Wie schafft Sprache Zugang – und wo wird sie zur unsichtbaren Grenze? Im Alumni-Porträt erzählt Zumera Nuredini, wie sie durch den Bachelorstudiengang Sprachliche Integration ihren Blick auf Bildung, Kultur und gesellschaftliche Teilhabe geschärft hat. Heute begleitet sie Menschen mit Migrationshintergrund auf ihrem Weg in den Arbeitsmarkt und bewegt sich dabei an der Schnittstelle von Sprache, Integration und Chancengleichheit. Das Porträt zeigt, wie persönliche Erfahrungen, didaktische Kompetenzen und praktische Einblicke zusammenwirken – und warum frühe Vernetzung, Perspektivenvielfalt und Sprache entscheidend dafür sind, Barrieren nachhaltig abzubauen.
Autorin: Serap Bulut
Wie ein Bachelorstudiengang Barrieren abbaut
Zumera Nuredini interessierte sich früh für gesellschaftliche Fragen, besonders für das, was Menschen verbindet und trennt. Themen wie Integration, Teilhabe und Chancengleichheit begleiteten sie kontinuierlich. In ihrem privaten Umfeld übernahm sie dabei früh soziale Verantwortung, indem sie bei Hausaufgaben unterstützte und bei administrativen Aufgaben half. So bewegte sie sich immer wieder an der Schnittstelle zwischen unterschiedlichen Lebenswelten. Ein wiederkehrendes Muster zeigte sich dabei deutlich: Wo Ressourcen fehlen, entstehen Hürden – und wo Sprache fehlt, wird Teilhabe zur Herausforderung.
Diese Erfahrungen prägten eine klare Haltung: Barrieren sollen nicht nur erkannt, sondern aktiv abgebaut werden. Denn oft entscheidet sich früher als gedacht, wer aufgrund von Sprache, sozialem Hintergrund oder anderen Voraussetzungen Anschluss findet und wer nicht.
Bildung als Perspektivwechsel
Nach der Sekundarschule führte ihr Weg an die FMS und später zur Fachmatura.
Mit jeder Station im Bachelor Sprachliche Integration begann sie, gesellschaftliche Zusammenhänge differenzierter zu betrachten. Das Auslandsemester während dem Studium wurde dabei zu einem Wendepunkt und änderte ihre Sicht auf die Welt:
«Ich habe gelernt, dass unterschiedliche Kulturen auch unterschiedliche Normen und Herangehensweisen mit sich bringen und dass es dabei kein „besser“ oder „schlechter“ gibt.»
Diese Erkenntnis wirkt bis heute nach. Kultur ist kein festes System, sondern ein Zusammenspiel verschiedener Perspektiven. Und genau darin liegt Vielfalt: nicht im Gegensatz, sondern in ihrer Gleichzeitigkeit.
Sprache als Schlüssel und als Grenze
Im Studium rückte ein Thema zunehmend in den Mittelpunkt: Sprache als Zugang zur Gesellschaft.
Zumera erkannte, dass Sprache weit mehr ist als Kommunikation. Sie entscheidet mit darüber, wer studieren, arbeiten oder bleiben kann. Anforderungen wie ein C1-Niveau sind dabei nicht nur formale Vorgaben, sondern reale Zugangsschwellen.
Gleichzeitig wurde ihr bewusst, wie stark der Spracherwerb von bestehenden sprachlichen Grundlagen abhängt. Eine gefestigte Erstsprache bildet das Fundament, auf dem weitere Sprachen überhaupt erst aufgebaut werden können. Wer sie beherrscht, bewegt sich sicherer durch den Alltag, versteht Zusammenhänge besser und findet leichter Anschluss an gesellschaftliche Strukturen.
Zwischen Vorlesung und Realität
Im Studium entwickelte Zumera gezielt ihre didaktischen Kompetenzen. Besonders der Umgang mit unterschiedlichen Sprachniveaus gehörte für sie zu den zentralen Erkenntnissen: Denn Lernen beginnt nie für alle am gleichen Punkt, auch wenn alle gemeinsam unterwegs sind.
Praktische Erfahrungen bei der Sprachschule Wordculture in Zürich sowie im Prüfungszentrum ILC ergänzten diesen Blick. Hier traf Theorie auf Praxis: Unterrichtssituationen, Prüfungsabläufe und organisatorische Prozesse machten sichtbar, wie vielfältig Bildungsarbeit tatsächlich ist.
Gleichzeitig begann sie, ihre berufliche Rolle bewusster zu reflektieren: Will sie direkt mit Menschen arbeiten, wo Veränderung unmittelbar sichtbar wird? Oder eher im Hintergrund, wo Strukturen gestaltet werden? Diese Frage prägte ihre beruflichen Entscheidungen und begleitet sie bis heute. In ihrer jetzigen Position kann sie beides miteinander vereinbaren.
Wo Ressourcen fehlen, entstehen Hürden.
Zumera Nuredini
Und wo Sprache fehlt, wird Teilhabe zur Herausforderung.
Berufseinstieg: Erwartungen und Realität
Der Einstieg ins Berufsleben verlief weniger geradlinig als zunächst erwartet. Gerade im Bereich Integration und Sprache zeigte sich schnell, dass viele Stellen in Teilzeit ausgeschrieben sind oder für den Berufseinstieg bereits mehr Arbeitserfahrung vorausgesetzt wird. Diese Erfahrungen schärften ihren Blick für die Realität des Arbeitsmarktes: Sie machten deutlich, wie wichtig es ist, das Berufsfeld früh kennenzulernen – mit seinen Chancen, aber auch seinen strukturellen Hürden – und bereits während des Studiums durch Praktika Kontakte zu knüpfen und ein berufliches Netzwerk aufzubauen. Eine besondere Chance eröffnete ihr zudem Einblicke in die Methoden des Coachings, in dessen Bereich sie heute tätig ist.
An der Schnittstelle von Menschen und Chancen
Heute arbeitet Zumera bei der Stiftung SAG und unterstützt Menschen mit Migrationshintergrund im Bewerbungsprozess. Sie hilft bei Bewerbungsunterlagen, bereitet auf den Arbeitsmarkt vor und begleitet individuelle Wege in die berufliche Integration.
Ihr Arbeitsalltag ist vielschichtig und bewegt sich zwischen direkter Zusammenarbeit mit Menschen und organisatorischen Aufgaben im Hintergrund. Unterschiedliche Voraussetzungen, Sprachniveaus und Lebensgeschichten treffen hier aufeinander.
Gerade diese Vielfalt macht die Arbeit anspruchsvoll und gleichzeitig besonders wirksam.
Rückblick und Ausblick
Rückblickend nennt Zumera zwei zentrale Stärken, die sie im Studium aufgebaut hat: ihre didaktische Herangehensweise und ihre kommunikative Sensibilität. Sie helfen ihr, Menschen dort abzuholen, wo sie stehen und gemeinsam nächste Schritte zu entwickeln.
Eine zentrale Erkenntnis begleitet sie sowohl in Bezug auf das Studium, als auch in Bezug auf die Menschen, mit denen sie arbeitet: Lernen verläuft selten geradlinig. Oft sind es Umwege, die neue Perspektiven eröffnen. Umso wertvoller sind die neu gewonnenen Möglichkeiten.
Für die Zukunft bleibt sie bewusst offen. Eine Weiterbildung ist gut vorstellbar, entscheidend ist für sie jedoch etwas anderes: weiterhin in einem Umfeld zu arbeiten, in dem sie Teilhabe stärken und Menschen unterstützen kann.
Ihr Rat an Studierende ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: früh ausprobieren, früh vernetzen, früh hinschauen. Denn der Übergang ins Berufsleben beginnt nicht erst am Ende des Studiums, sondern lange davor. Die Möglichkeiten, die das Studium eröffnet, sind oft vielfältiger, als man zunächst annimmt.

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