Perspektivenwechsel: Von der Deutschlehrerin zur Italienischschülerin Aufnahme Rom

Perspektivenwechsel: Von der Deutschlehrerin zur Italienischschülerin

Durch einen Rollenwechsel den eigenen Horizont erweitern, das wollte die Dozentin für Deutsch als Fremdsprache an der ZHAW, Franziska Gugger, während ihres Sabbaticals. Gesagt, getan: Im Frühling 2022 drückte sie in Rom zwei Monate lang die Schulbank. Ihre Erfahrungen teilt sie im folgenden Beitrag.

Autorin: Franziska Gugger

Du arbeitest als Dozentin für Deutsch als Fremdsprache am ILC Institute of Language Competence und bist in deinem Sabbatical nach Rom gefahren. Weshalb?

Ich hatte schon seit einigen Jahren die Möglichkeit, ein Sabbatical zu beantragen, und habe mich immer wieder gefragt, was mir neue Anstösse für meinen Sprachunterricht geben könnte. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich selbst schon länger keine Fremdsprache mehr gelernt hatte. Es fiel mir deshalb nicht immer einfach, mich einzufühlen in meine Kursteilnehmenden, die sich durch die verschiedenen Phasen des Deutschlernens kämpften. Und so entschied ich mich, für ein paar Monate komplett die Seite zu wechseln. Konkret bedeutete dies, in Rom einen Intensivkurs in Italienisch zu besuchen und so möglichst tief in die andere Sprache einzutauchen.

Hat es denn funktioniert mit dem «Eintauchen»?

Ich hatte während meiner zweieinhalb Monate nur einmal kurz Besuch aus der Schweiz und war ansonsten ausschliesslich Italienisch unterwegs. Ich habe auch ausschliesslich italienische Bücher gelesen, Filme geschaut und Theateraufführungen besucht. Letztere waren allerdings teilweise in Dialekt, was mir vor Augen geführt hat, wie frustrierend es sein kann, trotz Sprachkenntnissen plötzlich überhaupt nichts mehr zu verstehen. Für Deutschlernende in der Schweiz eine alltägliche Situation!

Auch an der Sprachschule habe ich mit den anderen Kursteilnehmer:innen fast ausschliesslich Italienisch gesprochen, d.h. auch in den Pausen. Und nach etwa sieben Wochen habe ich gemerkt, dass es allmählich weniger anstrengend wurde, mich auf Italienisch zu unterhalten. Natürlich machte ich beim Sprechen noch viele Fehler und hatte zahlreiche Lücken, aber es zeigte sich eine spürbare Veränderung: Ich war in der Sprache angekommen.

Franziska Gugger

Du wolltest auch nachfühlen, mit welchen Problemen deine Deutschlernenden zu kämpfen haben. Ist dir dies gelungen?

Ja, ich glaube schon. Es gab einige Momente, in denen ich dachte «Ah, so fühlt sich das an!». So habe ich am eigenen Leibe erfahren, wie schwierig es auszuhalten ist, wenn man die Bedeutung einer grammatischen Form nicht versteht, weil es in der Muttersprache (oder anderen Sprachen, die man schon beherrscht) nichts Vergleichbares gibt. Auch habe ich gemerkt, wie viel Selbstbeherrschung es braucht, wenn der Unterricht streckenweise nicht den persönlichen Bedürfnissen zu entsprechen scheint oder offene Fragen nicht abschliessend geklärt werden können. Und dann musste ich feststellen, wie ich mich geschämt habe, wenn ich zum zehnten Mal den gleichen Fehler gemacht habe und von der Lehrerin mehr oder weniger unauffällig darauf hingewiesen wurde. Diese Erfahrungen werden mir sicher helfen, mich besser in meine Kursteilnehmenden hineinversetzen zu können.

Ich nehme an, du hast auch Vergleiche hergestellt zwischen den Sprachkursen an der ZHAW und denjenigen in deiner Schule in Rom.

Natürlich, und es gab ganz deutliche Unterschiede. Während wir an der ZHAW in der komfortablen Situation sind, ein Semester lang mit der gleichen Kursgruppe arbeiten zu dürfen, gab es in der Italienischklasse in Rom wöchentlich Zu- und Abgänge und auch die Dauer des Kursbesuches war bei den Teilnehmenden sehr unterschiedlich: Viele Leute hatten nur eine oder zwei Wochen gebucht, andere einen Monat, wieder andere mehrere Monate. Die Lehrerin durfte sich jeden Montag überraschen lassen, wer im Klassenzimmer anzutreffen war, und machte einfach dort weiter, wo wir in der Vorwoche aufgehört hatten – was blieb ihr auch anderes übrig! Dies stellte an die Neuzugänger:innen hohe Anforderungen. Ich wurde beispielsweise aufgrund eines Einstufungstests in einen Kurs Mitte Niveau B2 eingeteilt und musste mich in der ersten Woche mit komplexen Satzkonstruktionen auseinandersetzen, dazu aber zunächst die entsprechenden Verbformen lernen, die für mich weitgehend neu waren.

Ein weiterer eklatanter Unterschied zwischen den Schulen ist, dass die Lehrpersonen an dieser – und sicher auch anderen – privaten italienischen Sprachschule keine Vorbereitungszeit bezahlt bekommen und entsprechend auch den Unterricht kaum vorbereiten, sondern sich auf ihre Kenntnisse der Materie und des Lehrwerkes verlassen.

Das klingt jetzt ein bisschen so, als ob du nicht sehr zufrieden gewesen wärst mit dem Unterricht.

Doch, ich war zufrieden und habe viel gelernt, aber das lag in erster Linie daran, dass ich grosses Glück mit meiner Lehrerin hatte. Sie war sehr routiniert und professionell und hat das Beste aus den Rahmenbedingungen gemacht. Besonders entsprochen hat mir, dass sie über ein grosses linguistisches Wissen verfügte und häufig auf meine – auch spitzfindigen – Fragen eingehen konnte. Sie hatte ausserdem einen beissend sarkastischen Humor, der nicht allen geschmeckt hat, mir aber schon, auch wenn ich in meinem eigenen Unterricht bemüht bin, meine spitze Zunge zu zügeln.

Wie war die Beziehung zu den anderen Kursteilnehmenden, habt ihr euch beispielsweise auch ausserhalb des Unterrichts getroffen und Sachen zusammen unternommen?

Die Schule offerierte ein weitgehend kostenloses Freizeitprogramm, beispielsweise Stadtführungen zu bestimmten Themen, Vorträge oder gemeinsames Pizzaessen. Ich habe an ein paar Führungen teilgenommen und kam dort auch ins Gespräch mit anderen Italienischlernenden. Mit den Leuten aus meiner Klasse hatte ich allerdings – mit einer Ausnahme – wenig Kontakt ausserhalb des Unterrichts. Das hatte verschiedene Gründe: Einige Teilnehmende waren sehr jung und zeigten wenig Interesse an uns ‘Alten’, dann waren viele nur ein oder zwei Wochen an der Schule und diejenigen, die länger blieben, hatten eine Arbeit oder Familie, d.h. wenig Zeit für andere Aktivitäten.

Wie bist du im römischen Alltag mit deinen Italienischkenntnissen klargekommen?

Ich hatte mir vorgenommen, wirklich nur auf Italienisch zu kommunizieren. In den ersten Wochen, als ich noch unsicher war und meine mündlichen Sprachkenntnisse recht beschränkt waren, gestaltete sich das manchmal schwierig. Meine Gesprächspartner:innen – seien es Verkäuferinnen, Kellner oder zufällige Bekannte – wechselten häufig nach dem ersten Satz ins Englische – um mir die Kommunikation zu erleichtern, um Zeit zu sparen oder warum auch immer. Ich aber blieb stur beim Italienischen und gab manchmal sogar vor, kein Englisch zu sprechen – diese Methode funktionierte immer. Mit der Zeit wurde mein Italienisch flüssiger, so dass sich das Gegenüber nicht mehr zum Sprachwechsel motiviert fühlte, auch wenn man natürlich immer noch sofort hörte, dass das Italienische nicht meine Muttersprache ist.

Neben vielen positiven Erlebnissen wurde ich auch ein paar Mal ziemlich rüde korrigiert – fast schon zurechtgewiesen – als ich einen Fehler machte, worauf sich unvermeidlich in mir ein Gefühl von Scham meldete. Das hat mich in meiner Auffassung bestärkt, dass Korrekturen immer taktvoll angebracht werden sollten.

Du bist jetzt schon über zwei Monate wieder zurück in der Schweiz, was ist dein Fazit zu deinem Rom-Aufenthalt aus heutiger Perspektive?

Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich den Schritt gewagt habe. Nach 17 Jahren an der ZHAW war so ein Tapetenwechsel überfällig. Meiner Institutsleitung bin ich sehr dankbar, dass sie mir dies ermöglicht hat. Inzwischen merke ich leider, dass mein Italienisch schon wieder einzurosten beginnt und möchte dem entgegenwirken, so bin ich momentan auf der Suche nach einer Tandempartnerin, um regelmässig Italienisch sprechen zu können. Einen Aufenthalt in Rom würde ich allen empfehlen, es ist eine unendlich vielseitige und spannende Stadt. Mein Tipp an alle: Auch im Frühling noch warme Kleider mitnehmen! Es wird wenig geheizt und ich habe im April notfallmässig Pulswärmer gestrickt, um die Kälte im Klassenzimmer einigermassen auszuhalten…


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