedürfnisse des Kindes, aber auch die Bedürfnisse der Eltern mit ein. Eltern, die bis zur Selbstaufgabe versuchen, immer alles perfekt zu machen, brennen irgendwann aus. Deshalb sollte die Versorgung und Betreuung des Kindes möglichst auf vielen Schultern verteilt werden.»

Die Privatdozentin plädiert dafür, die zu Beginn sehr enge Symbiose zwischen Baby und Eltern nach und nach zu lockern. «Zum Beispiel, indem man dem Baby hilft, sich selbst zu beruhigen. Es kann lernen, an den Händchen zu saugen, statt an der Brust.» Dabei gehe es nicht darum, das Kind allein oder gar im Stich zu lassen. Aber mit liebevoller Begleitung könne auch ein Baby seine eigenen Ressourcen aktivieren, sagt Bolten. Das sei zentral für die gesunde psychische Entwicklung. Ein Kind müsse lernen, in die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen und Schwierigkeiten zu überwinden: «Bereits Babys sind sehr resilient!»

Vorwürfe helfen niemandem

Bolten beobachtet, dass sich viele Eltern Vorwürfe machen oder Angst haben, die Psyche ihres Kindes zu beschädigen. «Aber erstens ist ohnehin niemand an einer Erkrankung schuld und zweitens helfen diese Selbstvorwürfe auch nicht für eine Veränderung.» In der Behandlung arbeitet die Psychologin therapeutisch vor allem mit den Eltern, um sie zu stärken und die Interaktion zwischen Eltern und Kind zu verbessern. «Das Wichtigste ist Zeit. Eltern brauchen Zeit, die sie ohne Stress und Druck mit ihrem Kind verbringen können.» //

Vitamin G, S. 22-23


NEUES MODUL: DAS NEUGEBORENE

Die Weiterbildung des Instituts für Hebammen der ZHAW lanciert ein neues fünftägiges Modul, das sich um das Neugeborene dreht. Margarete Bolten unterrichtet darin über Regulationsstörungen im Entwicklungsverlauf bei termin- und frühgeborenen Kindern. Weitere Themen bei anderen Dozierenden sind Impfen, Notfälle, Ernährung und risikobelastete Familiensituationen. Das Modul startet am 30. Mai 2022, die Kurstage sind auch einzeln buchbar.


WEITERE INFORMATIONEN


Magazin «Vitamin G – für Health Professionals mit Weitblick»


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