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Digital barrierefrei – Wie man eine Online-Konferenz zugänglich durchführt

Im ersten Teil dieser Blogreihe gaben Alexa Lintner und Luisa Carrer Antworten auf die Frage, wie man eine barrierefreie Online-Konferenz vorbereitet. In diesem zweiten Teil geht es um die Durchführung einer barrierefreien Online-Konferenz. Dabei wichtig: Können Online- mit Offline-Veranstaltungen überhaupt mithalten? Wie kann Networking auch im virtuellen Raum funktionieren? Und welche Erfahrungen haben die Teilnehmenden an der barrierefreien Online-Tagung «3. Schweizer Konferenz Barrierefreie Kommunikation» gemacht?

von Alexa Lintner, wissenschaftliche Mitarbeiterin, und Luisa Carrer, wissenschaftliche Assistentin am IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen

Im Frühjahr 2020 standen wir mit dem Rücken zur Wand, als uns bewusst wurde, dass die 3rd Swiss Conference on Barrier-free Communication (BfC 2020) nicht wie geplant an der ZHAW in Winterthur würde stattfinden können. Da uns Trübsal blasen aber nicht liegt, suchten wir nach Alternativen. Susanne Jekat, die Hauptverantwortliche der Tagung, hatte die Idee: Wir würden die BfC2020 kurzerhand in den virtuellen Raum verlegen. So stürzten wir uns ins Abenteuer. Mit grosser Begeisterung beschlossen wir einen innovativen Weg einzuschlagen und so organisierten wir im Juni 2020 – nur drei Monate nach dem ersten Lockdown – die erste barrierefreie Online-Konferenz (mehr über unsere Erfahrungen bei der Vorbereitung im Blogbeitrag «Digitalisierung ist Chance und Hindernis – Wie man eine barrierefreie Online-Konferenz organisiert»).

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Die Organisatorinnen der BfC2020 Susanne Jekat, Alexa Lintner und Luisa Carrer.


Möge die barrierefreie Konferenz beginnen

Am 29. Juni 2020 war es endlich soweit. Susanne Jekat eröffnete mit der 3rd Swiss Conference on Barrier-free Communication die erste barrierefreie Online-Konferenz. Mit rund 130 Anmeldungen war die Teilnehmerzahl für die BfC 2020 im Vergleich zu den beiden vorangehenden Konferenzen 2017 und 2018 deutlich gestiegen. In über 40 Beiträgen aus Wissenschaft und Praxis referierten ExpertInnen aus Europa, Asien, den USA und Australien über Aspekte der Barrierefreiheit u.a. in Bildung, Gesundheit, Politik und Kultur und stellten innovative theoretische Ansätze und empirische Studien vor. Im Mittelpunkt standen «Leichte Sprache» für Menschen mit kognitiver Behinderung oder Leseeinschränkung, «(Live)-Untertitelung und Gebärdensprache» für Menschen mit Hörbehinderung sowie «Audiodeskription und E-Accessibility» für Menschen mit Sehbehinderung. Dabei drehte sich alles um die Frage: Wie können Informationen für alle Menschen zugänglich gemacht werden?

Auf der Plattform

Bereits einige Tage vor Konferenzbeginn gaben wir den Teilnehmenden und ReferentInnen Zugang zur Konferenzplattform und statteten sie mit den nötigen Informationen und Tutorials aus. So konnten sie sich rechtzeitig mit der Software (bestehend aus Web- und Mobile-App) vertraut machen. Wir waren überrascht über die sofortige rege Interaktion der Teilnehmenden untereinander. Im eigens dafür vorgesehenen Feature «Ice-Breaker» begrüssten sie sich, stellten sich einander vor und beantworteten persönliche Fragen – ein Warm-up der neuen Art.

Wie im Programm vorgesehen, ging es am ersten Konferenztag nach dem Grusswort von Susanne Jekat mit der Freischaltung der Beitragsvideos als On-Demand-Angebote los. Die Videos standen den Teilnehmenden während der Konferenzwoche zur individuellen Ansicht zur Verfügung, wobei wir den Zugriff auf Wunsch einiger Teilnehmenden noch um eine Woche verlängerten. Pro Beitrag gab es zwei Videos: eines mit englischen Untertiteln und eines mit englischen Untertiteln und Verdolmetschung in International Sign. Die Fragen der Teilnehmenden beantworteten die ReferentInnen in den Q&A-Sessions. Auch hier fand ein reger fachlicher Austausch statt. Toll zu beobachten war dabei: Da der Austausch schriftlich erfolgte, waren die Antworten der ReferentInnen strukturierter und detaillierter als erfahrungsgemäss bei Offline-Konferenzen, wo Fragen spontan und mündlich beantwortet werden müssen.

Ein ähnliches Feedback erhielten wir von einem der Referenten bezüglich Videos. Auch hier diente das Onlineformat der Qualität: Dass Videos aufgezeichnet wurden und dementsprechend nicht so flüchtig waren wie das gesprochene Wort, war den ReferentInnen ein Ansporn, die Vorträge noch besser zu strukturieren und vorzubereiten.

Eine Hilfe stellte dabei wohl auch das Material dar, das wir ihnen zur Verfügung gestellt hatten. Dieses umfasste detaillierte Anleitungen zur Erstellung barrierefreier Vortragsfolien (mit Tipps zu Leserlichkeit, Alternativtexten, genügend Platz für die Einbettung der Untertitel usw.) sowie Templates. Ausserdem stellten wir – aus heutiger Perspektive mag das beinahe trivial erscheinen – Anleitungen zur Aufzeichnung der Videos mit unterschiedlichen Tools und Betriebssystemen zur Verfügung, die uns vor gut einem halben Jahr einiges an Recherchearbeit abverlangten.

Zudem richteten wir eine Backup-Lösung auf Moodle ein – mit allen Beitragsvideos und Unterlagen als Word-Dokumente – für den Fall, dass ScreenreadernutzerInnen auf der Konferenzplattform auf Probleme stossen sollten (vgl. erster Teil der Blogreihe). Danke dafür an unsere Kollegin Fabienne Riesen, die alle Unterlagen für die barrierefreie Nutzung mit Screenreadern aufbereitet hat.

Austausch, Interaktion und Networking

Andere Online-Konferenzen nannten ihre Teilnehmenden neu «Listeners». Auch online wollten wir aber «Participants» und «Attendees», das heisst aktive Teilnehmende. Wir wollten den Austausch, die aktive Beteiligung. Deshalb führten wir während der Konferenz mehrere Umfragen und Abstimmungen auf der Plattform durch. Ausserdem vergaben wir am Ende der Konferenz zwei Awards: den Best Poster Award und den Best Student Paper Award. Damit konnten wir die Teilnehmenden anregen, möglichst viele der Beitragsvideos kritisch anzusehen und sich mit ihrer Stimme aktiv zu beteiligen. So wollten wir insbesondere auch die jungen WissenschaftlerInnen in ihrer Arbeit motivieren.

Eine Chatfunktion bot den Teilnehmenden zudem die Möglichkeit für den persönlichen Austausch. Mit über 1000 gesendeten Nachrichten lagen wir im Vergleich zu anderen Veranstaltungen derselben Grösse auf der Plattform weit über dem Durschnitt. Gemäss Feedback von Teilnehmenden (v.a. Studierenden und jungen ForscherInnen) half die Chatfunktion auch, die Hemmungen zu überwinden und mit den ReferentInnen oder anderen ForscherInnen in Kontakt zu treten.

Darüber hinaus veranstalteten wir an drei Konferenztagen eine gemeinsame Mittagspause für den informellen Austausch. Hier konnten wir auch Feedback von Teilnehmenden einholen und auftretende Probleme rasch beseitigen. Und auch hier sorgten wir für barrierefreien Zugang: Für Menschen mit Hörbehinderung wurden diese virtuellen Lunch-Breaks von online zugeschalteten SchriftdolmetscherInnen remote live-untertitelt.

Das sagen unsere Teilnehmenden

Wie das alles angekommen ist, zeigen einige Stimmen von Teilnehmenden – und wir müssen zugeben, sie machen uns doch ein bisschen stolz:

«Besonders erfreut hat mich zum einen das sehr positive Feedback zu meiner Keynote und zum anderen, dass es bei dieser Online-Konferenz, trotz aller Herausforderungen, gelungen ist, ein so bemerkenswert hohes Niveau an Barrierefreiheit in allen Dimensionen zu verwirklichen. Vorbildlich umgesetzt war zum Beispiel, dass die Videoaufzeichnungen der Vorträge mit englischsprachigen Untertiteln und mit einer Übersetzung in internationale Gebärdensprache versehen waren.» (Keynote-Speaker Steffen Puhl)

«I have nothing! to complain. This was an incredibly excellent conference at all levels. But my special thanks to the organising team!!»

«Thank you for a great on-line conference! I think you are true pioneers in this, and I would like to thank you for all your helpfulness and kindness! I am not so technically advanced myself, but I really tried to navigate everywhere and it all worked out for me, so I learnt a lot (it was my first on-line conference).»

Die Teilnehmenden der BfC 2020 waren sehr aktiv und auch sehr offen, sich auf diese neue Erfahrung einzulassen. Für uns sehr überraschend und sehr erfreulich. War doch die Erwartung einiger Teilnehmenden vor Konferenzbeginn eher zurückhaltend. Sie konnten sich nur schwer vorstellen, dass eine Online-Tagung ein würdiger Ersatz für die geplante Offline-Konferenz sein würde. Umso mehr freuen uns die Rückmeldungen aus der Abschlussumfrage! Und auch in puncto Barrierefreiheit für Menschen mit Sehbehinderung schnitten wir, wie es aussieht, recht gut ab:

«Ich war sehr zufrieden, die Vortragenden gaben sich Mühe zu beschreiben, was auf ihren Powerpointfolien zu sehen war, und die Idee, alle Dokumente und Präsentationen auf Moodle zur Verfügung zu stellen, war großartig. Die Moodle-Plattform war sehr übersichtlich und die einzelnen Präsentationen leicht auffindbar. Die Whova-App war barrierefrei unter iOS und mit VoiceOver nutzbar, nur ein paar Kleinigkeiten waren nicht ganz einfach, z.B. wurden die Q&As recht unübersichtlich angezeigt. Insgesamt finde ich aber, dass es eine sehr barrierefreie und inklusive Konferenz war!»

Das sagen wir zur barrierefreien Online-Konferenz

Wir haben es geschafft! Barrierefreie Online-Konferenzen sind möglich. Unser Team hatte zwar einen grossen Arbeitsaufwand zu bewältigen, der sehr überraschend auf uns zukam, aber wir haben ihn gemeistert und können auf eine gelungene inklusive Konferenz zurückblicken – trotz Zeitdruck und knappem Budget. Für die BfC 2020 waren die Kosten zur Umsetzung der Barrierefreiheit durch die Formatänderung gestiegen. Dass sie trotzdem möglich war, haben wir auch unseren Sponsoren und Ausstellern zu verdanken, die wir innerhalb kürzester Zeit noch für unsere Konferenz gewinnen konnten. Auf diesem Weg nochmal ganz herzlichen Dank auch an sie sowie an das gesamte Kommunikationsteam am Departement Angewandte Linguistik, das uns (nicht nur) bei der Bewerbung der BfC 2020 sehr tatkräftig unterstützt hat!

Unser Fazit: Für Menschen mit Sinnesbehinderung kann die Digitalisierung eine grosse Chance sein, die genutzt werden sollte. Jedoch sollten Plattformanbieter der Barrierefreiheit mehr Gewicht einräumen, am besten möglichst früh im Entwicklungsprozess. Und auch OrganisatorInnen können mit (Live-)Untertitelung, Gebärdensprachdolmetschen, Audiodeskription und/oder Bildbeschreibungen sowie screenreader-tauglicher Formatierung aller Dokumente barrierefreien Zugang ermöglichen. Hier sollte Kontakt zu ZielgruppenvertreterInnen und -verbänden aufgenommen werden, um mit ihnen gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, auch wenn die Massnahmen sich natürlich auch im Budget und in der Zeitplanung niederschlagen.

Denn, Menschen mit Behinderung haben das gleiche Recht auf den Zugang zu Informationen und Bildung wie alle anderen. Auch wenn nur wenige oder nur ein einzelner an der geplanten Veranstaltung teilnimmt: Der Aufwand lohnt sich!

5 Tipps für OrganisatorInnen barrierefreier Online-Veranstaltungen

  • Zielgruppen: Prüfen Sie möglichst früh, welche Zielgruppen (Menschen mit Hör-/Sehbehinderung, Menschen mit kognitiver Behinderung oder Leseeinschränkung) Sie mit Ihrer Veranstaltung ansprechen und kontaktieren Sie Zielgruppen(verbände) oder ExpertInnen, um gemeinsam Lösungen zu finden, wie Barrieren abgebaut werden können. Zielgruppenverbände können Sie auch dabei unterstützen, Ihre Veranstaltung zu bewerben.
  • Budget: Entscheiden Sie möglichst früh, welche Massnahmen zur Barrierefreiheit umgesetzt werden sollen und holen Sie sich Offerten von entsprechenden Dienstleistern ein. So bleibt Ihnen genügend Zeit, um evtl. Sponsoren oder Aussteller einzuwerben.
  • Format: Synchron oder asynchron (oder beides)? Wägen Sie Vor- und Nachteile der beiden Formate gut ab.
    Beim asynchronen Format lassen sich technische Risiken minimieren. Ausserdem können sich die Teilnehmenden individuell und zeitunabhängig mit den Beiträgen auseinandersetzen (v.a. für internationale Konferenzen mit Teilnehmenden aus verschiedenen Zeitzonen relevant). Erstellen Sie eine Anleitung zur Erstellung der Videos. So halten Sie den Mehraufwand für nachträgliche Anpassungen gering und stellen die Qualität der Videos sicher.
  • Networking und Interaktion: Unterstützen Sie Ihre Teilnehmenden beim Networken, indem Sie Ihnen z.B. bereits vor Konferenzbeginn Zugang zur Plattform und die Möglichkeit geben, sich vorzustellen, z.B. mit Teilnehmerprofilen. Veranstalten Sie Meetups für den informellen Austausch. Überlegen Sie sich Strategien, wie Sie die Teilnehmenden zur Interaktion motivieren können (z.B. virtuelle Contests, Social-Events o.ä.).
  • Werbung: Bitten Sie Zielgruppenverbände und Dienstleister im Bereich Barrierefreiheit, ihre Kontakte zu aktivieren, um Menschen mit Behinderung als Teilnehmende für Ihre Veranstaltung zu gewinnen – damit sich Ihr Aufwand für die Barrierefreiheit im Nutzen multipliziert.

Weiterlesen im 1. Teil der Blogreihe, welche wichtigen Entscheide bei der Vorbereitung der ersten barrierefreien Online-Konferenz getroffen werden mussten: Digitalisierung ist Chance und Hindernis – Wie man eine barrierefreie Online-Konferenz organisiert.

Die 3. Schweizer Konferenz Barrierefreie Kommunikation wurde im Rahmen des Projekts „Konzept und Umsetzung eines Schweizer Zentrums für Barrierefreie Kommunikation“ (2017-2020) veranstaltet. Das Projekt wird von Susanne Jekat, Professorin für Sprachtechnologie und mehrsprachige Kommunikation am IUED Institut für Übersetzung und Dolmetschen, geleitet und durch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) finanziert. Im Projekt schafft das Departement Angewandte Linguistik der ZHAW in Zusammenarbeit mit der Universität Genf wichtige Grundlagen für einen barrierefreien Zugang zu Bildung und Studium für Menschen mit Sinnes- und kognitiven Behinderungen sowie für Menschen mit Leseeinschränkungen.



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Barrierefreie Kommunikation kann auch studiert werden. Im Bachelor Angewandte Sprachen bietet das IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen Kurse zur Barrierefreien Kommunikation an.

Im Master Fachübersetzen ist „Barrierefreie Kommunikation / Audiovisuelles Übersetzen“ einer von drei Schwerpunkten, aus denen die Studierenden wählen können. Dieser kann – wie der Schwerpunkt „Übersetzungsmanagement“ – mit zwei Studiensprachen, d.h. mit der Grundsprache und einer Fremdsprache, studiert werden (Sprachkombination AC). Mit Schwerpunkt „Fachtextübersetzen“ belegen die Studierenden mindestens drei Studiensprachen (Sprachkombination ACC).

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