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Medien auf «Clubhouse»: Wie Metakommunikation die Sehnsucht nach Geschwätzigkeit stillt.

«Clubhouse» ist die erste Social Media-App, bei der man ausschliesslich spricht. Journalistikprofessor Vinzenz Wyss sieht darin eine neue Qualität. Für ihn trifft das «Radio zum Mitreden» einen Nerv der Zeit und birgt Chancen für die Metakommunikation von Medienunternehmen. Er hat dazu mit «Early Adopters» gesprochen.

Von Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik, Programmleiter CAS Innovation im Journalismus und CAS Community Communication, IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaft an der ZHAW.

Als Journalistikprofessor beobachte ich mit grossem Interesse, was Medienunternehmen mit «Clubhouse» machen. Meine Begeisterung für die neue Plattform lässt sich wohl auf meine frühere Tätigkeit als Radiojournalist zurückführen. Aber mein leidenschaftlicher Eifer hat bei manchen Kolleginnen und Kollegen aus der Medienwissenschaft Kopfschütteln ausgelöst. «Clubhouse» sei doch nichts weiter als ein kurzes Aufflackern in der Social Media Landschaft, wenden sie ein. Ich bleibe aber dabei: «Clubhouse» ist ganz im Sinne der Radiotheorie von Bertolt Brecht «Radio zum Mitreden» und trifft heute einen Nerv der Zeit. Ich wollte darum von Early Adopters aus vier Medienhäusern wissen, welche Bilanz sie nach ersten Gehversuchen machen. Sie alle beobachten den Aufstieg und die Entwicklung von «Clubhouse» mit grossem Interesse.

Der Dialog mit dem Publikum steht für alle im Vordergrund

Arthur Honegger, Anchorman bei «10vor10», betont die Verpflichtung zum Dialog insbesondere bei Service Public Medien. Die Plattform «Clubhouse» eigne sich beispielsweise in dem von ihm lancierten Format «Rundumfunk» geradezu ideal, direkt und unkompliziert mit den Menschen zu reden. Die Unkompliziertheit, mit der Leser- und Hörerschaft ins Gespräch zu kommen, betont auch Priska Amstutz, Co-Chefredaktorin beim Tages-Anzeiger. Sie beobachtet interessiert, «wie und ob das funktioniert.» Wie gerufen scheint «Clubhouse» für ein Branchenmagazin wie «persoenlich.com» zu kommen. Die Redaktionsleiterin Edith Hollenstein erhofft sich nach einem ersten Experiment und ermunterndem Feedback mit dem «Feierabend Talk» durch die Interaktion mit dem Publikum Inputs für die fachjournalistische Arbeit und Themen.

Der Blick von aussen eröffnet unerwartete Perspektiven

Die frühzeitigen Anwender hatten im Vorfeld nicht allzu hohe Erwartungen; waren dann aber angesichts der regen Beteiligung positiv überrascht. «Wir haben einfach mal losgelegt,» blickt Arthur Honegger zurück. Dies sei gerade die Stärke eines solchen Talks, dass «die Teilnehmenden bestimmen können, worüber gesprochen wird.» So würden sich auch unerwartete Perspektiven eröffnen. Der Blick von aussen sei wichtig für die journalistische Arbeit. Auch Boas Ruh, Redaktor bei der NZZ am Sonntag, bilanziert nach einem ersten «Audiorundgang durch die NZZ» positiv und freut sich über die unmittelbaren, wertschätzenden Rückmeldungen, auch wenn er sich noch mehr konkrete Anregungen und Wünsche aus der LeserInnenschaft erhofft hat. «Die beteiligten Redaktorinnen hatten Spass und bereits einige Learnings mitgenommen», stellt Priska Amstutz fest. So sollten künftig die Podien diverser besetzt sein und die Moderation dürfte sich noch klarer mit konkreten Fragen an das Publikum richten.

Exklusivität von «Clubhouse» lässt zögern

Wie beurteilen die Early Adopters den Umstand, dass Clubhouse bis jetzt nur für eingeladene iOS Nutzende zugänglich ist? Dies sei «in der Tat unschön» und «nicht optimal», weil ja so einige ausgegrenzt würden, heisst es etwa. Dennoch wäre es falsch, «die neuen Technologien zu ignorieren,» meint Arthur Honegger. Von den Erfahrungen könnten die Medienschaffenden wie auch das Publikum nur profitieren. Boas Ruh gibt zu bedenken, dass noch vieles unklar sei; etwa Fragen zum Datenschutz oder ob es sich nur um einen Hype handle. Edith Hollenstein sieht «Clubhouse» als ein vorübergehendes Projekt – quasi als «Alternative zu realen Branchenevents» zu Lockdown-Zeiten. Für Priska Amstutz ist die eingeschränkte Zugänglichkeit der Plattform der Grund, «Clubhouse» nur versuchsweise und zurückhaltend zu nutzen.

Trotz dieser Bedenken wollen die Befragten ihr Engagement fortsetzen. Allerdings «im Freestyle-Modus», wie es Arthur Honegger ausdrückt. Er sieht die Gefahr, dass Regelmässigkeit Redundanz zur Folge haben könnte. Deshalb verfolgt er die Strategie, bewusst immer wieder neue Gäste aus «diversen Ecken des Hauses SRF» dazu zu holen, damit es «noch eine Zeit lang spannend bleibt». Boas Ruh möchte vorerst bei weiteren Testformaten blieben und Priska Amstutz will Ideen für einige regelmässige Formate prüfen.

«Clubhouse» bedient eine Sehnsucht nach Geschwätzigkeit

Die neue Qualität und die bisherige Einzigartigkeit von «Clubhouse» liegt meines Erachtens tatsächlich im Ad-Hoc-Charakter und in der Mündlichkeit und damit auch in einer suggerierten Unverbindlichkeit dieser neuen Plattform. Es gibt kaum Hürden, auf Augenhöhe mit Menschen live ins öffentliche Gespräch zu kommen, denen man sonst nur auf Podien zuhören kann. Nur ein Mausklick entfernt bietet sich die Chance, unterschwellig dabei zu sein und doch spontan auf der Bühne mitzureden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Kommt dazu, dass offiziell nichts aufgezeichnet werden darf.

«Clubhouse» bedient aus meiner Sicht auch eine neue Sehnsucht nach Geschwätzigkeit. In der Internetöffentlichkeit geraten institutionelle Hierarchien von Wissensproduzenten und Deutungshoheiten durcheinander, was auch Unsicherheiten hinsichtlich der Gültigkeit von Normen und Werten nach sich ziehen kann. Kommt dazu, dass meiner Meinung nach Kommunikationsabteilungen von Organisationen sehr stark die Wirkung einzelner Aussagen auf die Öffentlichkeit kontrollieren. Da trifft «Clubhouse» mit der Möglichkeit zum unverbindlichen Geschwätz mit dem Ziel der Verständigung über Gültiges einen Nerv der Zeit. Für Medienunternehmen bietet sich hier eine noch nie da gewesene Chance zur Metakommunikation mit dem Publikum; also erklären zu können, wie journalistisch gearbeitet wird, welche Regeln beachtet werden oder wie man Entscheidungen begründet.

Eine neue Chance zur Metakommunikation

Diese Chance sehen auch die von mir befragten Early Adopters. Für Priska Amstutz hat zwar die Möglichkeit, den «beruflichen Alltag zu erklären oder zu rechtfertigen, keine Priorität». Sie findet jedoch, dass Formate, die «Einblicke in den Redaktionsalltag geben, durchaus auf Interesse stossen». Auch Boas Ruh hält es für wichtig, über die redaktionelle Arbeit zu sprechen, weil Transparenz Vertrauen fördere. Für Arthur Honegger ist das Potential zur Metakommunikation enorm. Er stellt dieses Bemühen in den Kontext einer drohenden Vertrauenskrise: «Wir sehen ja teils einen Vertrauensverlust gegenüber dem Journalismus, weil gewisse Zerrbilder kolportiert werden, die Medienmacher als manipulative Kräfte darstellen, welche eine geheime Agenda verfolgen.» Solchen Verschwörungs-Phantasien würde man am besten mit Transparenz begegnen: «Wer sieht, dass wir professionell arbeiten, unser Bestes geben, der verzeiht auch eher mal einen Fehler.»

Im Konflikt mit der Organisationskommunikation?

Bleibt zum Schluss noch die Frage, ob eine sich möglicherweise rasch verselbständigende Geschwätzigkeit auf «Clubhouse» nicht mit den Erwartungen der Kommunikationsabteilungen von Medienhäusern in Konflikt geraten könnte. Diese Gefahr sehen die JournalistInnen nicht. «Wir stellen uns den Fragen des Publikums als MacherInnen und nicht als Vertreterinnen des Unternehmens SRF» antwortet Arthur Honegger. Die Kommunikationsbeauftragten seien informiert, eine Abstimmung brauche es nicht. Auch Boas Ruh betont, dass die Initianten des «Audiorundgangs» nicht als MediensprecherInnen, sondern als JournalistInnen auftreten, «die ehrlich über ihre Arbeitsweise berichten». Selbstverständlich würde aber die Kommunikationsabteilung auf dem Laufenden gehalten.

Alles bestens also. Spontan kommt da bei mir dann aber doch der Gedanke auf, wie sich wohl ein Schwatz über irritierende Personalentscheide von Medienunternehmen anhören würde. Solche wichtigen Entscheide sind immer auch von öffentlichem Interesse. 

Die durch «Clubhouse» ermöglichte Geschwätzigkeit hat also durchaus ihre Funktion in der Organisationskommunikation von Medienunternehmen. Ich sehe als Journalismustheoretiker vor allem die Chance zur Metakommunikation für JournalistInnen sowie für Medienorganisationen. Eine Praktik, die im «postfaktischen Zeitalter» wichtiger ist denn je und die mir noch nicht so eingeschliffen zu sein scheint.


Statements von Vinzenz Wyss zu «Clubhouse»:

Rendez-vous, SRF vom 9.3.2021: «Clubhouse» – eine unverbindliche Schwatz-App? https://www.srf.ch/audio/rendez-vous/clubhouse-eine-unverbindliche-schwatz-app?partId=11946217

News plus, SRF vom 25.1.2021 https://www.srf.ch/play/radio/news-plus/audio/die-jagd-auf-die-krawallbrueder-ist-eroeffnet?id=97938af1-75cb-48a5-8398-1bbb07bba2fb&startTime=455


Bachelor-Kommunikation-Studiengang-ZHAW

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