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ACHTSAMKEIT FÜR DIE BEWOHNER UND SICH SELBST

Wer Menschen mit Demenz pflegt oder therapeutisch begleitet, muss viel Geduld  und Kreativität mitbringen. Am KZU Kompetenzzentrum Pflege und Gesundheit in Embrach arbeiten Fachleute verschiedener Disziplinen Hand in Hand.

VON EVELINE RUTZ

An den Tischen im Schatten trinken Bewohnerinnen und Bewohner gerade ihren Kaffee. Eine Rutschbahn, ein Klettergerüst und Bobbycars in allen Farben deuten darauf hin, dass im Garten des KZU Kompetenzzentrums Pflege und Gesundheit in Embrach gleich noch mehr Betrieb herrschen wird. Nach dem Mittagsschlaf wird es auch die Kinder der betriebseigenen Kindertagesstätte «Froschkönig» nach draussen ziehen. «Hier finden wertvolle Begegnungen statt», sagt Daniela Frehner, Leiterin der stationären Physio- und Ergotherapie. Diese liessen sich therapeutisch nutzen. Eine Frau habe kürzlich ein Kind in einem hüfthohen Spielauto herumgeschoben; gemeinsame «Spaziergänge» auf dem unebenen Gelände machten allen Beteiligten Freude.
«Wir integrieren unsere Arbeit in den Alltag und arbeiten eng mit dem Pflegepersonal zusammen», sagt die erfahrene Therapeutin. So sitzen alle Bewohnerinnen und Bewohner, die an der Kaffeerunde teilnehmen, auf einem normalen Gartenstuhl. Viele mussten dafür aus einem Rollstuhl aufstehen und sich wieder hinsetzen. Sie haben sich dadurch zusätzlich bewegt.
Mit einer Demenzbetroffenen, die verbale Informationen nicht mehr gut umsetzten kann, pflückte Daniela Frehner kürzlich Blumen. Erst sammelten die beiden Frauen hoch gewachsene Exemplare, schliesslich bückten sie sich bis zu den Gänseblümchen hinunter. Sie machten mehrere Dutzend Kniebeugen, ohne sich dies bewusst vor Augen zu führen. Mit vergleichbaren physiotherapeutischen Übungen hätte die Bewegungsfachfrau kaum denselben Erfolg gehabt. 

Angebote werden kombiniert

Auf dem Rundgang durch die Abteilungen mit insgesamt rund 120 Plätzen betont Daniela Frehner die interprofessionelle Zusammenarbeit. «Wir stimmen verschiedene Therapieangebote individuell ab», sagt sie und verweist auf die breite Palette von Physio-, Ergo-, Aktivierungs-, Musik-, Kunst- und Gestaltungstherapie. In Gesprächen diskutieren Vertreter der unterschiedlichen Disziplinen über Ressourcen, Ziele sowie Fördermassnahmen. Die Bewohnerinnen und Bewohner werden so weit als möglich in tägliche Verrichtungen einbezogen; der Wäscheständer auf einem der Balkone zeugt davon. Sie haben zudem die Möglichkeit, ihrem teils stark ausgeprägten Bewegungsbedürfnis in geschütztem Rahmen nachzugehen. Auf den Wohngruppen stehen Ergometer; einige Korridore sind als Endlosschleife angelegt und laden mit Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein. Die Architektur ist zurückhaltend: Die warmen Farbtöne der Wände und der dunkle Boden vermitteln Sicherheit.

Aufmerksamkeit aufs Hier und Jetzt lenken

Marlies Petrig, Leiterin Health Care Services, beschreibt die Arbeit mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, als äusserst anspruchsvoll. «Die Betroffenen merken sofort, wenn man mit den Gedanken an einem anderen Ort ist – sie brauchen Konstanz und Ruhe.» Die Mitarbeitenden müssten nicht nur über viel Empathie und Geduld, sondern auch über eine hohe Fachlichkeit verfügen. So stelle es beispielsweise eine Herausforderung dar, bei einer Person, die sich nicht mehr mitteilen könne, Schmerzen einzuschätzen. «Menschen mit Demenz sind stark vom Personal abhängig», sagt die Co-Geschäftsführerin weiter. Sie achtet bei der Rekrutierung daher auf einen hohen Grad an Integrität. Daneben legt sie Wert auf gute Deutschkenntnisse, da Demenzerkrankte ihre sprachlichen Fähigkeiten einbüssen.
Was das Krankheitsbild für Pflege und Betreuung bedeutet, wird den Mitarbeitenden auch in internen Schulungen vermittelt. Sie lernen etwa, wie sie reagieren können, wenn Betroffene in ihrer eigenen Welt sind; wenn eine Frau beispielsweise darauf wartet, dass sie von ihrem verstorbenen Mann abgeholt wird. Eine Bezugsperson könnte in diesem Fall sagen: «So, Sie warten auf ihren Mann. Ihr Mann hat immer viel gearbeitet, nicht wahr? Schauen Sie, wir haben ebenfalls noch viel zu erledigen. Putzen wir doch zusammen den Tisch.» So wird das Erleben der Bewohnerin ernst genommen und ihre Aufmerksamkeit wird sanft auf das Hier und Jetzt gelenkt. Fachleute sprechen von Validieren.

Mit Aggressionen umgehen

«Es kann zu Situationen kommen, die einen stark herausfordern», sagt Daniela Frehner, die am Institut für Physiotherapie der ZHAW Geriatrie lehrt. Im Umgang mit Nähe und Distanz brauche es eine professionelle Haltung, aber ebenso Achtsamkeit und Fürsorge für sich selbst. Fühlen sich Demenzbetroffene unverstanden oder überfordert, können sie mit Aggressionen reagieren. «Zieht sich die Betreuungsperson etwas zurück, reduziert sie das Tempo und wird das Umfeld ruhiger gestaltet, entspannt sich die Situation häufig.»
Reagiere jemand herausfordernd, habe dies immer einen Grund, gibt Marlies Petrig zu bedenken. Diesen gelte es aufzuspüren. «Man muss äusserst aufmerksam sein.» Um möglichst viel über die Biografie und die Vorlieben der Bewohnerinnen und Bewohner zu wissen, tauschen sich die Mitarbeitenden des KZU regelmässig mit den Angehörigen aus. Diese sind Experten für ihre Liebsten und auf den Abteilungen sowieso stets willkommen. Besonders komplexe Situationen thematisieren die medizinischen Fachleute in der Ethikgruppe. Sie diskutieren beispielsweise darüber, ob jemand in seinem Bestreben, ohne Hilfe zu gehen, gestärkt werden soll, obwohl er sich dabei verletzen könnte. Gemeinsam wägen sie die Prinzipien «Respekt vor der Autonomie» sowie «Fürsorge» gegeneinander ab und gelangen zu einem breit abgestützten Entscheid. «Das ist enorm hilfreich und entlastend», so Physiotherapeutin Frehner. //


DAS VERGESSEN KOMMT SCHLEICHEND

Demenz ist eigentlich ein Oberbegriff für mehrere Erkrankungen. In rund 50 Prozent der Fälle handelt es sich um eine Alzheimer-Krankheit und in etwa 25 Prozent um eine vaskuläre, also gefässbedingte, Demenz. Mischformen machen den Rest aus. Gemäss der Schweizerischen Alzheimervereinigung lebten 2014 rund 113000 Betroffene in der Schweiz. Jährlich erkranken rund 27000 Menschen neu an einer Demenz. Eine Erkrankung beginnt meist schleichend. Sie entwickelt sich über mehrere Jahre und zeigt sich unter anderem in einem fortschreitenden Gedächtnisverlust. Die Betroffenen büssen Fähigkeiten etwa in der Handlungs- und Planungskompetenz ein. Ihre Lernfähigkeit nimmt ab, sie machen Fehler beim Sprechen und Rechnen und sind im Sehen, Hören sowie Tasten zunehmend eingeschränkt. Die Krankheit kann auch die Persönlichkeitsstruktur verändern und dazu führen, dass jemand seine Angehörigen nicht mehr erkennt. Demenz führt meist zu einer schweren Pflegebedürftigkeit. Mehr als die Hälfte der Betroffenen in der Schweiz wird dabei durch Angehörige zu Hause betreut. «Das Verantwortungsgefühl ist in Familien generell hoch», sagt Daniela Händler-Schuster, Professorin für gemeindenahe, integrierte Pflege an der ZHAW. Als belastend beschreibt sie, dass sich Erkrankte in ihrer Lebensweise, ihrem Verhalten und ihrer Kommunikation häufig verändern. Diese Fremdheit verunsichere Angehörige und stimme sie traurig. Hinzu kämen manchmal ein Bewegungsdrang und Aggressionen. «Das kann Angehörige überfordern und dazu führen, dass sie sich schämen», so Daniela Händler-Schuster. Wer sich um eine Person mit Demenz kümmere, sei oft rund um die Uhr eingebunden. Dies könne zu Isolation und Einsamkeit führen. Umso wichtiger seien Unterstützungs- und Entlastungsangebote in Beratung sowie Pflege.

«Vitamin G», Seite 10-11


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