Arbeit in der Freizeit = förderlich für die Erholung?

Prof. Dr. Andrea Müller

Im Zusammenhang mit der Digitalisierung und dem Allzeit möglichen Zugriff auf Daten, Dokumente, Informationen sowie der grundsätzlich ständigen Erreichbarkeit wird immer häufiger die Überforderung von Mitarbeitenden thematisiert. Arbeit und Freizeit scheinen immer weniger klar voneinander abgegrenzt. Die Work-Life-Balance immer schwieriger herzustellen.

Die Bildungsinstitution Akad Stuttgart fand beispielsweise in einer Online-Umfrage im Sommer 2018 mit über 1200 Angestellten heraus, dass diese aktuell 30 Prozent mehr Überstunden als vor fünf Jahren leisten, zugleich jedoch die Produktivität der Befragten eingebrochen ist.

Neben der Verschmelzung von Arbeit und Freizeit wird ein weiterer Punkt kritisch diskutiert: Zwar arbeiten wir heute mehr, leisten aber weniger. Als Ursache dafür wird ebenfalls die Digitalisierung bzw. die ständige Erreichbarkeit, die E-Mail-Flut oder die Social Media-Präsenz angeführt, infolge dessen wir uns nicht mehr lange und intensiv auf eine Arbeit/einen Arbeitsschritt konzentrieren können.

Umso überraschender sind die Ergebnisse einer Tagebuchstudie der Universität Bamberg. In einer drei Monate dauernden Tagebuchstudie mit 83 Angestellten unterschiedlicher Branchen untersuchten die Forscher, wie sich die Beschäftigung mit unerledigten Aufgaben am Wochenende auf die Erholung von der Arbeit auswirkt. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass sich Erholung und Arbeit am Wochenende keinesfalls ausschliessen, sondern mit einer gelungenen Work-Life-Balance vereinbar sind. Tatsächlich belegt diese Studie, dass ein Teil der Berufstätigen auch am Wochenende arbeitete, um Arbeitsaufgaben abzuschliessen oder sich auf die kommende Arbeitswoche vorzubereiten. Waren zu Beginn des Wochenendes besonders viele Aufgaben unerledigt, konnten sich die Befragten schlechter erholen. Konnten sie aber über das Wochenende einige oder sogar alle Aufgaben erledigen, gelangen auch die Erholung und besonders das Abschalten von der Arbeit insgesamt besser.

Wie aus der psychologischen Forschung bekannt ist, lassen Mitarbeitende einmal begonnene Arbeitsaufgaben nur ungern unerledigt liegen und nehmen sogar persönliche Nachteile in Kauf, um die Aufgaben abschliessen zu können. Unerledigtes erschwert das gedankliche Abschalten von der Arbeit und regt zum Weiterarbeiten in der Freizeit an.

Das Fazit aus der Studie in Bezug dazu ist: Wer auf seine Work-Life-Balance achten, aber dennoch am Wochenende arbeiten möchte, tut gut daran, Aufgaben abzuschliessen – d.h., sich in einer produktiven Weise mit Arbeit zu befassen. Wenn es in der Freizeit gelingt, mit den unerledigten Aufgaben voranzukommen, kann die verbleibende Freizeit umso mehr genossen werden und hat eine höheren Erholungswert.

Weigelt, O., & Syrek, C. J. (2017). Ovsiankina’s great relief: How supplemental work during the weekend may contribute to recovery in the face of unfinished tasks. International Journal of Environmental Research and Public Health, 14(12), 1606. https://doi.org/10.3390/ijerph14121606


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