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Digitalisierung ist Chance und Hindernis – Wie man eine barrierefreie Online-Konferenz organisiert

Im Juni 2020 sollte am IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen die 3. Schweizer Konferenz Barrierefreie Kommunikation stattfinden. Wegen der Coronakrise musste die Konferenz jedoch in den virtuellen Raum verlegt werden und zusätzlich natürlich die Anforderung erfüllen, möglichst ohne Barrieren für alle Meschen zugänglich zu sein. Doch geht das überhaupt – online und barrierefrei? In diesem ersten Teil einer zweiteiligen Blogreihe berichten Alexa Lintner und Luisa Carrer über Höhen und ausweglos scheinende Tiefen bei der Organisation der ersten barrierefreien Online-Konferenz.

von Alexa Lintner, wissenschaftliche Mitarbeiterin, und Luisa Carrer, wissenschaftliche Assistentinnen am IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen

Die Coronapandemie hat den Arbeitsalltag der meisten auf den Kopf gestellt. Umdenken, Umstrukturieren und Digitalisierung stehen an der Tagesordnung. Im Hochschulkontext betrifft dies insbesondere die Lehre, aber auch die Durchführung von Konferenzen und Fachtagungen. Bei uns am IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen der ZHAW in Winterthur sollte anfangs Juni 2020 die 3. Schweizer Konferenz Barrierefreie Kommunikation stattfinden. Doch mit dem Lockdown im März war klar: Die Konferenz kann nicht wie geplant stattfinden. Wir brauchten einen Plan B.

Die BfC 2020 (3rd Swiss Conference on Barrier-free Communication) sollte den Abschluss einer dreiteiligen Konferenzreihe bilden, die im Rahmen des Forschungsprojekts «Konzept und Umsetzung eines Schweizer Zentrums für Barrierefreie Kommunikation» veranstaltet wurde. Da das Projekt 2020 abgeschlossen wurde, war eine Absage für uns keine Option. Auch über eine Verschiebung dachten wir nicht lange nach, da nicht klar war, wie lange diese Ausnahmesituation andauern würde – und die aktuelle Lage gibt uns Recht. Die naheliegendste Lösung war es also, die Konferenz in den virtuellen Raum zu verlegen. Voller Zuversicht stürzten wir uns in die Umorganisation, doch schon bald war klar: So einfach wird es nicht.

Alexa Lintner und Luisa Carrer – vor Ort an der ZHAW bzw. im Home-Office. Sie haben zusammen mit Susanne Jekat die erste barrierefreie Online-Tagung organisiert.

Unsere Ausgangslage: Die BfC 2020 musste nicht nur online stattfinden, sondern auch möglichst barrierearm und somit für Menschen mit Seh- und Hörbehinderung möglichst ohne Einschränkungen zugänglich sein. Für barrierefreie Offline-Veranstaltungen gibt es bereits zahlreiche Ratgeber und Leitfäden. Wie Online-Veranstaltungen organisiert und durchgeführt werden können, dafür gibt es bislang jedoch kein Rezept. Für uns galt es also zunächst, einige Grundsatzentscheidungen zu treffen: Wie soll die Konferenz idealerweise aufgebaut sein und sind diese Vorstellungen umsetzbar?

Entscheidung Nr. 1: Synchron oder asynchron?

Eine der ersten Entscheidungen, die wir treffen mussten, war das Format der Konferenz: Sollten die ReferentInnen ihre Beiträge live präsentieren oder sollten ihre Beiträge als vorproduzierte Videos zur Verfügung gestellt werden? Eine virtuelle Live-Durchführung ermöglicht einen direkten Austausch sowie Spontaneität, bringt gleichzeitig jedoch auch einige Herausforderungen mit sich. Live-Interaktionen setzen eine stabile Internetverbindung sowie technisches Wissen bei allen Beteiligten voraus – bei ReferentInnen, ModeratorInnen, Teilnehmenden und in unserem Fall auch bei den GebärdensprachdolmetscherInnen. Auch bei einer noch so minutiösen Vorbereitung sind technische Störungen vorprogrammiert. Wer kennt es nicht? Deshalb wäre ein technischer Support, am besten 24/7, unabdingbar, über den wir nicht verfügten…

Bei vorproduzierten Videos lässt sich dieses Risiko etwas vermindern. Ausserdem ermöglichen vorproduzierte Videos eine asynchrone Durchführung. Für unsere Teilnehmenden aus anderen Zeitzonen – USA, China und Australien – sicherlich von Vorteil, da sie sich nicht zu unmöglichen Zeiten aus dem Bett schleppen mussten, um an der Konferenz teilzunehmen, weshalb wir uns schliesslich für das vorproduzierte Format entschieden. Zwar brachte diese Entscheidung einen erheblichen Mehraufwand für die ReferentInnen (und auch für uns Organisatorinnen) im Vorfeld mit sich und wir liefen Gefahr, dass ReferentInnen in dieser bereits sonst recht herausfordernden Zeit abspringen würden. Doch dazu mehr in Teil 2.

Entscheidung Nr. 2: Was muss eine barrierefreie Plattform können?

Mittlerweile wird man bei der Suche nach virtuellen Eventplattformen ziemlich schnell fündig. Im Frühjahr 2020 war das Angebot jedoch noch recht spärlich. Unsere Plattform sollte am besten alles können und mehr. Auf der Plattform sollten die vorproduzierten Konferenzbeiträge zur Verfügung gestellt werden, gleichzeitig sollte sie die Möglichkeit zum fachlichen Austausch (z.B. Q&A-Sessions) und zum Networken bieten: Geht es doch bei einer Konferenz nicht nur um die Fachvorträge, sondern auch darum, bestehende Kontakte zu pflegen und neue zu knüpfen. Und überdies – das Wichtigste bei einer Tagung zur Barrierefreien Kommunikation – wollten wir eine Plattform finden, die für Blinde und Menschen mit Sehbehinderung barrierefrei zugänglich ist, was, wie sich herausstellte, gar nicht so einfach war.

Was viele nicht wissen: Blinde Menschen lassen sich digitale Texte, Plattformen und Websites zumeist vorlesen. Diese Aufgabe übernimmt ein sogenannter Screenreader. Damit die Texte korrekt vorgelesen werden und eine Navigation in den Texten problemlos möglich ist, müssen diese entsprechend programmiert, strukturiert und formatiert sein.

In unserer ersten Planungsphase beobachteten wir einen schnellen Wandel hinsichtlich Eventplattformen. Die Anbieter arbeiteten auf Hochtouren, um Veranstaltungen unter den neuen Bedingungen weiterhin zu ermöglichen. Jedoch merkten wir schnell: Bei der Weiterentwicklung der Plattformen hatte die Barrierefreiheit keine Priorität.

Auf unsere Frage an die Anbieter, ob die jeweiligen Plattformen auch für NutzerInnen von Screenreadern zugänglich seien, herrschte in der Regel erstmal Stille. Dann die Antwort: Sie hätten damit noch keine Erfahrung. Unsere anfängliche Zuversicht schwand, denn ohne zugängliche Plattform konnten wir die Konferenz nicht durchführen. Dann ein Lichtblick: Auf professionellen Rat hin stiessen wir auf eine Eventplattform, über die bereits eine virtuelle Veranstaltung für Menschen mit Sehbehinderung erfolgreich durchgeführt wurde. Die Plattform sei für iOS-Geräte zugänglich… Sie haben richtig gelesen: Was für einen Screenreader lesbar ist, ist nicht für alle Screenreader gleichermassen lesbar. Dr. Steffen Puhl, Koordinator für Inklusive IT an der Universität Giessen und Keynote-Speaker an der BfC2020, unterstützte uns in der Überprüfung der Plattform für einen weiteren Screenreader. Das Ergebnis war nicht herausragend, aber erstmal ausreichend.

Um sicherzugehen, dass alle ScreenreadernutzerInnen auf die Konferenzinhalte zugreifen können, beschlossen wir, zusätzlich die Lernplattform Moodle, die ZHAW-weit genutzt wird, als Backup einzurichten. Denn: Moodle schneidet in Bezug auf Barrierefreiheit recht gut ab, bot für uns jedoch keine Möglichkeit zur Live-Interaktion für externe Teilnehmende.

Das Fazit dazu aus der Keynote-Speech von Steffen Puhl an der BfC 2020: Obwohl die Digitalisierung für Menschen mit Behinderung eine grosse Chance bedeuten könnte, ist sie leider noch zu oft ein Hindernis. Selbst blind nahm er uns mit auf eine Reise in die Vergangenheit und berichtete von verschiedenen Hilfsmitteln, die er in seiner schulischen und später beruflichen Laufbahn nutzte. Während es noch vor 20 Jahren für blinde Menschen beinahe unmöglich war, ohne fremde Hilfe an Informationen zu gelangen, wäre dies heute durch die Digitalisierung um Welten einfacher. Viel zu oft scheitert es jedoch an der Umsetzung. Dabei fehlt es nicht an gutem Willen, sondern an Sensibilisierung und Fachwissen.

Entscheidung Nr. 3: Untertitel oder Gebärdensprache?

Um ein internationales Publikum anzusprechen, sollte Englisch die Konferenzsprache sein. Doch wie sollten wir die Beiträge für Menschen mit einer Hörbehinderung zugänglich machen: mit Untertiteln oder durch Verdolmetschung in Gebärdensprache?

Was viele nicht wissen: Die Gebärdensprache ist, genau wie die Lautsprache, eine natürliche Sprache und die Muttersprache von prälingual Gehörlosen, d.h. von Menschen, deren Gehörlosigkeit bereits vor der Sprachentwicklung bestand. Sie kommunizieren bevorzugt und besser in ihrer Muttersprache als beispielweise in der Schriftsprache. Für Gehörlose mit Gebärdensprache als Muttersprache sind Untertitel also weniger gut geeignet. Menschen mit Hörbehinderung, bei denen der Hörverlust erst nach dem Spracherwerb eintritt, beherrschen normalerweise keine Gebärdensprache. Für diese Zielgruppe sind also Untertitel die bessere Lösung.
Jedoch gibt es nicht nur eine Gebärdensprache. Jedes Land hat seine eigene Gebärdensprache. In der mehrsprachigen Schweiz sind es sogar drei: die Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS), die langue des signes française (LSF) und die lingua italiana dei segni (LSI). In der DSGS können ausserdem fünf Dialekte voneinander unterschieden werden. Im internationalen Kontext wird oft in International Sign kommuniziert. International Sign ist keine eigenständige Sprache, sondern eine Verständigungsform mit vereinfachten Gebärden, die einen internationalen Austausch ermöglicht.

Was bedeutete das für die BfC 2020? Alle Konferenzbeiträge (d.h. die vorproduzierten Videos) sollten untertitelt sowie in Gebärdensprache verdolmetscht werden. Für die Verdolmetschung wählten wir International Sign. Gerne hätten wir zusätzlich eine Verdolmetschung in DGSG angeboten. Dafür reichte das (knappe) Budget aber nicht aus.

Idealerweise wird die bevorzugte Gebärdensprache bei der Anmeldung der Teilnehmenden erfragt. Durch den kurzfristigen Wechsel in den virtuellen Raum mussten wir uns jedoch vor Ablauf der Anmeldefrist für eine Gebärdensprache entscheiden, um die Produktion der Gebärdensprachvideos rechtzeitig fertigzustellen.

Damit konnte das digitale Experiment beginnen, die Grundsatzentscheidungen waren gefällt:

  • Die Konferenz sollte asynchron mit vorproduzierten Beitragsvideos stattfinden.
  • Eine barrierearme Plattform für Blinde und Menschen mit Sehbehinderung war gefunden.
  • Ein Backup für den Fall der Fälle war eingerichtet.
  • Die Aufbereitung der Informationen für Gehörlose und Menschen mit Hörbehinderung (Untertitel und Verdolmetschung in Gebärdensprache) war in die Wege geleitet.

Weiterlesen im 2. Teil der Blogreihe, wie sich die erste barrierefreie Online-Konferenz für TeilnehmerInnen und OrganisatorInnen angefühlt hat – inkl. Tipps für OrganisatorInnen: Digital barrierefrei – Wie man eine Online-Konferenz zugänglich durchführt

Die 3. Schweizer Konferenz Barrierefreie Kommunikation wurde im Rahmen des Projekts „Konzept und Umsetzung eines Schweizer Zentrums für Barrierefreie Kommunikation“ (2017-2020) veranstaltet. Das Projekt wird von Susanne Jekat, Professorin für Sprachtechnologie und mehrsprachige Kommunikation, geleitet und durch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) finanziert. Im Projekt schafft das Departement Angewandte Linguistik der ZHAW in Zusammenarbeit mit der Universität Genf wichtige Grundlagen für einen barrierefreien Zugang zu Bildung und Studium für Menschen mit Sinnes- und kognitiven Behinderungen sowie für Menschen mit Leseeinschränkungen.



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Barrierefreie Kommunikation kann auch studiert werden. Im Bachelor Angewandte Sprachen bietet das IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen Kurse zur Barrierefreien Kommunikation an.

Im Master Fachübersetzen ist „Barrierefreie Kommunikation / Audiovisuelles Übersetzen“ einer von drei Schwerpunkten, aus denen die Studierenden wählen können. Dieser kann – wie der Schwerpunkt „Übersetzungsmanagement“ – mit zwei Studiensprachen, d.h. mit der Grundsprache und einer Fremdsprache, studiert werden (Sprachkombination AC). Mit Schwerpunkt „Fachtextübersetzen“ belegen die Studierenden mindestens drei Studiensprachen (Sprachkombination ACC).

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Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für die spannenden Inputs. Glaube das ist oft nicht wirklich im Fokus gewesen. Denn alleine schon die derzeitigen Online-Formate sind schon für alle unpraktisch und zum teil auch „menschenfremd“.

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