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ATEMLOS IM ALLTAG

Im Berner Reha Zentrum Heiligenschwendi werden Menschen mit Lungenerkrankungen umfassend betreut, unter ihnen derzeit auch viele Covid-Patientinnen und -Patienten. In der Ergotherapie lernen sie, Alltagstätigkeiten so auszuführen, dass ihnen dabei nicht die Luft wegbleibt.

VON SUSANNE WENGER

Kann die Luft in Heiligenschwendi noch frischer sein als an diesem Vormittag im März? Der kleine Kurort
oberhalb des Thunersees wirkt vom Sturm der Nacht wie durchgeputzt. Das ganz hinten im Dorf gelegene
Berner Reha Zentrum Heiligenschwendi führt mehrere Fachbereiche, vom Bewegungsapparat über das Herz bis zu den inneren Organen. Einst erholten sich hier die Tuberkulosekranken: Die Klinik wurde 1895 als erste «Volksheilstätte» der Schweiz eigens für sie eröffnet. Die damals grassierende bakterielle Infektionskrankheit greift vorab die Lunge an. Heute kommt die Tuberkulose bei uns nur noch selten vor. Doch pulmonale – das heisst die Lunge betreffende – Reha gehört in Heiligenschwendi nach wie vor zum Angebot.

Davon profitieren Menschen mit der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung COPD, mit Asthma, Lungenentzündung, Lungentumoren und weiteren Krankheiten. Durch Corona gewann die stationäre pulmonale Reha nochmals schlagartig an Bedeutung. Denn das neue Virus schädigt bei schwerem Verlauf unter anderem ebenfalls die Lunge (siehe Zweittext). Normalerweise seien dreissig bis vierzig der rund 190 Betten mit Lungenpatienten belegt, weiss Renate Marti, Leiterin der Ergotherapie. Seit Ausbruch der Pandemie habe sich der Anteil verdoppelt bis verdreifacht. Die Teamleiterin hat uns draussen vor dem Eingang abgeholt und auf direktem Weg in den Ergotherapieraum geführt. Die Schutz- und Hygieneregeln werden selbstverständlich eingehalten.

Sauerstoff im Rollator

Wie alle Patienten durchlaufen auch jene in der pulmonalen Reha ein ganz auf sie zugeschnittenes Programm. Es wird von verschiedenen Gesundheitsberufen in enger Zusammenarbeit erbracht. Renate Marti beschreibt den Beitrag der Ergotherapie: «Wir unterstützen die Menschen, sich in der veränderten Lebenssituation zurechtzufinden.» Ziel sei es, sie so gut wie möglich in ihr gewohntes Umfeld zurückzuführen. Ergotherapie befähige die Menschen, mit krankheitsbedingten Einschränkungen in ihren alltäglichen Betätigungen umzugehen: daheim, auf der Arbeit, in der Freizeit. Bei Lungenleiden steht dabei oft die beeinträchtigte Atmung im Vordergrund.

Das ist auch bei Gertrud Z. der Fall. Die bald 84-Jährige trifft kurz nach zehn Uhr im Ergotherapieraum ein. Er ist mit allerlei Haushaltsgeräten ausgestattet. Frau Z. wird von Ergotherapeutin Zara Wyttenbach begleitet, die heute mit ihr arbeiten wird. Im Rollator der Patientin ist ein Behälter verstaut, aus dem ihr über ein Schläuchlein und eine Nasenbrille Sauerstoff zugeführt wird. Gertrud Z. hat die chronisch obstruktive Lungenerkrankung COPD. Diese kann von Schadstoffen verursacht werden, am häufigsten Tabakrauch. Das Rauchen hat Gertrud Z. längst aufgegeben. Doch weil ihre Beschwerden jüngst zugenommen haben, wurde der Aufenthalt im Rehazentrum nötig.

Von Hilfsmitteln und Kniffen

Vor drei Jahren «hets mer böset», erzählt sie in breitem Berndeutsch. Inzwischen gerate sie bei der geringsten Belastung ausser Atem. Schon ein Glas Wasser zu trinken, strenge sie unheimlich an, geschweige denn Treppen zu steigen. Zuhause tat sie immer weniger und war in vielem auf die Unterstützung ihres Mannes angewiesen. Das Haus verliess sie in letzter Zeit kaum mehr, nicht nur wegen der für sie grossen Gefahr durch Corona, auch aus Angst vor der Atemnot. «Es macht mir zu schaffen, dass ich nicht mehr so mag», bekennt sie. Sie sei immer auf Achse gewesen. Gertrud Z. war früher eine sehr aktive Frau. Sie ist vierfache Mutter und arbeitete über vierzig Jahre bei der Post.

In der Ergotherapie im Rehazentrum erfährt sie, wie sie Aktivitäten trotz COPD wieder aufnehmen und so ausüben kann, dass ihr nicht die Luft wegbleibt. Bereits ein Thema war die Körperpflege. Dank Hilfsmitteln und umsichtiger Organisation der Utensilien im Badezimmer sollte das zu Hause wieder selbständiger möglich sein. Der Rehapatientin wurden entlastende Kniffe vermittelt. Zum Beispiel, dass ein Frottee-Bademantel das strapaziöse Abtrocknen erspart. Diesmal geht es in der Ergotherapie ums Bügeln. Gertrud Z. möchte das wieder selber erledigen. «Mir ist wichtig, dass die Stoffnastücher glatt gebügelt und schön zusammengelegt sind», sagt sie und muss lachen.

Die Kunst des langsamen Bügelns

Ergotherapeutin Zara Wyttenbach misst zunächst mit einer Klemme am Finger den Sauerstoffgehalt im Blut. Er entspricht dem festgelegten Minimalwert. Die Patientin stellt sich nun wie gewohnt ans Bügelbrett. Sie ergreift das extraleichte Bügeleisen, bügelt routiniert und zügig, faltet das Taschentuch akkurat zusammen. Das Ergebnis gefällt ihr, doch sie atmet heftig und muss sich setzen. «Um runterzufahren», wie sie sagt. Nach einer kurzen Pause folgt die zweite Bügelrunde, diesmal sitzend in einem hohen Stuhl. Wieder ein perfektes Arbeitsresultat, wieder Kurzatmigkeit. Das scheint auch von den Emotionen herzurühren. «Ich mache das einfach gern», stösst sie zwischen zwei Atemzügen hervor.

Erneut wird der Sauerstoffgehalt gemessen: prompt tiefer, als er sein sollte. Die Ergotherapeutin hat Gertrud Z. genau beobachtet. Sie rät ihr jetzt, sich länger auszuruhen und sich abzustützen, was den Brustkorb entlastet. «Gehen Sie langsamer vor und machen Sie schon während des Bügelns Pausen», sagt Wyttenbach. Auch solle die Patientin darauf achten, die Lippenbremse anzuwenden, eine in der Physiotherapie erlernte Atemtechnik. So kann die alte Luft besser ausgeatmet werden, mehr frische Luft strömt ein. Beim dritten Taschentuch handhabt Gertrud Z. alles genau so. Sie bügelt sitzend, vollführt langsamere Bewegungen, legt das Bügeleisen zwischendurch weg, atmet durch die Lippenbremse.

Dank Alltgashandlungen Mut fassen

Die Wirkung der kombinierten Massnahmen ist frappant. Das Atmen fällt leichter, der Sauerstoffgehalt liegt weit im grünen Bereich. Und das Nastuch: picobello. Ein Erfolgserlebnis! «Und, wie fühlt sich das Bügeln an?», fragt Zara Wyttenbach ermunternd. «Gut», antwortet die Patientin. Nur müsse sie «umschalten» und künftig wirklich alles langsamer erledigen, ermahnt sie sich selber. Anschliessend wird noch die Situation zu Hause besprochen: Hat es Platz und einen passenden Stuhl, um das Bügeln schonend zu gestalten? Gertrud Z. wird in einigen Tagen vermutlich ohne Sauerstoffzufuhr heimkehren können. Schon jetzt, nach zwei Wochen Reha, braucht sie ihn nur noch, wenn sie sich bewegt. Am Schluss der heutigen Therapie wirkt die Patientin gelöster als zu Beginn. Bevor sie auf ihr Zimmer zurückgebracht wird, sagt sie: «Wenn es richtig Frühling wird, will ich wieder mal für ein paar Schritte nach draussen gehen.» Es tönt fast ein wenig beschwingt.

Die COPD-Patientin ist laut den Fachfrauen ein typisches Beispiel dafür, was Ergotherapie in der pulmonalen Reha leisten kann. Aus Angst vor Atemnot würden viele Kranke inaktiv und zögen sich aus ihrem Sozialleben zurück. Das schwäche den Körper und führe zu Isolation. Die Ergotherapie versuche, den schleichenden Prozess umzukehren, erläutert Wyttenbach: «Dabei setzen wir bei einer Aktivität an, für die die Person motiviert ist.» So stehen Gertrud Z.s sorgfältig gebügelte Taschentücher wohl für eine gewöhnliche Alltagshandlung, aber in einem weiteren Sinn auch für bessere Gesundheit, Mut fassen, Teilhabe.

Sich ins Leben zurückkämpfen

Den lungenkranken Menschen soll ein Selbstmanagement ermöglicht werden, fügt die leitende Ergotherapeutin Renate Marti an. Dabei werde auch ihre Wahrnehmung geschult. So erlebte die COPD-Patientin unmittelbar, wie sich das an ihre Atemprobleme angepasste Verhalten positiv auswirkte. Ein standardisierter Ergo-Fragebogen erfasst und misst die Fähigkeiten der Patienten in verschiedenen Bereichen des täglichen Lebens. «Für uns zählt nicht in erster Linie die medizinische Diagnose, sondern die individuelle Situation», erklärt Marti. Auch das Umfeld werde angeschaut, die Angehörigen, die Wohnung.

Bei den Covid-19-Patientinnen und -Patienten ist das nicht anders. Seit einem Jahr sehen Renate Marti und ihr Team, wie sich die Erkrankten ins Leben zurückkämpfen. Nach wochenlangem Spitalaufenthalt, auf der Intensivstation und künstlich beatmet, seien sie extrem geschwächt. Viele seien auch psychisch erschüttert: «Die lebensbedrohliche Erkrankung erfasste sie aus dem Nichts.» Im Rehazentrum, wo regelmässig Ergotherapiestudierende des Departements Gesundheit Praktika absolvieren, hat man ad hoc viel über Covid-19 gelernt. Einiges davon soll bei der Ergotherapie ins Konzept einfliessen. Generell wären für pulmonale Ergotherapie mehr Studien, Leitlinien und Ausbildung wünschenswert, so Marti. In der Schweiz gebe es da «noch Luft nach oben». //


LONG COVID FORDERT DIE GESUNDHEITSBERUFE

Nach einer Infektion mit dem Coronavirus kämpft ein Teil der Betroffenen noch nach Monaten mit
Symptomen – auch bei mildem Verlauf.

Unter Long Covid verstehen Fachleute Spätfolgen einer Corona-Infektion über die akute Phase hinaus. In der Schweiz gibt ein Viertel der Erkrankten an, auch ein halbes Jahr danach noch nicht auf dem Damm zu sein. Das zeigte eine kürzlich publizierte epidemiologische Studie der Universität Zürich. Bei den Patientinnen und Patienten, die im Berner Reha Zentrum Heiligenschwendi betreut werden, handelt es sich hauptsächlich um schwer Erkrankte nach längerem Aufenthalt auf der Intensivstation. Ihre Lungenfunktion ist noch beeinträchtigt, weiss Thomas Riegler, Leiter der pulmonalen Physiotherapie im Rehazentrum und Dozent im Bachelorstudiengang Physiotherapie an der ZHAW. Er sagt: «Die Menschen haben mit einem starken Abfall der Sauerstoffsättigung zu kämpfen, vor allem in Bewegung.»

Das verursache Atemnot und schränke die Leistungsfähigkeit ein. «Leider sehr viele» bräuchten immer noch zusätzlichen Sauerstoff. Wie die Ergotherapie zielt auch die Physiotherapie in der Reha darauf ab, das Selbstmanagement zu fördern: «Die Patienten erlernen Atemtechniken», führt Riegler aus, «dazu absolvieren sie ein an ihre individuelle Belastungsgrenze angepasstes Kraft- und Koordinationstraining.» Bei einem schweren Covid-Verlauf ist das Risiko für anhaltende Symptome höher. Doch Spätfolgen der Virusinfektion können auch auftreten, wenn jemand nicht ins Spital musste. In der Zürcher Studie war das bei über zwanzig Prozent der leicht Erkrankten der Fall. US-Forscherinnen beschreiben bis zu fünfzig Covid-Langzeiteffekte, von enormer Müdigkeit über Husten, Kurzatmigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten bis zu Herzrasen und Gelenkschmerzen.

Ambulante Angebote im Aufbau
Über die Zusammenhänge weiss die Forschung erst wenig. Doch im Gesundheitswesen bereitet man sich vor, auch in Heiligenschwendi. «Wir sind dabei, ambulante Angebote zu organisieren», sagt Riegler. Diese seien als Aufbauprogramme für Menschen nach milderen Verläufen gedacht, denen keine Reha angeboten wird. Bei der Finanzierung gibt es offene Fragen, allerdings zeichnet sich ab: Wenn ein Viertel von Long Covid betroffen ist, wird der Bedarf gross sein. Bis Mitte März 2021 zählte die Schweiz über 580 000 laborbestätigte Corona-Infektionen. Dazu kommt eine Dunkelziffer. Ergo- und Physiotherapie wie auch andere Gesundheitsberufe dürften noch länger gefordert sein. Einige Erfahrungen aus der Praxis mit Covid-Patienten hat Riegler deshalb auch schon in den Unterricht an der ZHAW eingebaut.

Vitamin G, Seite 24-26


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