Im Bachelorstudiengang Sprachliche Integration wird Praxis grossgeschrieben. Deshalb beinhaltet jedes Semester ein Praxismodul, in dem Studierende Gelerntes direkt anwenden und so Schritt für Schritt ihr professionelles Können weiterentwickeln.
Im fünften Semester heisst dieses Modul «Integrationsprojekt». Hier arbeiten die Studierenden an einem konkreten Projektauftrag einer Partnerinstitutionen und entwickeln am Schluss ein greifbares Produkt. Eine Zusammenarbeit, die nicht nur wertvolle Projekterfahrungen ermöglicht, sondern auch die Vernetzung im Feld der Integrationsförderung stärkt. Für diesen Blog nimmt uns eine Projektgruppe mit hinter die Kulissen ihrer Arbeit.
Autorin: Kyra Jetzer
KI verstehen, bevor man sie nutzt
Ausgeschrieben wurde das Projekt «Digitales Lernen: Vermittlung von Kompetenzen im Umgang mit KI und digitalen Hilfstools zum Sprachenlernen» vom SAH Schaffhausen. Der lokale Verein gehört zum Schweizerischen Arbeiterhilfswerk und engagiert sich insbesondere im Bereich Integration und Migration für eine gerechtere Gesellschaft.
Im Zentrum des Projekts standen die Juma-Kurse. Diese richten sich grösstenteils an schulungewohnte Migrant:innen zwischen 16 und 25 Jahren mit wenigen bis keinen Deutschkenntnissen. Neben Deutschunterricht besuchen sie auch Lektionen in Mathematik, Informatik, bildnerischem Gestalten und Sozialinformation. Ziel ist es, die Teilnehmenden sowohl sprachlich als auch in ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung zu unterstützen – und ihnen so eine aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.
Ein Aspekt, der dabei immer wieder aufkommt, ist künstliche Intelligenz. Zwar sind viele Kursteilnehmende mit Smartphones, Social Media und digitalen Tools vertraut, doch kritische digitale Kompetenzen, insbesondere im Umgang mit KI, fehlen oft. Genau hier setzte das Projekt an.
Ziel war es, den Lernenden nicht nur digitale Tools vorzustellen, sondern ihnen auch zu vermitteln, wie KI funktioniert und wo ihre Grenzen liegen. Dafür entwickelten Franziska, Elisabeth und Elisabel mehrere Unterrichtseinheiten mit unterschiedlichen Schwerpunkten:
- Grundinformationen zu KI:
Entwickeln eines Basisverständnisses für die Funktionsweise von KI, ihre Erscheinungsformen im Alltag sowie Sensibilisierung für KI-generierte Fake News.
- Maschinelle Übersetzung:
Kennenlernen verschiedener KI-Übersetzungstools und Entwicklung eines Grundverständnisses für deren Möglichkeiten und Grenzen.
- KI gestützte Selbstkorrektur:
Entwicklung von Fertigkeiten zur gezielten Nutzung von Chatbots zur Unterstützung von Schreibprozessen beim Deutschlernen.
Grundinformationen zu KI
KI ist ein Riesenthema. Für die drei Studentinnen war deshalb klar, dass sie sich auf zentrale Aspekte konzentrieren müssen. Besonders wichtig war ihnen, den Lernenden verständlich zu machen, dass KI weder menschliches Denken noch Gefühle besitzt und auch falsche oder unzuverlässige Informationen liefern kann.
Um das Thema in eine spannende und lehrreiche Unterrichtseinheit zu verpacken, kombinierten sie verschiedene Methoden: ein kurzes Erklärvideo, Input-Sessions und sogar ein Kahoot-Quiz. So können die Lernenden spielerisch entdecken, wo KI ihnen im Alltag begegnet und warum man KI-generierten Informationen nicht immer blind vertrauen sollte.
Übersetzen mit KI
Ein weiteres Thema war der Einsatz von KI-Übersetzungstools. Viele Sprachlernende nutzen solche Programme, um Wörter oder Sätze schnell zu übersetzen.
Doch dabei lauern einige Stolpersteine und gerade für Sprachen wie Paschtu, Dari oder Somali funktionieren viele kostenlose Übersetzungstools nur eingeschränkt. So können Übersetzungen ungenau oder sogar völlig falsch sein.
Die Studierenden wollten daher nicht einfach Tools empfehlen. Stattdessen entwickelten sie Aufgaben, mit denen Lernende selbst erleben können, wie unterschiedlich Übersetzungen ausfallen können – und warum Kontext wichtig ist.
KI als Schreibcoach
Der dritte Schwerpunkt der Unterrichtseinheiten widmet sich der Frage, wie KI das Schreibenlernen unterstützen kann.
Nach dem Test verschiedener Programme stellten die Studierenden fest, dass ChatGPT im Gegensatz zu den anderen getesteten Tools einen entscheidenden Vorteil hat: Es kann nicht nur Texte korrigieren, sondern auch die Art der Fehler benennen und mögliche Fehlermuster aufzeigen. «Eine Funktionsweise, die uns für den Sprachlerneffekt sehr wichtig erschien. Nur so können die Sprachlernenden auch erkennen, ob sich nach einer Lernphase noch immer die gleichen Fehler in die Textproduktion eingeschlichen haben oder ob diesbezüglich bereits Fortschritte erzielt worden sind», schreibt die Gruppe in ihrem Projektbericht.
So wird KI zu einer Art digitalem Schreibtrainer, der Feedback geben und Übungen zusammenstellen kann und vor allem immer verfügbar ist.
Ein Thema mit Zukunft
Für die drei Studentinnen war das Projekt nicht nur eine spannende praktische Erfahrung, sondern auch ein Einblick in ein Themenfeld, das im Sprachunterricht künftig eine immer grössere Rolle spielen dürfte.
Gerade für junge Menschen mit Migrationserfahrung kann ein reflektierter Umgang mit KI ein wichtiger Baustein für ihre sprachliche und gesellschaftliche Integration sein. Gleichzeitig zeigt das Projekt, dass digitale Kompetenzen nicht einfach vorausgesetzt werden können – sie müssen gezielt vermittelt werden.
Die entwickelten Unterrichtseinheiten sollen künftig in den Juma-Kursen eingesetzt werden. Und auch wenn sich KI-Tools ständig weiterentwickeln, bleibt eines klar: Der kritische und kompetente Umgang mit digitalen Technologien wird im Sprachunterricht immer wichtiger werden.
*Aus Datenschutzgründen wurde das Titelbild KI generiert.
Blogbeiträge aus dem Bachelorstudiengang Sprachliche Integration:
- Symbiose im Studium: Wie Praxispartner, Studierende und ZHAW zusammenwirken
- Sprache, Kultur, Stereotype: Integration beginnt im Kopf
- Alumna Saskia im Gespräch: Sprachliche Integration als Karriereweg
- Aus der Sprachbegeisterung wird ein Beruf: Ein Alumniporträt
- Slow, Medium oder Fast: Wie viel Flexibilität braucht dein Studium in Sprachlicher Integration?
- Mein Praktikum als Fachperson Sprachförderung
